Es rollen Köpfe wie damals im Rahmen der Französischen Revolution. Altgediente Machthaber danken ab. Diesen Standpunkt konnte teilweise man der Presse entnehmen, die PES 2009 im Vergleich zum Dauerrivalen FIFA 2009 als unterlegen bezeichnete. Es zeichnete sich ein epochaler Machtwechsel in der unangefochtenen Führungselite ab.
Doch dem Kopf-an-Kopf-Rennen kann ich persönlich nicht folgen, da mir der erstarkte Konkurrent von EA leider verwehrt geblieben ist. Warum? Die jährliche Tradition verdammt einen eben zu gefühlsgetränkten Investitionen, die abseits von Objektivität erheischender Meinungsbilder gefüttert werden. Der Mensch kann sich eben nicht von bestimmten Traditionen, und vor allem Gewohnheiten trennen. Der Herbst geht eben mit einem PES-Teil einher. Das ist ein in Stein gehauenes, ehernes Gesetz. Schleichen sich in diesem Jahrgang wirklich erste Abnutzungserscheinungen ein? Meiner beschränkten Meinung nach nicht. Doch das ist wie immer nur eine bedingt zuverlässige Stellungnahme.
Denn letztes Jahr habe ich mir, in Ermangelung einer Xbox 360, „nur“ die PS2-Version von PES 2008 gegönnt, das nach einer notorisch erfolglosen Meisterliga-Saison wieder verkauft wurde. Irgendwie sprang damals nicht der Funke über. Doch warum das Breitschlagen persönlicher Anekdoten? Einfach weil bei Spiele-Reviews die individuelle Konstellation nicht außer Acht gelassen werden darf. Mein erster Ausflug in die Current-Gen Gefilde einer Fußball-Simulation wird also von einem Premierencharakter übertönt, der die nötige Sachlichkeit und Besonnenheit wenigstens zum Teil ertränkt.
Warum PES2009 nicht enttäuscht
Warum kauft man sich eine Fußball-Simulation, die mit einem rudimentären Rumpflizenzkader ausgestattet ist und ansonsten mit Authentizität geizt? Warum kann man sich über die grausigen blechernen Fan-Gesänge aus der Konservenbüchse hinweg trösten? Warum gleicht die sterile Atmosphäre, die im Fußball-Stadion wogt, einer in vitro-Befruchtung, während man sich darüber, Abgründe überschreitend, hinwegsetzen kann?
Warum, Warum, Warum. Weil auch der neuste 2009er Ableger mit einer gehörigen Portion Unberechenbarkeit auftrumpft, der der PES-Reihe eigentümlich ist. Vielleicht hat FIFA in diesem Bereich kräftig Boden gut machen können, aber nach einigen Testberichten zu urteilen, hat die Serie von Konami auch in diesem Jahr hier (klar) die Nase vorn. Eine virtuelle Fußball-Abbildung kann meiner Meinung nach nur authentisch und nachbildend sein, wenn sie den Geist des nachempfundenen Sports auch erhascht. Und das Spannende, ja Süchtigmachende am Fußball ist eben die unklare Unberechenbarkeit. Keine Kalkulationstabelle kann dem Fußball ein erklärendes Muster überziehen. Und genau das kann PES 2009 in gewohnter Manier einzwängen in ein Software-Korsett. Das ist das Entscheidende. Durch das unnachahmliche Spielbarkeitsgeflecht der Serie wird wieder dieser schwer zu beschreibende Zauber entfacht, der einen die täglichen Einspritzer seiner hartgesottenen Fußball-Dosis verschafft. Übrigens, im Mittelfeld offenbart sich eine taktische Note, die dem 2009er einen enorm überzeugenden Eindruck verschaffen kann. Dem Antizipieren von über die Rasenfläche hoppelnden Bällen kommt eine elementare Bedeutung zu. Wer der starken KI im Keim auf den Fuß treten möchte, muss aufmerksam und mit einer überaus gut geölten Fingermuskulatur auf der Hut sein. Unüberlegte Grätschen führen zu einem Meer an farbigen Karten, und körperbetonte Tacklings benötigen ein präzises Timing, weswegen dem Abfangen der Pässe in der Verteidigung viel Relevanz zufließt. Ständige Aufmerksamkeit ist deswegen gefragt. Die Wichtigkeit des immateriellen Spielelements schlägt sich auch in der Spiel-Statistik nieder, denn jeder abgefangene Pass des Gegners wird numerisch archiviert.
