Apr 112009
 

Spätestens nach dem vierten Tor von Barcelona musste sich die Gedankenwelt vom Fußball verabschieden. Umso bereitwilliger nahm man sich des Gerüchts an, der PS2-Hit Shadow of the Colossus würde einer Verfilmung zum Opfer fallen unterzogen werden. Trotz aller aufgebauschten Unvoreingenommenheit stellt sich diesbezüglich eine große Portion Skepsis ein. Wenn man sich vorstellt, dass ein für das Medium Videospiel exemplarisches Werk wie Shadow of the Colossus einer tiefgreifenden Medienumwandlung anheim gegeben wird, befällt einen eine vorsichtige Verteidigungshaltung.

Film ab!
Film ab!

Bevor ich anfange: ich glaube nicht, dass im folgenden Absatz irgendwelche Spoiler auftauchen, die irgend etwas Essentielles vorwegnehmen würden.
Hin und wieder wird das Spiel als „cinematic game“ bezeichnet. Dabei vergessen die Leute aber geflissentlich, dass das Storytelling des Spiels extrem unterschwellig und ohne die übertriebene Einbindung von ausufernden Zwischensequenzen (welche nur spärlich und pointiert zum Einsatz kommen) auskommt. Die höchstens implizit vorangetriebene Story, bei welcher der Spieler erst hinterher/spät weiß, worauf er sich denn bei diesem Abenteuer überhaupt eingelassen hat, eignet sich meiner Meinung nach perfekt für ein Videospiel. Es arbeitet nicht nach dem Muster einer handelsüblichen Dramaturgie. Es knüpft Handlungsmomente aneinander, die selbst aber nicht erklärt werden, denen sich der Spieler nur „hingibt“ und sie „spielerisch abspult“. Erst am Ende setzt dann ein Film an, der den Spieler nicht unbedingt filmtypisch (!!!) über seine Handlungen aufklärt. Es spielt nicht mit expliziten Höhepunkten, die wieder abflachen und wieder anschwellen und sich nach der aristotelischen Tragödien-Theorie wieder auflösen (vom Ende abgesehen). Es ist einfach ein Spiel. Ein Videospiel. Worauf das Medium stolz sein kann. Das klingt stückweise albern, ich weiß, ich muss gerade selbst darüber lachen.

Die perfekte Ergänzung
Ich zweifle auch an, ob sich das für das Spiel charakterstische Gefühl der Schuld bzw. des schlechten Gewissens in einem anderen passiveren Medium einfach konservieren lassen würde. Das Game vermittelte ein Spektrum von Gefühlen, weil der Konsument eben eigenhändig interaktiv eingreifen durfte, und nicht unbedingt deswegen, weil er in die Rolle eines passiven, handlungsuntüchtigen Beobachters geschlüpft ist. Das Spiel lebte ebenso von einer hochgradig nonverbalen Komponente (besonders mit Blick auf die Beziehung zwischen Mensch und Pferd). Shadow oft the Colossus lebte meiner Meinung nach von der Wechselbeziehung zwischen Spiel und Medium. Beides ergänzte sich perfekt.

Außerdem: Der rhythmisch fantastisch abgestufte Tempowechsel, der zwischen schweißtreibenden Bergbesteigungen und ereignislosen Erkundungstrips variierte, ließ sich perfekt für das interaktive Medium einspannen. Gewiss, wenn wir uns vor Augen führen, dass weit weniger übernahmefreundliche Quellenmaterialien für Filmadaptionen (wie Dead or Alive, etc.) herangezogen wurden, dann könnte sich eine gewisse Entspannung breitmachen. Doch mit einem konventionellen Hollywood-Instrumentarium ließe sich der geistige Stempel eines Shadow of the Colossus nur schwer nachäffen. Das Universum des Spiels lässt sich aber vielleicht mit einem Satz vergleichen, der aus lauter perfekt eingeschobenen Wörtern besteht.

Vielleicht wäre es manchmal besser, wenn bestimmte Werke einfach ihrer eigenen Individualität überlassen werden – ganz ohne Eingriffe und Hinzufügungen. Einmalige Erlebnisse werden heutzutage immer mehr auf andere Medien gestreckt, die dadurch ihren Exklusivcharakter dauerhaft verlieren. Es gibt seltene Werke, die ein abgeschlossenes und in sich abgerundetes Gefüge darstellen und für ein bestimmtes Medium prädestiniert sind. Naja, Zweifel sind ja wohl erlaubt. Umso besser wenn sie sich am Ende als unbegründet herausstellen.

Und außerdem: Es ist ja nur ein Gerücht.