Simon Lutstorf

Casual vs. Core: Unsinnige Begriffsduselei


Der Erfolg von Nintendo mit Wii und DS hat eine ganz neue Dimension des Spielens sichtbar gemacht: den Casual-Bereich. Gab es früher nur ‘Gamer’, gibt es heute ‘Core’- und ‘Casualspieler. Verwendet werden die Begriffe aber allzu oft widersprüchlich.

Typisch Casual ist man versucht zu sagen: Wii Sports.
Typisch Casual ist man versucht zu sagen: Wii Sports.
Du hast 1990 bei Monkey Island gelacht, 1996 über die echte 3D-Grafik von Quake gestaunt und 2006 sofort eine Wii mit The Legend of Zelda: Twilight Princess erstanden? Dann zählst du dich wahrscheinlich zu den ‘Coregamern’. Das bedeutet normalerweise, du hast wenig übrig für Wii Sports, für Tierarztpraxis-Spiele und wünscht dir sehnlichst, Nintendo würde zurück auf den richtigen Pfad finden und wieder Spiele produzieren, die für Typen wie dich und nicht deine Tanten gemacht sind. Andererseits spielst du auch gerne ab und zu eine Partie Worms, bist einem Singstar-Battle auch nicht abgeneigt und nach der Call of Duty-Gamesession gibt es um Abkühlen etwas Bejeweled. Was bist du nun, Core- oder Casualgamer?

Casual…
Die Antwort lautet in vielen Fällen: Beides. Denn entscheidend ist nicht der Inhalt eines Games, sondern die Art, wie man es spielt. Ein Casual Spiel ist purer Fun: Schneller Einstieg, einfaches Spielprinzip, kein allzu hoher Schwierigkeitsgrad, eventuell macht das Game sogar nur im Verbund mit anderen Zockern im selben Wohnzimmer Spass – dann ist die zentrale Spielspass-Komponente sowieso nicht auf DVD gepresst, sondern liegt im unterhaltsamen Zusammensein. Casual Games sind Entspannung nach einem Arbeitstag: Aufs Sofa sinken, ein bisschen Spielen. Eigentlich ziellos, so als würde man im TV zappen (das könnte ich auch tun, aber da das Programm mittlerweile permanent scheisse ist, lasse ich das von vorne herein sein).

Worms. Casual?
Worms. Casual?

… und Core
Wer sich als Corespieler bezeichnet, der sieht Games als Hobby. Als ernst zu nehmende Beschäftigung, die Herausforderungen bietet und nicht aufhört, wenn die Konsole aus ist. Es gilt, die GEE aufmerksam zu lesen, sich im Forum über Gerüchte zum Nachfolger des Lieblingsgames zu streiten oder sich, im Bett liegend, Gedanken über die Story von Bioshock zu machen. Oder wie ein Kumpel von mir es einmal ausdrückte: “Letzte Nacht habe ich von Doom geträumt. Das machte mir etwas Angst.” Games sind für den Coregamer nicht Mittel zum Zweck, nicht Zeitvertrieb oder Entspannung, sondern er widmet sich ihnen mit Leib und Seele. Er sucht darin seine Aufgabe und plant auch sein reales Leben um die spielerischen Aktivitäten herum. Er ist der Cineast, der den neusten Amoldovar-Streifen diskutiert, während der Casualspieler lachend mit Freunden im Gartenrestaurant sitzt und bereits vergessen hat, um was genau es in der Komödie mit Jennifer Aniston und dem lustigen Labrador-Hund eigentlich genau ging.

Die Grenze zwischen dem was Casual oder Core ist, verläuft fliessend. Je nachdem, wie man ein Spiel nutzt, kann es sehr wohl Core, aber auch absolut Casual sein. Es gibt Spieler, die stecken ihr halbes Leben und zum Teil auch einiges an Geld in Games wie World of Warcraft. Und es gibt solche wie mich, die WoW alle paar Monate wieder starten, sich über die Gebühren ärgern und dann für ein paar Tage regelmässig spielen, bis es ihnen wieder langweilig wird. WoW-Casualspieler, wenn man so will. Fürs Cosplay würde für mich eine schäbige Maske genügen, weil ich einfach viel zu wenig Core bin, um eine echte Verkleidung zu tragen.

WoW braucht Zeit, trotzdem kann man es casual spielen.
WoW braucht Zeit, trotzdem kann man es casual spielen.

Sind wir nicht alle ein bisschen Casual?
Wer 16 ist und regelmässig spielt, der muss sich natürlich aus Prinzip als “Harcore-Gamer” bezeichnen. Denn als Jugendlicher macht man keine halben Sachen, schon gar nicht, wenn im Hintergrund Slipknot oder 50 Cent läuft. Aber wenn man ehrlich ist, dann gehören die “echten” Coregamer einer sehr, sehr kleinen Gruppe von Spielern an. Ich selbst habe mich auch lange genug dazu gezählt, bis ich bemerkt habe, dass es einfach schlichtweg nicht stimmt. Ich spiele auch Casualspiele (oder Coregames auf “casual” – wie auch immer) oder habe auch mal einen Durchhänger, so dass die Konsolen für zwei, drei Wochen überhaupt nicht gestartet werden. Es ist, wieder der Vergleich, wie der Gang ins Kino: Manchmal hat man keine Lust auf hochstehende Kost, sondern schaut sich Transformers 2 an oder geht gar nicht ins Kino, sondern Grillieren.

