Ich muss offen bekennen, dass ich der Independent-Szene im Game-Bereich bisher desinteressiert gegenüber gestanden bin. Von mir aus konnten Spiele wie Geometry Wars oder die enorm aufgehübschte XBLA-Version von PacMan eine süchtig machende Wirkung erzielen, doch ich verband mit solchen Spielen allerhöchstens ein überdurchschnittliches Spielbarkeits-Gefüge in einem allzuklein herausgeschnittenen Rahmen – mehr nicht. Für mich waren die Spiele zu gameplay-lastig und zu wenig von einem sinntragenden Unterbau getragen. Bloßes Gameplay interessiert mich nicht. Was für ein regelrechter, vor Verblendung und einem verwirrten Sinnesapparat ignorant gewesener Tölpel ich nicht gewesen bin! Und in meinem bescheidenen Kopf schwirren gerade weit jugendgefährdendere Schimpfwörter als Tölpel umher. Also könnt ihr euch die gegen mich gezielte Beschimpfung gleich vorneweg sparen. Ich sorge schon dafür.
Doch zu meiner Verteidigung muss man auch entschuldigend anführen, dass ich erst seit kurzem einen Kanal zu Xbox Live Arcade frei schaufelte und auch vorher wenig Zugriffsmöglichkeiten auf Independent-Produkte gehabt habe (WiiWare startete ja erst vor kurzem). Schon beim Anspielen der die Zeit in enormen Maßen verschlingenden Geometry Wars 2-Demo dämmerte mir, dass mir gleich zwei Augenklappen das klarsichtige Sehen unmöglich gemacht haben.
Und dann kam Braid und ich versank in eine Welt, mit der ich mich auf Anhieb verbunden fühlte. Es war ein Gefühl, das mag pathetisch klingen, von Seelenverwandtheit. Ein Sog, der einen packt und der einen die Gedankenwelt vernebelt. Die Demo nahm die Rolle einer chinesisch-olympischen Wettermaschine vor einem Vogelnest ein, und verursachte einen Brocken verursachenden Hagel von emotionalen Gewehrsalven. Das Spiel drückt etwas tief Verborgenes aus. Etwas Schlummerndes. Eine schwer zu beschreibende Stimmung, getragen von einer herrlichen mundenden Überdosis Melancholie. Schon beim Anblick des Startbildschirms machte es “Klick”. Die im Hintergrund lauernde, von Nebelfeldern verhangene “Stadt”, davor die Umrisse des in Dunkel getauchten Protagonisten. Man mag kaum die Blicke abwenden, so schön ist das.
Braid gehört meiner Meinung nach, ohne die Vollversion gespielt zu haben (mir mangelt es noch an MS-Points), zu einem Zirkel von seltenen Spielen, die etwas ausdrücken und uns mit einer innerlichen Ausdruckskraft bestürmen oder besser, dem Charakter solchen Spielen gemäßer, diskret umscheicheln. Und dieser Effekt läßt uns nicht unberührt, während des Spiels nicht, und, was noch viel positiver zu vermerken ist, nach dem Beenden der stöhnenden Konsole nicht.
Braid hat mir in einer Stunde mehr vermitteln können, mehr bedeutet, als die von nutzlosem, sinnentleerten Kriegsgetose geschwängerten 6-7 Stunden mit dem ach so in den Himmel gelobten Call of Duty 4. Man fühlte sich danach emotional leergepumpt, unberührt von den Bildern. Man fühlte sich leer und verlassen. Doch nach Braid spürt man in sich eine Bereicherung. Einen Zusatz an Erfahrung. Umso erstaunlicher, dass wir es bei dem Spiel mit einem “kleinen” Independent-Werk zu tun haben, das sich (siehe linkes Schaubild, das die allerbesten Xbox 360-Spiele in sich vereint)) sogar gegen Budget verschlingende Hochkaräter durchsetzen kann. Und das völlig zu Recht. Die Grafik, die an einem Produkt sich abarbeitende Menge von Leuten, das zur Verfügung stehende Geld. All das darf, und soll keinen Einfluss haben auf das letztgültige Erlebnis. Das hat mir Braid vermitteln können – und dafür bin ich dem Spiel dankbar. Auch Videospiele können sich von allerlei Marktgesetzen emanzipieren, wie Filme oder Bücher das können.Vielleicht sehe ich das mal wieder zu naiv, aber Gefühle vernebeln einem gern die klare Sicht. Aber ohne diese von Gefühlen getragene Eigenschaft, ist es gewiss schwerer, das Leben zu ertragen.
Ich will keinen Appell starten, sich das Spiel zuzulegen und damit den dahinter stehenden Künstlerkreis zu untersützen – das machen andere Seiten in den letzten Tagen zu Genüge. Doch wer über 50€ für ein Spiel wie Call of Duty 4 zahlen kann, der sollte sich Gedanken machen, warum er über das “zu teure” XBLA-Spiel Braid herzieht.
Braid erreicht das, und das als Xbox Live Arcade-Spiel (!), was bisher nur ICO und Shadow of the Colossus vermochten. Ein über das Medium Videospiel hinausgehendes Erlebnis.
(“weiterführende Literatur”: Braid-Blog)
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