Der Pakt mit dem Teufel: Der mephistopheleskeste Moment im Jahre 2008


Das Jahr 2008 war ein Jahr der ultimativen Wachablösungen: Der Kapitalismus wird zu Tode gegraben und die freie Marktwirtschaft beugt sich einem korrigierend eingreifenden Etatismus. Vielleicht schafft sich der Kommunismus durch ein Hintertürchen wieder Zutritt und wir versüßen unseren Gedankenhorizont bis zur Diabetes-Erkrankung mit träumerischem, sozialistischem Zuckerwerk. Doch eine viel wichtigere Zäsur (aus unserem Blickwinkel jedenfalls) ereignete sich in vielen sensiblen Gamer-Herzen.

Der Liebling aller Nerds, Nintendo, ist zu einem unliebsamen Ex-Freund degeneriert, dem man, in Erinnerungen schwelgend, wehmütig nachtrauert. Die Firma hat sich vom Außenseiter, der in der Schule permanent gehänselt wird, zur allseits coolen Sau gewandelt. Dass Außenseiter immer die „interessanteren“ und „vielschichtigeren“ Menschen sind, wissen wir zu Lasten der Ausgestoßenen leider immer erst, wenn wir die Schule seit Jahren verlassen haben und in Gedanken an die geknechteten Bankdrücker zurückblicken.

Doch Schwamm drüber. Zu Beginn des Kalenderjahres klimperte der Spieler zwar noch eher gelangweilt auf einer witzlos gestimmten Klaviatur namens Super Paper Mario, das nur ein blasses und ungewürztes Abziehbild der glorreichen Vorgänger darstellt, doch darüber hinaus ereignete sich (fast) nichts. Mario Kart Wii war der Inbegriff des schlagartig satt machenden Fast Foods und konnte zwar innerhalb einer Woche ein unheimliches Spielspaßfeuerwerk entfachen, verglomm aber nach einer Stunden verschlingenden Einarbeitungszeit zusehends. Im Gamasutra’s Best of 2008-Artikel erklingt folgender prägnanter Satz: “Es ist enttäuschend zu sehen, dass die wohl erfolgreichste Konsole aller Zeiten so wenig zu tun hat mit der restlichen Videospiel-Industrie.

Doch warum beklagen wir uns denn? Woher rührt der “moralische Pyrrhussieg”, den Nintendo erringt? Das muss irgend einen triftigen Grund haben! Wir von gamgea.com (Link: ich bin ein selbstreflexiver Link!) lassen gern unseren investigativen und detektivistisch geschulten Trüffelschwein-Spürsinn walten, haben Spurensuche betrieben und in jeder noch so vernachlässigten Hinternritze geschnüffelt. Denn wir haben uns ins ferne Japan begeben und die Hauptquartiere des Herd des Bösen aufgespürt. Beim suchenden Blick in ein verdächtig schummrig beleuchtetes Zimmer, sind wir auf einige skandalträchtige Antworten gestoßen, die uns regelrecht umgehauen haben. Folgender Dialog entspann sich zwischen Dr. ***** und einem Wesen transzendentaler Herkunft (um unsere eigenen Mäuler mit Honig einzureiben, müssen wir euch darauf hinweisen, dass wir es hier mit einem exklusiven Enthüllungsjournalismus zu tun haben, der dem Watergate-Skandal eindeutig den Rang abläuft) – zum Glück war ein emeritierter Stenograf dabei!*

Regieanweisung: In einem in der hintersten Ecke gelegenen Mansardenzimmer, kärglich eingerichtet. Man merkt in allen Zügen des Mobiliars, dass hier der Geist des “armen Poeten” von Carl Spitzweg umher zieht.

