Okt 192009
 
Bezaubernde Love-Story
Bezaubernde Love-Story
Wir haben schon mehrmals im Vorfeld der lange erwarteten Veröffentlichung über das von Amanita Design zum Leben erweckte Machinarium geschrieben. Seit dem 16. Oktober ist das kleine, aber feine Adventure über die digitalisierten Download-Handelsnetze käuflich erwerbbar. Ende Oktober erscheint aber nebenbei gesagt auch eine hübsch aufgemachte Retail-Fassung, die neben dem Anfass-Vorteil mit einer vollwertigen Soundtrack-CD und einem sicherlich nicht enttäuschenden Poster aufwarten kann (wir hoffen auf keine überdimensionierten Schriftzüge!). Nach einem bezaubernden Wochenend-Eldorado mit Machinarium folgt nun das standesgemäße Review.

Kurz zur erinnerungsstärkenden Rekapitulation: Bei Amanita Design handelt es sich um ein unabhängiges, in tschechischen Gefilden beheimatetes Entwicklerstudio, das sich schon mit Samorost und Samorost 2 einen unter „Insiderkreisen“ beredten und wohlklingenden Namen machte. Die Künstler zeichnen sich durch eine unverwechselbare Handschrift aus, die sich in einer hochgradig stilisierten Optik manifestiert. Machinarium stellt nun wahrscheinlich das ambitionierteste und ausgefeilteste Projekt dar: ein stilechtes, klassisches Point & Click-Adventure, das die besten Zutaten des Genres zusammenrührt.

Unser Fazit:
Machinarium gehört unbestritten zu den besten Adventures in diesem Jahr – ja wahrscheinlich rangiert es sogar an oberster Stelle! Das Point & Click-Adventure im klassischen Stil setzt sich aus perfekt abgestimmten Einzelteilen zusammen: Logisch durchdachte Rätsel, eine im leisen Erzählton vibrierende, rührende Geschichte, liebenswerte, sympathisch gezeichnete Charaktere und augenverwöhnende, in zeichnerische Virtuosität getauchte Hintergrundzeichnungen. Doch würden wir diese Punkte summarisch-rechnerisch zusammenballen, würde sich daraus noch nicht wie selbstverständlich ein Referenz-Produkt herauskristallisieren. Die letzte, entscheidende Politur ist, so albern das auf den ersten Eindruck munden wird, gemacht aus entwicklereigener Zuwendung. Machinarium lebt. Es virbiert und empfing den Odem des pulsierenden Lebens. Es ist die Signatur einer mit Herz und Seele virtuos hantierenden Entwickler-Schmiede. Das Adventure ist mehr als die Summe seiner Einzelteile: Es ist ein ästhetisches Gesamtwerk, das durchseelt ist von Individualität.

10/10

Machinarium (Windows, MacOS, Linux)
Entwickler: Amanita Design
Soundtrack im Preis inklusive!

Zum Spielprinzip von Machinarium müssen wir nicht viele Worte verlieren (Anspielmöglichkeit gesucht?). In bester Point & Click-Mechanik rätseln wir uns durch eine von beseelten Blechkameraden bevölkerten Steampunk-Welt, welche mit allerlei Dampf ablassenden mechanischen Konstruktionen und technischen Sonderbarkeiten durchsetzt ist. Als aus süßem Kandiszucker geschlüpfter „Mini-Robocop“ finden wir uns auf einem verlassenen Schrottplatz wieder, der den Kehricht dieser mechanisierten Zivilisation zusammenträgt und den Startpunkt dieses Abenteuers darstellt.

Was uns gefiel:

Narratives Stillleben Das Adventure erschlägt uns nicht mit einer Kaskade von aufdringlichen Dialog-Fetzen, übertrieben inszenierten Zwischensequenzen und einer penetranten, weil oberflächlich-rülpselnden Erzählweise: total Indie eben. Als kleiner Roboter verschlägt es uns auf einen Schrottplatz, auf dem ausrangierte Maschinenfragmente aufgetürmt wurden. Wieso? Warum werden wir aus der Maschinenstadt geschleudert? Wer sind wir? Und was wollen wir hier in dieser Schrottwüste?

Die gleich zu Beginn aufflackernden Fragen werden im Laufe des Spiels im dezenten Tonfall geklärt, was auf eine ziemlich kohärente Geschichte hinausläuft. Machinarium lebt vom interaktiven Storytelling und verlässt sich auf die Auffassungsgabe des Spielers. Wenn wir unseren kleinen Freund sich selbst überlassen, kann es leicht passieren, dass er ins Träumen gerät: Die Gedankenblasen enthüllen uns glückselige Erinnerungsfetzen aus einer strahlenden Vergangenheit. Wir erfahren, was ihn antreibt, was ihn berührt, und was ihn mit dem Leben verknüpft. Und warum er all das auf sich nimmt. Er ist kein inhaltsleerer Blechkamerad. Er ist menschlicher als ein aus Haut und Knochen bestehender Mensch.

