Apr 032009
 
Gelungene Packungsgestaltung ummäntelt ein fantastisches Abenteuer
Gelungene Packungsgestaltung ummäntelt ein fantastisches Abenteuer
Endlich ist es so weit. Seit heute Freitag gibt es Majora’s Mask über die Virtual Console zu beziehen. Das Spiel zeigt, wie wandlungsfähig die The Legend of Zelda-Reihe trotz aller Traditionen und eingebrannten Mechaniken ist und welche hintersten Design-Nischen Nintendo ausleuchtet . Ich kann es kaum erwarten, meine im Kabel-Kuddelmuddel verhedderte Wii aus dem überfrachteten Schrank zu retten und sie nach langer Abwesenheit wieder an den Fernseher zu stöpseln (habe im Wii-eigenen Kalender nachgeschaut: Der letzte Einsatz datiert vom 11. Juli 2008).

In den letzten Tagen grassierte eine ganze Phalanx von Artikeln zu Majora’s Mask durch das Netz: Hierzu, quasi als erste Anlaufstelle, ist bei den Kollegen von 4colorrebellion.com ein mehr als gelungener Artikel publiziert worden, der die Stärken und Extravaganzen dieses Spiels nähergehend beleuchtet. Parallel dazu sei als zweite Lektüre ein Beitrag von kotaku.com empfohlen, der überzeugend darauf hinweist, dass sich erwachsene Inhalte nicht über die bloße Alterseinstufung definieren. In diesem Sinne ist das Abenteuer von Link das mit Abstand reifste und ausgewachsenste Zelda-Spiel aller Zeiten, wie es von Nintendo nicht unbedingt zu erwarten war, beziehungsweise heute nicht mehr zu erwarten ist. Kurz: Wer Zelda kennen möchte, muss Majora’s Mask spielen.

Dieses Bild gibt den Ton an: in Molltonarten gehalten und von Melancholie durchsetzt
Dieses Bild gibt den Ton an: in Molltonarten gehalten und von Melancholie durchsetzt

Das Erbe von Ocarina
Das alle Konventionen aushebelnde Majora’s Mask stammt aus einer vergessen geglaubten Zeitrechnung, als sich über das Nintendo 64 langsam aber sicher der Mantel des Misserfolgs legte. Fast genau zwei Jahre nach dem glorreichen Release von Ocarina of Time haben sich die Macher eigenhändig eine unvergleichlich hohe Messlatte gelegt. Ende 2000 wurde Majora’s Mask veröffentlicht. Zu einer Zeit als die später als unangefochtene Marktführer-Konsole gefeierte Playstation 2 erschien, begann sich die Vita der modulbasierten Konsole endgültig dem unrühmlichen Ende zuzuneigen. Ocarina of Time entfachte zwei Jahre zuvor ein lichterloh loderndes Strohfeuer und war damals aufgrund des bombastischen Einschlags viel zu wirkungsmächtig und genredefinierend, um mit einem bloß draufsattelnden Nachfolger bedacht zu werden. Es war einfach nicht ratsam, ein Spiel mit einer gleichlautenden Formel fortzuführen, die schon ausgereizt gewesen ist. Die Entwickler rund um Eiji Aonuma sahen sich der schwierigen Frage gegenüber, was für eine Sorte von Spiel auf Ocarina of Time und die damit verbunden Millionenverkäufe folgen solle – so der Entwickler nach einer eigenen Aussage. Nintendo musste tiefer graben. Wie ein Künstler, der nach seinem epochemachenden Monumentalwerk einen Paukenschlag ertönen ließ, und nun, nach dieser künstlerischen Machtdemonstration, seinem kreativen Vorstellungen ungezügelten Lauf lassen kann.

Links das in dunkle, markante Farben getauchte Majora's Mask, rechts das hellere, 'gebügelte' Ocarina of Time
Links das in dunkle, markante Farben getauchte Majora's Mask, rechts das hellere, 'gebügelte' Ocarina of Time