Lasst euch vom Look nicht täuschen: Boom Blox ist ein Bombenspiel.
Lasst euch vom Look nicht täuschen: Boom Blox ist ein Bombenspiel.

Was denn nun?
Ganz einfach: Die Unterteilung in Core und Casual ist meiner Meinung nach hinfällig. Wir spielen alle aus so unterschiedlichen Motiven, mit unterschiedlich ausgeprägter Motivation und Hingabe, dass es eigentlich sinnlos ist, eine künstliche Grenze zu ziehen. Eine Grenze, die sich teilweise auf Marketing-Aspekte stützt (Zielgruppen), teilweise auf gegenseitige Ausgrenzung (ich bin Core, die anderen nicht) oder gar versucht, ganze Genres einem Begriff zuzuordnen. Denn das hält wohl so manchen Spieler davon ab, neue Spielideen auszutesten und vorurteilsfrei Games in Angriff zu nehmen. Schliesslich zählt das Gameplay – nicht die optische Aufmachung oder die Thematik.

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13 Kommentare zu “Casual vs. Core: Unsinnige Begriffsduselei”

  1. Levian sagt:

    Ich finde zwar auch, dass es wenige Core-Gamer gibt, aber Casualgamer gibt es definitiv.

  2. Klaus Schneider sagt:

    Richtig die Debatte mal anzustoßen.

    Deinen Freund kannst du beruhigen: Videospiele sind in meinen Träumen hin und wieder zu Gast. Auch wenn sie oft nur die Rolle eines Statisten einnehmen. Im Hintergrund meiner wilden grenzwertigen Achterbahnfahrten flimmert immer irgendeine verdammte Kiste.

  3. Stefan sagt:

    Du sprichst mir aus der Seele, Simon.
    Ich habe einen Unreal Tournament 2004-Level, den ich immer und immer wieder spiele. Ich bin gut in diesem einen Level, schaffe ihn auf einem sehr schweren Level, weiß, wie er funktioniert. Ich spiele gegen die KI, das geht schneller, da bin ich sicher besser. Ich spiele ihn also irgendwie casual.
    Generell spiele ich Spiele, wenn möglich, immer auf einem sehr leichten Schwierigkeitsgrad. Ich möchte mein kleines virtuelles Erfolgserlebnis haben, möglichst ohne allzu viel zu investieren. Ich kann auch core, ich habe inzwischen einfach nur selten Lust darauf. Ich möchte nicht für jedes Spiel die neuen Regeln lernen, die neue Steuerung können müssen. Ich möchte nicht so lange spielen müssen, bis mich das Spiel gnädigerweise wieder speichern lässt. Kurz: Ich möchte mir meinen Erfolg nicht übermäßig verdienen müssen, dafür fehlt inzwischen die Zeit. Nein, richtig ist, dass ich mir die Zeit nicht mehr nehmen will. Ich setze also meine Prioritäten anders, möchte mich nicht entscheiden/festlegen, welcher Beschäftigung/Spiel ich gerade den Vorzug gebe, also spiele ich mal eine kleine Runde eines sogenannten “Casual”Games, wie zB Chuzzle oder gerade Plants vs. Zombies von PopCap. Die versteht man ruckzuck, die kann man in kleinen Dosen gut einschieben. Auf meiner Festplatte ruhen zum Beispiel auch Oblivion, Overlord, Stalker oder Pirates!, die ich jeweils 1 – 2 Stunden (wenn überhaupt) angespielt habe, um es dann doch wieder zu lassen. Eine einzelne Spielsession würde einfach (gefühlt) zu lange dauern.
    Das Interessante ist, ich erlebe Ähnliches wie beim Fernsehen, das ich ua aus eben diesem Grund vor 7 Jahren aufgegeben habe: Ich bin nach einiger Zeit Casual-Spielen sehr unzufrieden und ärgere mich, die viele Zeit (weil hängen geblieben) jetzt doch nicht mit einem Core-Game verbracht zu haben.

  4. Coxula sagt:

    Auf dass die paar Core-Gamer, die es noch gibt ;), sich diesen Artikel mal so richtig zu Herzen nehmen und aufhören zu jammern, es gäbe zu wenige Core-Titel für die Wii. Diese Debatte verlieren sie nach Argumenten eh.
    Das beste Beispiel im Artikel: Es kommt drauf an, wie man ein Spiel spielt. Sehr richtig!

  5. Chris sagt:

    Der Artikel ist super!

