Jul 152009
 

Schluss, aus, finito: Nach der offiziellen Übernahme durch Square Enix soll der renommierte Name Eidos entgültig verschwinden. Zeit für einen Rückblick auf den kometenhaften Aufstieg, die grössten Hits, aber auch die Tiefpunkte des Publishers.

Wir sind Eidos: von Lara Croft bis Kane & Lynch (ein Klick auf das Bild, startet die Bildershow)
Wir sind Eidos: von Lara Croft bis Kane & Lynch (ein Klick auf das Bild, startet die Bildershow)

Zur Präzisierung sei gesagt: Eidos verschwindet natürlich nicht komplett. Der Betrieb wurde von Square Enix übernommen und alle laufenden Projekte, die Studios und natürlich die grossen Titel wie etwa Tomb Raider bleiben uns erhalten. Trotzdem geht mit dem Verschwinden des Namens Eidos ein Stück Spielegeschichte zu Ende und ich fand, dass es Zeit ist für einen Rückblick auf die letzten 14 Jahre gemeinsamen Spielens. Denn Höhen und Tiefen hat dieses Unternehmen beleibe genug erlebt.


Eidos‘ bewegte Firmengeschichte
Eidos wurde bereits 1990 gegründet. Damit sind es insgesamt 19 Jahre Firmen-Geschichte, und nicht 14. Aber erst seit 1995 ist Eidos auch als Spielepublisher tätig. Zuvor arbeitete das Unternehmen ab Kompressionsverfahren für Videos. Dann folgte die Übernahme von Domark, Simis und Big Red Software, wobei vor allem Domark älteren Lesern bekannt sein dürfte. Domark war damals bekannt für den Championsship Manager . Ich selbst habe früher stundenlang Big Red Racing gespielt, dass von Big Red entwickelt und von Domark publiziert wurde. Die drei Unternehmen bündelte Eidos zu einem neuen Tochterunternehmen namens Eidos Interactive.
Bereits 1996 folgte mit CentreGold die nächste Übernahme, welche auch ein Studio namens Core Design beinhaltete. Tomb Raider war ein Riesenerfolg auf zahlreichen Plattformen und verhalf Eidos zu einem sagenhaften (finanziellen) Erfolg. Vom Tiefstpunkt der Eidos-Aktie 1993 schoss der Kurs in nur sechs Jahren auf das 400-fache. Kein Unternehmen der Welt wuchs in den 90er Jahren schneller als Eidos.

Da Eidos-Logo sehen wir ab sofort nur noch auf alten Spielen.
Da Eidos-Logo sehen wir ab sofort nur noch auf alten Spielen.

Zwei weitere Übernahmen
Nachdem sich Eidos zahlreiche Unternehmen einverleibt hatte, wurde die Firma 2005 selbst von SCi Entertainment übernommen. Vorausgegangen waren Verhandlungen mit Elevation Partners, einer Finanzierungsfirma von John Riccitiello, der uns heute als CEO von Electronic Arts regelmässig über den Weg läuft. Ein weiterer, prominenter Partner von Elevation war U2-Sänger Bono (der rettet also doch nicht nur Wale).
Nach der Übernahme wechselten die Verantwortlichen nahezu das komplette Management aus. Auch Ian Livingstone, der mit Domark ins Boot gekommen war, verliess Eidos, wurde aber später als einziger Eidos-Manager wieder an Bord geholt. Livingstone ist nicht nur eine einflussreicher Person in der Game-Industrie, sondern auch als (Co)-Autor von Fantasy-Büchern bekannt, etwa Fighting Fantasy. Für seine Verdienste in der Industrie erhielt er 2006 den Order of the British Empire.
2008 wechselte SCi seinen Namen in Eidos Plc. Schwere Verluste machten Eidos 2008 attraktiv für Übernahmeangebote. Der japanische Publisher Square Enix hat schliesslich den Zuschlag erhalten. Der Name wird in Square Enix Europe geändert. In den USA geben die Eidos-Niederlassungen ebenfalls alle ihre Geschäfte an Square Enix ab.

Und plötzlich sind Tomb Raider und Final Fantasy unter demselben Dach zuhause.
Und plötzlich sind Tomb Raider und Final Fantasy unter demselben Dach zuhause.

Höhen…
In 14 Jahren Spielegeschichte hat Eidos vieles bewegt. Das Unternehmen war nicht nur der grösste Spielepublisher in England, sondern gehörte auch zu den Grossen in Europa. An das Eidos-Logo auf zahlreichen, gerne gespielten Games hat man sich gewöhnt und so ist es irgendwie befremdlich, wenn dieses Logo plötzlich verschwindet. Immerhin darf man sich noch lange an einige Höhen erinnern:

Tomb Raider: Ich musste gerade schummeln und bei Wikipedia nachgucken, wieviele Tomb Raider-Games es schon gibt. Zwölf Ausgaben – nicht schlecht, und da sind die Director’s Cut-Versionen sowie der DLC für Tomb Raider Underworld nicht mit eingerechnet. Abgesehen von den Spielen an sich, die zusammen eine der am besten verkauften Videospiel-Serien weltweit darstellen, hat Eidos mit Lara Croft eine Figur erschaffen, die heute jeder kennt – auch jene, die nicht spielen. Zwar muss man sagen, dass aus dem starken und sehr selbst bewussten Charakter im Game abseits der Spiele gar nichts übrig blieb. Lara wurde stets nur auf ihre Oberweite reduziert und Modell-Wettbewerbe, Fotoshootings, Nackt-Cheats oder Erotikfilm-Parodien haben ihr übrigens dazu beigetragen, dass aus einer starken Frau ein Sexobjekt wurde, perfekt für die Werbung. Die beiden Tomb Raider-Verfilmungen mit Angelina Jolie sind nette Unterhaltung ohne Anspruch oder Tiefgang geworden, aber das ist man sich mittlerweile gewohnt.

