Jun 022008
 

Das im letzten Jahr bei uns gefeierte Action-Adventure Okami, das am 13. Juni erfreulicherweise für die Wii neu aufgelegt wird, gehört zu dem erlauchten Kreis, der von der internationalen Presse immer wieder fürsorglich bemuttert wird. In die Horde der Spiele, die im Angesicht des Publikums kommerziell versagen, aber von der Kritik überschwänglich aufgenommen wurden, reihen sich auch Geheimtipps ein wie z.B. Psychonauts, Zack & Wiki, ICO (das lege ich euch besonders ans Herz), Beyond Good & Evil oder auch Eternal Darkness. Was ist diesen Spiele gemein? Sie werden von Seiten wie IGN.com & Co. hartnäckig, ohne Unterlaß beworben, dass es einem fasst schon nervt. Es werden Lobeshymnen orchestral angestimmt, die in zehn Jahren aufgrund ihrer bloßen Quantität noch nicht verklingen werden. Speziell Psychonauts wurde in den letzten Jahre von der Presse und Videospiel-Seiten massiv umgarnt. Spielern wurde vorgeworfen, sie würden Qualität übersehen oder träfen die falschen Kaufentscheidungen. Mit der Konsequenz, dass solche kreativen Ergüsse am Markt von massenkompatibleren Produktionen niedergerungen werden. Fast bekommt man ein schlechtes Gewissen, wenn man als eingefleischter Fan bekennt: „Nein, ich habe Psychonauts nie gespielt.“ Als Nicht-Besitzer bekommt man dann zumindest eine stillschweigende Ohrfeige.

Manchmal frage ich mich: „Wer hat Psychonauts überhaupt noch nicht gespielt?“. Denn angesichts der Medienberieselung und der enervierenden Lautsprecher-Ansagen, die einem das Trommelfeld explodieren lassen, dürfte es auch dem im Nirwana lebenden bekannt sein, welche Spiele er in Zukunft kaufen MUSS. Doch trotz allerlei Lobhudeleien gehören die oben aufgelisteten Spiele trotz mancher rosaroten Brillen absolut zu der Crème de la Crème der Videospiel-Geschichte.

Doch angesichts des nächste Woche bei uns eintrudelnden Okami möchten wir noch ein bisschen die Konfetti-Maschine anwerfen und uns mit prallen Zuckerguss-Überzügen den Wanst voll schlagen. Warum solltet ihr euch die Wii-Version nächste Woche kaufen?

– zu erst einmal sollten diejenigen wohl nicht die Finger rühren, die letztes Jahr von der Playstation 2 Version verwöhnt worden sind. Die Einbindung der Wiimote als schnell dahin fliegender Malpinsel rechtfertigt sicherlich nicht den nochmaligen Einkaufspreis. Inhaltlich ist das Spiel nämlich bis auf den letzten Pinselstrich deckungsgleich mit der famosen PS2-Fassung.

Grafik. Das ist sicherlich ein Punkt, der sofort ins Auge springt. Wahrscheinlich katapultiert sich Okami auf der Wii zur unangetasteten Grafik-Referenz und muss sich womöglich auch nicht hinter angeblichen Hochglanz-Monstern wie The Conduit verstecken. Zu letzterem sei noch kurz angemerkt: Es ist interessant, welche Hoffnungen der noch nicht mit sehr viel Material auftrumpfende Shooter erweckt. Nach The Conduit würde auf der Xbox 360 oder Playstation 3 kein einziger Hahn krähen – und wenn dann nur Piraten, die einer Augenklappe wegen das exquisite Aufgebot der anderen Genre-Vertreter übersehen haben. Das Spiel mag für Wii-Verhältnisse superb aussehen, scheint aber bis jetzt in keinem anderen Aspekt neue Maßstäbe zu setzen (Story? Gameplay?). Gibt es auf einem Lebensmittelmarkt eben nur staubtrockenes Knäckebrot, zerfetzen sich die hungrigen Mäuler schon für einen saftig aussehenden Apfel die Leiber.

Doch zurück zu Okami: Das Spiel ist ein sich in Bewegung setzendes, auf Pergament festgehaltenes Kunstwerk. Während des Spielens scheinen die Farben noch ganz frisch zu sein und dem Zerfließen nahe. Ach, was rede ich da, schaut euch die Screenshots an.

Welt. Aufgrund der unverbrauchten, zeitlosen, alle Technik-Quantensprünge gleichgültig zur Kenntnis nehmenden Cel-Shading-Technik erstrahlen die Welten in Okami in einem ganz charmanten und charakteristischen Glanz, mit einem malerischen, zauberhaften, märchenhaften Look versehen. Freut euch schon einmal diebisch auf einen versteckt angelegten Bambus-Wald, der vom matten Lichte des Mondes sanft beschienen wird. Freud euch auf träumerisch dahin gepinselte Phantasie-Welten, die anregend, stimulierend und die Phantasie anregend auf euch einwirken dürften. Freut euch auf eine Ohren schmeichelnde Musikuntermalung, die euch vollends in das antike Japan einzieht. Allein schon die im Spiel verstreuten, originalgetreuen japanischen Brunnen erwecken mit ihrem zurecht geschnitzten Bambus, der im rhythmischen Takt auf die Steinquader schlägt und einen authentischen Sound hinterlässt, ein ganz besonderes Feeling auf Seiten des Konsumierenden.