    Es ist genau so wie Ihr schreibt, es gibt keine Casual bzw. Core Games… es gibt nur unterschiedliche Arten diese zu spielen.
    Ein Gears of War kann man gelegentlich gemütlich mit Freunden zocken oder auch ernsthaft tagtäglich in einem Clan mit absoluter Besesenheit.
    Auch Wii-Sports ist nicht zwingend ein Casualgame, auf Youtube hab ich ein Video gesehn in dem einer bei Bowling 300Punkte warf! Perfekt! Und anhand der danach zu sehenden Statistik sah man, dass das nicht das erste mal war. Also ein ein Core-Wii-Sports-Gamer :)

  6. Stefan sagt:

    Was ich in meinem vorigem Kommentar zu erwähnen vergessen habe:
    Jegliche Einteilung von Menschen in Gruppen, die wir treffen, dient der Abgrenzung der eigenen Identität. Wenn sich also die Core-Gamer an den Casual-Spielen stoßen, wird damit oft auch deren gefühlte Hierarchie ausgedrückt, sprich: “Wir waren zuerst da, ihr seid die Eindringlinge”. Die Innovatoren, die ein Genre, ein Produkt oder ein Spiel groß gemacht haben, sehen sich in ihrem Selbstverständnis bedroht und schreiben und reagieren dementsprechend.

    Als meiner Ansicht nach gutes Beispiel dient, wie so oft, (das von mir nie gespielte) World of Warcraft. War es am Anfang schon sehr einsteigerfreundlich, wird es, soweit ich informiert bin, immer einfacher, höhere Stufen schnell zu erreichen, ein Reittier oder die passende Beute zu bekommen. WOW-Spieler der ersten Stunde beschweren sich darüber lautstark in den Foren und meinen, dass Blizzard alle kaputt mache. Sie haben das Spiel groß gemacht und sehen nun, wie ihr exklusiver Kreis für alle geöffnet wird, wie die Aufmerksamkeit von ihnen zugunsten der breiten Masse abgezogen wird. Das Spiel, über das sie sich definiert haben, wird zum Allgemeingut, die Abgrenzung zum Umfeld verschwimmt.

    Insofern erklärt sich auch, wieso jüngere Spieler tendenziell radikaler reagieren als wir älteren (wieder: mein Eindruck): In den Jahren der Reifewerdung (Pubertät) ist man generell wenig selbstsicher und möchte gerne aus der Masse herausstechen (no offense!), wenn man so wie ich Ende 20 ist hat man diese Phase glücklicherweise/hoffentlich schon hinter sich und kann sich auf das konzentrieren, was eigentlich zählt, nämlich was einem persönlich Spaß bereitet, und der hängt nicht von der Art des Spiels, sondern vom Spiel selbst ab. (Das klingt jetzt aber schmalzig)

  7. motion_blur sagt:

    Das Wort “Begriffsduselei” gibt es nicht.

  8. Ultralex sagt:

    @motion_blur:das is doch nur ein wortspiel.
    eigentlich sind wir alle doch nur Casu-CoreSpieler

  9. Noodle sagt:

    Guter Artikel, aber eine klitzekleine Anmerkung habe ich noch: Ich bin 16 und ich und meine Freunde spielen alle regelmäßig (meistens miteinander). Nur würde sich keiner von uns als “Hardcore-Gamer” bezeichnen. Und auch bei den anderen Leuten aus meiner Altersgruppe fällt dieser Begriff nicht, deswegen würde ich den Autor bitten das Alter der “Hardcore-Gamer” ein wenig nach unten zu korrigieren, damit kein falscher Eindruck entsteht…

    b2t:
    Hoffentlich bringt dieser Aspekt ein wenig frischen Wind in die Debatte um Casual- und Coregamer. Ich bin das Gejammere langsam leid.

    mfg

  10. @Noodle: Danke für den Hinweis. Natürlich ist nicht jeder 16-jährige damit gemeint. Es geht auch nicht um das Alter 16 per se, sondern eher um die jugendliche Phase, in der man sich (siehe Kommentar von Stefan) auch gerne mal abgrenzen möchte, sei das durch Musik, “Coregamer”-Dasein oder was auch immer. Sollte eigentlich auch nicht negativ rüberkommen. Ich war ja auch mal so… :)

  11. Coxula sagt:

    In meinem Alter dann (so ab > 35) bezeichnet man sich dann auch gerne mal als Retro-Gamer und wünscht sich, man würde Maga Man 8 noch mal so durchzocken können wie früher! :-o

  12. Marta sagt:

    Bin gerade etwas verwirrt: Auch wenn ich absoluter Casual-Gamer bin und mit Zockem nichts am Hut habe, dachte ich immer, dass die einzige Motivation zu Spielen der Spaßfaktor sei. Du schreibst diesn offenbar aber vor allem den Casual-Gamern zu (Ein Casual Spiel ist purer Fun:) Dachte immer, dass auch Core-Spieler dies als ihre Motivation ansehen. Ein Hobby betreibe ich doch auch, weil es mir Spaß bringt! Ehrgeiz darf da ja gerne vorkommen, aber den entwickel ich doch auch beim Sing Star spüielen. Gewinnen will ich da auch, und wenn das heimlich zu Hause üben bedeutet, dann üb ich halt. Sorry an dieser Stelle übrigens an alle meine Nachbarn für die vielen falschen Töne :-)

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