Hitman: Der Spieler als Killer, der möglichst präzise töten muss – eine gewagte Konstellation. In der Spielergemeinde ist die Hitman-Serie beliebt, bei Kritikern von Gewalt in Computerspielen löst das Setting Brechreize aus. Tatsache ist: Hitman ist zum Teil fragwürdig brutal, auch wenn das Game das Töten von Unschuldigen mit Punkteabzügen bestraft. Es bleiben Zweifel, ob die Gewalt nicht doch zelebriert wird. Jedenfalls habe ich das so empfunden, besonders bei den späteren Ausgaben. Spielerisch ist der Hitman abwechslungsreich und eine echte Herausforderung, die besondere Ansprüche an die Geduld stellt.

Hitman: Selbst für Gamer ein kontroverses Setting (und ja, wir sind uns einiges gewohnt).
Hitman: Selbst für Gamer ein kontroverses Setting (und ja, wir sind uns einiges gewohnt).

Thief: Beruht, ähnlich wie Hitman, auf einem Stealth-Action-Prinzip, setzt dieses aber weitaus behutsamer um. Ich muss gestehen, dass ich nur den ersten Teil gespielt habe und dabei so grottenschlecht war (auch noch ein bisschen grün hinter den Ohren, aber trotzdem), dass ich über den zweiten oder dritten Level nicht hinaus kam. Geduld ist gefragt und trotz First Person-Perspektive muss man manchmal die grauen Zellen richtig anstrengen. Thief gebührt die Ehre, sich als Erfinder und Wegbereiter der Stealth-Action zu rühmen – Sam Fischer salutiert.

Deus Ex: … und sein Nachfolger Deus Ex: Invisible War sind trotz der illustren Gesellschaft von Thief oder Tomb Raider Highlights, wie sie nur wenige Publisher in ihrem Programm haben. Es gibt nur wenige Spiele, die den Nutzer so konsequent vor Entscheidungen stellen und ihm auch die Möglichkeit lassen, fast jede Situation ohne Gewalt zu meistern. Plötzlich spielte die Moral eine Rolle – eine Frage, die zum Beispiel beim Hitman äussert spannend hätte eingesetzt werden können, aber leider nicht wurde.

… und Tiefen
Eidos hat einige Male ziemlich daneben gegriffen. Sicher auch in spielerischer Hinsicht, aber die faulen Pflaumen müssen wir uns an dieser Stelle nicht ansehen. Als Unternehmen trat Eidos in folgende, denkwürdige Fettnäpfchen:

Jagd auf Raubkopierer: Eidos Deutschland beauftragte 2005 die Schweizer Firma Logistep AG, Tauschbörsen zu überwachen. Erwischte User erhielten Abmahnpost und sollten Schadenersatz zahlen. Das Vorgehen der Firma geriet selbst ins Visier der Justiz und Eidos machte sich durch die Aktion wenig Freunde unter den Spielern.

Der Kane & Lynch-Skandal: Eidos hatte auf Gamespot grossflächig Werbekampagnen gebucht, dann machte der Gamespot-Journalist Jeff Gerstmann den erhofften Verkaufserfolgen mit einem (aus Eidos‘ Sicht) frechen Review einen Strich durch die Rechnung. Er bewertete das Game nur knapp über Durchschitt und nannte es „hässlich“. Bei Eidos war man so erbost, dass man bei CNET vorstellig wurde und damit drohte, das komplette Jahresbudget zu streichen. Gerstmann wurde entlassen, angeblich aus anderen Gründen. Erneut führte der Vorfall zu einem Imageschaden in der Spielergemeinde.

Kane & Lynch kamen, Gerstmann ging.
Kane & Lynch kamen, Gerstmann ging.

Fast abgeschmiert : 2008 mussten das angeschlagene SCi zuvor bestätigte Gespräche bezüglich einer Übernahme als gescheitert erklären bzw. auf Halt gesetzt. Als Folge davon viel der Aktien-Kurs um 50%. Investoren verlangten den Abgang von CEO Jane Cavanagh und das Aufschieben der kommenden Spiele, bis sich die Situation verbessere. Acht Tage später traten Cavanagh und zwei weitere Manager zurück. Im selben Jahr machte das Unternehmen £100 Millionen Verlust.

Was bleibt?
Der Name Eidos dürfte noch länger durch die Gameszene geistern. Schliesslich leben die zahlreichen Studios, die nun im Besitzt von Square Enix sind, weiterhin am Leben – darunter bekannte Namen wie Crystal Dynamics, IO Interactive, Eidos-Montreal oder die Beautiful Game Studios. Und natürlich dürfen wir uns damit auf neue, spannende Lara Croft-Abenteuer stürzen (der gemunkelte Neuanfang mit einer ernsthafteren und realistischeren Lara lässt mich hoffen!), irgendwann Deus Ex 3 in unseren Händen halten oder mit Just Cause 2 hoffentlich endlich eine Karibik-Insel mit besserem Gameplay durchforsten. Square hat versprochen, beim „Traditionsunternehmen“ Eidos zumindest im Heimatland England alles beim Alten zu belassen. „…Eidos passt einfach zu uns“ freute sich Square Enix-Präsident Yoichi Wada kürzlich. Na denn: Eidos ist tot – es lebe Eidos! (Gott ist das kitschig, aber es passt halt so schön..)

Hidden Text