Sep 092008
 

Als ihr heute Morgen aus den von euren Körpern erwärmten Betten gestiegen seid und am Frühstückstisch die Zeitung in die Hand genommen habt, dann ist euch beim Blick auf das Datum wahrscheinlich nichts wirklich Ereignishaftes in den Sinn gekommen. Doch wir rütteln an eurem altersschwachen Gedächtnis und rufen euch wohl tönend in Erinnerung, dass exakt vor neun Jahren die Dreamcast in Nordamerika den Markteintritt vollführte.

Eine bewegende, wendungsreiche und schicksalshafte Konsolengeschichte nahm ihren Lauf. Ein Weg der schließlich in der Senkgrube endete. Die Dreamcast schloss relativ schnell Frieden mit der Welt und verabschiedete sich unter der Last der erdrückenden Konsolen-Konkurrenz. Doch wir blicken einmal mit genauerem Blick zurück und vermengen die Faktenlage mit persönlichen Erinnerungsfetzen.

Vor genau neun Jahren, am 9/9/99 (was von den Marketing-Strategen natürlich überschwänglich ausgeschlachtet wurde), erblickte die SEGA Dreamcast das schaurige Licht der Welt. In Europa erschien die Konsole wenig später Mitte Oktober desselben Jahres. Ähnlich wie die Xbox 360 hatte die stationäre Heimkonsole einen Zeitvorteil gegenüber der in Bälde gewaltsam einbrechenden Konkurrenz inne. Der Dreamcast wird heute noch Gewichtiges in punkto Pionierleistungen zugesprochen. So wartete die Hardware mit einem integrierten Modem auf, woraufhin dem Prosperieren des Online Gamings theoretisch nichts mehr im Wege stand. Die Verkaufszahlen in den ersten Wochen nahmen sich fantastisch aus, weswegen SEGA in ernsthafte Schwierigkeiten bezüglich des Hardware-Nachschubs geriet. Von den Verantwortlichen von SEGA wurde anlässlich dieser beglückenden Mammut-Zahlen sogar feuchtfröhlich verlautbart, der Markt für Videospiele würde nun auch auf den Massenmarkt überschwappen. Eine wohl etwas gewagte und zu früh geäußerte Stellungnahme im Überschwang der Gefühle. Trotzdem eine Äußerung mit prophetischem Charakter. Doch ist es erst der Wii-Konsole von Nintendo beschieden gewesen, im Winter 2006 die Tore des Mainstream-Marktes vollends aufzubrechen.

Doch nach den anfänglichen Erfolgszahlen warf Sony mit der Ankündigung der Playstation 2 kolossale Schatten voraus. Doch bevor die Konsole auf den Markt geworfen wurde, begeisterte SEGA mit Spielen wie Sonic Adventure und beispielsweise dem legendären Soul Calibur, das heute noch als eines der besten Fighting-Games bezeichnet wird und den Auftakt für eine tradtionsschwangere Serie einläutete (erhältlich bei XBLA). Ein früh sich auftuender Makel haftete der unüberwindlichen Tatsache an, dass gerade Electronic Arts mit dem wichtigen Support ihrer etablierten Sport-Marken geizte, weswegen der Dreamcast hinsichtlich dieses Genres einiges an Zugkraft verlor (SEGA versuchte dort eigenhändig nachzubessern).

Richtig eng wurde es dann aber schließlich als im März 2000 in Japan die PS2 erschien, wenig später im Oktober dann in Nordamerika. Damit wurde die Aufmerksamkeit von der SEGA Konsole abgelenkt. Und mit dem Erbe eines arrivierten Brockens wie der PS1 konnte Sony auf eine breit gefächerte installierte Fan-Basis und auf das im Laufe der Zeit erscheffelte Vertrauen der bedeutendsten Publisher zurückgreifen. SEGA reagierte auf den drohenden Geltungsverlust und senkte die Preise der Hardware. Doch mit der technischen Leistungsfähigkeit und den DVD-Abspielmöglichkeiten der Playstation 2, konnte sich Sony dann daraufhin langfristig eben doch durchsetzen.

Wiederholt sich die Geschichte?

Hier könnte man übrigens Parallelen zur heutigen, aktuellen Konsolen-Konstellation ziehen. Die Xbox 360 weidete sich genüsslich am einjährigen Zeitvorsprung gegenüber der PS3. Doch mit den schlummernden Ressourcen und dem integrierten BluRay-Laufwerk könnte sich hier eine ähnliche Situation abspielen (übrigens wartete der umständliche Dreamcast-Controller auch mit vier Buttons auf, die mit folgenden Buchstaben gekennzeichnet waren: A, B, X, Y. AXYB: das Akronym für schleichenden Misserfolg?)

Jedenfalls nahm das unrühmliche Ende seinen Lauf und mehrere Publisher wendeten sich von SEGA ab und konvertierten zur langsam aber sicher einschlagenden PS2 von Sony. SEGA konnte eben auf keinen Vertrauensvorschuss zurückgreifen, denn der Saturn wurde aufgrund des notorischen Misserfolgs zugunsten der Dreamcast relativ früh beiseite geschoben. Vielleicht mit Rückblick auf den Saturn haben viele Entwickler und Publisher eher der von der Playstation 1 angestoßenen Erfolgsgeschichte vertraut, da dort die Vergangenheit weit farbenfroher blühte und nun auch auf die Nachfolgekonsole abstrahlte.
Das Rückgrat wurde dann schließlich endgültig gebrochen, als 2001 die Xbox und der GameCube auf den Videospiel-Markt drängten. Und angesichts einer Fülle von gleich vier Konsolen musste sich der eng umkämpfte Markt wohl oder über konsolidieren. Selbst drei Konsolen konnten sich noch nie wirklich bewähren, was man an Hand der letzten Konsolen-Generation feststellen konnte, als die Xbox und der GameCube die Segel angesichts der Übermacht der PS2 baldigst streichen mussten. Nicht zuletzt deswegen verfolgt Nintendo die erfolgsversprechende, auf den Massenmarkt abzielende Strategie, denn ansonsten hätte der Wii ein ähnliches Schicksal wie seinerzeit dem kleinen Würfel gedroht (auch wenn der Würfel bei weitem die bessere Konsole ist – ja, ihr könntet anderer Meinung sein).

Doch es war zu Ende: Der Bann war gebrochen und die Dreamcast versickerte langsam aber sicher im Sande des wasserarmen kargen Erdbodens.

Persönliche Würdigung der Dreamcast

Endlich können wir die mit sachlichen Fakten um sich schlagenden Geschichtsbücher dem Erdboden gleich machen. Welche Erinnerungen kann ich mit der Dreamcast in Verbindung bringen? Damals zählte ich zur eingeschworenen, aber zahlenmäßig klein gehaltenen Gruppe der überzeugten N64-Fetichisten. Andere Konsolen waren für mich nur am Rande existent. Die Playstation 1 war mir mit ihrem Silent Hill 1 und Dino Crisis zu überladen mit grobkörnigen Pixeln. Deswegen war es nicht verwunderlich, dass die Dreamcast bei mir von Anfang an ein schlechtes Standing hatte. Drei Klassenkameraden, wohl die Vorreiter des modernen Videospiel-Konsums, protzten mit ihren neu erworbenen Traumkisten. Sie schwärmten von dem Rennspiel-Erlebnis namens MSR: Metropolis Street Racer, vom kristallklar dargestellten Ready 2 Rumble und natürlich vom dem Überspiel überhaupt: Shenmue. Dieses Shenmue. Spätestens als jene drei Klassenkameraden das Adventure-Epos über mein innig geliebtes The Legend of Zelda stellten, wurde es mit eiskalter Ignoranz gestraft. Eine Vorrangstellung gegenüber der auf dem N64 aufblühenden Serie darf es bei weitem nicht geben – so dachte ich. Die Ohren werden unter bewusster Auslassung von Wattestäbchen zugestopft.

Doch irgendwann wanderte dann doch eine ausgeliehene Dreamcast in das Zimmer meines Bruders und mir (Konsolen waren für uns damals eine kaum bezahlbare Entität). Trotz meiner Begeisterung für Banjo & Kazooie verfiel ich trotz einer überschwappenden Skepsis dem wirklich bahnbrechenden Sonic Adventures (vielleicht das Beste Sonic-Spiel aller Zeiten) und gar Shenmue wurde mit ein paar Minuten des Spielens über Gebühr gewürdigt. Allerdings kann ich mich nur an ein Zimmer des stilecht in japanischer Weise möblierten Hauses erinnern, in dem das Spiel seinen epischen Lauf nahm. Ich glaube ich war seinerzeit einfach mit den Interaktionsmöglichkeiten überfordert. Schranktüren und Schubladen konnten in exzessiver Detailwut geöffnet und untersucht werden. Vermengt mit den erforderlichen Englischkenntnissen, welche damals gerade erst in mir aufkeimten, brachten das Spiel dann endgültig zum Halten. Leider. Noch heute trauere ich der vergebenen Möglichkeit nach. Nicht umsonst gilt Shenmue bei manchen Zockern alten Schlages als fundiertes Lehrbuch für die japanische Kultur. Sei’s drum. Doch noch einige Sätze sollen zu Sonic Adventure herunter purzeln: Das Spiel verknüpfte auf einmalige Weise die Komplexität eines eigenständigen Mario 64-Vertreters samt Oberwelt und zerstückelten Abschnitten mit dem Sonic eigenen rasanten Gameplay, das einem asphalterhitzenden Rennvergnügen gleichkommt. Diese Ausgewogenheit fehlt vielleicht den heutigen Sonic-Spielen.

Ich habe die Konsole geschätzt, doch leider bin ich zeit meines Lebens mit einer gewissen Borniertheit und geistlichen Beschränkung gesegnet worden, weswegen ich meinem N64 während des Lebenszyklus der Hardware die Treue geschworen habe. Vielleicht hätte ich zu der Konsole ein platonischeres Verhältnis haben sollen – es war zwischenzeitlich wohl doch zu intim. Aber es hat sich gelohnt ;-).

Woran ich mich noch wohlwollend und mit nostalgischen Glücksgefühlen erinnere, ist das schnittige Crazy Taxi und Residente Evil: Code Veronica. Gerade Ersteres brachte mich mit dem genialen Offspring-Soundtrack in Verbindung, worauf meine Neigung zum Punk seinen langsamen Anfang nahm (keine Angst sei Jahren habe ich dem pubertären Musik-Genre den Rücken zugewandt – einige Rückfallattacken ausgenommen).

Ein kurioser Fall bezog sich auf einen meiner Freunde, der eine Zeit lange eine Parallelexistenz in seiner Dreamcast fristete. Der Browser erlaubte ausufernde Chat-Möglichkeiten und er verlor sich, ausgerüstet mit einer angeschlossenen Tastatur, in den Weiten einer esoterischen Community, in der sogar formelle Heiraten geschlossen wurden. Ich saß nur oft daneben und habe innerlich gelacht – nur innerlich, weil mir meine Erziehung selbst das Lachen über Andere im Freundeskreis aus Gründen des Respekts versagte. Höflichkeit geht schließlich vor. Zum Glück fand der gute Kerl alleine den Ausgang und heute dürfte es wohl einen interessanten Fleck in seinem Lebenslauf darstellen. Lustig war es allemal.

Die Dreamcast war trotz des ihr beschiedenen Misserfolgs eine sehr spezielle Konsole mit allerlei Eigen- und Verschrobenheiten. Ihr hing das Prädikat der Vorwärtsgewandtheit an und sie nimmt wohl in vielen Gamer-Herzen einen wohlgepolsterten Platz ein. Es sei nur noch kurz die Memory Card angeführt, die mit einem LCD-Display ausgestattet, allerlei interaktive Zusatzmöglichkeiten bot – egal ob Minispiele oder die Lebensanzeige bei Resident Evil: Code Veronika.

Eine fundierte Retrospektive im Audio-Format gibt es bei den hörenswerten Jungs von Retronauts.

Doch jetzt seid ihr an der Reihe: Was für Erinnerungen verbindet ihr mit der Sega Dreamcast?