Nicht jeden freuts
Sicherlich lässt sich diese Analogie nicht unbedingt auf ein Videospiel und die damalige Situation übertragen. Doch nach dem eindrucksvollen Erfolg von Ocarina of Time war Nintendo dazu gezwungen, eine etwas anderes gelagerte Richtung einzuschlagen. Und dies gelang mit Majora’s Mask in perfekter Weise. Das Spiel wirft viele Bequemlichkeiten über Bord, die den Vorgänger noch ausgezeichnet und einem breit gefächerten Massengeschmack schmackhaft gemacht haben. Ein immerwährendes Zeitlimit, das den Spieler dazu zwang, den auf Wiederholungen ausgelegten Drei-Tage-Zyklus auf sich zu nehmen, setzte der Eigenwilligkeit des Spiels die Krone auf. Nicht zuletzt deswegen wurde der Ableger nicht allen Spielern an das Herz gelegt. Wer setzt sich schon mit einem das Spiel überziehenden Zeitlimit aus, das einen permanent unter Druck setzt. Vorbei das gemächliche Erkunden des Vorgängers. Verbunden mit dem fordernden Schwierigkeitsgrad wurden hier Anforderungen gestellt, mit denen sich nicht jeder anfreunden konnte. Dementsprechend gespalten waren dann die Kritiken. Wobei durchaus ein positiver Konsens vorherrschte. Gamespot gab dem Spiel mit 8.3 Punkten eine verhältnismäßig verhaltene Wertung mit dem Plädoyer: „Majora’s Mask is a great game, but it isn’t for everybody .“ Das EDGE-Magazin bekannte sich mit dem Satz „the oddest, darkest and saddest of all Zelda games“ zu dem Spiel.

Wie ein Kuriositätenkabinett…
Der Spieler musste sich im Gegensatz zu Ocarina of Time mit keiner heimeligen, stereotypen Fantasy-Welt auseinandersetzen. Majora’s Mask kleidete sich in eine dem Untergang geweihte Oberwelt, welche mit den Adjektiven „bizarr“ und vor allem „grotesk“ wohl am treffendsten zu beschreiben ist. Dementsprechend skurill und aberwitzig traten dann auch die vielen Charaktere auf, die am ehesten einem morbiden Kuriositätenkabinett entsprungen sein könnten. Es regt sich der Verdacht, alles entstamme einem irregeleiteten Alternativuniversum. Dafür spricht auch der Umstand, dass es sich bei dem Skull Kid (der Hauptantagonist aus Majora’s Mask) um einen in der Zelda-Reihe wiederkehrenden Charakter handelt, nun aber in eine weit tragendere Rolle eingebettet wurde. Das gilt auch für den Happy Mask Salesman .

Nintendo züchtete ein schwarzes Schaf inmitten einer adrett und ordnungsgemäß geschorenen, weiß gepuderten Schafsherde. Die Legend of Zelda-Reihe ist manchmal furchtbar handzahm, ja aalglatt, und befleißigt sich eines Tones, der die Ohren immer zart kitzelt, aber nie das Trommelfeld zum Bersten bringt. Und je mehr ich über das Spiel nachdenke, desto mehr muss ich mich darüber wundern, wie sich Nintendo zu diesem nonkonformistischen „Ausreißer“ hinreißen lassen konnte. Majora’s Mask wirkt auch heute noch wie eine Anomalie. Wie eine senkrecht in die Höhe strebende Zacke innerhalb eines glatt gestriegelten Lebenslaufes.

Ehrlich gesagt, kann es Nintendo gerade heute nicht mehr zugetraut werden, solch ein Spiel von der Leine loszulassen. Gewiss, das bestechende Phantom Hourglass erfüllte alle Erwartungen der Fans und begeisterte mit einem teilweise erfrischenden Spielgefühl. Doch mit dem kürzlich angekündigten Nachfolger scheint sich die Waage zugunsten einer „Weiter so!“-Mentalität auszurichten. Twilight Princess gilt als der direktere Nachfolger zu Ocarina of Time. Es wäre womöglich ein Unding gewesen, hätte Nintendo solch ein Spiel anstelle von Majora’s Mask veröffentlicht. Erst eine gewisse zeitliche Distanz war die Bedingung dafür.

Viele werfen der Zelda-Reihe vor, sie würde sich nicht weiter entwickeln. Veritable Fehlanzeige! Hier tummeln sich mehr Weiterentwicklungen als auf den Galapagos-Inseln. Die Serie wächst und gedeiht, und ist sich nicht zu schade, das Äußere in völliger Umkehrung umzukrempeln
Viele werfen der Zelda-Reihe vor, sie würde sich nicht weiter entwickeln. Veritable Fehlanzeige! Hier tummeln sich mehr Weiterentwicklungen als auf den Galapagos-Inseln. Die Serie wächst und gedeiht, und ist sich nicht zu schade, das Äußere in völliger Umkehrung umzukrempeln


Eine ungewöhnliche Missgeburt
Eine glückliche Aneinanderreihung von Umständen (die da wären: 1. ein Meilenstein wie Ocarina of Time 2. das Voranschreiten des Abgangs einer glücklosen Konsole 3. die Nutzung einer erprobten Engine 4. Eiji Aonuma als leitender Designer 5. das enge, für die Fertigstellung des Spiels vorgesehene Zeitfenster – gerade einmal zwei Jahre) gebar solch eine Missgeburt (im positiven Sinne), wie sie heute undenkbar wäre. Die Konstellation der Planeten wirkte wohl irgendwie begünstigend. Doch angesichts der sintflutartigen Wii-Hysterie, die heute alle Altersstufen überspült, ist der neutrale Beobachter fast dazu geneigt, die Veröffentlichung des Zelda-Spiels mit astrologischen Hypothesen und Erklärungsversuchen in Verbindung zu bringen.

