Jun 142009
 

Mit Armed Assault 2 möchte Bohemia Interactive an den Erfolg von Operation Flashpoint anknüpfen. Leider stellen sich die Entwickler selbst ein Bein nach dem anderen.

Die Betonung liegt auf dem Wort Simulation.
Die Betonung liegt auf dem Wort Simulation.
2001 feierte das tschechische Team von Bohemia Interactive mit Operation Flashpoint einen Überraschungserfolg. Das Prinzip Battlefield wurde von Bohemia auf realistisch getrimmt, in einer frei begehbaren Umgebung angesiedelt und mit komplexer Steuerung und anspruchsvollen Missionen gepaart. Ein paar Jahre später erschien unter anderer Publisher-Flagge der indirekte Nachfolger Armed Assault, der schon beim Release an zahlreichen Bugs scheiterte und sich deshalb nur eine kleine, aber dafür treue Fanbasis aufbauen konnte. Mit Arma 2 soll jetzt alles besser werden.

Unser Fazit : Irgendwie hat man es befürchtet, aber der gesunde Menschenverstand wies immer darauf hin, dass Bohemia wohl kaum zweimal nacheinander genau denselben Fehler machen würde. Falsch. Arma 2 ist in der Verkaufsversion genau so schlecht spielbar wie sein Vorgänger. Ein erster Patch erschien schon am Releasetag (!), weitere sind angekündigt, um das Game wenigstens halbwegs spielbar zu machen. Dabei hätte es ganz anders aussehen können, hätten die Entwickler noch einige Monate mehr investiert und einen Weihnachtstermin anvisiert – der drohenden Konkurrenz von Operation Flashpoint 2 zum Trotz. So hat man nur ein Werk in der Hand, dass einerseits sehr viel Potenzial hat, voraussichtlich aber erst nach weiteren Updates einigermassen brauchbar sein wird. Schade, echt schade.

6/10

Herzstück von Arma 2 ist die dynamische Kampagne. Die Story spielt in „Tschernarussland“, einer fiktiven Insel der früheren Sowjetunion. Bohemia Interactive liess sich nicht lumpen und hat 225 Quadratkilometer Landschaft umgesetzt, die durchwegs sehr realistisch aussieht. Die schöne Umgebung droht jedoch von Mörserfeuer und Raketen umgepflügt zu werden, denn gleich mehrere Fraktionen kämpfen in einem Bürgerkrieg um das Stück Land – Rebellen, Ultranationalisten und das US Marine Corps als „Schlichter“ mit eingeschlossen.

Die Ansprüche an die Kampagne waren extrem hoch. Sie sollte nichr nur in einer frei begehbaren, offenen Welt stattfinden, sondern auch noch dynamisch auf die Aktionen des Spielers reagieren. Je nachdem, wie man sich gegenüber Zivilisten und gewissen Fraktionen verhält, wie man Missionen und Submissionen abschliesst, verändert sich das Design der Kampagne. Noch spannender wird es dank der Abwechslung im Soldatenalltag: Der Spieler kann nicht nur als Infanterist, sondern auch Panzerschütze, Hubschrauberpilot oder gar an Bord eines Kampfjets ins Geschehen eingreifen. Zu guter letzt hat Bohemia dem Game im Kommandanten-Modus auch noch einen Schuss Echtzeit-Taktik verpasst, in dem man Lager und Verteidigung strategisch planen und bauen darf.

Deckung wird in ArmA 2 gross geschrieben.
Deckung wird in ArmA 2 gross geschrieben.

KEIN Spiel für Fans von Egoshootern
Anspruch auf „realistisches“ Gameplay haben viele Games. ArmA 2 gehört aber definitiv zu den Titeln, die sich auch mit dem Prädikat ‚Simulation‘ schmücken dürfen. Das Gameplay ist, wenn man es richtig macht, hochkomplex und vermutlich (ich war noch nie im Krieg, nur im Training dazu) auch sehr realistisch. Hubschrauber und Fahrzeuge brauchen Sprit, Gefechte finden fast immer auf Distanz statt und wer zwei Minuten querfeld ein rennt, der hört seinen Charakter schwer atmen, die Sicht ist leicht verschwommen und das Zielen erheblich schwieriger geworden. Arma 2 bringt sämtliche Vor- und Nachteile einer Simulation mit sich, inklusive eher „langweiliger“ Abschnitte, in denen besonders Fans von schneller Action wohl bald das Handtuch werfen, die aber nun einfach mal dazu gehören.