Japan. Aufgrund meines stark begrenzten Allgemeinwissens scheinen mir die weltlichen Bezüge in Videospielen nicht so hell entgegen wie vielleicht bei anderen. Doch Okami ist bis zum Rand vollgestopft mit japanischer Mythologie. Ihr dürft die Sagen und Mythen der unheimlich abwechslungsreichen Volkserzählungen quasi interaktiv begleiten, was enorm faszinierend ist. Ihr dürft beispielsweise Kaguya, die Mondprinzessin, auf ihrem letzten erdgebundenen Weg begleiten, bevor sie mit einer ausgefallenen Rakete zu unserem milchig schimmernden Erdtrabanten fliegt – der Mondmann lässt grüßen. Gebührend Abschied nehmend von ihrem Erzieher, dem rührselig daherkommenden Bambusschneider. Die Musik untermalt das tragische Winke-Winke des holden Mädchens, der Mond steht hoch am Himmel und scheint die Heimatlose schon mit offenen Armen zu empfangen. Einer der eindrücklichsten, bewegendsten Momente des Spiels. Und noch heute, wenn ich bei Vollmond Richtung Firmament schaue, versuche ich das Anlitz der schönen Kaguya wenigstens andeutungsweise zu erblicken (kein Witz!).

Speziell wenn man einigermaßen gewappnet und geschult ist und schon im Vorfeld wenigstens in Form von kleinen Bissen mit einigen populären Mythen die Bekanntschaft machen durfte, wird auf einige wohlige „AHA“-Effekte stoßen. Die Entwickler haben die ganze Fülle dieses überschäumenden Materials interpretativ eingebunden und die kulturellen Wurzeln des fernen Landes regelrecht zeremoniell gefeiert. Welches Spiel bringt einem schon die Kultur eines völlig anderen Landes näher? Welches Spiel fungiert schon als Botschafter, als kultureller Überbringer von schätzenswertem Landesgut? Das sind Kulturschätze sondergleichen, die einem interaktiv und spielerisch eingeflößt werden. Welches Spiel regt einen schon dazu an, in der Bibliothek nach Büchern und besonders Filmen (hihi) Ausschau zu halten, die sich anlehnungsweise von den Sagen nähren?

Charaktere. Videospielen wird oft vorgeworfen, sie seien mit profillosen Charakteren überhäuft. Doch Okami strotzt vor Konturenreichtum bei der Charaktererstellung. Zuvorderst sei der kleine Floh an erster prominenter Stelle angeführt, der euch Schritt und Tritt begleitet. Sozusagen eine aus Ocarina of Time und Majora’s Mask bekannte, quengelnde Navi, nur viel charmanter, witziger, beflissener und kommunikativer. Ständig prescht er mit überflüssigen Gesprächsfetzen nach vorne, die euch am Anfang vielleicht unnötig nerven werden, aber sobald das Spiel Fahrt aufnimmt, werdet ihr jede Sprechblase des Kleinen mit Freude zur Kenntnis nehmen. Macht euch auf ein sehr bewegendes Ende gefasst. Gerade die Beziehung zwischen Amaterasu und dem Floh entwickelt sich zu einem intensiven Spannungsgefüge, das sich am Ende fantastisch auflösen wird. Gerade aufgrund des stummen verbalen Ausflusses des schneeweißen Wolfes, der sich nur vermittels von jaulenden Lauten bemerkbar machen kann, baut sich in dieser Beziehung eine ganz besondere Art der Wechselbeziehung auf – zwischen einem Wolf und einem Floh! Hinter einem einfachen, scheinbar strukturunbehafteten Aufjaulen kann sich so viel menschlicher Schmerz verbergen. So viel Anteilnahme am Schicksal eines Freundes

Selten wurde ich in einem Videospiel so emotional erfasst, wie am Ende von Okami (der Primus ist in diesem Fall eindeutig ICO). Herrlich. Bewegend. Herzzereißend. Vielleicht bin ich auch nur ein abgeschmackter, sentimentaler, hirnverbrannter Schwachkopf.


Und Twilight Princess kann nur deshalb mit Okami mithalten, weil Zelda eben Zelda ist. Ansonsten ist das Spiel eindeutig eines der besten Spiele für die Wii, und sollte von keinem ernsthaften Wii-Spieler übergangen werden. Das sind 30-40 Stunden Spielspaß der Extraklasse, der über die gesamte Dauer nicht zu versiegen scheint. Ihr besucht ausgefallene, originelle Locations, traumhafte Landschaften und wähnt euch in einem authentisch dargestellten Japan. Ich habe jedenfalls Folgeschäden erlitten: Bei jeder Schüssel Reisbrei, den ich vergöttere, wähne ich mich am liebsten in einer japanischen Klause, die in der Welt von Okami angesiedelt ist. Bin ich reif für die Psychatrie? Mag sein. Doch trotz einer Einweisungsdiagnose verbietet mir keiner, das Spiel zu preisen und zu loben.

Blöd, dass ich das Spiel schon von der PS2 her kenne…Mist. Spiele können für den Geist wie eine Droge sein. die Inspiration anregend. Die Phantasie ausweitend. Und genau das vollbringt Okami.

PS: Die von Gefühlen übertünchten Eindrücke basieren natürlich auf der PS2-Version. Dementsprechend handelt es sich hier in keinem Fall um einen sachdienlichen Testbericht. Nur dass keine Missverständnisse aufkommen.