Jan 112010
 

Kann die unvermeidliche Fortsetzung zu einem der meist gehypten Spiele der letzten Jahre halten, was die Rezensionen der großen Magazine und Webseiten versprechen? Wir verraten euch die ungeblümte Wahrheit.

Wurde für die Promotion des ersten Teils noch die kanadische Geek-Schönheit Jade Raymond eingespannt, lief beim zweiten Teil alles über virales Marketing mit mysteriösen Botschaften und Symbolen, sowie eine Reihe aufwendig produzierter Kurzfilme, die unter dem Titel „Lineage“ die Vorgeschichte der Charaktere beleuchten. Auch das war genug, um die Verkaufszahlen in für Ubisoft bequeme Höhen schnellen zu lassen. Doch ohne Umschweife jetzt zu der Frage, die uns alle am meisten beschäftigt.

Unten die wundervolle Atmosphäre des venezianischen Hafens, über den Dächern geht Ezio seinem Handwerk nach.
Unten die wundervolle Atmosphäre des venezianischen Hafens, über den Dächern geht Ezio seinem Handwerk nach.

Unser Fazit: Ist der zweite Teil besser als das Original? Ja. Und nein. Auf der einen Seite gibt es augenscheinlich mehr zu tun, zu sammeln und freizuschalten, wirklich neu ist bis auf die an den persischen Prinzen angelehnten Katakomben aber nicht wirklich viel. Das Kraxeln an den Fassaden bereitet nach wie vor große Freude, allerdings waren die Gebäude im ersten Teil prunkvoller und den Weg nach oben zu finden war von größerer Abwechslung und Herausforderung geprägt. Das Kampfsystem fühlt sich nach wie vor nicht sonderlich ausgereift an und eine wirkliche Stealthkomponente, wie man sie bei einem Spiel dieser Art vermuten würde, ist leider nur rudimentär vorhanden. Was Assassin’s Creed II aber richtig gut macht ist, dass es eine wahnsinnig tolle Stimmung eines längst vergangenen Italiens vermittelt und ganz nebenbei als interaktive Geschichtsstunde glänzen kann. Es macht wie schon der Vorgänger mal mehr mal weniger Spaß, schafft es insgesamt aber nicht, sich deutlich genug davon abzuheben. Wer bereits am Original viel Freude hat, wird auch hier gut bedient, allerdings darf man keine wirkliche Evolution erwarten.

7/10 – Gut (Eine 7 steht für solide Spiele, die definitiv ihre Freunde finden werden. Lässt Wiederspielwert vermissen, ist zu kurz oder weist andere Mängel auf, die nicht ignoriert werden können. Die Erfahrung bereitet aber insgesamt Spaß.)

Wir bedanken uns bei Ubisoft für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsmusters.

Assassin’s Creed II (Xbox 360 [getestet], PS3, PC)
Entwickler: Ubisoft
Publisher: Ubisoft

Die Hintergrundgeschichte ist schnell erzählt: Ezio Auditore (da Firenze) ist ein Frauenheld und lebt ein unbeschwertes Leben in Florenz, bis er eines Tages zusehen muss, wie sein Vater und seine Brüder verraten und schließlich hingerichtet werden. Im Verlaufe des Spiels kommt er einer groß angelegten Verschwörung auf die Schliche und wird, wie einst Altaïr (ibn La-Ahad), ein Meuchelmörder der gegen die Templer einen Rachefeldzug startet. Natürlich beginnen die Ereignisse wieder in der Gegenwart (bzw. 2012) mit Desmond Miles, der nur durch eine Maschine mit dem Namen „Animus“ dazu in der Lage ist, Ereignisse die in seiner DNA gespeichert sind, erneut zu durchleben.

Dieses Mal wird der Spieler in die Zeit der Renaissance zurückversetzt und darf sich wieder in drei großen Städten nach belieben austoben. Er hat die Wahl, ob er die Storymissionen verfolgt, etliche versteckte Federn und Schätze ausfindig macht, sein Arsenal aufstockt, zum Ausbau einer Villa beiträgt und somit alle zehn Minuten ein festes Einkommen erhält oder einige Nebenmissionen in Form von Auftragsmorden oder Wettrennen über die Dächer absolviert. Wenn sich der angehende Assassin in einem Ort zu auffällig verhält, steigt seine Bekanntheit unter den Wachen und er wird schneller bei seinen Streifzügen erkannt und attackiert.

Zum ersten Mal darf man auch Gebäude betreten und von innen sehen, was erheblich zur Atmosphäre beiträgt.
Zum ersten Mal darf man auch Gebäude betreten und von innen sehen, was erheblich zur Atmosphäre beiträgt.