Die exzellent ausgefeilte Ball-Physik mag in einigen Situationen Schwächen offenbaren. In manchen körperbetonten Zweikämpfen gebärdet sich das runde Leder wie ein quirliger und luftleichter Tischtennisball. Doch das sind versickernde Ausnahmeerscheinungen, die den gebotenen Realitätsgrad auf keinen Fall mildern können. Gewiss, manche Flankenbälle von der Außenbahn nehmen sich wie kometenhafte Explosivgeschosse aus, die durch das zweimalige Drücken der Schultertaste auf den mannschaftseigenen Stoßstürmer herabtröpfeln. Das hätten die Entwickler von Konami vielleicht etwas entschärfen können. Doch man ist dankbar für die Einflechtung erfolgversprechender Offensiv-Aktionen, denn gerade Anfänger werden sich zu Beginn ihrer Laufbahn wohl vermehrt auf die probaten Außenbahnen fokussieren, die von der KI manchmal haarsträubend vernachlässigt werden. Sicherlich ist das Stürmen im Spielstärke erfordernden Mittelfeld-Flechtwerk nur durch ein reaktionsschnelles Kombinationsspiel zu bewerkstelligen. Sicherlich reagiert der Schussbalken etwas empfindlich und führt ab und zu Veitstänze auf, doch PES-Veteranen werden sich an das sensible Abschluss-System nach einigen Matches ja wohl gewöhnen können. Dann wird der Ball auch nicht mehr allzu oft in den Zuschauerrängen landen.
Der größte Faktor, der einem das Spiel abträglich machen kann, ist das Faktum, dass sich gegenüber dem Vorgänger wirklich wenig nichts getan hat. Am Gameplay wurden wieder einmal behutsam die Stellschrauben justiert, das Geschwindigkeitsgefühl nimmt sich vielleicht etwas simulationslastiger aus. Das ist auch der gewichtige Grund, warum sich Besitzer der Xbox 360- oder PS3-Version des Vorgängers mit allzu großer Berechtigung abwenden könnten. Die berechtigte Frage ist eben, ob man für ein vergleichbar minimal aufgebohrtes Spiel 60€ auf den Ladentisch wuchtet.
Der im Vorfeld pathetisch besungene „Be A Legend“-Modus, in dem ihr als talentierter, aufstrebender Neuling in das eiskalte Fußball-Geschäft geschmissen werdet, nimmt sich klinisch rein aus. Aber ich müsste mich dort mehr ausspielen, um ein fundiertes Bild abgeben zu können – wer sich jetzt anfängt zu beschweren, sollte dessen eingedenk sein, dass es sich hier um ein Pseudo-Review handelt. Ein Blankoscheck für ausufernde Unprofessionalität. Deswegen darf man gamingwelt.com übrigens nur vergöttern. Freiheit über alles!
Doch zurück zum Spiel: Die Zeit wird überproportional von der Meister-Liga aufgefressen. Der Spiel-Modus ist ein wollüstiges Krümelmonster, das einem die letzten Bruchstücke der Zeit unwiederbringlich aus der Hand frisst. Vom Reißbrett aus ein amateurhaftes Mannschaftsgefüge zu kreieren, das sich über Jahre hinweg über erfolgreiche Spiel-Bilanzen und punktuelle Transfers zu einem renommierten, internationalen Spitzenteam aufschwingt, versprüht immer noch einen gewaltigen, Sucht antreibenden Schauer. Der Modus wurde nur kosmetisch verbessert, doch es macht traditionell sehr sehr viel Spaß, sein individuelles Team auf das von rauschenden Siegesritualen okkupierte Podium zu hieven. Langzeitmotivation pur!
PES 2009: Ja oder Nein
Vorbesitzer der Xbox 360- bzw. PS3-Version von PES 2008 sollten sich den Kauf des aktuellen Sprosses vielleicht noch einmal ernsthaft überlegen, doch jene, die im Vorjahr nicht in den Genuss einer Current-Gen PES-Version gekommen sind, sollten meiner Meinung nach ohne Bedenken zugreifen. PES 2009 ist auch in diesem Jahr eine enorm spielstarke Ausgabe, die vielleicht als Gesamtpaket betrachtet gegen FIFA 2009 viel Boden verliert, dafür aber auf dem Platz gewohnte Stärken ausspielt.
Das Lizenz-Paket von PES 2009 ist eigentlich eine milde Frechheit. Der mit viel Hymnen versehene Champions League-Modus krankt an einer unvollständigen Mannschaftsaufstellung (denn Bayern und Bremen fehlen schließlich) und deutsche Nationalspieler laufen immer noch mit befremdlichen Phantasienamen herum. Das nagt ein wenig am Gesamteindruck, doch am Ende, so ging es jedenfalls mir, erliegt man wieder dem alljährlichen Rauschgiftmittel: Pro Evolution Soccer wie es leibt und lebt. Der König lebt eben doch noch!
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