Mai 112008
 

Eigentlich ist es fast etwas spät, um noch ein GTA IV Review zu veröffentlichen. Es wurde bereits alles gesagt: Unzählige Lobeshymnen, zahlreiche Gewaltwarnungen und Gerüchte, Zahlen, Tipps und künstlerische Beiträge zum Game häufen sich. Aber sei’s drum: Wir veröffentlichen diesen Test schon nur, weil es sich gelohnt hat, ein solch spektakuläres Game zu zocken und es auch Spass macht, darüber zu schreiben. In diesem Sinne gehen wir auch mit Absicht auch auf themenverwandte Gebiete ein, die normalerweise in einem solchen Review keinen Platz finden würden. Viel Spass beim Lesen.


Die GTA-Serie existiert mittlerweile seit 1997 und sollte damit jedem bekannt sein, der sich ab und zu mit Games auseinandersetzt. Deshalb gehen wir in diesem Text nicht weiter auf die älteren Grand Theft Auto Teile ein und erlauben es uns, auch das im Prinzip gleich gebliebene Spielprinzip nicht nochmals zu erklären. Nur soviel sei erwähnt: Wie immer bietet Wikipedia genügend Infos zum Game; wer’s etwas abwechslungsreicher mag, der sei hiermit auf den GTA-

Zur Story: Bellic hat im Balkan den Krieg miterlebt und ist seither nicht mehr derselbe Mensch. Verrat, Gewalt und Verlust haben aus ihm einen Kriminellen gemacht, der über die Adria und ein Frachtschiff schliesslich als Immigrant in Liberty City landet. Angelockt durch die vollmundigen Versprechen seines Cousins Roman, entdeckt Niko jedoch schnell, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Es erwarten ihn ein (zwar überschwenglicher, aber offensichtlich mittelloser) Cousin, ein schäbiges Appartment und russische Kredithaie. Schnell lernt Niko, dass auch in der "neuen Welt" nur skrupellose Menschen einen Platz an der Sonne ergattern.

Freundliche Menschen mit lukrativen Jobs
Wie bereits erwähnt, hat sich in Punkto Spielprinzip nicht viel geändert. Nach wie vor lernt Niko über seine "Geschäftspartner" weitere, interessante Persönlichkeiten kennen, erledigt deren Drecksarbeit und arbeitet sich langsam, aber stetig hoch. Erzählt wird die spannende Geschichte in Ingame-Grafik; vor und nach den meisten Missionen kommt man in den Genuss einer dieser cineastischen Cutszenes. Wie immer gibt es auch zahlreiche "Sidequests", die man je nach Lust und Laune annehmen oder verwerfen kann. Darunter fallen etwa Freizeitaktivitäten mit Kollegen, Ausflüge mit Boot oder Hubschrauber, illegale Strassenrennen oder Besuche im Stripclub.

Wer keine Lust auf Aufträge hat, der kann sich in Liberty City vergnügen, wie in keinem anderen Game: Jedes Auto auf der Strasse lässt sich klauen, man liefert sich Verfolgungsjagden mit der Polizei, cruist am Strand entlang, klettert auf Häuser, entdeckt abgelegene Stadtgebiete, bewundert den Sonnenuntergang oder geniesst einfach den Eindruck einer lebendigen Stadt.

GTL – Grand Theft Live
A propos lebendige Stadt: Den Entwicklern von Rockstar ist es gelungen, die mit Abstand glaubenswürdigste und gleichzeitig aufwendigste Spieleumgebung zu präsentieren, die es im Gamebereich je gegeben hat. Liberty City ist nicht einfach nur eine Gebiet, dessen Zweck es ist, die Mechanismen des Games zu unterstützen. Es ist bei Weitem mehr. Nämlich ein gewaltiges Gebiet, dessen Entdeckung auch ohne Aufträge und Missionen riesigen Spass macht. Der Detailgrad ist unglaublich: Oft ertappt man sich, staunend und mit offenem Mund dem Treiben der Grossstadt unbeteiligt zuzusehen. Da steht plötzlich ein Wagen am Strassenrand, ein fluchender Besitzer beugt sich über den dampfenden Kühler; Passanten bestellen einen Hotdog am Stadt oder führen Gespräche über ihre Alltagsprobleme. Ein Polizist verhaftet einen Verdächtigen, Taxifahrer gondeln vorbei auf der Suche nach Kundschaft während über einen das Knattern der S-Bahn zu vernehmen ist.

