Simon Lutstorf

Gamejournalismus: Ihr glaubt auch jeden Müll!

von Simon Lutstorf am 12. Juli 2009 · 11 Kommentare

Gamesites nehmen in rauen Mengen einen völlig anonymen Beitrag in einem Blog auf, der behauptet, Eidos würde Testberichte schmieren. Es ist ein trauriges Spektakel.

The RAM Raider über sich selbst: .. and it is all lies.
The RAM Raider über sich selbst: .. and it is all lies.

The RAM Raider nennt sich das Blog eines anonymen Bloggers, der angeblich Gamejournalist ist oder war. “The guy who’s sick of the games industry, and the world in general” steht als Untertitel auf seinem Blog, und der Name ist Programm: Eine gehörige Portion Sarkasmus, viel Kritik, ab und zu ein paar Beleidigungen und ganz unten im Footer der Hinweis: “Everything on this blog is the personal opinion of the RAM Raider, and is all lies.” Mit anderen Worten: “Es ist meine Meinung und alles gelogen.”

Und eben jenes RAM Raider-Blog hat einen Beitrag veröffentlicht, in dem er Publisher Eidos schwer beschuldigt. Angeblich dürften Magazine, die eine Testversion von Batman Arkham Asylum erhielten, ihr Review erst nach Ablauf eines Embargos veröffentlichen – es sei denn, sie plazieren Batman auf dem Cover und geben dem Spiel eine Wertung von über 90%. Und der RAM Raider liefert auch gleich eine Möglichkeit, wie man die bösen Journalisten enttarnen kann, die sich “bestechen” liessen: Alle Magazine, die vor Ablauf des Embargos die Batman Story auf dem Cover und eine 90er Wertung oder mehr haben, seien offensichtlich geschmiert. Die Vorwürfe kann der anonyme Schreiberling aber leider weder beweisen, noch nennt er den Namen eines Gamejournalisten, der das Angebot angeblich abgelehnt habe.

Keine Frage, könnte eine brisante Story sein. Sofern man dazu ein paar mehr Informationen, Quellen, Links, Hinweise, oder Aussagen hätte – aber es gibt NICHTS, ausser einem anonymen Blogpost. Trotzdem übernehmen unzählige unserer Kollegen die Geschichte auf ihre Website und entfachen damit ein breit angelegtes Eidos-Bashing in Foren und Kommentaren. Braucht es tatsächlich nur einen hingeschludderten Beitrag, um soviel Aufmerksamkeit der gesamten Gamesites zu bekommen? Ein Trauerspiel für den “Gamejournalismus”, und genau das könnte The RAM Raider provoziert haben wollen.

Mittlerweile hat Jon Brooke, UK-Marketing-Manager von Eidos, reagiert und den Blogpost als Lüge bezeichnet. Es habe keinerlei Diskussionen über Wertungen mit irgendwelchen Magazinen gegeben, so Jon Brooke, und weiter: “In short there is simply not one shred of truth in this article, except for the title of the game.”

Angeblich hat Eidos nachgeholfen: Batman Arkham Asylum
Angeblich hat Eidos nachgeholfen: Batman Arkham Asylum

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Rein theoretisch könnte es natürlich sein, dass Eidos Druck aufgesetzt hat, beziehungsweise hohe Wertungen durch das Embargo begünstigen möchte. Theoretisch könnte es auch sein, dass der RAM Raider, wer immer es auch ist, davon Wind bekommen hat und nun Robin Hood-mässig die Welt davon in Kenntnis setzt. Und wie weit herum bekannt sein dürfte, gab es bereits vor einigen Jahren den Fall Kane & Lynch, wo Eidos offenbar indirekt Druck auf Gamespot ausgeübt hatte, in dem man damit drohte, das Werbebudget zu streichen. Genau so viele Faktoren sprechen aber dagegen. Zum Beispiel, dass die Presseleute von Eidos unglaublich blöde sein müssten, gleich mehreren (!) Magazinen diese Art von Embargo aufzuerlegen. Schliesslich wäre die Wahrscheinlichkeit immens hoch, dass die Magazine die Story publik machen und Eidos nicht nur einen schweren Imageverlust, sondern vermutlich auch einigen finanziellen Schaden in Form von Aktieneinbrüchen zu ertragen hätte.

Doch zurück zum eigentlichen Thema. Egal wie viel man spekuliert, es gibt einfach keine guten Gründe, diese Geschichte zu verbreiten. Und trotzdem haben es unzählige Gamesites gemacht. Wir haben einen Artikel auf Gameswelt, auch Onipepper hat berichtet, Spieletipps, Consolero, Gamestar, XboxFront, GamingMedia und Krawall haben auch etwas dazu verfasst, um nur die deutschsprachigen Publikationen zu nennen. Auffallend: Überall dort, wo Profis am Werk sind, wurde nicht berichtet – zum Beispiel bei Eurogamer oder 4Players. Dort weiss man, dass es ein bisschen mehr braucht, als ein Gerücht, um die Tastatur anzuwerfen.

Schreibts einer, schreiben es alle.
Schreibts einer, schreiben es alle.

