Okt 152008
 

In seinem Bestreben, immer neue Herausforderungen in der Pracht und Gewalt von Mutter Natur zu finden und schlussendlich zu meistern, erfand der Mensch wohl irgendwann den Extremsport. Er erklimmt Berge, rudert durch Stromschnellen, taucht in lebensgefährliche Tiefen – oder er reitet auf einem 50-PS-Motor durch Gelände, durch das sich die meisten nicht einmal zu Fuß trauen würden, ehe er in der Luft noch schnell einen „Back Flip Lazy Boy“ vollführt. Die Rede ist natürlich von PURE, dem neuen Quad-Rennspiel aus dem Hause Blackrock Studios, die sich unter dem Namen Climax Racing schon mit artverwandten Titeln wie Moto GP oder ATV Offroad Fury bewiesen haben. Auf der diesjährigen E3 bereits mit allerlei Vorschusslorbeeren gekrönt, bedient PURE wie kaum ein anderes Spiel seiner Gattung zuvor den inneren Adrenalinjunkie; es massiert ihm die Füße, bringt ihm einen Cocktail mit Schirmchen, und schmeißt ihn anschließend in 11.000 Metern Höhe aus einem Flugzeug.

Please don’t try this at home

Man hat es schnell erraten: PURE ist durch und durch die Definition dessen, was sich gemeinhin „Fun-Racer“ nennt. Wer realismusvernarrte Sportsimulationen sucht, der investiere sein Geld an anderer Stelle, denn hier hat man es mit der auf Couchpotatoes zugeschnittenen Überspitzung und Verherrlichung von Erlebnissen zu tun, für die uns im echten Leben leider oftmals das Geld, die Zeit oder schlicht der Mut fehlen dürften. Aus genau diesem Grund macht PURE auch einfach so unverschämt viel Spaß, denn die Grenzen der Schwerkraft sollten uns in Videospielen hin und wieder einfach nicht interessieren müssen. Bühne frei also für tollkühne 7-Meilen-Sprünge, die genügend Zeit in der Luft bieten um die Tageszeitung zu lesen, die aber stattdessen natürlich auf die undenkbarsten Angebertricks verwendet wird. Die halsbrecherischen Manöver sind hierbei mitnichten bloß Zierde, sondern das wohl wichtigste Kernelement des Spiels: Führt man im Sprung von einer der zahlreichen Anhöhen, mit denen die Rennstrecken übersät sind, einen Trick erfolgreich aus (heißt: Bricht sich bei der Landung nicht das Genick), sammelt man sogenannten „Juice“ (engl.: Saft) – eine blaue Leiste, die sich am unteren Bildrand füllt – wobei man natürlich umso mehr belohnt wird, je waghalsiger der Trick. Juice kann per Knopfdurck als Treibstoff für Geschwindigkeitsboosts genutzt werden, ohne die man in PURE schnell auf der Strecke bleibt. Nun werden schwierigere und hübscher anzuschauende Tricks jedoch erst bei einer bestimmten Mindestmenge an Juice verfügbar, weswegen man bei aller Konzentration auf die Piste niemals den Füllstand aus dem Auge verlieren darf. Zu wissen, wann man seinen Juice lieber aufbewahrt, und wann man beherzt drauflos boosten sollte, erfordert also durchaus Instinkt und geschicktes Haushalten. Wer übrigens die Leiste bis zum Anschlag füllt, wird mit einem Spezialtrick belohnt, den man sich allerdings für SEHR weite Sprünge aufheben sollte. Die sind dann nicht nur atemberaubend anzuschauen, sondern gewähren bei erfolgreicher Landung auch für ein paar Sekunden unbegrenzten Juice.

