Sep 142009
 

Besser mal den Gurt umlegen, denn gebremst wird hier erst in letzter Sekunde: Codemasters schickt mit Colin McRae DiRT 2 einen heissen Anwärter um das Rennspiel des Jahres ins Rennen. Wir haben überprüft, ob es die opulente Grafik aus den Trailern auch ins Spiel geschafft hat und vor allem, wie sich die PS-Monster über die Pisten steuern.

Colin McRae DiRT 2 erscheint für alle aktuellen Konsolen.
Colin McRae DiRT 2 erscheint für alle aktuellen Konsolen.

Vor gut zwei Jahren hat Codemasters Colin McRae: DiRT veröffentlicht. Das Game verzichtete auf einen realistischen Ansatz und bot stattdessen rasante Action, ohne aber ins Genre der Funracer zu nutzen. Es folgte Racedriver: GRID, das einen ähnlichen Ansatz auf asphaltierten Strecken bot. Jetzt endlich dürfen sich Fans von staubigen Schotterpisten und verschlammten Feldwegen wieder hinter Steuer setzen: DiRT 2 ist zurück.

Unser Fazit: Mission accomplished. Codemasters liefert pure Qualität ab, und das auf fast allen Ebenen. Geboten wird ein intensives Fahrerlebnis, eingebettet in eine motivierende Karriere. Die Fahrzeuge steuern sich sauber und Action-geladen, auch wenn der Realismus öfter mal etwas zu kurz kommt (die Abstriche gehen aber immer zugunsten eines leichteren Zugangs und letztendlich des Gameplays). Grafisch und akustisch ist das Spiel ohnehin top, so dass man sich einmal mehr veranlasst sieht, über kleine Details zu meckern – etwa, dass keine Wettereffekte eingebaut wurden, oder dass „richtige“ Rally-Etappen fehlen. Letzten Endes überzeugt aber die Liebe fürs Detail: Wenn man in Zeitlupe das Wasser auf die Frontscheibe spritzen sieht, im Cockpit des Wagens kleine Figuren hin- und herwippen oder nach einem rüpelhaften Rempler die Stoßstange fehlt, dann fühlen sich Pistenrowdies zu hause. Kaufempfehlung für Renn- und insbesondere Offroad-Fans.

8/10

Colin McRae DiRT 2 (Xbox 360 [getestet], PS3, PC, DS, PSP, Wii
Entwickler: Codemasters
Publisher: Codemasters

Stürzen wir uns gleich mitten ins Spiel: in die Kamagne. Der erste Start des Games gestaltet sich für Fans von klassischem Motorsport etwas verwirrend. Anstatt aus Garagen und Werkstätten koordiniert man seine Rennen aus einem schäbigen Wohnwagen heraus. Draußen steht eine feiernde Menschenmenge und überall riecht es nach X-Games; fast wähnt man sich in einem Skateboard-Game. Hat man sich erst mal an die ungewohnte Atmosphäre gewohnt, gehts los: Die ersten Rennen stehen auf dem Plan und sie entschädigen grösstenteils für den vielleicht nicht für jedermann nachvollziehbaren Tabetenwechsel.

Bei Cross-Rennen springt man auch mal n'paar Meter.
Bei Cross-Rennen springt man auch mal n'paar Meter.

RRRROoooOOOOARR!
In der Kampagne beginnt man natürlich als blutiger Anfänger. Ein Wagen wird einen zur Verfügung gestellt, den Rest muss man sich selbst erarbeiten. Schauplätze, Wagen, usw. schaltet mit mit wachsendem Erfolg frei und macht mitsamt Fuhrpark und Wohnwagen nach und nach Strecken rund um den Globus unsicher. Codemasters hat neun Schauplätze integriert, die sich sowohl optisch als auch vom Fahrgefühl her stark unterscheiden. Von der tropischen und beinahe fühlbaren Hitze Malaysias über die Schotterpisten Kroatiens bis hin zu schnellen Asphaltkursen in London oder Japan ist alles vorhanden. Abwechslung pur, zumal auch mit unterschiedlichen Boliden in zahlreichen Disziplinen angetreten wird.
Etwas enttäuschend ist das Fehlen von „richtigen“ Rally-Etappen. Zwar kann man zwischendurch in Rally-Wagen gegen die Uhr antreten. Aber es handelt sich jeweils nur um eine Kurzstrecke, in der kein Gefühl für die Zeit aufkommt. Entsprechend fällt auch das Reparieren des Autos zwischen zwei Streckenabschnitten weg. Mit WRC-Rally hat DiRT also nicht mehr viel am Hut. Ebenfalls schade: Insgesamt gibt es nur 25 Autos, die je nach Bedürfnis auf Knopfdruck für die kommende Strecke angepasst werden. Trotzdem eher ein Schritt zurück, Sammelfieber will auf jeden Fall keines aufkommen.