Nicht alles Gute kommt von oben...
Nicht alles Gute kommt von oben...

Und wie steuert man das alles?
Gute Frage. ArmA 2 bietet zwar ein Tutorial, das lernt einen aber meistens genau die Dinge, die man als geübter Spieler sowieso intuitiv richtig gemacht hätte. Wie man schiesst oder sich duckt, muss ich nun wirklich nicht mehr lernen. Aber wie man die schwierig zu steuernden Hubschrauber bedient oder was man mit der eigentlich sehr wichtigen Kartenansicht alles anstellen kann, wird einfach nicht erklärt. Immerhin gibt es die ‚Waffenkammer‘: Dort lassen sich sämtliche Waffen, Gerätschaften und Fahrzeuge anhand von Mini-Missionen (Strecke abfliegen, Ziel zerstören, Soldaten abholen, usw.) austesten. Wer sich nach unzähligen Stunden mit der Software vertraut genug fühlt, darf übrigens auch mit einem Editor eigene Missionen erstellen, bis hin zu komplexen und gescripteten Ereignissen. Das ist aber wahrhaftig nur etwas für Profis.

Die unschuldige Zivilbevölkerung gilt es zu unterstützen.
Die unschuldige Zivilbevölkerung gilt es zu unterstützen.

Verwirrung im Mehrspielermodus
Ein Spiel wie ArmA 2 schreit natürlich nach einem guten Mehrspielermodus. Der ist auch vorhanden, ob er allerdings gut ist, ist eine andere Frage. Immerhin erlaubt das Spiel nicht nur komperatives Gameplay, sondern auch kooperative Missionen gegen KI-gesteuerte Fraktionen. Die machen tatsächlich viel Spass, sofern denn nicht die Verbindung abbricht oder man sonst an einem Bug hängen bleibt. Auch wenn das Spiel technisch reibungslos funktioniert, ist es eher Zufall, ob sich aus der Partie auch ein spannendes Zusammenspiel entwickelt. Zu oft wartet man zuerst auf einen Helikopter, um dann fünf Minuten irgendwo hinzufliegen und abzustürzen, weil der (menschliche) Pilot einen falschen Droppoint gewählt hat.

So nah kommt man den feindlichen Truppen eigentlich nie (oder wenn, dann nur tot).
So nah kommt man den feindlichen Truppen eigentlich nie (oder wenn, dann nur tot).

Was wir mochten:

Klotzen, nicht kleckern. ArmA 2 bietet Zugriff auf über 130 Fahrzeuge, unzählige Waffen, ein riesiges Spielgebiet, eine grosse Kampagne und einen komplexen Editor. Ein Spiel für die sprichwörtliche einsame Insel, in welches sich Fans von realistischen Militärsimulationen wochenlang vergraben können. Dank der ‚Waffenkammer‘ kann man sich an den Gerätschaften auch abseits der Kampagne austoben.

Realismus pur. Bohemia Interactive produziert auch Simulationssoftware für das Militär, und das merkt man. Wer auf Realismus steht, kommt vermutlich an diesem Spiel nicht vorbei, denn alles andere ist dagegen Kinderkram. Zudem sorgt ein nicht zu unterschätzender Schwierigkeitsgrad dafür, dass man bei unvorsichtigem Vorgehen schnell am Boden liegt, rot sieht und „I am wounded!“ ins Funk brüllt.

Spannende Dynamik. Zusammen mit der realistischen Umwelt ist es vor allem die Dynamik der Kampagne, die einen immer (und trotz aller nervigen Umstände) ins Game lockt. Es ist einfach faszinierend, eine scheinbar eigenständige Welt mit eigenen Aktionen zu beeinflussen und dabei das Geschehen noch aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können. Verschiedene Franktionen haben ebenfalls Einfluss auf den Kriegsverlauf und das Ende kann unterschiedlich ausgehen.

Herunterklappende Kinnladen. Optisch ist ArmA 2 nicht über alle Zweifel erhaben. Besonders die Charakter-Animationen erinnern teilweise noch stark an Operation Flashpoint – und das ist immerhin über acht Jahre her. Was aber zu gefallen weiss, ist die Landschaft. Sanfte Wiesen, dichte Wälter, kleine Dörfer, verlassene Strände – wer zum ersten Mal an Bord eines Helikopters über „Tschernarussland“ fliegt, der überlegt sich ständig, ob er nicht ein paar Screenshots schiessen soll. Es sieht einfach gut aus, real, anfassbar. Es ist einerseits die Faszination zu wissen, das man die Burg auf dem Hügel erreichen kann, andererseits die nüchterene Feststellung, dass es ohne Helikopter seine Zeit dauern wird. Fantastisch.

