Das aktuellste Beispiel einer abgesagten LAN-Party zeigt eindrücklich: Die Diskussion rund um Gewalt in Computer- und Videospielen wird von Missverständnissen und gegenseitigem Misstrauen dominiert. Mehr aufrichtiger Dialog wäre das einfachste Lösungsmittel.
Die Vorgeschichte im Schnelldurchlauf: Die jährlich stattfindende LAN-Party CTX des Vereins Computerfreunde Karlsdorf-Neuthard wurde abgesagt. Als Grund geben die Veranstalter an, die Gemeinde habe darauf gedrängt, “Killerspiele” aus dem Programm zu nehmen, darunter auch Warcraft III und Counterstrike 1.6. Das komme einer Absage gleich.
Die Nachricht aus Karlsdorf-Neuthard verbreitet sich wie ein Lauffeuer über das Internet und löste Kopfschütteln bei Spielern aus. Unverständnis über die Ignoranz äussert sich nicht selten in wütenden Schimpftiraden gegen Politiker und allgemein Autoritäten, die uns Gamern scheinbar das Hobby, ja die Kultur verbieten wollen. Bei genauerem Hinsehen endeckt man schnell: Sowohl die Motive der Gemeinde als auch die Reaktionen der Spieler werden von Missverständnissen regiert. Gegenseitiges Misstrauen verhindert einen Dialog, der dringend nötig wäre, um beide “Seiten” einander näher zu bringen. Und letztendlich auch, um echten Jugendschutz zu betreiben und Erwachsenen ihre Freiheiten in einem Rechtsstaat zu sichern.
“Uns wurde überraschender Weise auferlegt, die Veranstaltung ohne die so genannten “Killerspiele” (worunter auch CS und sogar Warcraft fällt) durchzuführen, was somit einer Absage gleichkommt” schreiben die Organisatoren auf ihrer Website. Als “Opfer” der Hetze gegen die Lanpartyszene” sieht man sich und die Enttäuschung und Wut ist bei vielen Spielern masslos. Zwar muss man anerkennen, dass die LAN-Party nicht verboten wurde. Und was “auferlegt” genau bedeutet, ist in diesem Zusammenhang auch nicht klar. Logisch aber, dass schon die Bezeichnung “Killerspiel” für ein Echtzeitstrategiegame namens Warcraft III Unverständnis auslöst. Wie kann man zwei Spiele unterbinden wollen, welche die USK ab 16 Jahren (Counterstrike) respektive sogar ab 12 (!) Jahren (Warcraft) freigegeben hat? Zumal an der LAN-Party sowieso nur Erwachsene zugelassen waren. Für weiteren Unmut sorgt die Tatsache, dass ausgerechnet in Karlsdorf-Neuthard der örtliche Schützenverein im August ein Turnier für unter 14-jährige durchführt. Spätestens beim Lesen dieser Nachricht stieg auch mein Blutdruck auf ungesunde 170/95 und der Gemütszustand pendelte sich kurzzeitig irgendwo zwischen Wut und Fassungslosigkeit ein. Ist es tatsächlich möglich, so viel Ignoranz an den Tag zu legen?
Die Angst vor Fremdem
Zum Nachdenken brachte mich schliesslich dieser Artikel von golem . Er enthält einige Äusserungen des verantwortlichen Bürgermeisters Weigts, die zeigen, dass der gute Mann wohl schlichtweg keine Ahnung von Spielen hat. Das bringt ihn in eine schwierige Position: Druck aus Politik sowie Öffentlichkeit und einseitige Schlagzeilen über abgesagte LANs wie die Intel Friday Night Games zwingend ihn, sich der Sache LAN-Party und “Killerspiele” anzunehmen, aber andererseits weiss er nichts über LAN-Parties oder Videospiele allgemein. Er nimmt die Sache ernst, informiert sich bei den “Experten”: Er habe mit “vielen Pädagogen und Polizisten gesprochen, die meinen, dass diese Spiele schädliche Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche haben“, schreibt golem. Blöderweise hat man auch in den höheren Ämtern der Partei keine Ahnung von Spielen: “Auch unser Innenminister und der Städte- und Gemeindetag sprechen sich gegen solche Veranstaltungen aus.” Was man nicht kennt, das fürchtet man, vor allem, wenn einen alle erdenklichen Autoritäten und Experten noch darin bestätigen. Den Druck auf die Organisatoren weiter zu geben, war für den Bürgermeister vermutlich die logische Lösung des Problems.
Der Graben wird tiefer
Offenbar sind der Absage zwar längere Diskussionen vorausgegangen. Den Computerfreunde Karlsdorf-Neuthard ist es aber scheinbar nicht gelungen, in der kurzen, zur Verfügung stehenden Zeit die tief verwurzelten Vorurteile gegenüber Spielen abzubauen. Die gescheiterten Gespräche gipfelten dann in der Absage der LAN, die wiederum deftige Reaktionen der Spieler nach sich zog. “Von den E-Mails, die ihn seit der Absage der LAN-Party erreicht hätten, müsse er aber “99 Prozent wegwerfen”, weil sich die aufgebrachten Gamer grob im Ton vergriffen hätten“, so golem über den Bürgermeister. Dass sich die Wut der Gamer entlädt, ist verständlich. Dass sie sich damit aber keinen Gefallen machen, ist ebenfalls klar. Im Gegenteil, sie diskreditieren sich aufs Gröbste und sorgen dafür, dass herrschende Vorurteile über aggressive Gamer genau bestätigt werden. Der Verein Computerfreunde musste deshalb schon zur Mässigung aufrufen. Immerhin: Es scheint auf beiden Seiten die Bereitschaft dazu sein, die Diskussion auf einer sachlichen Ebene weiterzuführen. Nur leider gehen diese Stimmen im allgemeinen Sturm der Entrüstung nur zu gerne unter; andererseits werten in Zukunft wohl viele Gemeinden die Absage als Präzedenzfall. Nach dem Prinzip: So wird man die ungeliebten Gamer los, die nur Aufruhr verursachen, einen beschimpfen und überhaupt sind diese “Killerspiele” ja höchst verdächtig.