Um es kurz zu machen: Die Welt von Liberty City ist ein einziger, grosser Spielplatz, in welchem man sich für Stunden vergnügen kann – ohne der Story auch nur eine Minute zu folgen.

Das ist neu!
Auch im Vorgänger San Andreas überzeugten die Entwickler mit einer offenen Welt, die damals aber eher durch ihre Grösse denn ihren Detailreichtum überzeugte. Liberty City ist kleiner geworden, überschaubarer – durch den genialen Detailgrad aber keineswegs langweiliger. Dass sowohl das ziellose Herumfahren als auch die Aufträge selbst nochmals massiv an Faszination hinzulegen konnten, liegt an einigen Verbesserungen, die wir euch an dieser Stelle kurz vorstellen möchten:

  • Cineastisches Gameplay. Rockstar hat es geschafft, die Hintergrundgeschichte von GTA IV derart kinoreif zu präsentieren, dass man einfach weiterspielen MUSS. Was passiert wohl mit dem fiesen Russen Demitri? Was bietet der nächste Auftrag des durchgeknallten Iren? Die Entscheidungen des Spielers haben nun deutlich mehr Einfluss auf die Entwicklung der Story, deren Darstellung ebenfalls stark an Qualität gewonnen hat.
  • Fahrzeughandling. Verschiedene Fahrzeuge haben sich auch schon in den Vorgängern unterschiedlich gesteuert. Bei Liberty City haben sich die Entwickler aber nochmals ins Zeug gelegt und präsentieren eine Steuerung, die weitaus realistischer daherkommt. Wer nicht VOR, sondern IN der Kurve bremst, kassiert unweigerlich die Quittung. Dazu kommt ein geniales Schadensmodell: Delle im Kotflügel, Einschussloch in der Windschutzscheibe oder gar eine fehlende Autotüre – die Abenteuer des Niko Bellic hinterlassen detaillierte Spuren.

  • Tolles Steuerung, Waffenhandling. Ein Kritikpunkt der Serie war bisher immer die etwas unbeholfene Steuerung (besonders bei Schiessereien). Rockstar hat sich auch hier extrem verbessert. Niko kann, ganz im Stil von Gears of War oder Rainbow Six Las Vegas automatisch in Deckung gehen. Aus der Deckung heraus macht er auf Wunsch spektakuläre Hechtrollen, ballert blind oder schaltet Feinde gezielt mit Kopfschüssen aus. Die verbesserten Gefechte sind auch der Grund, weshalb auch der Mehrspielermodus (dazu später mehr) so richtig rockt.
  • Das Handy. Ist nicht nur in der Realität der Dreh- und Angelpunkt für soziale Kontakte, sondern auch bei Niko Bellic. Aus dem Handy heraus kann man praktisch alles machen: Nikos Kollegen und Auftraggeber anrufen, ein Foto schiessen, ein Mehrspielergame starten oder Nikos Termine koordinieren. Neuerdings kann man nach einer misslungenen Mission diese sofort neu starten, anstatt wie bisher mühsam den gesamten Vorlauf nochmals abzuspulen.

Es gäbe noch unzählige, kleine Verbesserungen zu erwähnen, für die hier aber einfach kein Platz mehr ist. Alles in allem lässt sich sagen: Die Entwickler haben viele, sinnvolle neue Features hinzugefügt und konsequent Kritikpunkte aus San Andreas ausgemerzt.