Das Prinzip, Wagemut mit Geschwindigkeit zu belohnen, ist den Arcade-Pistensäuen unter uns mit Sicherheit zu Genüge aus den Spielen der Burnout-Reihe bekannt; und in der Tat kommt man dem Gameplay von PURE ziemlich nahe, wenn man sich eine Mixtur aus Burnout, Wave Race und Excitebike verbildlicht. Nicht nur sorgloses Gasgeben ist gefragt, denn so intuitiv und weich das Spiel sich auch von Anfang an steuert, muss man dennoch ein Gefühl dafür erlangen, ein Quad durch das staubige Gelände zu jagen. Jeder Stock und jeder Stein, jede falsch abgeschätzte Unebenheit des Bodens kann euch aus dem Sattel werfen und wertvolle Zeit und vor allem Juice kosten. Aber nach spätestens drei oder vier Rennen sollte man den Bogen raus haben.

Tu‘ es – aber tu‘ es mit Stil

PURE bietet drei grundlegende Renndisziplinen: Race, Sprint und Freestyle, in jedem davon tretet ihr gegen 15 konkurrierende Quad-Piloten an. Race dürfte dabei wohl selbsterklärend sein, es geht auf ausgedehten Offroad-Pisten über drei Runden um die Erstplatzierung, die euch all euer Können im längerfristigen Kombinieren von Tricks und Tempo abverlangen wird. Sprint ist die drastisch verkürzte Version davon, hier zählt auf nur wenige Sekunden umfassenden Strecken über fünf Runden vor allem die optimale Beherrschung des Kurses und die Ausnutzung absolut jeder Sprungmöglichkeit, denn jeder Tropfen Juice entscheidet hier über euren Sieg. Freestyle ist zu guter Letzt die reine Trick-Disziplin; hier wird ohne Rundenbegrenzung auf Punktejagd gegangen, indem ihr versucht eure Stunts so schnell wie möglich hintereinander darzubieten, denn nur durch permanente Kombos könnt ihr die dicken Punkte absahnen. Allerdings seid ihr hier mit begrenztem Treibstoff unterwegs, und könnt ihn nur durch Trick-Kombos sowie das Einsammeln von entsprechenden Symbolen wieder auffüllen. Ist der Tank leer, endet das Rennen, und eure Punktzahl wird mit der eurer Konkurrenten verglichen.

Kernstück in PURE ist zunächst die „World Tour“, sprich der Karriere-Modus. Ihr wählt aus einem von 6 Fahrern, die sich beim Rennen allerdings nur in ihrer Kleidung und ihrem individuellen Spezialtrick unterscheiden, und auch vor jedem Rennen gewechselt werden dürfen. Entscheidet euch also für den, dessen juvenile Hipness euch am wenigsten befremdet, und nehmt in insgesamt zehn Stages, die sowohl von der Streckenauswahl als auch der Gegner-KI her zunehmend herausfordernder werden, an jeweils vier Rennen teil: zwei Race-, ein Sprint- und ein Freestyle-Event. Platziert ihr euch in einem Event an der Spitze des Feldes, bekommt ihr nicht nur Punkte, die ihr zum Erreichen der nächsthöheren Stage benötigt, sondern schaltet die gemeisterte Strecke auch für die weiteren Spielmodi frei: „Single Event“, wobei die Rundenzahl bis auf 10 hochgeschraubt werden darf, „Trial Mode“, der zum Aufstellen von neuen Rundenrekorden ohne lästige KI-Gegner einlädt, und nicht zu vergessen der Onlinemodus, der großartigerweise ebenfalls mit bis zu 16 Fahrern bestritten wird. Was hier wieder einmal enttäuscht, ist die völlige Abwesenheit von Offline-Multiplayer. Der Splitscreen ist heutzutage offenbar zu einer nahezu verpönten Randerscheinung geworden, somit werden gesellige Abende mit Freunden vor der Konsole um einiges ärmer an Auswahl. Doch wollen wir uns an dieser Stelle nicht mit Exkursen aufhalten, zumal ein 16-Spieler-Modus eigentlich keinerlei Grund zum Meckern bietet.