Lösung: Dialog
Auffallend an der mittlerweile breit geführten “Killerspiele”-Diskussion: Die Gamer wehren sich meist höchst unbeholfen. Die meisten begnügen sich damit, in Foren oder Kommentaren Dampf abzulassen. Problem: Auch wenn sie mit den Argumenten vielfach recht haben, hören wird sie keiner. Auch Demos oder gar direkte Mails sind in so einem Fall schwierig, denn die Vorurteile sind da und lassen sich nicht mit einem (womöglich noch in grobem Ton verfassten) Mail aus der Welt schaffen.
Was gefragt ist, ist der Dialog. Zwischen Spielern, Industrie, Politik und überhaupt der Öffentlichkeit. Besonders Entscheidungsträger wie Bürgermeister Weigt müssen sich damit abfinden, dass es nicht reicht, sich an einen Pädagogen oder Polizisten zu wenden, der sehr wahrscheinlich genau so wenig Ahnung hat von Spielen, wie man selbst.
Aber auch die Spieler sind gefragt. Seien wir ehrlich: Für jemanden im gesetzten Alter ist es nicht sehr offensichtlich, was der Witz daran ist, sich über mehrere Tage in einer abgedunkelten Halle zu verschanzen, kaum zu schlafen und ständig auf Menschen zu schiessen. Auch wenn es nur Pixel am Computer sind. Mit anderen Worten: Es liegt auch Verantwortung bei uns, den Spiel-Unkundigen zu zeigen, wieso unser Hobby Spass macht. Dass niemand spielt, um zu töten, sondern weil Counterstrike ein höchst taktisches Game ist, und der User gar keine Augen fürs “Töten” hat, sondern für das Spielziel: Bombe entschärfen, Geisel befreien, Raum decken, etc. Eltern, ältere Semster oder Computerabstinentler lernen nicht von heute auf morgen, mit Games umzugehen. Vor allem nicht mit Games, die einen gewissen Anteil an Gewalt mit sich bringen.
Aufklären, Vorzeigen, spielen lassen
Abhilfe schaffen einerseits konstruktive Diskussionen, andererseits vor allem das sanfte Heranführen an die Konsole oder den PC. Kritiker selber spielen lassen, wobei man natürlich nicht unbedingt mit Counterstrike & Co. starten muss. Es bringt aber auch nichts, nur Wii Fit oder Raving Rabbits zu zeigen. Damit ist der Erfolg zwar vorprogrammiert, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt in Spielen findet aber nicht statt. Man darf auch nicht erwarten, danach nur noch Game-Fans vor sich zu sehen. Aber ein paar friedliche Stunden gemeinsamen Spielens und Diskutierens reichen bereits, um die sonst wenig greifbare Gruppe der Gamer als normale und sympatische Menschen darzustellen, die wir hoffentlich (fast) alle sind. Das öffnet Kritikern zumindest den Horizont, setzt ein grosses Fragezeichen hinter bestehende Vorurteile und regt zum Nachdenken an.
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Es wird endlich Zeit, dass Videospiele auch als Kulturgut angesehen werden – aber bis dahin können wir wohl noch ein paar Jährchen warten. Ich wäre ja schon froh genug, wenn die Politik (heißt der uns Gamer denunzierende Teil) dem gegenüber wenigstens einen Funken mehr Toleranz besäße und vor allem den Anstand, sich nicht jedesmal bei den selben “Experten” (Gott sei Dank hast du hier ein Anführungszeichen gesetzt!) zu informieren, sondern auch mit Gamern selbst zu sprechen und sich an zu schauen, wie diese mit ihrem Hobby umgehen. Dass wir am Bildschirm en masse Leute umbringen und trotzdem selbstständige und verantwortungsbewusste Menschen sein können, das wurde bisher nicht gesehen.
Aber nach den Rückschritten, die leider viele Politiker derzeit machen, wenn es um Themengebiete geht, mit denen sie selber privat nichts am Hut haben, habe ich auch nicht mehr allzu viel Hoffnung auf Besserung.
Games wurden vor einem halben Jahr in den Kulturkreis aufgenommen und wird auch seitdem als Kultur angesehen.
Aber ich werde manchmal auch sehr wütend auf diese große Ignoranz mancher Leute, die sich das ganze nicht einmal angesehen haben, aber trotzdem drüber urteilen.
MfG
ChiSaw
Sehr schöner Artikel. In der Tat tun erzürnte Gamer, die nicht blicken, das ein Forums-Flamewar-Tonfall gegenüber einem Bürgermeister kontraproduktiv ist, sich und der Gamerszene keinen Gefallen. Etwas mehr Geduld mit der Elterngeneration. :-) Und warum nicht bei der nächsten LAN einfach mal den Bürgermeister einladen. Er scheint ja durchaus offen dafür zu sein.
[...] Endes kann ich nur auf diesen Artikel hier verweisen: Das Prinzip Missverständnis kommt auch hier wieder zum Einsatz. Mehr Dialog wäre eine Möglichkeit, um solchen [...]