Machinarum erzählt gewiss keine komplexe, breitgefächerte, ausladende Geschichte mit viel Drama und anderen dramatischen Ingredienzien, mit denen ein finzanzkräftiger Blockbuster manchmal ausgestopft ist, um dann am Schluss doch wieder einem einfallslosen, niveauarmen Schlussakt zu frönen. Die Inszenierung bei Machinarium ist von eindringlicher Brillanz, die berührt und betrifft.

Perfekt durchgemischer Soundtrack Wie schon bei dem Independent-Produkt Braid geht auch der Soundtrack von Machinarium eine fruchtbringende Symbiose mit dem Spiel ein. Schon die Auswahl der Musikstücke rechtfertigt einen Erwerb der Vollversion. Sphärische Klänge als atmosphärische Verstärker; hochwertige Ambient-Ohrwürmer mit elektronischen Einschlägen (Kostprobe gefällig?) Komponiert wurde der 50-Minuten umfassende Soundtrack von Tomáš „Floex“ Dvořák aus Tschechien, der sein Talent schon bei Samorost 2 unter Beweis stellte.

Ein besondres erwähnenswertes Highlight, das es leider nicht auf die separat erhältliche Soundtrack-CD geschafft hat: In der Innenstadt der Maschinenwesen trefft ihr auf eine instrumentenlose Musikgruppe. Gebt ihr ihnen wieder die musikalische Stimme zurück, so werdet ihr mit einem ganz ganz tollen Musikstück belohnt. Sogar unsere Spielfigur gerät bei dieser musikalischen Darbietung in eine tänzelnde Feststagsstimmung. Zurücklehnen und genießen.

Interaktives Art Book Eigentlich müssen wir es nicht gesondert in einem Punkt erwähnen, aber zur Sicherheit die überflüssige Erinnerung: Machinarium sieht einfach umwerfend aus. Die in ein mattes, zurückhaltendes Farbspektrum getränkten Handzeichnungen versprühen den Charme eines hochwertigen, künstlerisch wertvollen Art Books. Als Spieler weidet man sich förmlich an der dargebotenen visuellen Opulenz der Bilder, die hin und wieder von animierten Lebenszeichen durchzuckt werden.

Unser kleiner Freund versucht sich am Geländer
Unser kleiner Freund versucht sich am Geländer

Perfekter Spracheinsatz Beim Spielen von Machinarium reiften in mir einige Erkenntnisse bezüglich des konventionellen Spracheinsatzes in handelsüblichen Videospielen. Sie wird gewiss zu oft beschmutzt und als bloßes funktionelles Instrument zwecks einer Kommunikation mit dem Spieler missbraucht. Heidegger machte uns schon auf das in unserer modernen Kultur zum bloßen Mittel degradierte Sprachwerkzeug zu Recht aufmerksam, das weit mehr kann, als uns prägnant gehaltene Informationskürzel zu überbringen.

Die Sprache wird zu inflationär missbraucht. Bei Machinarium wird die Sprache ganz über den Haufen geworfen. Kein gesprochenes Wort, keine überflüssigen Dialog-Zeilen, keine sprachlichen Netzbeschmutzer: Symbole, Ikonographie, Bildsprache. Universal verständlich. Universal wirkungsvoll. Bar jedes Sprachmissbrauchs erzählt uns Machinarium die zauberhaft inszenierte Geschichte über Gedankenblasen, die in ihrem Guckkasten zutiefst charmante Zeichentrick-Cartoons inszenieren. Eine trotz oder wegen der blechernen Körperlichkeit kraftstrotzende Gestik und Mimik der Darsteller tut ihr übriges.

Machinarium macht es vor und fungiert hier als vorwegreitender Wegweiser: Bitte verwendet Sprache richtig. Betreibt Poesie. Oder lasst die Bilder herrschen. Durchbrecht die festgespannten Ketten der instrumentalisierten Sprache.

Lösbare Rätsel Eine persönliche Premiere: Machinarium stellt das einzige Point & Click-Adventure in meiner 14-jährigen Videospiel-„Karriere“ dar, das ich ohne die unverzeihliche Benützung einer Hilfestellung durchspielen durfte. Und das Spiel verführt uns mit einigen schmackhaft gemachten Anregern: Es gibt pro Location einen spielinternen Tipp. Wem das nicht reicht, kann auf den InGame-Walkthrough zurückgreifen, der sich aus wunderschönen Konzeptzeichnungen zusammensetzt. Doch das soll beileibe kein logisch folgender Indikator für qualitativ schwache Rätsel sein – im Gegenteil. Sie sind alle ohne Ausnahmen (!) ziemlich logisch durchdacht. Mit einer gesunden Hartnäckigkeit und Zähigkeit knackt man selbst das logozentrischste Ding. Jedenfalls verlangt das Spiel keine konfusen Aufgabenstellungen, die sich nur per Zufall und verknoteten Gehirn-Synapsen meistern lassen (Monkey Island, in die Ecke!). Adventure-Spieler, die sich nur mittels einer Komplettlösung dechiffrieren lassen, sollen bitte der Vergangenheit angehören.

