Jun 152009
 
Jeder fängt mal klein an...
Jeder fängt mal klein an...
Deutschland ist ohne Frage sehr konsumfreudig was Computer- und Videospiele angeht. 55,6 Millionen Spiele wurden 2008 von deutschen Gamern gekauft, davon 23,8 Millionen für den PC und der Rest für Konsole und Handheld. Wenn es um die Entwicklung digitaler Spiele geht, liegen wir allerdings im Vergleich zum internationalen Markt weit zurück. Gerade mal 10 Prozent der verkauften Computerspiele stammen aus deutschen Entwicklerstudios, bei Konsolentiteln sind es sogar nur 2 Prozent.

Andere europäische Länder wie Frankreich und Großbritannien, und natürlich Nordamerika und Asien haben einen deutlich höheren Marktanteil vorzuweisen. Die Ursachen dafür sind in der Größe der Teams und den finanziellen Mitteln zu suchen: Deutschland hat zu wenig Geld für die Entwicklung, und viele Entwicklerteams sind schlichtweg zu klein, so dass große, qualitativ hochwertige Titel nur schwer realisierbar sind. Dazu kommt die Notwendigkeit einer internationalen Ausrichtung, da bei großen Titeln der Absatz auf dem deutschen Heimatmarkt nicht genügt, um die getätigten Investitionen wieder einzunehmen.

Produzenten sehen sich ähnlichen Problemen gegenüber wie die Filmindustrie: Spiele müssen vorfinanziert werden, was größtenteils über Publisher läuft. Diese entscheiden anhand eines spielbaren Prototyps, ob sie ein Spiel finanzieren oder nicht. Bis der Prototyp steht, was bis zu einem Jahr dauern kann, steckt der Entwickler selbst viel Geld in seine Idee, woran besonders kleinere Studios scheitern, da sie diese Kosten meist nicht aufbringen können.

Die Regierung hat dieses Dilemma schon längst erkannt, ringt sich aber nur nach und nach und eher zögerlich dazu durch, der Förderung von Spielen die nötige Beachtung zu schenken. Durch Entwicklerpreise und mithilfe von Förderung auf Landesebene soll die deutsche Spieleproduktion angekurbelt werden, damit Deutschland in Zukunft erfolgreicher auf dem internationalen Markt mitmischen kann. In diesem Jahr wurde beispielsweise der Deutsche Computerspielpreis zum ersten Mal verliehen, der in neun Kategorien eine Gesamtfördersumme von 600.000 Euro vergibt.

Die Gelder werden zur Hälfte von der Bundesregierung zur Verfügung gestellt, die andere Hälfte stammt direkt aus der Spielebranche. Eine interdisziplinär zusammengesetzte Jury bestehend aus Mitgliedern der vier Ausrichterverbände (G.A.M.E., BVDW, BITKOM, BIU), Partnern branchenverwandter Industrien sowie Vertretern der Presse und Politik entscheidet über die Nominierung in Kategorien wie beste Innovation, bestes Jugendspiel und bestes deutsches Spiel. Doch schon im ersten Anlauf stieß die Wahl der Juroren auf Kritik, als im Bereich Innovation die Nominierungen verkündet wurden, worunter auch die Multiplayer-Matchmaking 3D-Lobby von Die Siedler – Aufbruch der Kulturen zählte. Keines der Spiele stellte in den Augen der Jury eine wirkliche Innovation dar, weshalb der Preis in dieser Kategorie letztendlich nicht verliehen wurde.

Ländersache

Neben der Förderung auf Bundesebene haben Spielefirmen auch die Möglichkeit, regionale Mittel in Anspruch zu nehmen. Die Gamecity Hamburg hat ein Förderprogramm zur Erstellung von Spieleprototypen auf die Beine gestellt, bei denen die Firmen in einer frühen Entwicklungsphase unterstützt werden. Förderungswürdige Projekte erhalten eine Art zinsloses Darlehen bis maximal 100.000 Euro, wobei die Bewerber verschiedene Anforderungen erfüllen müssen. Gefördert werden nur kleine und mittelständische Unternehmen, die ihren Sitz in Hamburg haben oder diesen dorthin verlegen werden. Ein ausgearbeiteter Businessplan muss einem Fachgremium vorgelegt werden, das gemeinsam mit der Stadt Hamburg über die Vergabe der Fördermittel entscheidet. Spiele mit Gewalt verherrlichenden und verharmlosenden, pornografischen oder rassistischen Inhalten werden nicht gefördert und die Entwicklung des Prototyps darf noch nicht begonnen haben. Unterstützung erhielten bis jetzt zum Beispiel Daedalic Entertainment, die für das Anstalts-Adventure Edna bricht aus bekannt sind, und spotsonfire, die das erste Multiplayer Jump n Run-Browsergame Jump Jupiter entwickeln.

Auch der Freistaat Bayern hat sich im März dazu entschlossen, die Entwicklung von interaktiver Unterhaltungssoftware finanziell zu unterstützen. Erstmalig stehen 470.000 Euro für die Förderung zur Verfügung, wobei die Summe für nächstes Jahr wohl nochmals erhöht wird. Nach welchen Kriterien die Gelder verteilt werden, wird momentan noch diskutiert, wobei die Förderung aber nicht auf bestimmte Genres beschränkt werden soll.

Eine EU-Förderung ist über das Projekt Media2007 möglich, das noch bis 2013 weiterläuft. Die Europäische Kommission stellt jährlich 2,5 Millionen Euro, verteilt auf zwei Deadlines, zur Unterstützung von Computerspielen zur Verfügung. Die Fördersumme für Projekte beträgt mindestens 10.000 Euro, der Höchstbetrag liegt bei 60.000 Euro, wobei die Gelder kein Darlehen sind, also auch nicht zurückgezahlt werden müssen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Unterstützung von Spielen, die die kulturelle Vielfalt Europas thematisieren und auf der Förderung von Spielprototypen für PC, Konsolen und Handhelds. Diese werden mit einer Maximalsumme von 100.000 Euro unterstützt.

