Apr 152009
 

In einer Zukunft, in der Luftkampfgeschwader wie Sportschuhe heißen, liegt das Schicksal des freien Amerikas in euren Händen. Mit H.A.W.X. präsentiert uns Ubisoft klassische Flug-Action im Namen des militärvernarrten Politthriller-Autors. Wir sind für euch ins Cockpit gestiegen.

Wo Tom Clancy draufsteht, ist bekanntermaßen nicht zwangsläufig Tom Clancy drin. Auch H.A.W.X. basiert auf keinem seiner Romane, ist aber thematisch im selben fiktiven Kosmos wie die Ghost Recon-Spiele und das 2008 erschienene EndWar angesiedelt. Nach Stealth-Action, Taktik-Shootern und Echtzeit-Strategie wird die Lizenz nun erstmals auf ein Genre verwendet, das zuletzt immer weiter von der Bildfläche verschwunden war. Der Vergleich mit Namcos Ace Combat-Reihe drängt sich natürlich auf, und auch Klassiker wie Strike Commander werden wohlig ins Gedächtnis gerufen. Doch ist das Luftkampfspektakel auch wirklich ein Höhenflug für Fans?

Unser Fazit: Aufs Skelett reduziert. Nur das Wesentliche. Arcade. H.A.W.X. will nichts als pure, simpelste Action, und liefert auch zunächst eine anständige Darbietung ab. Doch nach 6 Stunden Kurzweil, die die Kampagne in Anspruch nimmt, braucht es schon eingeschworene Fans, um das Spiel im Laufwerk zu behalten. Alle anderen finden entweder ihren Gefallen an den spaßigen Mehrspieler-Features, oder vergessen das einfältige Missionsdesign und die etwas lieblos geratene Präsentation schnell wieder. Doch wer einem soliden Flugaction-Titel mit tollen Ansätzen solche Unzulänglichkeiten prinzipiell verzeihen kann: Flightsuit up!

7/10

Wir bedanken uns bei Ubisoft für die freundliche Bereitstellung eines Testmusters.

(Das Review in voller Länge gibt es nach dem Klick.)

Tom Clancy’s H.A.W.X. (PC, PS3, Xbox 360)
Entwickler: Ubisoft Romania
Publisher: Ubisoft

Im Jahre 2014 ticken die Uhren anders: Kriegsführung wurde kapitalisiert, private Militärfirmen operieren unter UN-Protokoll und stellen ihre Streitmacht weltweit den höchstbietenden politischen Kräften zur Verfügung. Kriegerische Konflikte sind endgültig zur Geschäftssache geworden. Als der hochdekorierte Kampfpilot David Crenshaw von der U.S. Air Force kurzerhand in den Vorruhestand geschickt wird, nimmt er das lukrative Jobangebot der Militärfirma Artemis Global Security an. Diese schaltet sich wenig später in einen Konflikt in Südamerika ein, wo ihnen das US-Militär bald in die Quere kommt – und Crenshaw muss erkennen, dass seinem neuen Arbeitgeber jedes Mittel recht ist, um seine Geschäftsinteressen zu sichern. Doch die Story ist hier wirklich nichts weiter als ein Aufhänger für wechselnde Schauplätze und Missionsziele. In insgesamt 18 Einsätzen zählt nur eines: Die Luft mit den Kondensstreifen eurer Raketen zu schwängern. Mal brauchen eure Ghost Recon-Kameraden am Boden eure Unterstützung gegen lästige Panzer, mal will ein Bomber vor Luftangriffen geschützt werden, mal sollt ihr feindliche Radarstellungen und Fabriken aushebeln. Belohnt werdet ihr für erfüllte Missionen mit Erfahrungspunkten, die euch in immer breiter werdenden Abständen Level-Ups bescheren – und mit jedem Level-Up auch neue Flugzeuge und Bewaffnungskonfigurationen, die in eurem Hangar bereitstehen.

M-M-M-Multikill: Manche Raketen erlauben das Fixieren mehrerer Ziele.
M-M-M-Multikill: Manche Raketen erlauben das Fixieren mehrerer Ziele.

