Okt 272009
 
Guitar Hero von Harmonix hat den Musikspiele-Boom ausgelöst.
Guitar Hero von Harmonix hat den Musikspiele-Boom ausgelöst.
Es gibt wohl kaum ein Genre, dass in den letzten Jahren so populär geworden ist, wie jenes der Musikspiele. Seit der Veröffentlichung von Guitar Hero 2005 und dem bald darauf entbrennenden Konkurrenzkampf zwischen Activision und Harmonix (Rock Band), gehört eine Plastikgitarre in jedes Gamerzimmer. Dank der familienverträglichen Action erfreuen sich natürlich auch Gelegenheitsspieler an der Möglichkeit, auf den digitalen Bühen der Welt abzurocken.
Mittlerweile sind vier Jahre vergangen und die aktuellsten Iterationen der beiden Giganten heissen The Beatles: Rock Band oder Guitar Hero 5. Und, es war zu erwarten, das Spielprinizp hat den Sprung auf gänzlich andere Instrumente geschafft. Mit DJ Hero erscheint in den nächsten Tagen Activisions neuster Streich, der den Spieler an Mischpult und Turntables setzt. Natürlich benötigt man dafür erneut teure Zusatz-Hardware, denn mit einer Gitarre kann man leider nicht scratchen.
Doch die neusten Analysen rund um die Verkaufszahlen von Musikspielen lassen jetzt aufhorchen. Laut Gamesindustry lagen sowohl die Verkäufe von Guitar Hero 5 als auch The Beatles: Rock Band deutlich unter den Erwartungen. Für DJ Hero seien die Vorbestellungen zwar sehr gut, behauptet Activision; Analyst Doug Creutz glaubt aber das Gegenteil und korrigiert seine Verkaufsprognose für das erste Jahr von 2.5 Millionen Einheiten auf nur noch 900’000. „… the buzz surrounding titles such as Guitar Hero has faded“ interpretiert ihn Gamesindustry. Sind Musikspiele tatsächlich am Ende des Booms angelangt?


Doug Creutz sieht in den abgeschwächten Prognosen für DJ Hero nicht nur einen schwindenden Hype, sondern auch das Problem der teuren Hardware. In Zeiten der Wirtschaftskrise haben viele Leute einfach kein zusätzliches Geld übrig, um nebst dem Spiel auch noch ein Hardware-Addon zu berappen, ohne das man gar nicht spielen kann (und das gleichzeitig zu allen anderne Games inkompatibel ist).
Die schlechten Verkaufszahlen von Guitar Hero und Rock Band sind aber vermutlich mehr als ein Rezessions-Problem. Sie sind Ausdruck eines mittlerweile etwas gelangweilten Publikums, dass nicht mehr bereit ist, für das immer gleiche Spielprinzip teuer zu bezahlen.

Langweile auf der Bühne

Auch die Beatles werden versoftet: The Beatles Rock Band
Auch die Beatles werden versoftet: The Beatles Rock Band
Natürlich hat sich seit dem Ur-Guitar-Hero einiges verändert. Mittlerweile steht nicht mehr nur ein Gitarrist, sondern eine komplette Band auf der Bühne, ein Paket mitsamt Schlagzeug kann ein Mensch alleine gar nicht mehr nach Hause schleppen und von AC/DC über die Beatles bis Van Halen oder Metallica haben zahlreiche Rockgrössen ihre eigene Ausgabe des einen oder anderen Markentitels erhalten.
Aber: Im Kern haben sich diese Games nie auch nur ein bisschen verändert. Es geht seit Guitar Hero darum, eine vorgegebene Abfolge von Tönen (bzw. „Fingerbewegungen“) zeitlich möglichst genau zu treffen. That’s it. Wer eines dieser Musikgames gespielt hat, kennt sie im Prinzip alle, denn ausser ein paar Zusatzoptionen, neuen Songs und einem anderen Look&Feel bleibt immer alles beim Alten. Ich habe selbst nur Guitar Hero: World Tour zu hause, das ich eigentlich nur ab und zu spiele, wenn Besuch da ist; das Schlagzeug hätte mich noch gereizt, aber damit hat es sich.

Grösser, besser, schöner!
Da der Markt von zwei Grössen beherrscht wird und keine von beiden Marken wirkliche spielerische Neuerungen mit einbringen konnte, beginnt bald der virtuelle Schwanzvergleich Konkurrenzkampf: Plötzlich spielt eine ganze Band mit, es gibt Sondereditionen mit Rock-Legenden auf beiden Seiten, limitierte und sauteure Instrumente, die eigentlich nichts anderes als eine Marketing-Massnahme darstellen und scheineteuer sind. Das alles täuscht aber nicht darüber hinweg, dass man als Gamer eigentlich nicht zwei oder dreimal pro Jahr ein neues Musikspiel kaufen will, um dann damit wieder genau das zu tun, was man schon mit Guitar Hero X oder Rock band Y gemacht hat.

.. und jetzt der DJ Held.
DJ Hero von Activision
DJ Hero von Activision
DJ Hero ist nichts anderes als die nächste Stufe im Kampf um die Gunst der Spiele- und Musikliebhaber; es ist die logische Konsequenz eines im Kern langweiligen, aber mit jeder Stufe noch unglaublichere, viel Drumherum aufgepeppten und opulenten Spielerlebnisses. Dank DJ Hero sind die Entwickler nicht mehr auf Rockmusik angewiesen (man hört sie förmlich tief durchatmen), sondern man kann in den elektronischen Gefielden wildern, von Hip-Hop über Elektro bis Drum’n’Bass. Der Käufer muss zwingend ein neues Hardware-Addon erstehen, sonst ist er nicht mit dabei. Und anders als die Gitarre steht der DJ Hero-Turntable dann mit Vorteil auf einem Tisch im Wohnzimmer und die Bewegungen der Finger sind etwas anders, aber im Endeffekt gilt auch hier: Es ist dasselbe.

Zugegeben, ich bin auch neugierig, wie sich DJ Hero spielt, oder besser: anfühlt. Der Versuchung, die 180.- (CHF) für das Spiel mitsamt Turntable auf den Verkaufstresen zu legen, werde ich aber widerstehen müssen. Weil ich glaube, dass ich wie bei Guitar Hero relativ schnell die Lust verliere, Bewegungsabläufe zu perfektionieren, und zweitens weil das Ding für die paar Stunden Spielspass einfach viel zu teuer ist. Aber vielleicht irre ich mich ja auch und DJ Hero erfindet tatsächlich das Gameplay der Musikspiele neu; dann werde ich ihm huldigen, garantiert.
Vermutlich macht sich allgemein langsam aber sicher eine leichte Ermüdung in Sachen Musikspielen unter den Gamern breit, die sich nun auch in den Verkaufszahlen niederschlägt. Der Markt ist übersättigt, wer sich für solche Games interessiert, ist längst mit einer oder gar mehreren Gitarren und sonstigen Addons ausgestattet.