Wenn du es baust, wird er kommen…

Auch wenn PURE ohne Lizenz für echte Fahrer des ATV-Sports daherkommt, bietet es für Fans dennoch ein besonderes Schmankerl: Die Möglichkeit, sein Quad von Grund auf eigenhändig Einzelteil für Einzelteil zusammenzuflicken. Die Auswahl der Teile, die übrigens von lizensierten Herstellern stammen, beeinflusst natürlich maßgeblich das Fahrverhalten eures Quads, von der Beschleunigung über das Kurvenverhalten bis hin zur Dauer, die euch in der Luft für Tricks zur Verfügung steht. Es macht definitiv Sinn, sich mit den verschiedenen Konfigurationsmöglichkeiten ausgiebig auseinanderzusetzen, denn die drei unterschiedlichen Renndisziplinen verlangen eurem Quad ebenso unterschiedliche Eigenschaften ab. Anfangs müsst ihr euch noch mit drei Garagenstellplätzen und einer eher mageren Auswahl an Einzelteilen begnügen, werdet aber für jedes absolvierte Event im World Tour – Modus mit Nachschub an beidem belohnt. Erst durch die Verarbeitung hochwertigerer Teile, die die Performance eures Quads entsprechend aufwerten, beginnt der Rennspaß von PURE sein volles Potential zu entfalten.
Wer jetzt wiederum fürchtet, zu komplizierter Feintuning-Arbeit der Marke Gran Turismo gezwungen zu werden, darf beruhigt aufatmen: Zum einen geht dieser Aspekt nicht weit genug in die Tiefe, um dem unbeschwerten, vorrangig auf Action ausgelegten Gameplay in die Quere zu kommen; zum anderen können sich die ganz Faulen einfach per Knopfdruck ihr Quad je nach Disziplin optimal zusammenbauen lassen. Man merkt: Wer den kurzen, atemlosen und Augen verwöhnenden Kick für zwischendurch sucht, kommt mit PURE genauso schnell ans Ziel, wie alte Rennsport-Hasen durch den fordernden Karriere-Modus und die umfangreiche Bastler-Komponente auf ihre Kosten.

Game Facts
Entwickler: Black Rock Studios
Publisher: Disney Interactive
Genre: Racing
USK: 6
Pegi: 3+
Multiplayer: 16
Sprache: Multilingual
Preis: EUR 59,95 / CHF 99,-
Website: http://www.purevideogame.com/
Review PURE
Beschreibung
Steuerung
Geht Arcade-typisch auch für Einsteiger leicht von der Hand, jedoch will die Beherrschung des Terrains erst einmal geübt werden.
Grafik
Flüssig und wunderschön. Prächtige Hintergründe und Umgebungen lassen vor allem die todesmutigen Tricks in luftiger Höhe zu einer wahren Augenweide werden.
Sound
So ein Quad gibt natürlich keinen allzu imposanten Motorensound von sich. Dafür bläst Rennspiel-typischer Rock-Hedonismus aus den Lautsprechern. Passt.
Spielspaß
Yes, Sir. PURE schreibt das „FUN“ vor dem „Racer“ besonders groß, indem es Realitätsnähe außer Acht lässt und dabei immer herausfordernd bleibt.
Sonstiges
+ über 50 Events
+ unzählige Tuning-Möglichkeiten
+ 16 Spieler Online-Modus
kein Offline-Multiplayer
Fahrerauswahl ziemlich redundant
Stürze können arge Probleme bereiten, wieder in den Spielfluss zurückzufinden
90% Fazit
PURE spielt sich grandios, und wird seinem Selbstanspruch als unbeschwerter Geschwindigkeitsrausch perfekt gerecht. Trotz der spaßigen Überzogenheit und luftigen Extremsport-Hipness lässt das Spiel einen Zweifel keineswegs offen: Dass die Entwickler bei Black Rock Studios ihr Handwerk von leichtmotorigem Offroad-Gebretter im Schlaf beherrschen. Ein unkomplizierter, dennoch technisch nahezu makelloser Rennspaß, der auf sportliche Authenzität pfeift und mit Erfolg auf Jedermann-Kompatibilität setzt.

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