Interessant wird H.A.W.X. durch zwei Innovationen, die euch das Leben am Rande der Troposphäre erleichtern sollen: Zum einen steht euch neben der herkömmlichen fixierten Rück- bzw. Cockpitansicht, in der euer Flugzeug stabil, dafür jedoch etwas schwerfälliger ist, ein sogenannter „Assistance OFF“-Modus zur Verfügung. Hier rückt ihr in eine gewöhnungsbedürftige Beobachterperspektive, und könnt euren Jet ohne Hilfe von automatischer Stabilisierung völlig frei bewegen. Das hat den Vorteil, dass ihr um ein Vielfaches wendiger werdet und nun die tollkühnste Luftakrobatik vollführen könnt, was sich vor allem beim Ausweichen von Lenkraketenbeschuss als lebensrettend erweist. Andererseits verliert man durch die unvorteilhafte Kamera schnell die Orientierung, und riskiert bei den waghalsigen Manövern einen Strömungsabriss, der zum Absturz führt.

Wer lieber im „Assistance ON“-Modus bleibt, kann von einer weiteren Mechanik Gebrauch machen: dem „Enhanced Reality System“, kurz ERS. Hier wird für euch situationsabhängig ein virtueller Tunnel generiert, der euch den effektivsten Pfad zum Ausweichen einer Rakete, zum Abfangen eines ausgewählten gegnerischen Flugzeugs oder zum idealen Anflugwinkel für ein gezieltes Bombardement weisen soll. Hardcore-Zocker mögen nörgeln, dass das Spiel auf diese Weise weitgehend jeglicher Herausforderung beraubt wird, vergessen aber dass es sich um eine rein optionale Funktion handelt, die Einsteigern sinnvoll entgegen kommt – wobei aber auch das Einhalten eines vorgegebenen Flugweges mitunter einiges an Gamepad-Beherrschung voraussetzt. Ebenfalls optional ist übrigens die Spracherkennungs-Steuerung, mit der man statt herkömmlicher Tastenbefehle herumexperimentieren darf. Simple Aktionen wie das Abfeuern einer Rakete, das Auswerfen von Täuschkörpern oder das Erteilen von KI-Anweisungen kann der Spieler mithilfe eines Headsets auch durch festgelegte Voicecommands vollführen. Was man schon aus stolpriger Diktat-Software und nervtötenden Service-Hotlines kennt, ist für Videospiele prinzipiell ein sehr interessanter Ansatz, krankt aber an der inakkuraten Erkennung – die Radaransicht zu wechseln gelang mir kein einziges Mal, während ich aber laut „Radar!!!“ rufend an die 20 Raketen auf eine Reise ins Nichts schickte, bis ich es letztendlich aufgab. Weiterarbeiten, bitte.

Highway to the danger zone? Da seht ihr ihn.
Highway to the danger zone? Da seht ihr ihn.

Was wir mochten:

Die richtige Balance. Realismus wird an den richtigen Stellen groß geschrieben – statt mit futuristischem Fluggerät steigt ihr in über 50 verschiedenen lizenzierten Kampfjets in die Lüfte, die sich allesamt in Sachen Manövrierbarkeit und Stabilität unterscheiden. Auch die Szenerie zeugt von einer nahezu krankhaften Liebe zum Detail: Die Firma GeoEye steuerte Aufnahmen ihres kommerziellen Kamerasatelliten „IKONOS“ bei, um die verschiedenen Einsatzziele des Spiels bis auf den Gebäudegrundriss genau nachmodellieren zu können – ein beeindruckender Aufwand für die Detaillierung von etwas, von dem ihr euch beim Spielen so weit wie möglich fernhalten wollt. Dennoch ist es ein besonderes Gefühl, in einer F-16 über einem exakten Abbild von Rio de Janeiro zu kreisen. Gepfiffen wurde auf Realismus übrigens ebenfalls an eher zukömmlichen Stellen. Das Jagdflugzeug, das mit einer Waffenlast von gut und gerne 250 Raketen noch vom Boden abheben kann, will ich zwar gerne einmal sehen – doch unter realen Bedingungen würde das Spielprinzip auch herzlich wenig Sinn machen. Zudem ist es eine Wonne, mit welch intuitiver Leichtigkeit die Steuerung eures stählernen Adlers von der Hand geht; vor allem im Off-Mode fühlt ihr euch schnell wie jahrelang ausgebildete Kunstflugpiloten. Geduldszehrende, in Nicht-Simulationen völlig fehlplatzierte Landemanöver bleiben euch ebenfalls erspart.