Dr. *****. Habe nun, ach als Gefäß für Eternal Darkness,
Pikmin 2 und Wind Waker
und leider auch für Star Fox Adventures hergehalten.
Mit heißem Bemühn
habe ich vor der Masse selbstvergessene Bücklinge gemacht
und habe im Stile eines rigorosen Silvester-Abends
eine ganze Palette von Qualitätsprodukten abgebrannt
Doch da steh ich nun, ich armer Tor,
und bin so klug, als wie zuvor.
/(Faust I – Nacht V. 358 – 359)/*
Da stürze ich nun fast in den Ruin
und sehe, dass wir trotz aller Bemühungen das Rechte nur am Rande streifen
Mit saurem Schweiß habe ich gerackert, malochet und geschwitzt
und am Ende nur den Beifall von Hanswürsten eingesackt.

* Goethe-Zitate werden mit anschließendem Quellverweis vermerkt

Regieanweisung: Dr. ***** rauft sich die Haare, erleidet Zuckungen und windet sich mitleiderregend vor Schmerzen und Pein in seinem schmucken Mansardenzimmer (in diesem Moment wollten wir schon helfend eingreifen, doch das Folgende hielt uns von unserem schopenhauerischem Mitleid ab)

Dr. *****. Nein! So will ich nimmermehr enden! Genug ist genug!
Meine Seele würd’ ich hinblättern für ein Schlückchen Weltruhm und gesunde Finanzbücher!

Sobald sich das metaphysische Substantiv „Seele“ mit dem Verbum „verkaufen“ paart, kriecht ganz im Stile von Goethe, Hugo von Hoffmannsthal und Hollywood der voyeuristisch veranlagte Teufel daher, und hört schon das Klimpern seines Geldsäckels – eine kausale Notwendigkeit (was die Dichtung uns immer unter die Nase reibt)

Dr. *****. Huch, wer klopfet an der Tür?
Der Teufel. Der Teufel ists, Du notorischer Einfaltspinsel!
Du hast die magische Wortkombination ausgesprochen.
Mein persönliches „Sesam öffne Dich“
Sperr die verdammte Pforte auf
Wenn du mir deine Seele für erklecklichen Ruhm und klimpernde Goldtaler verkaufen willst
dann eile zum Riegel und enthaubte ihn!
Dr. *****. Das ist ein Wort, das mir gefällt.
Drum sperre ich ihm auch die Türe auf.

Regieanweisung: Der Teufel betritt das Zimmer. Und kommt, wie es sich für einen Teufel geziemt, gleich zur Sache.

Der Teufel. Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt.
Beliebts Euch, überall zu naschen,
im Fliehen etwas zu erhaschen,
Bekomm Euch wohl, was Euch ergötzt!
Nur greift mir zu und seid nicht blöde!
Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.

/(Faust I – Studierzimmer)/

Regieanweisung: Dr. ***** versteht wohl falsch und will sich vor lauter Gier die Pulsader aufschneiden. Doch der Teufel, mit einem süffisanten Lächeln die Ironie witternd, schreitet ein und hilft ihm mit einer Nadel aus. Ein Bluttröpflein besiegelt den beidseitig im gegenseitigen Einvernehmen ratifizierten Vertrag!

Der Teufel. Nun, lebe wohl du neu erkorener Lebemann.
Schlürfe vom Erfolg, und streiche ein, was dir beliebt.
Nur gräme dich nicht, wenn deine Seele am Ende deiner Tag’ zu mir herüber schwebt. (juhu, der erste geglückte Reim! Anm. des Autors)
Dr. *****. Nun werd’ ich den kleinen Finger heben
Und mehr Geld erhaschen als mein Säckel fassen kann.
Vorbei die marternde Unbill
als ich mit dem Pflug steiniges Ackerland bearbeitete
Und nur einen kümmerlichen Lohn davontrug.
Erst dacht’ ich, ich muss das Schicksal eines erfolglosen Schriftstellers teilen,
doch der Hunger bleibt mir nun erspart.

Am Anfang die Konservendosen aufgemacht
Und ein paar „zwielichtige“ Lockmittel ausgestreut für unseren treuen Kern
Danach sollen sie verhungern und als Tiergerippe enden
Mit Carnival: Die Jahrmarkt-Party
Mit Sports Island
Mit Mario Party 8
Und RTL Winter Sports 2008
Wird die fette Gans mit gefakten Trüffeln und Maronen vollgestopft
All dies ist teuflisches Gebräu, das mir der Satan höchstpersönlich briet.
Ich höre schon das Wimmern und Murren dieser Idioten
Sollen Sie krepieren!