DJ Karl

Akustisch und optisch gehört GTA IV mit Abstand zur absoluten Oberkasse. Was die Grafik anbelangt, so erwartet auch nämlich eine stets flüssige und unglaublich detaillierte Ausgabe. Die Weitsicht ist überragend und auch nach vielen Stunden Spielzeit vermag die Grafik immer wieder zu verblüffen. Egal ob langsam wandernde, leicht verschwommene Schatten der U-Bahn Gleise, spektakuläre Wettereffekte oder das Glänzen eines frisch aus der Waschanlage kommenden Wagens – es gibt einfach kaum Kritikpunkte.
Unterstützt wird die optische Präsentation durch Soundeffekt und Musik, die auf genau so hohem Niveau anzusiedeln sind. Wie üblich hat Rockstar dem Game wieder zahlreiche Radiosender spendiert, die nicht nur in Bars oder Wohnungen laufen, sondern auch in allen Fahrzeugen. Gespickt mit triefend ironischen Shows, witzig-blöden Werbungen und passenden Hosts, machen die Radiosender erneut eine hervorragende Figur. Zu erwähnen wäre an dieser Stelle, dass Modedesigner Karl Lagerfeld den Host von K109 mimt. Sagenhaft.

Rasen, schiessen, klauen – nun auch zu 16nt
Was hat der GTA-Serie bisher gefehlt? Na klar, ein Mehrspielermodus. Zwar erlaubte es bereits Vice City Stories (PSP, PS2), mit mehreren Usern gegeneinander zu zocken. Der Modus war aber wenig ausgereift und die Partien machten im Vergleich mit echten Mehrspielerperlen einen eher durchschnittlichen Eindruck.
Nicht so bei GTA IV. Dank zahlreicher Modi, sowohl kooperativ als auch gegeneinander, kann man sich gegenseitig mit Waffen beharken oder mit Autos bedrängen. Dabei stehen dem User sowohl altbekannte Variationen wie der gute Deathmatch zur Verfügung, aber es gibt auch Modi, in welchen man gegeneinander Aufträge ausführt oder sich gemeinsam gegen die Cops wehren muss.

Exkurs: Die drei Faktoren Markt, Gewalt und Kunst
Keine Frage: GTA IV ist eine Revolution. Sowohl in Sachen Gameplay, aber auch was die Aufmerksamkeit in den Medien und der Öffentlichkeit angeht. Keine namhafte Zeitung, kein TV-Sender, der nicht über das Phänomen berichtet hätte. Kein Wunder – schliesslich verkauft sich das Game mehrfach besser als der bis dato erfolgreichste Kinofilm.
Markt, Gewalt und Kunst: Diese Aspekte werden die Diskussion um GTA IV in der Öffentlichkeit dominieren – davon bin ich überzeugt. Die Gründe:

  • Markt: Kein Spiel war bisher erfolgreicher als GTA IV – und das, obwohl es erst seit kurzem auf dem Markt ist. In einer Woche nimmt der Publisher Take 2 500 Millionen USD ein. Damit zeigt GTA eindrücklich, wie schnell der Gamemarkt wächst und was in Zukunft in dieser Branche noch zu erwarten ist. Da sowohl die Film- als auch Musikindustrie kaum mehr wachsen, gehört die Zukunft den Games.
  • Gewalt: Obwohl ganz klar als Spiel für ERWACHSENE deklariert, kommt GTA IV natürlich trotzdem in das Laufwerk vieler jugendlicher Spieler. Egal ob via Händler, die das grosse Geld machen wollen, oder via ältere Freunde – auf Xbox Live sieht man, dass ca. jeder fünfte Spieler noch nicht einmal den Stimmbruch hatte. Zusammen mit den gewaltigen Verkaufszahlen ein idales Fressen für Leute, die sich dem Kampf gegen "gewaltvolle Spiele" verschrieben haben.
  • Kunst: Sind Computer- und Konsolenspiele auch Kunst? Viele Spieler würden sagen: JA, natürlich. Denn genau wie Musik oder Filme können sich Entwickler selber verwirklichen – und es gibt wohl kaum ein Spiel, dass dies besser beweist als GTA IV mit seinem Detailreichtum und seinen hunderten von Anspielungen und witzigen Ideen. Der Spieler wiederum kann sich in der interaktiven Welt bewegen; ihm seine Handlungen zu ermöglichen gehört genau so zum Gesamtwerk wie die optische und akustische Präsentation. Das hat auch die renommierte New York Times anerkannt und bespricht das Game auf einer ganzen Seite – im Kunstteil.
(Fazit weiter unten)
Game Facts
Entwickler: Rockstar
Publisher: Take 2
Genré: Action
USK: 18
Pegi: 18+
Multiplayer: 16 Spieler
Sprache: D/I/F
Preis: EUR 69.85 / CHF 99.-
Website: