Jörg

Too Human Review / Test


Ich bin mir ziemlich sicher, dass an keinem der sich für Konsolen interessiert, die Diskussion um Too Human vorbeigegangen sein kann. Das Lager teilt sich derzeit grob in zwei Fraktion: Die einen wissen absolut nichts damit anzufangen und vergeben grottige Wertungen, die anderen (in der Minderheit) können über die Schwachpunkte hinwegsehen und schreiben Zahlen in den 70er Regionen neben ihre Tests. Glücklicherweise kann sich jeder die Demo auf dem Marktplatz anschauen und für sich selbst urteilen, ob der Xbox 360 Exklusivtitel sein Geld wert ist. Der Überblick aus dieser Spielzeit ist auch schon ziemlich repräsentativ, da das komplette Spiel auch nicht viel mehr zu bieten hat, ausser online Mehrspieler. Lest nach dem Klick unsere ausführlichen Eindrücke.

Too Human (Xbox 360)
Entwickler: Silicon Knights
Publisher: Microsoft

Die Story in ihren groben Zügen geht so:

Der Krieg gegen die Maschinen währt nun schon eine halbe Ewigkeit und die Götter der nordischen Mythologie beschützen die wenigen übrig geblieben Menschen nach Kräften, wie es schon seit jeher ihre Aufgabe ist. Wir übernehmen die Rolle von Baldur, Odins Lieblingssohn, der gleichzeitig auch eine tragische Figur ist (warum erfahrt ihr im Spiel). Da die Lebewesen (auch die Götter) aus Fleisch und Blut keine Chancen im Kampf gegen die metallenen Organismen haben, sind alle Mannen und Frauen um Thor & Co. ebenfalls kybernetisch verbessert. Ein schier aussichtsloser Kampf beginnt…

Es gibt ein paar Dinge, die gilt es zu wissen über Too Human, sonst geht der Spaß am Spiel sehr schnell verloren. Das Dumme ist nur, diese werden weder im Game noch im Handbuch wirklich behandelt! Ich als armer Tester muss mir für euch die endlosen Stunden um die Ohren hauen, um dem Action-RPG diese Geheimnisse zu entlocken. Die wichtigste Erkenntnis vornweg: Alleine macht die Spezialisierung mit einer Klasse absolut keinen Sinn, da sowohl Nah- als auch Fernkampf absolut Pflicht sind. Als Berserker oder Bio Ingenieur ist es fast unmöglich, alleine durch das Spiel zu kommen. Man merkt den Klasse die starke Auslegung auf den Mehrspieler an und auch, dass dieser erst ziemlich gegen Ende der Entwicklung von vier auf zwei gekürzt wurde.

Insgesamt macht das Spiel trotz der langen Entwicklungszeit noch einen unfertigen Eindruck. Manches wirkt einfach nicht zu Ende gedacht oder ist einfach schlecht implementiert. Das gesamte Gameplay offenbart an manchen Stellen eklatante Schwächen, doch lest dazu unsere detaillierte Aufstellung.

Was wir mochten:

+ Das Kampfsystem ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig: Statt sich mit dem rechten Analog-Stick umzuschauen, ersetzt dieser quasi das Button-Mashing aus bekannten Vorlagen wie Dungeon Siege oder Kingdom under Fire. In eine Richtung halten attackiert den nächstgelegenen Gegner, zweimal antippen schleudert diesen in die Luft, wo er dann in der Luft stehend mit weiteren Schlagkombinationen oder mit Schüssen aus der Fernwaffe malträtiert werden kann. Das Ganze soll an Devil May Cry erinnern, freilich ohne dessen Vielfalt an unterschiedlichen Aktionen zu erreichen. Nach kurzer Zeit lernt Baldur einige besonders wirkungsvolle Attacken, welche wir durch einen Tastendruck gezielt auslösen. Die Einfachheit erlaubt es auch Gelegenheitsspielern sofort ins Spiel einzusteigen, zudem sieht es einfach spektakulär aus, wenn die Spielfigur von Gegner zu Gegner über den Boden schlittert und diese effektvoll zerstückelt.

+ Wer nicht gerne stundenlang kämpfen möchte, wird sich über das Levelsystem in Too Human freuen. Eine neue Stufe ist ruck zuck erreicht, was einhergeht mit Punkten, die für die Verbesserung etlicher Skills verwenden werden dürfen. Diese sind in fünf Pfade aufgeteilt und gegen eine Gebühr ist es jederzeit möglich, diese neu zu verteilen. Womit wir zum stärksten Punkt des Spiels kommen, den unzähligen Items. Im Sekundentakt füllt sich das Inventar mit massenhaft schnöden und eher seltenen Waffen, Rüstungsteilen und Runen. Der eigenen Charakter lässt sich durch diese Vielfalt perfekt anpassen, sei es optisch oder vom Kampfstil her. Wer schon mal in diesem Genre unterwegs war, kann die Motivation nach der Hatz auf den fehlenden Helm oder Brustpanzer um die Rüstung zu komplettieren nur allzu gut verstehen und wird auch hier wieder gnadenlos angesteckt.

+ Zumindest in der englischen Version, auf die jederzeit umgestellt werden kann (unser Tipp: Text deutsch, Sprache englisch, Untertitel an), gibt es durchweg sehr gute Synchronsprecher. Gepaart mit der wundervollen Musik wird ein akustisches Feuerwerk abgebrannt, welches der Destination “Epos” noch am nächsten kommt. Das grandiose Intro stimmt perfekt auf die Welt ein, doch leider kann diese Stimmung nicht aufrecht erhalten werden.

+ Wie schon bei Twilight Princess offenbart sich in der Optik ein geteiltes Bild. Zumindest von der künstlerischen Gestaltung sind die meisten Areale hervorragend gelungen, das ganze Setting ist glaubwürdig umgesetzt, wenn man sich erstmal an das ganze “Vikinger im Weltraum” und “Mythologie trifft Technik” Gedöhns gewöhnt hat.

+ Auch wenn der Mehrspieler von vier auf zwei reduziert wurde, muss er doch ganz klar zu den positiven Aspekten von Too Human gezählt werden. Allerdings sollte das Spiel schon mindestens einmal alleine bis zum Ende durchgezockt sein, damit die fehlenden Zwischensequenzen nicht weiter ins Gewicht fallen. Ist einem die Story sowieso egal, macht es mit einem Kumpel (oder Fremden) zusammen noch am meisten Spaß, die Gegner zu verhauen. Das Layout der Gegnerhorden verändert sich übrigens im Gegensatz zum Einzelspieler.

Nicht gefallen hat uns:

- Der Tod ist fast ohne jede Bewandtnis, lediglich die Ausrüstung büßt einen Teil ihres Zustands ein, kann aber zu jedem Zeitpunkt in der Stadt wieder repariert werden. Ansonsten fährt man kurz gen Himmel auf, in einer zeitraubenden Animation die sich nicht abbrechen lässt, macht dann aber sofort in der Nähe des Ablebens weiter. Somit fehlt eine wirkliche Herausforderung und das Einzige was einen weiterspielen lässt, ist die Jagd nach tolleren Gegenständen oder die Story. Monster Level gleich

- Übel aufgestoßen ist uns der Fakt, dass sterben ein fester Bestandteil des Gameplays zu sein scheint. Es gibt einen Erfolg für einhundert Tode, was Beweis genug dafür sein sollte. Es existieren nicht wenige Stellen im Spiel, an denen ereilt einen dieses Schicksal im Sekundentakt. Kurz Leben, ein wenig kämpfen und schwups, wieder den goldenen Engel angaffen. Diese Stellen sind somit einerseits die größten Motivationskiller, andererseits werden hier die Schwächen im Kampfsystem gnadenlos offengelegt. Viele Passagen sind zu einfach, hier fehlt gänzlich die Herausforderung, andere wiederum sind so bockschwer, dass man besser noch einen Zehnerpack Joypads im Schrank liegen hat. Beispielweise haben einige Angriffswellen eine Vorhut aus Nahkämpfern mit einigen dickeren Minibossen dabei. An diesen kann nicht einfach vorbeigelaufen werden und das ständige Feuer der Fernkämpfer macht ein Gefecht nahezu unmöglich, der oben beschriebene Fall tritt ein. Desweiteren begegnen einem im Laufe der doch recht kurzen Spielzeit nur etwas über einem halben Dutzend verschiedener Gegnertypen. Auch die Bosskämpfe sind alles andere als ein Quell der Inspiration, hier gilt es genau so zu kämpfen wie im übrigen Spiel auch, von unterschiedlichen Strategien keine Spur.

- Die Kamera ist ein weiterer Kritikpunkt, den man einfach nicht nachvollziehen kann. Es gibt tausende Titel da draußen, die absolut null Probleme damit haben, wieso kann ein Titel, der angeblich seit zehn Jahren in Entwicklung ist, diese vermeintlich einfache technische Herausforderung nicht in den Griff bekommen? So etwas ist total unverständlich und einfach nur ärgerlich. Zudem ruckelt die Kamera bei Drehungen doch enorm und dass, obwohl die Xbox bei weitem nicht an ihre Grenzen gebracht wird. An manchen Stellen fühlt man sich ob der tollen Optik der Hardware entsprechend verköstigt, nur um im nächsten Moment eine PS2 in den Anfangsjahren vor sich zu vermuten. Was wurde in dieser langen Entwicklungszeit eigentlich genau gemacht?

- Der Unterschied der Charakterklassen ist einfach zu marginal im Einzelspieler, um von Bedeutung zu sein. Da es alleine gegen jeden Gegnertyp geht, müssen alle Fähigkeiten gleichermaßen ausgeprägt sein. Im Endeffekt kämpft es sich so als Berserker schneller im Nahkampf und langsamer mit Schusswaffen, während es beim Scharfschützen genau umgekehrt ist. Alle anderen Klassen sind irgendwo dazwischen, der Bio Ingenieur verkommt aufgrund seiner Heilungsfähigkeit, die eigentlich nur in einer Gruppe wirklich zu Geltung kommt, zu einem Überbleibsel der Vier-Spieler Ära und verliert im Einzelspieler jegliche Bedeutung. Apropos Heilung: Es ist absolut NICHT möglich die gespielte Figur aus eigener Kraft zu heilen. Dies ist nur durch spezielle Items möglich, welche u.a. besiegte Gegner fallen lassen. Ein weiteres Argument für die “Ableben ist essentiell” These. Wer sich aber mit einem Bekannten abspricht und jeder seinen Part mit einem spezialisierten Charakter im koop übernimmt, der beginnt zu erahnen,was man hier hätte rausholen können.

- Entdeckernaturen und Freunde von Konversationen werden zudem keinen Spaß an Too Human haben. Die Level sind strikt linear, sogenannte “Verstecke” sofort erspäht. Die Abwechslung kommt auch viel zu kurz, Angriffswelle für Angriffswelle in die ewigen Jadggründe schicken, zwischendurch ein wenig sterben, neues Equipment anlegen, dann eine kurze Zwischensequenz und weiter kämpfen. Dieser Ablauf wiederholt sich für die gesamten 20+ Stunden, die ein erstmaliges Durchspielen mindestens dauert. Erst das vierte und letzte Level hat ein paar Abzweigungen zu bieten, doch auch hier wird man wie auf Schienen hingeführt. Die einzige Stadt im Spiel dient lediglich dazu, die vier “Dungeons” miteinander zu verknüpfen und die Sotry voranzubringen. Zwei oder drei Charaktere haben etwas zu erzählen, wenn man sich einfach nur neben sie stellt, Multiple Choice Gespräche sind nicht vorhanden.

- Das Konzept des Cyper Space ist von der Grundidee her nicht das Schlechteste, denn im Vergleich zur üblichen Vorstellung ist die Realität die kalte Maschinenwelt und in der virtuellen Realität findet sich eine grüne Oase, die im kompletten Kontrast dazu steht. Doch leider dienen diese Plätze nur dem doofen Ziel, einen Schalter umzulegen, um in der anderen Welt eine Tür zu öffnen. Kurz ein paar Meter laufen, nur um diese triviale Aktion auszuführen fühlt sich furchtbar oberflächlich und deplaziert an.

Too Human stand bei vielen sicher auf der “eventuell Must Have” Liste und hatte im Vorhinein den Status eines AAA Titels. Sogar die Demo hat (zumindest mir) noch großen Spaß gemacht (auch wenn hier schon der Großteil der Zocker abgeschreckt wurde), umso mehr enttäuscht das fertige Spiel. Wer nicht schon vorher aufgrund des permanenten Ablebens entnervt aufgibt, verspürt spätestens im vierten Level gähnende Langeweile, denn bis auf die neuen Gegner wiederholen sich vom ersten bis zum letzten Kampf die wenigen Aktionen minütlich. Ich verstehe, welche Intention Silicon Knights mit diesem groß angelegten Epos verfolgt hat, doch die Umsetzung lässt von der möglicherweise guten Idee nicht mehr viel übrig. So muss man nicht nur sich, sondern vor allem die Entwickler fragen: Wofür habt ihr so lange gebraucht, was genau ist in dieser ewig langen Zeit passiert? Die guten Ansätze sind zu erkennen, doch ultimativ kann keine einzige der großen Erwartungen an dieses Game erfüllt werden. Die Aussicht auf eine Fortsetzung stimmt uns in Anbetracht alles Gesagten nicht wirklich freudig, es würde schon ein fast komplett neues Spiel brauchen, um aus dem zweiten Teil den Titel zu machen, den wir uns bereits mit dem ersten erhofft hatten.

Wie sich in einigen Foren und anhand der Verkaufszahlen zeigt, haben dennoch manche Leute ihren Spaß mit Too Human, den wollen wir ihnen beim besten Willen auch nicht miesreden. Möglicherweise haben wir einfach nur falsch gespielt, wie Denis Dyack, Präsident von Silicon Knights, uns vor kurzem weismachen wollte .

5/10

Wir bedanken uns bei Microsoft für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsmusters.

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  5. Geile Bilder zu Too Human!

4 Kommentare zu “Too Human Review / Test”

  1. eichohrkatze says:

    Wirklich gutes Review! Ich finde es toll dass man in Too Human einzelne Bodyparts gezielt angreifen kann, da habe ich mich ziemlich darüber gefreut, aber ansonsten frage ich mich auch, was zum Kukuk haben die Entwickler die ganze Zeit über gemacht?

  2. Joerg says:

    Ja, Körperteile anvisieren an sich ist eine gute Idee, leider ist das System schlampig umgesetzt.

  3. Nordmann says:

    Hört doch mal endlich auf über das Game so herzuziehen, das Game hatt seine Fehler so wie jedes andere Game auch, nur wird komischerweisse das bei anderen Games nicht bewertet.
    Einige tester meinen wohl sie müssten jetzt bei diesem Game ein exempel statuieren nur weil sie jetzt nach 10 jahren wartezeit soooo entäuscht wurden.
    Da wird alles was schlecht ist aus dem Spiel rausgepopelt und dann nochmal durch den Dreck gezogen. So etwas widert mich an.

  4. Joerg says:

    Hast du auch nur ein Wort gelesen von dem, was ich geschrieben habe? Ansonsten stichhaltige Argumentation von deiner Seite. Wenn dir das Spiel gefällt, hab Spaß damit, welche Erfahrungen ich gesammelt habe, kannst du oben nachlesen.

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