Jul 042009
 
Link und das illusionäre Gefühl von Freiheit
Link und das illusionäre Gefühl von Freiheit
The Legend of Zelda avancierte nicht nur zu einem Kultobjekt. Es trat auch die Rolle eines Fetisches an, das sich durch das über die Jahre heranwachsende, unantastbare Erbe zu einem monolithischen Block verhärtete. Manchmal erheben wir kritische Töne und monieren die schleppende experimentelle Schlagrichtung, aber insgeheim freuen wir uns über jeden Ableger, der in tradtionellem Fahrwasser beheimatet ist und nur wenig Änderungen über sich ergehen lassen musste.

Wir schreckten hyperventilierend auf, als Shigeru Miyamoto zu Beginn des sich anbahnenden Wii-Trendsettings verlauten ließ, Twilight Princess sei das letzte Zelda dieser Art und regen uns zur gleichen Zeit auf, wenn das im Herbst erscheinende Spirit Tracks ein piratenverdächtiges Boot gegen einen Dampf ablassenden Zug austauscht und ansonsten im Vergleich zu Phantom Hourglass viel unverändert lässt. Man sollte diesen paradoxen Sachverhalt als „Die Dialektik der Zelda-Fans“ betiteln. Doch aus dieser Verhaltensymptomatik lässt sich die tiefe Verbundenheit von uns Spielern mit dieser Reihe herauslesen, die schon affektive, tief in unser Gemüt eindringende Verbundenheitsgefühle nährt – und was ist der beste Beweis für eine gefühlsdurchtränkte Verhaltensauffälligkeit? Irrationalität.



In Zelda manifestiert sich vielleicht unsere Sehnsucht, niemals älter zu werden. Es ist der Pan der Videospiel-Historie, und an dieser Gestalt leben wir unsere nimmermehr altersmüden Phantasien aus, die dadurch an Attraktivität gewinnen, weil sie sich nur in nuancierten Bandbreiten voneinander unterscheiden. Wer weiß, vielleicht handelt es sich bei The Legend of Zelda nur um ein durchschnittliches Videospiel, das sich durch unser emotionales Reiz-Reaktions-Schema den unnachahmlichen Zauber eines Meisterwerks überwerfen kann. Die maßregelnde Objektivität bei dieser Serie ist schon seit längerem von dannen gezogen.

Aber eigentlich diente der Artikel nur dazu, folgendes, mit Bezug auf das neue Wii-Zelda im Internet kursierende Zitat von Shigeru Miyamoto an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Er sagte: “I don’t think it’s going to be that radically different.“ Ein kurzer, lapidar auf uns geplumpster Satz, der sich in seiner Bedeutung zu einem wahren Monstrum auswächst. Es ist so, als ob irgend ein ABC-Prominenter einen irgendwie gearteten Vergleich mit Hitler fallen lässt, der dann im O-Ton ganz Deutschland überrollt. Ein Satz, der mit unseren Gefühlen spielt und eine konnotative Dimension innehat, die kolossale Ausmaße angenommen hat.

Damit möchte ich Link natürlich nicht mit Hitler vergleichen, aber zumindest wird jeder Satz mit Bezug auf The Legend of Zelda auf eine peinlichst exakt arbeitende Goldwaage gelegt. Also, fassen wir zusammen: Shigeru macht einen Rückzieher, und beteuert auf einmal, dass das neue für die Wii entwickelte Zelda doch nicht grundlegend anders ausfällt. Und wir atmen im Stillen beruhigt auf, und freuen uns darüber, dass sich bestimmte Dinge im Leben eben doch nie ändern. Gratulation Nintendo. Lieber ein klassisches Zelda, als ein Experiment, das ein globales Schisma entfachen könnte.

Und im Ernst: Diesmal schwingt wenig Ironie mit. Ich möchte mit Link alt werden, aber nur mit einem Link, der meinem idealisierten Bild von Link gleicht. Die Serie leidet fast schon unter der Fuchtel der Spieler-Gemeinde, weil es keinen Millimeter ohne Leine gehen darf, ohne dass wir gleich die Zuchtrute auspacken und wild drauflos schlagen. Es ist schon keine eigengesetzliche Videospiel-Reihe mehr, sondern der Sklave unserer Gelüste. Der Sklavenhandel feiert also selbst hier eine Renaissance. Denn die Entwickler dürfen sich einer Freiheit erfreuen, die jener gleicht, die mit einer Verfilmung der Kreuzigung Jesu einhergeht (okay, selbst hier darf sich der eine oder andere Nobody einer gewissen Beinfreiheit erfreuen).

(via infendo.com, MTV Multiplayer)