Das schreit nach Arcade-Fahrspass!
Das schreit nach Arcade-Fahrspass!

Runter mit dem Pedal
Das Fahrgefühl der Wagen ist hervorragend. Es erzeugt eine Intensität, die man bei reinen Funracern oder Spielen mit hohem Anspruch an ein möglichst realitätsnahes Fahrmodell nicht unbedingt zusprechen kann. Erneut hat Codemasters die perfekte Balance aus Fahrspass und Realismus gefunden. Ohne dosiertes Bremsen kommt man kaum ans Ziel, trotzdem kann man das Fahrmodell eigentlich als Arcade-lastig bezeichnen. Diverse Schwierigkeitsgrad sorgen dafür, dass auch Anfänger zurechtkommen, wobei es eigentlich nicht viel zu lernen oder einzustellen gibt. Positiv anzumerken ist, dass Colin McRae DiRT 2 jetzt einen konkreten Nutzen aus den gesammelten Statistiken zieht. Wie schon bei GRID speichert das Spiel jede erdenkliche Strecke und Leistung, die man erbringt – daraus resultieren dann neue Herausforderungen, die man auch abseits der Tour angehen darf.

Entgegen der gängigen Rally-Praxis fährt man in DiRT nur selten alleine.
Entgegen der gängigen Rally-Praxis fährt man in DiRT nur selten alleine.

We will rock you
Immerhin: Auch wenn „nur“ 25 Autos mit an Bord sind, darf man sie wenigstens nach Lust und Laune bemalen und ausstatten. Es gibt jede Menge an Lackierungen, Aufklebern und sogar Cockpit-Spielereien, mit denen man seine Wagen ausrüsten darf. Optisch sehen die Boliden allesamt Klasse aus, womit wir schon beim womöglich eindrücklichsten Teil von Colin McRae DiRT 2 sind: der Präsentation. Codemasters hat seine „Haus-Engine“ nochmals massiv aufpoliert und liefert nun Bilder an den TV, die schöner kaum sein könnten. Die Schauplätze verfügen über wunderschöne Details, die Autos (und Zuschauer!) sind perfekt animiert, der Soundtrack weiss zu gefallen und die Effekte sind absolut top. Gerade letzteres ist bei einem Rennspiel enorm wichtig, denn wer will schon mit einem Subaru Impreza über die Pisten brettern, der nicht so klingt wie ein echter Rally-Wagen? Wie schon bei GRID hat Codemasters erneut ein sehr detailliertes Schadensmodell eingefügt. Vom leichten Streifer mit Lackschäden über zerdepperte Scheiben bishin zum Totalschaden gibt es alles zu sehen. Übrigens: Wer Fehler macht, hat erneut die Möglichkeit, das Rennen anzuhalten und ein paar Sekunden zurückzuspulen. So bügelt man heftige Ausrutscher aus.

Schaltzentrale Wohnwagen.
Schaltzentrale Wohnwagen.

Auch online unterwegs
Codemasters spendiert Colin McRae DiRT 2 einen kompletten Onlinemodus, der im Vergleich zum Vorgänger seinen Namen verdient hat. Bis zu acht Spieler dürfen in kleinen Turnieren um die Wette fahren, wobei man als Host die Qual der Wahl hat. Strecke, Wagen und Modus darf man vorgeben, zudem lassen sich gewisse Details erzwingen: etwa ein volles Schadensmodell (hilft gegen rüpelhafte Kollegen) oder eine gewisse Fahrerperspektive. Leider fehlt aber ein Splitscreen-Modus, so dass vergnügliche Rennen zu zweit vor dem TV ausfallen müssen.

Was wir mochten:

Die Balance – Starten, fahren, erleben. Codemasters präsentiert erneut ein Spiel, dessen intensives Fahrerlebnis so viele andere, dröge Rennspiele in den Schatten stellt. Dazu kommt sehr viel Abwechslung dank der verschiedenen Schauplätze, Strecken, Wagen, Modi, etc…

Genre-Primus – In Sachen Optik ist DiRT 2 im Moment ganz weit vorne mit dabei. Faszinierende Spiegel-Effekte, Wasser- und Schlammspritzer auf der Windschutzscheibe, animiertes Publikum, detaillierte Fahrzeuge – perfekt. kommt in Bälde Konkurrenz durch Need for Speed: Shift, Forza Motorsport 3, usw. Zumindest im Offroad-Bereich gibt es aber nichts Vergleichbares.