Wie machen’s die anderen?

Das klingt soweit schon recht viel versprechend, und ist in jedem Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn wir allerdings die Fördersituation in Deutschland mit dem europäischen und internationalen Ausland vergleichen, sehen wir, dass wir noch am Anfang stehen. In vielen Ländern unterstützt der Staat Entwicklerstudios beispielsweise mit Steuervergünstigungen. Kanada ist hier mit Steuervorteilen in vielen Regionen ganz groß dabei, was das Land zu einem der attraktivsten Standorte der Welt macht. Zudem gewährt der Staat zinslose Darlehen, und die Region Quebec alleine investiert jährlich 70 Millionen Euro in die Spielebranche. Großbritannien überlegt derzeit auch, die Entwicklung von Videospielen durch Steuervergünstigungen zu unterstützen.

Frankreich bietet seit einigen Jahren ein Programm, das Steuernachlässe von bis zu 20 Prozent des Gesamtbudgets oder Kredite in Höhe von maximal drei Millionen Euro pro Jahr gewährt. Dabei darf diese Förderung nur auf Projekte mit kulturellem Wert bzw. Inhalt angewendet werden und die Spiele müssen eine hohe Qualität und Originalität aufweisen, um sich für eine finanzielle Unterstützung qualifizieren zu können.

Mit dem Nordic Game Program greifen die nordischen Länder, bestehend aus Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Schweden, den Faroe-Inseln, Grönland und Aland, ihren Spielemachern unter die Arme. Möglich ist ein Zuschuss zwischen 100.000 und 600.00 Dänischen Kronen (etwa 80.000 Euro), wobei der Betrag 75 Prozent des Gesamtbudgets eines Projekts nicht überschreiten darf. Die Bewerber müssen eine Reihe von Bedingungen erfüllen, so darf beispielsweise der Entwickler keinem Publisher oder nicht-nordischen Studio gehören, sondern muss unabhängig sein. Außerdem muss das Spiel in mindestens einer nordischen Sprache veröffentlicht werden und angemessen für die Alters- und Zielgruppe sein, für die es entwickelt wird. Ganz auf Computerspiele für Kinder ist der New Danish Screen ausgelegt. Insgesamt werden hier 12 Millionen Kronen (1.6 Millionen Euro) pro Jahr an viel versprechende Spiele vergeben, die die dänische Spieleindustrie bereichern können.

Die USA sind natürlich ein Big Player was die Spieleentwicklung angeht, und bei der Größe des Landes und der Summe der hier angesiedelten Unternehmen sind die Entwickler dort nicht einmal unbedingt auf die Förderung durch den Staat angewiesen. Viele Investoren schreiben Fördermittel für alle möglichen Spiele aus, so dass man schnell den Überblick verlieren kann. Das Video Game Venture Capital-Blog gibt einen informativen Einblick in die bunte Welt der amerikanischen Spielförderung. Aber auch in den USA sind die Folgen der Finanzkrise spürbar. In den letzten Monaten sind die Gelder für Startup-Unternehmen rar geworden, und auch kleinere Entwicklerstudios merken deutlich, dass die Förderung durch private Investitionen stark abgenommen hat.

Auf staatlicher Seite hat besonders Texas Schlagzeilen gemacht, was die Unterstützung neuer digitaler Spiele angeht. Spielefirmen, und auch Filmmacher, können hier bis zu 250.000 Dollar (ca. 170.000 Euro) an Fördermitteln einstreichen, allerdings wird hier eine sehr kritische Auswahl getroffen. Der Staat sucht sich aus den Bewerbern nämlich die Projekte aus, die er fördern möchte – und zwar nach Inhalt. Wenn unangebrachte Inhalte erkennbar sind, kann man die Förderung sogleich vergessen, wobei jedoch keine wirkliche Festlegung zu finden ist, was genau als unangebracht definiert wird. Zudem darf ein Projekt den Staat Texas, dessen Bewohner oder Ereignisse, die hier stattgefunden haben, in keinem schlechten Licht darstellen.

Auch in Deutschland wird großer Wert auf den Inhalt gelegt, keine Chance auf Förderung haben allgemein Gewalt verherrlichende und jugendgefährdende Inhalte. Ein Zitat zum Deutschen Computerspielpreis verdeutlicht den Fokus der Förderung hierzulande:

Besondere Anreize werden für die Entwicklung innovativer, kulturell und pädagogisch wertvoller Spielkonzepte und -Inhalte gesetzt. So soll die Vielfalt des Angebots qualitativ hochwertiger interaktiver Unterhaltungsmedien, speziell auch mit deutschem und europäischem kulturellem Hintergrund, vergrößert werden.

Um kleineren Entwicklern den Rücken für diese Art von Spielen frei zu halten, sind die deutschen Fördermittel sicherlich ein guter Anfang. Gegen kulturell und qualitativ wertvolle Spiele ist auch bestimmt nichts einzuwenden, aber man fragt sich, ob der deutschen Spielebranche damit auf lange Sicht der große Wurf gelingen wird. Um mit Größen wie den USA oder Japan mithalten zu können, braucht man auch mal massentaugliche Titel, die in der Lage sind, hohe Entwicklungskosten wieder einzubringen. Und die dann vielleicht nicht ganz so kulturorientiert und pädagogisch wertvoll sind, wie die deutschen Förderer das gerne hätten. Wir verfolgen in jedem Fall gespannt, wie die Verkaufszahlen digitaler Spiele made in Germany in den nächsten Jahren nach oben schnellen werden.