DER Editor . Bohemia Interactive legt dir über 200 km2 an wunderschöner Landschaft zu Füssen – macht damit, was du willst. Der mächtige Editor wird 98% der User überfordern, die restlichen 2% erschaffen damit aber hoffentlich geniale Szenarien und starke Mehrspielerkarten.

Multiplayer. Der Mehrspielermodus hat seine Maken, aber auch sein Potenzial. Ein gut eingespieltes Team könnte hier einen Grad an Realismus und taktischer Zusammenarbeit erreichen, der selbst in der Kampagne nicht möglich ist.

So schön kann Arma 2 aussehen!
So schön kann Arma 2 aussehen!

Nicht gefallen hat uns:

Verbugt! Schon wieder! Das ZWEITE Mal in Folge veröffentlicht Bohemia ein Game, dass man beim Release unter keinen Umständen als „fertig“ bezeichnen kann. Ob aus Angst vor Flashpoint 2, ob aus finanziellen Gründen (Geld alle?), ob die Komplexität letztendlich auch den Programmierern über den Kopf gewachsen ist: Eigentlich egal, denn bei allem Respekt vor der Leistung mit dynamischer Kampagne in einer derart riesigen Spielumgebung, so geht das einfach nicht. Der User wird zur Testperson degradiert, die ständig neue Patches aufspielen muss. Nein, danke.

Stimmung geht anders. In Sachen Storypräsentation haben sich die Entwickler einmal mehr nicht grossartig bemüht. Es gibt einige Zwischensequenzen in Spielegrafik, die aber an Atmosphäre und Stimmung so einiges vermissen lassen. Auch hier herrscht kühler Realismus vor – passt ins Gesamtbild, ist aber für das Eintauchen in die fiktive Situation wenig förderlich.

Sehr gescheite und sehr dumme Soldaten. Die Künstliche Intelligenz scheint von der Grösse des Spiels genau so überfordert zu sein, wie ich manchmal als Spieler. Einerseits reagiert sie sehr klever, macht Flankenangriffe und trifft auch aus Entfernungen, die man fast schon als „unfair“ beschreiben müsste. Andererseits reagiert sie auf Schüsse in nächster Nähe gar nicht. Die Hochs und Tiefs der KI stören leider das Realismus-Gefühl empfindlich.

Tutorial, daher! Bohemia, ihr Säcke. Ein Tutorial hat es zwar, aber das lässt so viele Fragen offen, dass man sich die Frage stellen muss, was ihr euch bei der Programmierung überlegt habt. Für was brauche ich einen Schiessstand zum Trainieren, wenn die Schwierigkeiten ganz woanders liegen?

Animationen von 2001. So toll die Umgebung auch ist, Animationen sind nicht die Stärke von ArmA 2. Auch gewisse Texturen sind eher misslungen, während das Innere von Häusern sogar komplett missraten ist. Also am besten draussen bleibt, es gehört sich sowieso nicht, in fremden Wohnzimmern die Kampfstiefel abzuklopfen.

Simons Meinung: Verschenktes Potenzial, so lässt sich ArmA 2 zusammenfassen. Leider schrecken die Bugs und Fehler (Grafik, KI, Scripts, Konnektivität) einen schon zu Beginn ab, so dass man gar keine Lust mehr hat, sich einzuarbeiten. Genau das ist aber dringend nötig und obwohl ich mittlerweile einige Zeit spiele, kämpfe ich ständig mit Tücken der Steuerung, teilweise Performance-Einbrüchen und bei gewissen Dingen weiss ich überhaupt nicht, wie es funktioniert. Gleichzeitig zieht es mich trotzdem immer wieder nach „Tschernarussland“. Die fantastische Umgebung, das Ausprobieren von Fahrzeugen, erste, zaghafte taktische Absprachen im Mehrspielermodus – da steckt viel, sehr viel drin. Auch wenn es mühsam ist, aber ich werde trotzdem brav die kommenden Patches nachinstallieren und mit der Zeit hoffentlich ein Game auf der Festplatte haben, mit dem man sich in den Krieg zieht und nicht eines, gegen das man ständig ankämpft.