Echte Fahrzeuge – Es gibt zwar nur 25 davon, aber die Fahrzeuge wurden allesamt lizenziert. Leider gilt das nicht für die Strecken, aber wie das so ist im Leben: Man kann nicht alles haben.

Motivierende Karriere – Ganz Codemasters-typisch kämpft man sich von unten nach oben – und schaltet beim Aufstieg jede Menge an Kram frei, der einen zum Weiterfahren motiviert.

Individuelle KI – Die Künstliche Intelligenz der computergesteuerten Mitfahrer ist nicht immer über alle Zweifel erhaben. Manche Rempler wirken extrem deplatziert. Aber meistens verhält sie sich anständig bis intelligent. Besonders clever: Die Burschen reagieren individuell auf das Fahrverhalten des Spielers. Aggressiv, zurückhaltend, Team-orientiert, etc. Ein freundlicher Fahrstil macht einen in Colin McRae DiRT 2 übrigens auch beliebter bei den Kollegen.

Online Gas geben – Endlich gibts den ersehnten Mehrspielermodus. Auch hier liefert Codemasters saubere Arbeit ab. Ein guter Netzcode produziert Rennen frei von Aussetzern und Lags, es gibt Miniturniere, Bestenlisten, Kollisionen und gar Online-Karrieren.

Das dürfte eine Beule geben.
Das dürfte eine Beule geben.

Nicht gefallen hat uns:

Wo bleibt McRaes Disziplin? – Die kurzen 2-Minunten-Rennen wirken manchmal etwas gar abgehackt. Wer einmal eine intensive WRC-Meisterschaft gespielt, um Reperaturen gekämpft und Sébastien Loeb verflucht hat, der weiß, was gemeint ist.

Keine Wettereffekte – Zugegeben: kein Match-entscheidender Punkt. Aber wenn Codemasters schon so schöne Wassereffekte für die Windschutzscheibe entwickelt hat, dann wären Wettereffekte doch auch drin gewesen. Vermutlich hat man sich dagegen entschlossen, weil die sehr kurzen Rennen einen Wetterumschwung gar nicht möglich oder sinnvoll gemacht hätten. Trotzdem: Fahren auf Schnee, Eis, Match oder nassem Asphalt ist eben was anderes.

Kein Splitscreen – Es gibt leider keine Möglichkeit, zu zweit vor dem TV gegen- oder miteinander anzutreten. Auch Nacheinander dieselbe Strecke zu fahren ist nicht möglich. Zumindest letzteres wäre doch sehr einfach zu Programmieren gewesen. Übrigens darf man auch keine Wiederholungen speichern – die großen Siege muss man also für sich behalten, zeigen kann man sie keinem.

[box]Simons Meinung: Es kommt nicht überraschend, dass Codemasters mit Colin McRae: DiRT 2 eine tolle Show abliefert. Die Mannen aus England haben mittlerweile Jahrzehnte lange Erfahrung in der Produktion von Rennspielen und perfektionieren mit ihrem neusten Wurf das aufs einfache Gameplay und Rennerlebnis ausgerichtete Prinzip. Da stört es irgendwie wenig, das die Strecken fiktiv sind, obwohl die bunte Mischung aus Fahrern (z.B. Motocross- und Rally-Legende Travis Pastrana) wiederum echten Persönlichkeiten entspricht.
Was mich allerdings ein bisschen gestört hat: Es ist mir einfach zuviel Trendsportart. Zwar gehören auch klassische Rally-Etappen noch zum Repertoire, aber die schnellen Cross-Rennen mit riesigen Sprüngen in Hallen voller Scheinwerfer und jubelnder Menschen haben für mich mit Rally-Fahren eigentlich nichts mehr zu tun. Es geht nur noch um coole Namen, noch coolere Musik, X-Games, Style. Es passt zwar absolut ins Konzept des Spiels – aber vom ursprünglichen Colin McRae Rally ist nur noch wenig übrig geblieben. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, die Verwendung von McRaes Namen sei Sellout und nicht etwa ein Tribut, wie man vielerorts lesen kann. Das ist allerdings mehr ein persönlicher Wehrmutstropfen. Colin McRae: DiRT 2 ist ein sehr gutes Spiel, dass nur haarscharf an einer 9er Wertung vorbeischrammt.[/box]