Jul 122009
 

Gamesites nehmen in rauen Mengen einen völlig anonymen Beitrag in einem Blog auf, der behauptet, Eidos würde Testberichte schmieren. Es ist ein trauriges Spektakel.

The RAM Raider über sich selbst: .. and it is all lies.
The RAM Raider über sich selbst: .. and it is all lies.

The RAM Raider nennt sich das Blog eines anonymen Bloggers, der angeblich Gamejournalist ist oder war. „The guy who’s sick of the games industry, and the world in general“ steht als Untertitel auf seinem Blog, und der Name ist Programm: Eine gehörige Portion Sarkasmus, viel Kritik, ab und zu ein paar Beleidigungen und ganz unten im Footer der Hinweis: „Everything on this blog is the personal opinion of the RAM Raider, and is all lies.“ Mit anderen Worten: „Es ist meine Meinung und alles gelogen.“

Und eben jenes RAM Raider-Blog hat einen Beitrag veröffentlicht, in dem er Publisher Eidos schwer beschuldigt. Angeblich dürften Magazine, die eine Testversion von Batman Arkham Asylum erhielten, ihr Review erst nach Ablauf eines Embargos veröffentlichen – es sei denn, sie plazieren Batman auf dem Cover und geben dem Spiel eine Wertung von über 90%. Und der RAM Raider liefert auch gleich eine Möglichkeit, wie man die bösen Journalisten enttarnen kann, die sich „bestechen“ liessen: Alle Magazine, die vor Ablauf des Embargos die Batman Story auf dem Cover und eine 90er Wertung oder mehr haben, seien offensichtlich geschmiert. Die Vorwürfe kann der anonyme Schreiberling aber leider weder beweisen, noch nennt er den Namen eines Gamejournalisten, der das Angebot angeblich abgelehnt habe.

Keine Frage, könnte eine brisante Story sein. Sofern man dazu ein paar mehr Informationen, Quellen, Links, Hinweise, oder Aussagen hätte – aber es gibt NICHTS, ausser einem anonymen Blogpost. Trotzdem übernehmen unzählige unserer Kollegen die Geschichte auf ihre Website und entfachen damit ein breit angelegtes Eidos-Bashing in Foren und Kommentaren. Braucht es tatsächlich nur einen hingeschludderten Beitrag, um soviel Aufmerksamkeit der gesamten Gamesites zu bekommen? Ein Trauerspiel für den „Gamejournalismus“, und genau das könnte The RAM Raider provoziert haben wollen.

Mittlerweile hat Jon Brooke, UK-Marketing-Manager von Eidos, reagiert und den Blogpost als Lüge bezeichnet. Es habe keinerlei Diskussionen über Wertungen mit irgendwelchen Magazinen gegeben, so Jon Brooke, und weiter: „In short there is simply not one shred of truth in this article, except for the title of the game.“

Angeblich hat Eidos nachgeholfen: Batman Arkham Asylum
Angeblich hat Eidos nachgeholfen: Batman Arkham Asylum

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Rein theoretisch könnte es natürlich sein, dass Eidos Druck aufgesetzt hat, beziehungsweise hohe Wertungen durch das Embargo begünstigen möchte. Theoretisch könnte es auch sein, dass der RAM Raider, wer immer es auch ist, davon Wind bekommen hat und nun Robin Hood-mässig die Welt davon in Kenntnis setzt. Und wie weit herum bekannt sein dürfte, gab es bereits vor einigen Jahren den Fall Kane & Lynch, wo Eidos offenbar indirekt Druck auf Gamespot ausgeübt hatte, in dem man damit drohte, das Werbebudget zu streichen. Genau so viele Faktoren sprechen aber dagegen. Zum Beispiel, dass die Presseleute von Eidos unglaublich blöde sein müssten, gleich mehreren (!) Magazinen diese Art von Embargo aufzuerlegen. Schliesslich wäre die Wahrscheinlichkeit immens hoch, dass die Magazine die Story publik machen und Eidos nicht nur einen schweren Imageverlust, sondern vermutlich auch einigen finanziellen Schaden in Form von Aktieneinbrüchen zu ertragen hätte.

Doch zurück zum eigentlichen Thema. Egal wie viel man spekuliert, es gibt einfach keine guten Gründe, diese Geschichte zu verbreiten. Und trotzdem haben es unzählige Gamesites gemacht. Wir haben einen Artikel auf Gameswelt, auch Onipepper hat berichtet, Spieletipps, Consolero, Gamestar, XboxFront, GamingMedia und Krawall haben auch etwas dazu verfasst, um nur die deutschsprachigen Publikationen zu nennen. Auffallend: Überall dort, wo Profis am Werk sind, wurde nicht berichtet – zum Beispiel bei Eurogamer oder 4Players. Dort weiss man, dass es ein bisschen mehr braucht, als ein Gerücht, um die Tastatur anzuwerfen.

Schreibts einer, schreiben es alle.
Schreibts einer, schreiben es alle.

Was soll ich dazu noch sagen? In Zeiten, in denen das Newskarussell immer schneller dreht und jeder gerne der erste sein möchte, sind offenbar die letzten Grenzen gefallen. „It must be true, I saw it on the Internet“ ist die Devise. Es genügt, dass irgend jemand ein Gratisblog eröffnet und ein bisschen was Kontroverses schreibt, und schon geht die Nachricht wie ein Lauffeuer um das Internet – und die selbsternannten „Gamejournalisten“ der Gameportale sind vorne mit dabei, wenn es darum geht, die häufig frei erfundenen „Informationen“ zu verbreiten. Ohne nachzufragen und häufig offenbar auch ohne nachzudenken. Es würde mich nicht wundern, wenn The RAM Raider das Gerücht ganz gezielt in die Welt gesetzt hat, um zu schauen, wieviele Websites die Nachricht weiterverbreiten und damit seine kritische Haltung gegenüber dem „Gamejournalismus“ selbst bestätigen. Allen, die an ernsthaften Informationen jenseits von reinen Spekulationen und möglichst-schnellem-Verbreiten-von-Müll interessiert sind, kann ich nur raten, sich an die professionellen Portale zu halten. Die sind vielleicht ein paar Stunden langsamer, dafür sind die Infos fundiert und vor allem korrekt.