In Zeiten, in denen Nintendo ununterbrochen die Eiskühltruhe aufreißt und alte Schinken aufwärmt, die einigermaßen viel Absatz versprechen, wirkt das Spiel bei näherer Betrachtung noch viel unglaublicher. Schauen wir uns einmal die geplanten Veröffentlichungen von Nintendo der nächsten (und letzten) Wochen an: New Play Controll!! Pikmin 2, New Play Controll!! Mario Tennis,New Play Controll!! Donkey Kong Jungle Beat, Punch Out!! (ein NES-Remake wohlgemerkt!). Mut zum Risiko sieht freilich anders aus. Damit soll überhaupt nicht zur Gänze die Meinung unterstrichen werden, dass Nintendo sich angesichts der kerngesunden Befindlichkeit und den sprudelnden Geldquellen in der Sonne des unaufhörlichen Erfolgs räkelt – vor allem nicht angesichts dieser gefährlich grassierenden Wirtschaftskrise, die Ausmaße anzunehmen scheint, die wir heutigen Tages noch gar nicht überblicken können. Ich will nur darauf hinweisen, dass Majora’s Mask heute, meiner Meinung nach zu urteilen, undenkbar wäre. Ein zu großes Wagnis, das das mit der Wii mühsam erschlossene Publikum wahrscheinlich ziemlich abschrecken würde. So verkaufte sich der verlorene Sohn der Reihe nur etwa halb so gut wie seinerzeit Ocarina of Time.

Links eine Charakterauswahl aus Ocarina of Time. Im direkten Vergleich (rechts) ein Auftritt der düsteren, ambivalenten Figuren aus Majora's Mask. Unvergessen das diabloische und perfide wirkende Grinsen des Maskenverkäufers...
Links eine Charakterauswahl aus Ocarina of Time. Im direkten Vergleich (rechts) ein Auftritt der düsteren, ambivalenten Figuren aus Majora's Mask. Unvergessen das diabloische und perfide wirkende Grinsen des Maskenverkäufers...

Nintendo ist eine phantastische Spieleschmiede, deren Genialität unter anderem in Majora’s Mask kulminierte. Deswegen sollten die Japaner die Veröffentlichung des Spiels über die Virtual Console auch als unmissverständliches Signal an sich selbst interpretieren: Mut zum Risiko und ausgefallene Design-Optionen zahlen sich besonders über einen längeren Zeitraum aus. Vielleicht könnte die in Links Abenteuer ungebrochen hervorsprudelnde Kreativität wieder in einem erwachsenen Nintendo-Spiel münden. Die talentierten Künstler von Nintendo sind durchaus in der Lage, übliche Maschen fallen zu lassen. Das manifestierte sich unter anderem auch in der Bilderbuch-Geschichte aus Super Mario Galaxy, die mit einfachen Worten und geschminkten Bildern eine bewegende und rührende Geschichte erzählte, die den eigentlichen Plot rund um Mario und seine zu Bruch gehende Galaxie um einige Längengrade übertrumpfte. Für das nächste Zelda wünschen wir uns einfach einen Schuss mehr Mut und Pioniergeist, wie er in Majora’s Mask ungewöhnlich überschäumte. Doch ich zweifle daran, dass Nintendo in dieser beherrschenden Marktstellung und angesichts des trotz Kreativ-Misere ungebrochenen Zuspruchs gravierend an irgendwelche Stellschrauben dreht.

Wir lieben heiß und innig Twilight Princess, Phantom Hourglass und respektieren vielleicht auch Punch Out!!, aber ein Schuss mehr Majora’s Mask wäre in diesen retroverseuchten, fortschrittsverleugnenden und sicherheitsvernarrten Zeiten auch vielleicht einmal angebracht. Vor allem werden wir als junge Männer/Frauen, die mit Nintendo aufgewachsen sind, in Zukunft ebenso nach erwachsenen Inhalten dürsten, die sich mit unseren Lieblingsheroen (Mario, Link, Donkey Kong etc.) fruchtbar paaren. Und die Japaner sind dazu mehr als in der Lage, was sie in der Vergangenheit schon eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben. Pubertierende, testosterongeschwängerte, adipöse „Erwachsenenspiele“ wie Killzone 2, oder mit Abstrichen vielleicht auch Resident Evil 5, können getrost davon lernen.

Quellen: wikipedia.com, wikipedia.de, wapedia.com