Tonight, you’re gonna be my wingman. Online-Coop gehört längst zum guten Ton, und H.A.W.X. erfüllt alle Erwartungen. Bis zu vier Spieler können sich an der Kampagne versuchen, was vor allem auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad besonders viel Sinn macht – die KI-Begleiter, die euch solo zur Seite stehen, taugen nämlich absolut nichts. Durch ein simples Jump In/Jump Out-System können Freunde jederzeit in eine laufende Mission einsteigen. Unerwartet gelungen ist auch der Multiplayer-Modus, bei dem sich bis zu 16 Spieler in ihren Lieblingsmaschinen spannende Dogfights liefern dürfen, die das Hauptspiel in Sachen Intensität noch einmal locker überbieten. Durch Spezialfähigkeiten wie EMP-Angriffe oder Bodenunterstützung, die nur im Multiplayer zur Verfügung stehen, gewinnt das ganze noch einmal neue Facetten.

Flieger, grüß mir die Sonne!
Flieger, grüß mir die Sonne!

Nicht gefallen hat uns:

Tom Clancy’s Y.A.W.N. Eine gewisse Monotonie ist hier zwangsläufig genrebedingt, soviel ist uns klar. Doch gerade dann muss das Missionsdesign punkten, um die Point&Shoot-Routine aufzulockern, und H.A.W.X. bietet dahingehend leider zu wenig Abwechslung. Mal finden und zerstören, mal beschützen und eskortieren, doch im Grunde ist euer Auftrag stets derselbe: Säubert Himmel und Erde von allem, was das Radar euch anzeigt. Gefragt ist euer Einfallsreichtum als Pilot so gut wie nie, bis auf die seltenen Ausnahmen eines hitzigen Massen-Dogfights oder einer Stealth-Tiefflugeinlage bietet das Spiel weitgehend die Vielfältigkeit und Herausforderung einer Zielübung.

Worum geht’s noch gleich? Wie vernachlässigbar die Story ist, zeigt sich spätestens dann, wenn ihr die Briefings überspringt: Ihr werdet nicht mehr unterscheiden können, auf wessen Seite ihr eigentlich gerade kämpft. Ihr bleibt ein gesichtsloser Pilot ohne Charakterzüge, die Erzählweise und die enthaltenen Figuren könnten euch emotional kaum stärker auf Distanz halten. Dabei muss das doch nicht sein – Ace Combat 6 zeigte, wenn auch teilweise ein wenig theatralisch, dass auch das simpelste Spielprinzip cineastisch vereinnahmen und uns eine Bindung zu den Geschehnissen und Charakteren auf dem Bildschirm aufbauen lassen kann. Oder wie wäre es mit Entscheidungen, die wir während einer Mission treffen müssen, die den weiteren Ablauf der Ereignisse dramatisch verändern? Gerade eine Geschichte, die sich so um einen Plottwist rankt, sollte sich mehr Perspektive erlauben als eine kurz heruntergebellte Einsatzbesprechung und ein bißchen Funkkontakt während der Mission. Und das unter dem Namen eines Buchautors – oh, the irony.

Roberts Meinung: Tom Clancy’s H.A.W.X. enttäuscht nicht, wenn man sehnlichst auf Spiele dieser Art wartet. Die Hochglanz-Action ist unkompliziert und geht direkt in die Blutbahn, und setzt durch den Luftakrobatik-betonten „Assistance OFF“-Modus, das EXP-System und einen originellen Multiplayer sogar neue Akzente. Etwas weniger militaristische Nüchternheit und stattdessen mehr Einfallsreichtum und Abwechslung, und wir hätten es mit einer neuen Genre-Referenz zu tun gehabt.

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