Aufstehen, arbeiten, fernsehen, sterben = Animal Crossing Light


Wenn mir ein allwissendes und allmächtiges Wesen (im Volksmund: Gott) die erlauchte Wahl überlassen würde, in welches Leben ich schlüpfen könnte (quasi eine mit Boni versüßte Reinkarnation nach einem mickrigen Karma-Kontostand, der mir den Austritt aus dem elendigen Kreislauf verwehrt), dann würde ich ohne lange zu überlegen Sisyphos‘ Rolle übernehmen. Das ständige Schleppen und Anschieben eines kugeligen Geröllhaufens hält einem wenigstens vom Denken ab. Und manche sagen sogar, er sei ein glückliches Lebewesen gewesen. Also, was liegt mehr an?

Doch trotz dieses Votums zugunsten eines eher einfältigen Lebensstils liegt es meinem Willen fern, am 5. Dezember zum anstehenden Animal Crossing: City Folk (zu PAL: “Let’s Go in the City!”…hurra!!!) zu greifen. Im Eifer des Innovationswahns und der im Videospiel-Sektor alle Grundfestigkeiten aufwirbelnden Reformation hat sich Nintendo wohl, um erschöpfte Krafttanks zu schonen, die Blässe der Stagnation auf die Fahnen geschrieben. Wir erinnern uns an Animal Crossing für den GameCube, das den Grundstein für diese enorm zugkräftige Marke in die Böden einrammte. Nach dem ob des Erfolgs unsympathisch gewordenen The Sims hatten alle Abtrünnigen also eine humorige und esoterisch anmutende Alternative, bei der sich zweibeinige Archetypen in dickbäuchige Elefantenmenschen verwandelten, die sich abseits des heimeligen virtuellen Dorfes wohl in Menschen anlockenden Zirkuszelten wieder finden würden – quasi eine moderne Heterotopie. Ein realer Ort innerhalb eines existierenden Ortes, wenn ich mich noch richtig an die Wucht eines Foucaults erinnern kann. Ein Rückzugsort für von der Gesellschaft abgeschriebene Außenseiter. Eine Enklave wie die Ghule, die in Fallout 3 im Geschichtsmuseum hausen (ich muss dieses Spiel aus dem Kopf hauen…es muss da raus!) Vielleicht avancierte Animal Crossing auf Grund dieses Tatbestands zu solch einem Glücksgriff. Dort wurden alle unsere Marotten und Spleens angesprochen und sie spiegelten sich auf den Gesichtern der monströs erscheinenden, animalischen Machwerke eines vierköpfigen Gottes wider.Wer würde nich gern so sinnentleert daher palavern, wie eine mit dicken Eutern bepflanzte Milchkuh, die bar jeder Logik und Sachverstand müde vor sich hinredet: “Das Wetter ist so schön. So schön”. Das ist der Tagesablauf, den sich der Mensch erwünscht, während er von Unwägbarkeiten, Finanzstürmen und Immobiliengebrechen überrumpelt wird. Im Leben ohne qualitative Einbußen sinnlos dahin vegetieren – nur die primär erforderlichen lebenserhaltenden Maßnahmen ergreifen (fressen, schlafen, ****). John Stuart Mill hat in seinem utilitaristischen Hauptwerk (wenn ich mich nicht irre) davon gesprochen, das Leben eines geistig hochstehenden Wesens sei dem Leben eines Schweines vorzuziehen. Geistige Genüsse gewähren eine exponentielle Lebensqualitätsanhäufung. Nach dem Studium von Animal Crossing bleibt uns nur zu antworten: “Nein, ich will ein Schwein sein. Und wenn wir schon bei Wunschäußerungen sind, dann bitte ein Schwein aus Animal Crossing.” In diesem Fall ist es kinderlicht, argumentativ schlüssig und nachvollziehend einem Philosophen zu widersprechen, ohne dafür sprachliche Winkelzüge dechiffrieren zu müssen.

Anders als bei DSF (wer ist Trainer des FC Bayern? 1. Jürgen Klinsmann 2. Udo Lindenberg 3. Josef Stalin) müssen wir hier die Segel streichen und einfach bekennen: wir haben keinen blassen Schimmer!

Doch zurück zum Hauptthema: City Fok steht vor der Haustüre und wir fragen uns, ob wir uns das zum wiederholten Male antun sollen. Nach Wild World für den DS ist vielleicht teilweise die Luft ausgepumpt worden und nach dem Lesen des Reviews auf 1UP.com hat sich mein mikroskopisches Interesse auf die Größe eines Antimaterie-Teilchens reduziert. Die Faszination von Wild World ging schon in hohen Maßen flöten, als man sein Tagwerk darauf beschränkte, Obst zu pflücken, den Boden nach vergrabenen Artefakten abzusuchen oder kleinteilige Insekten aufzuklauben. Das Geld investierte man dann in Möbel und andere Waren, die einem nur deutlich machten, dass sich das Leben auf Konsum, Konsum und nochmals Konsum beschränkt. Nun stellt sich wirklich die Frage: schon wieder in den selben Trott verfallen? Kann ein Wii Speakui die Monotonie und exzessive Stagnation in einen zumindest im Online-Bereich Abwechslungsreichtum spendenden Spaß verwandeln? Die Sammelwut aller Feng Shui-Spezialisiten kann sich auf die massive, quantitative Erhöhung der Gegenstände stützen. Doch allen anderen entlockt das vielleicht nur ein gutmütiges Gähnen, das wir behutsam hinter vorgehaltener Hand zu kaschieren versuchen.

Jedenfalls nervt es mich, dass Nintendo dem wirklich genialen Animal Crossing nur einen asthmatischen Odem einhaucht, der einfach als etwas zu kurzatmig erscheint und keine Argumente dafür liefert, nach Wild Word wieder zu einem Ableger der sympathischen Reihe zu schnappen. Mal schauen, was die anderen Reviews so zur Sprache bringen. Die Staubkolonien auf meiner Wii-Oberfläche, die gerade in ihrer Herrschersucht und Hybris einen Nachbau des Turm von Babel bewerkstelligen wollen, werden sich glückstrunken in den Armen liegen. Ihrem Ehrgeiz und Übermut wird das nur entgegen kommen.

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Ein Kommentar zu “Aufstehen, arbeiten, fernsehen, sterben = Animal Crossing Light”

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