Okt 262009
 
Wieviel ist World of Goo wert?
Wieviel ist World of Goo wert?
Kürzlich wurde der Indie-Hit World of Goo ein Jahr alt. Die sympathischen Entwickler von 2D Boy feierten den Erfolg ihres Babies, indem sie den Spielern ein Geschenk machten: Während einiger Tage (+ folgender Verlängerung) konnte sich jeder das Spiel zu dem Preis kaufen, den er bereit war, dafür auszugeben. Wer wollte, konnte also für 1 Cent World of Goo kaufen. Eine interessante Aktion, die rege genutzt wurde. 57’000 PC-Gamer nutzten die Chance und legten durchschnittlich $2 auf den Tisch. Ein lächerlich tiefer Preis, der aber durch die Masse wieder wettgemacht wurde. 2D Boy nahm durch die Aktion immerhin über 100’000$ ein – Geld, dass ihnen sonst mehrheitlich durch die Lappen gegangen wäre. Die Aktion ist aber auch interessant, weil sie letzten Endes fragt: Wieviel ist ein PC-Spiel wert?

Auf ihrer Website veröffentlichten 2D Boy nicht nur die Verkaufszahlen und -preise, sondern auch die Resultate einer Umfrage. Nebst der Frage, wieviel sie für das Game bezahlt hätten, wurden die User auch gefragt, wieso der Betrag entsprechend hoch oder tief war. Rechnet man kurz nach, fällt auf: Der Durchschnittspreis liegt laut den eigenen Angaben der User bei knapp $5 – gemäss den Einnahmen von 2D Boy aber bei $2. Entweder haben also jene, die fast nichts bezahlt haben, die Umfrage nicht ausgefüllt; oder aber, es wurde munter geflunkert. Trotzdem bezeichneten die beiden Enwickler von 2D Boy die Aktion als vollen Erfolg, und das wohl zu recht. Immerhin ist World of Goo bereits ein Jahr alt; klingt nach wenig, ist für PC-Spiele aber oft schon ein Grund, sich den Platz mit Schwundware in der Wühlkiste teilen zu müssen. Stattdessen erführ die Aktion so viel Publicity, dass World of Goo auch in der normal-teuren Version auf Steam gleich 40% mehr (!) absetzte, als in einer durchschnittlichen Woche.

Es sei den Entwicklern also vergönnt, die Aktion als Erfolg zu werten, auch wenn durchschnittlich nur wenig in die Kasse gelegt wurde. Ein paar interessante Aspekte, die man aber nicht vergessen sollte:

Solide Basis vorhanden
Die Aktion hat funktioniert, weil das Game als digitales Produkt unendlich oft ohne Qualitätsverlust vervielfältigt werden kann. Es kann den Entwicklern also egal sein, ob sich 20’000 User das Game für einen Dollar runtergeladen haben, sie verlieren ja nichts dabei (zumal die Aktion zeitlich limitiert war). Das bedingt allerdings, dass zuvor die Kosten durch genügend Verkäufe zu einem „anständigen“ Preis über die Bühne gingen. Sprich: Für ein neues Game würde ich diese Verkaufsform nicht empfehlen.

Geschickte Werbung
Man kann die Aktion für World of Goo als Geschenk für die Fans interpretieren, vor allem aber auch als geschickte Werbemassnahme. Ich glaube kaum, dass die Entwickler erwartet haben, dass auch die Steam-Verkäufe (für $20!) derart zunehmen. Aber dass ein (viraler) Effekt auch ein Ziel war, ist naheliegend. Es zeigt einmal mehr, wie man mit geschickten, temporären Preissenkungen enorm viel erreichen kann. Schon Valve hatte mit einer 50% Preisreduktion auf Steam einige Monate nach dem Release einen wahren Boom ausgelöst: 3000% Zuwachs wurde über ein Wochenende verzeichnet. Zufriedene Kunden kommen übrigens auch wieder. Hört man so.

Way to go, 2D Boy!
Way to go, 2D Boy!

Wieviel ist ein Spiel wert?
Einen absoluten Preis kann man für ein Spiel nicht definieren. Für jeden Spieler hat ein Game einen anderen Wert, je nach Genre, nach Vorlieben, nach PC- oder Konsolenausstattung, etc. Bei World of Goo antworteten die meisten Spieler, sie hätten soviel bezahlt, wie sie sich im Moment leisten könnten. Abgesehen davon, dass man auch hier nicht weiss, ob die Antworten ehrlich waren, spricht auch dieser Punkt sehr für die Aktion. 2D Boy erhält nämlich dadurch auch einen Betrag von Spielern, die sonst aus finanziellen Gründen nicht bereit wären, den $20-Betrag zu bezahlen. Klar, $20 ist eigentlich nicht viel; heute kostet ja schon ein Kinoeintritt mit Getränk fast so viel (bzw. mehr in der Schweiz, grml…).

Fazit
Man darf den Jungs von 2D Boy gratulieren. Auch wenn sich die durchschnittlich bezahlten $2 pro Spiel auf den ersten Blick nach sehr wenig anhören, so beweisen sie mit der Aktion doch, dass sie verstanden haben, wie der Markt für PC-Spiele funktioniert und in welche Richtung es geht. Die Lösung heisst nicht „alles kostenlos weggeben“, sondern sie heisst „geschicktes Marketing und faire Chancen“. Den wahrscheinlich grössten Vorteil haben sich die Entwickler aber durch das Gewinnen der Sympathie der Spieler erarbeitet. Wer sich fair oder sogar zuvorkommende behandelt fühlt, der bezahlt eher (und mehr), als wenn latent der Abzocke-Vorwurf im Raum steht. Auf die Frage, wieso sie den gewählten Betrag bezahlen, anworteten entsprechend auch 26.6% mit: „I like the pay-what-you-want model and wanted to support it.“