Nach diesem erschreckenden Dialog verschwand der Teufel auf einen Schlag und die firmeneigenen, mit Tollwut gesegneten Kampfhunde nötigten uns zur Flucht. Im Flieger, unseren fest gebannten Eindruck verdauend, blickten wir erhobenen Hauptes auf dem zum hedonistischen Blocksberg umfunktionierten Fudschijama und sahen folgendes Bild!

Dr. ***** wankt, fühlt sich hin- und her gerissen. Der Kampf droht zugunsten seiner alteingesessenen Kumpanen auszugehen, die ihm stets die Treue geschworen und ihm den Ruf zugeflößt haben, der ihm als Ausgangslage für seinen späteren Erfolg diente. Doch der Teufel inszeniert eine in hochtrabenden Genüssen schwelgende Walpurgisnacht, die den Blick des wankelmütigen Zweiflers für die Verlockungen und Genüsse eines finanziell ausgestopften Lebens schärfen sollte.

Im nächsten Akt zieht Dr. ***** samt dem Teufel durch die Kneipen der Welt, und mittels satanischer Eingebungen werden Löcher in die Stammtische geritzt, aus denen wundersam der beste Wein tröpfelt. Aus dem Nichts fließt das den Gaumen umschmeichelnde Elixier des kapitalistischen Marktes…und es wird auf Wunsch frisch gezapft aus holz verkleideten Armutszeugnissen.

Der Teufel. Trauben trägt der Weinstock,
Hörner der Ziegenbock!
Der Wein ist saftig, Holz die Reben:
Der hölzerne Tisch kann Wein auch geben.
Ein tiefer Blick in die Natur!
Hier ist ein Wunder: glaubet nur!

/Faust I – Auerbachs Keller (von V. 2285 abwärts)/

Der obige Beitrag spricht sich frei von jeglicher verletzenden Angriffswut und versteht sich als karikierende Parodie auf die gegen Nintendo gerichteten Pfeilspitzen. Jeder Kritiker, der sich mit solchen Tiraden munitioniert, entblößt sich seiner eigenen Erbärmlichkeit. Scheiß Freaks…

* Die Gesichter der auf den Bildern dargestellten Personen wurden verfremdet. Das selbe gilt für die Namen. Wir wollen auch darauf hinweisen, dass der Teufel, wie die Menschen ihn leichthin nennen, unter einem weit geschmackvolleren Namen firmiert. Mehr wollen wir nicht verraten…wir haben auf unsere Seele geschworen.

Guter Artikel? Dann kannst du bookmarken, twittern und mehr.

  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Add to favorites
  • email
  • StumbleUpon
  • Twitter

Ähnliche Artikel:

  1. Was zum Teufel…? WPA Verschlüsselung nicht rückwärts-kompatibel
  2. 22 Jahre Legend of Zelda
  3. Ein historischer Moment ist herangerückt
  4. THQ paart Wrestling mit Rollenspiel. Moment, was?
  5. Werde zum Teufel auf Rädern mit Moto Racer

Ein Kommentar zu “Der Pakt mit dem Teufel: Der mephistopheleskeste Moment im Jahre 2008”

  1. Polygon sagt:

    Eigentlich mag ich Faust nicht besonders, aber ich finde diesen Artikel trotzdem gut. Wenn ich das Ende von Faust II betrachte, dann kann man getrost auf eine Besserung seitens Nintendo hoffen…

Hinterlasse einen Kommentar

Twitter User?
Falls du einen Twitter-Account hast, kannst du dich mit deinem Twitter-Login bei gamgea.com anmelden und kommentieren.

Free Sprint phones for sale | Thanks to CD Rates, Reverse Phone and Registry Software | Gadgets