Mrz 232007
 

Komplexe Strategiespiele sind zwar eine etwas bedrohte Spezies, aber nach wie vor zu haben. Wer sich einmal in die Tiefe eines dieser Werke eingearbeitet hat, kann von schlaflosen Nächten, Strategien und Taktiken berichten, wie sie ein Konsolero kaum kennt. Leider läuft man in Gefahr, die Zuhörer einzuschläfern – deshalb lässt man’s lieber bleiben. Trotzdem kann das Game ja einen Mordsspass machen, oder? Paradox schickt mit Europa Universalis III einen Vertreter dieser komplexen Spiele ins Rennen. Simuliert wird nicht nur Handel oder Krieg, sondern gleich eine komplette Epoche.

Als namensgebende Epoche hat sich Paradox den Zeitraum von 1453 bis 1792 (Französische Revolution) ausgesucht. Dazwischen liegt der Übergang vom finsteren Mittelalter zu überragenden Erfindungen wie dem Buchdruck, der Verbreitung von Schusswaffen, Dutzende von Kriegen, die erste Verfassung der USA und noch enorm viele andere bedeutende Ereignisse. Europa Universalis III hat sich zur schwierigen Aufgabe gemacht, gleich das komplette Zeitalter zu simulieren. Ob man damit die User nicht überfordert?

Wählt eine Nation!
Gespielt wird in Europa Universalis, indem man die Geschicke des Staates lenkt. Dabei darf man als Spieler frei zwischen weltweit allen damals verfügbaren „Staaten“ wählen (viele wurden ja erst in dieser Epoche gegründet oder zerstört). Egal ob mit den klassischen Kolonalreichen England, Spanien oder Frankreich, mit Kleinstaaten oder gar den Indianern, die Möglichkeiten scheinen schwier unbegrenzt. Bereits ein kleiner Hinweis auf den Wiederspielwert des Games – bei so vielen Völkern kann man das Spiel gut und gerne mit 10 Nationen spielen, ohne sich je mit den bereits gespielten Völkern zu verstricken.
Von hier an gilt es, den Staat mit allen Mitteln zu stärken und zu Fördern. Die Wahl der Nation entscheidet natürlich bereits zu Beginn über die militärische Stärke und wirtschaftliche Kraft, die euch zur Verfügung steht. Dank einem ausgiebigen Tutorial findet man sich in den Menüs zum Glück recht schnell zurecht. Danach geht es ans Eingemachte: Diplomaten aussenden, sich um die Wirtschaft kümmern, die Feinde im Auge behalten, den eigenen Ruf pflegen, Verträge schliessen, Bündnisse brechen.

Wie in echt..
Als Quasi-Simulation fusst Europa Universalis III auf mehr oder weniger realistischen Bedingungen. Das heisst auch, dass Krieg im Normalfall nicht die Lösung ist. Diplomatie ist wichtig (auch ohne Duplos ;)), so dass man ständig Geschenke verteilt, Verträge schliesst oder gar durch Ehe an den Thron einer anderen Provinz kommt. Angesichts der enormen Möglichkeiten verständlich, dass auch ein Mehrspielermodus via LAN eingebaut wurde. Aber dank des starken Computergegners wirds auch sonst nicht so schnell langweilig. Er kämpft sowohl auf dem Schlachtfeld als auch auf dem diplomatischen Teppich stehts mit vernünftigen und scheinbar objektiven Mitteln. Man hat wirklich das Gefühl, die Geschichte mir ihren Geschehnissen und Kriegen direkt mitzuerleben.

Präsentation – ein ewiges Rätsel
Was Europa Universalis III an faszinierenden Möglichkeiten bietet, spart es leider bei der optischen Präsentation wieder ein. Zwar kann man von einem komplexen Strategiespiel keine 3D-Schlachten in Höchstqualität erwarten, aber ein bisschen mehr als ein Board mit den Statistiken hätten man sich vielleicht trotzdem gewünscht. Trotzdem sind die Schlachten interessant, besonders da ihnen meist eine spannungsgeladene Rüstungs- und Analysezeit vorausgeht. Greift der Nachbar wohl an? Wie viele Soldaten brauche ich, wo lohnt sich Entwicklung? Je nach Schwierigkeitsgrad führt der Computer übrigens auch die real passierten Kriege und Happenings früher oder später aus, so dass man im Gegensatz zu den Kriegsherren und Königen einen grossen Vorteil hat. Das gilt natürlich auch bezüglich der Kolonialisierung der Welt – wo Amerika liegt, wissen wir jetzt ja.

Wirtschaft muss auch sein
Kein Kriegsgurgel kommt ohne Geld aus. Deshalb muss man auch regelmässig für neue Geldflüsse sorgen. Kurzfristig können Kriegssteuer (bis 50%) oder Darlehen weiterhelfen, im Normalfall muss man aber längerfristig haltbare MIttel finden. Dazu gehören normale Steuern und der Handel – beide sind durch Gebäude und Erfindungen verbesserbar. Sogar Sklaven darf man handeln, wobei die nicht explizite Darstellung dem Spiel an dieser Stelle vielleicht sogar zu Gute kommt.
Je nachdem, ob ihr tolerant seid oder nicht, könnt ihr verschiedene Religionen tolerieren. Wer das nicht mag (und da gibt es natürlich auch wirtschaftliche Gründe), der kann mit Gewalt seine Religion durchsetzen – auch ein wichtiges Thema dieser Epoche.

Fazit
Wer sich nicht gerne auf Übersichtskarten tollt und ab und zu einen Blick in die Statistik wirft, sollte die Finger von Europa Universalis III lassen. Alle Strategiebegeisterten finden hier aber ein ausgeklügeltes Spiel, dass zwischen Strategie und Simulation schwankt. Dank der enorm vielen Möglichkeiten macht sich ein Spielgefühl breit, dass man sonst in einfacheren Games nicht kennt. Leider sorgen kleine Fehlerchen und ein langsamer Aufbau zu Beginn für etwas Unmut. Schade auch, dass einmal mehr bei einem solchen Spiel die Grafik sträflich vernachlässigt wurde. Sie ist zwar nicht hässlich, sondern zweckmässig, aber trotzdem. Besonders Geschichtsfans sollten zuschlagen!


USK: ab 6 Jahren
PEGI: 12+
Multiplayer: –
Sprache: Deutsch
Preis: CHF 65.-
Mindestanforderungen: Pentium IV 1.9 GHz, 512 MB RAM, 3D Karte mit 128 MB RAM + Pixelshader, Win 2000/XP
Off.Website: www.europauniversalis3.com/