Was soll ich dazu noch sagen? In Zeiten, in denen das Newskarussell immer schneller dreht und jeder gerne der erste sein möchte, sind offenbar die letzten Grenzen gefallen. “It must be true, I saw it on the Internet” ist die Devise. Es genügt, dass irgend jemand ein Gratisblog eröffnet und ein bisschen was Kontroverses schreibt, und schon geht die Nachricht wie ein Lauffeuer um das Internet – und die selbsternannten “Gamejournalisten” der Gameportale sind vorne mit dabei, wenn es darum geht, die häufig frei erfundenen “Informationen” zu verbreiten. Ohne nachzufragen und häufig offenbar auch ohne nachzudenken. Es würde mich nicht wundern, wenn The RAM Raider das Gerücht ganz gezielt in die Welt gesetzt hat, um zu schauen, wieviele Websites die Nachricht weiterverbreiten und damit seine kritische Haltung gegenüber dem “Gamejournalismus” selbst bestätigen. Allen, die an ernsthaften Informationen jenseits von reinen Spekulationen und möglichst-schnellem-Verbreiten-von-Müll interessiert sind, kann ich nur raten, sich an die professionellen Portale zu halten. Die sind vielleicht ein paar Stunden langsamer, dafür sind die Infos fundiert und vor allem korrekt.

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{ 11 Kommentare… lese sie unten oder schreibe selbst einen }

1 Hellfridge 13. Juli 2009 um 00:43

Kennt ihr Welt Online? Oder Zeit Online? Oder Spiegel Online?
Da is das schon längst ein alter Hut! ;D

Außerdem muss nur EINER eine News darüber schreiben.. und dann braucht es nur Leute, die diese Quelle für seriös halten, und so verbreitet sich das Wort. Schneeball-Effekt.

Stichwort ist: Medienkompetenz

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2 Polygon 13. Juli 2009 um 01:00

Das wäre was für “Bildblog”. ^^

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3 Coxula 13. Juli 2009 um 11:17

RAM Raider kann man eigentlich nix vorwerfen. Wenn er sogar selbst schreibt, dass alles auf seiner Webseite erfunden und gelogen ist, dann kann man den Vorwurf nur den Spiele”journalisten” machen.
Die für mich viel essentiellere Frage ist bloß: Was mache ich jetzt mit meinem Gamestar-Abo? :o

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4 Simon Lutstorf 13. Juli 2009 um 12:15

@Coxula: Dass Gamestar dabei ist, hat mich auch gewundert. Die sind sonst gut, vor allem im Print.

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5 Chris 13. Juli 2009 um 12:26

Nach diesem Artikel mal ein großes Lob an euch :)
Ich meine bei euch noch nie irgend eine Hirngespinst-News gelesen zu haben.
Weiter so!!

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6 statist 14. Juli 2009 um 16:34

hmmm kann sein, dass es gelogen ist… aber ein körnchen wahrheit wird schon drin sein. die publisher haben sehr wohl einfluss auf die (internet) zeitschriften und zwar durch die werbeschaltungen. keine gute wertung? (über 80%) keine lukrative werbeschaltung. da braucht man gar nicht viel schmieren. es gibt andere methoden herausgeber unter druck zu setzten ;)tja wer kann dann nein dazu sagen…

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7 sYntiq 14. Juli 2009 um 16:55

Da muss ich Statist zustimmen. Kürzungen, Canceln der Anzeigenbuchung, stark verspätetes Zusenden von Testmustern etc. sind alles “handelsübliche” Strafen, falls ein Spiel schlecht abschneidet.

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8 Simon Lutstorf 14. Juli 2009 um 18:42

@statist und sYntiq: Es gibt sicher Fälle, wo indirekt Druck ausgeübt wird. Paradebeispiel Kane & Lynch. Aber das es regelmässig vorkommt, würde ich nicht sagen. Ich schreibe seit ca. 10 Jahren Reviews und es gab nur einmal einen Fall, wo der Publisher sich über eine Wertung aufregte (Konsequenzen hatte es aber keine). Kann allerdings auch daran liegen, dass die Magazine, wo ich geschrieben habe, einfach zu wenig wichtig waren.. :)

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9 statist 14. Juli 2009 um 19:28

ich weiß nicht für welche du schreibst ;) das problem ist unter anderem auch die dichte der zeitschriften, blogs/internet seiten. je mehr konkurenz am markt desto größer der kampf um die kohle (denn nur die großen publisher können sich größere marketing kampagnen leisten) es ist begrenztes geld, das viele wollen. tja. man kann sich vorstellen was dann passiert. und seien wir uns ehrlich. wenn es ums überleben geht (mal hart ausgedruckt), wird die objektivität eher sekundär.

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10 sYntiq 15. Juli 2009 um 08:46

Simon: Es gab da auch eine Aktion von Seiten Atari (glaube ich) bez. Alone in the Dark. Da gab es ja auch auf 4players einen offenen Brief der Redaktion etc pp. wonach es für mich so klang das gerade das mit den “verspäteten” Testmustern handelsüblich wäre. Da ich so etwas ind er Vergangenheit auch shcon von anderen Game-Seiten und Magazinen gelesen habe, denke ichs chond ass da irgend etwas dran ist.

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11 salva 1. August 2009 um 18:07

Soweit dazu. Obs jetz gelogen ist oder nicht, sei mal dahin gestellt. Stutzig lässt es mich dann allerdings doch werden, wenn die heute frisch in meinem Briefkasten eingetrudelte Play³ titelt, sie wäre die erste die den Batman-Test hätte, Batman auf dem Cover hat und auch noch genau 90% vergibt…. Ich weiß auch nicht mehr was ich glauben soll.

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