Wenn ihr übrigens das Rätsel mit der euch nachmachenden Eule löst, dann denkt bitte mit einem kurzen Seitensprung an uns (ein lustiges Highlight in einem qualitativ überzeugenden Aufmarsch)! Außerdem zeichnet sich Machinarium durch eine abwechslungsreiche Variationsbreite aus, die etwaige Monotonie nicht aufkommen lässt. Neben klassischen Knobeleinlagen könnt ihr euch auf kleine (intelligente) Mini-Spiele freuen, die sich hinsichtlich der Qualität und des Inhalts an die DS-Referenz Professor Layton anlehnen. Manche Kopfnüsse erwarten euch – nebst einigen interaktiven Abenteuern in bester Space Invader-Manier!

Unverschämt gutes Preis/Leistungs-Verhältnis Mal ehrlich, wann gibt es sonst ein solch überzeugendes Angebot zu einem unverschämt niedrigen Preis? Die digitale Version von Machinarium kostet gerade einmal 14€ und beinhaltet neben der tollen Vollversion auch einen einfach umwerfenden Soundtrack. Als überraschend langatmig erweist sich auch das Spiel, das eine Mindestspielzeit von 6 – 8 Stunden vorzuweisen hat. Und ich empfehle dringlichst eine gemütliche, in die Länge gezogene Spielweise. Nehmt keine Hilfe in Anspruch. Habt Geduld. Habt Zeit. Und gebt euch der Sogwirkung dieses Abenteuers hin. Ich habe die Spielzeit künstlich noch weiter in die Länge gezogen. Ein Spiel für Genießer-Typen.

Die Welt von Machinarium: Öde, leergepumpt. Aber dennoch herzerwärmend und von trostspendender Qualität
Die Welt von Machinarium: Öde, leergepumpt. Aber dennoch herzerwärmend und von trostspendender Qualität

Die Qualität eines Spiels bemisst sich oft an der Qualität der Kritikpunkte. Diese fallen in diesem hier rezensierten Spiel marginal und nebensächlich aus. Trotzdem fahnden wir nach dem berühmten Haar in der Suppe – es ist höchstens ein stoppeliges Barthaar.

Was wir mochten, aber als Kritikpunkt interpretierbar ist:

Langwierige Laufwege Bei einem Doppelklick auf die nächste Location springt das Spiel nicht blitzartig auf das nächste Bild über. Unser kleiner Freund ist auch kein athletischer Sprinter aus der jamaikanischen Olympia-Staffel. Das führt des Öfteren zu kleineren, hinnehmbaren Wartezeiten. Doch das hat auch einen gewichtigen Vorteil: ihr verschmelzt mehr mit der vitalen Spielwelt. Die Blicke versinken tiefer und tiefer in diese handgezeichneten Panaroma-Bilder. Ihr entdeckt ständig neue, bisher unentdeckt gebliebene Details und freut euch über jedes klitzekleine, versteckt integrierte optische Karamellbonbon.

Noch ein Wort zum Blitzwechsel nach erfolgten Doppelklick bei Adventures: Ich hasse dieses Zugeständnis an die Bequemlichkeit des Konsumenten. Das reißt einen aus dem Spiel, zerschlägt die Immersion und demütigt den virtuellen Spielplatz, weil er zum bloßen Rätsellösungsparcours degradiert wird.

Klaus‘ Meinung:
Machinarium verdanke ich ein köstliches Wochenende. Freitagmorgen aufgestanden, E-Mail Postfach geöffnet, Download-Link für Machinarium erhalten. Danach plätscherte der Vormittag dank der musikalischen Ohrwurm-Qualität des Soundtracks von Machinarium in müßig-süffiger Trunkenheit dahin. Auch die zwei folgenden Tage waren geprägt von diesem Spiel. Seien es Gedanken, Spielstunden oder Musik-Begleitung. Ich bin von Natur aus ein ziemlicher Eskapist. Und diese bezaubernde Welt bot mir für drei Tage einen perfekten Realitätsverlust, den ich in vollen Zügen ausgekostet und mit permanent verträumten Blicken eingesogen habe. Machinarium ist ein entzückendes, küssenswürdiges „Großod“, das für jeden Adventure-Liebhaber eine nicht zu versäumende Pflichtaufgabe darstellt. Die putzigen Charaktere aus Machinarium sind allesamt zum Knutschen und Kuscheln – selbst die Bösewichte, die den friedlich lebenden Zeitgenossen der Maschinenwesen das Leben schwer machen (schaut euch doch nur den Helden des Spiels an). Die perfekte Wertung ist das Produkt einer subjektiv überformten Wertschätzung. Eine Liebesbekundung an ein wunderbares Abenteuer. Herzlichen Dank Amanita Design für die wundervollen Stunden.

 
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