Diesen Bekanntheitsgrad vermindert er, in dem er Poster mit seinem Antlitz abreist oder die Stadtschreier mit einer ordentlichen Summe dazu besticht, gutes über ihn zu erzählen. Er kann sich in einer beliebigen Menschenmenge tarnen und Kurtisanen, Söldner oder Diebe anheuern, um Ablenkungsmanöver in die Wege zu leiten. Nach einer kurzen Zeit trifft Ezio auf Leonardo da Vinci, der in Assassin’s Creed II qunasi die Rolle von Q übernimmt. Er versorgt uns nach und nach mit immer neuen und besseren technischen Spielereien. Direkt an ihn geknüpft sind auch zwei „Minispiele“, da wäre zum einen die Flucht mit einer Kutsche und zum anderen der Flug über Venedig mit Leonardos Flugmaschinen-Prototyp.

Das übrige System hat sich zum Vorgänger kaum gewandelt. Noch immer muss man Türme oder hohe Gebäude erklimmen, damit die umliegende Gegend mit der Erinnerung synchronisiert wird. Noch immer laufen Massenkeilereien nach dem selben Schema ab und nur einer der Angreifer wagt es sich mit Ezio gleichzeitig anzulegen. An der Steuerung wurde auch nichts geändert, jeder Knopf repräsentiert einen der vier Bereiche Kopf, linker und rechter Arm, sowie Beine. Veteranen werden sich sofort wohlfühlen, Neulinge sollten sich nach den kurzen Tutorials wunderbar zurechtfinden. Die Spieldauer beträgt an die zwanzig Stunden, je nachdem wie viele der optionalen Direktiven man erfüllen möchte entsprechend kürzer oder länger.

Was wir mochten:

Geniale Stimmung – Jedes Gebiet hat einen ganz eigenen Look und wirkt durch schön gestaltete Bauwerke und liebevolle Details, als wäre man mittendrin in der damaligen Zeit. Wer sich beispielsweise einfach nur auf einen der viel frequentierten Marktplätze in Venedig stellt, kann sich gänzlich in der Atmosphäre verlieren: Das Stimmengewirr der prachtvoll gekleideten Passanten, die detailreichen Gebäude, die dezente und beruhigende Musikuntermalung. Selten war ein Videogame derart schön in Momenten, in denen der Spieler überhaupt nicht aktiv ist.

Nach wie vor tolles Spielerlebnis – Eine große offene Welt, die man auf unterschiedliche Arten erleben kann, ist noch immer das stärkste Argument von Assassin’s Creed. Die Möglichkeit, sich jederzeit und nahezu überall auf die Dächer der umstehenden Gebäude zu begeben, macht süchtig und man möchte auch in anderen Spielen am liebsten gar nicht mehr darauf verzichten.

Aus den Fehlern gelernt, zumindest teilweise – Die immer gleiche Missionsstruktur aus dem Vorgänger wurde verbannt, stattdessen darf man nun erheblich mehr Attentate verüben. Dass die Spielmechanik einem hierfür wenig Raum für unterschiedliche Herangehensweisen offeriert, ist dagegen eine andere Geschichte. Als Ausgleich gibt es nun immerhin durch das Upgradesystem und die vielen Waffen, Rüstungen und Gegenstände erheblich sinnvolleres zu tun.

Die Kutschfahrt ist eine nette, wenn auch nicht gerade spektakuläre kleine Ablenkung vom meucheln.
Die Kutschfahrt ist eine nette, wenn auch nicht gerade spektakuläre kleine Ablenkung vom meucheln.

Nicht gefallen hat uns:

Ein Meuchelmörder der nicht meuchelt – Wie stellt man sich ein Attentat als gewöhnlicher Mensch idealerweise vor? Der Film Leon, der Profi hat dies glaube ich perfekt skizziert: Unentdeckt bleiben, einen Wächter nach dem anderen ausschalten, das eigentlich Ziel ausschalten und genau so unentdeckt und ohne Spuren wieder entkommen. Den Assassinen in Ubisofts Reihe ist diese Vorstellung jedoch völlig fremd. Statt sich bei so tollen Genrevertretern wie Thief, Arkham Asylum oder Metal Gear Solid zu bedienen und einen ordentlichen Modus für den wichtigsten Part des Spiels zu offerieren, endet nahezu jeder Mord im Schwertkampf gegen eine Übermacht oder man rennt schnurstracks auf das Opfer zu (weil sich sonst keine Möglichkeit bietet) und drückt wie wild auf X für „ermorden“. Ohne Frage die größte Enttäuschung im ganzen Spiel.

Er hätte jemand fragen sollen, der sich damit auskennt – Was das klettern an Fassaden angeht, haben die Assassine die Nase vorne. Wenn es aber in die Katakomben geht, wünscht man sich, Ezio hätte ein paar Nachhilfestunden bei Prince of Persia genommen. So gut die Steuerung insgesamt auch klappen mag, zu oft springt man ungewollt ins Leere. An vielen Stellen verweigert Ezio auch ohne jeden ersichtlichen Grund an einer Wand den Dienst, obwohl man all die richtigen Knöpfe drückt.

Schwer und unverständlich, mit einem Wort: Fail – Der Potpourri aus (teils) komplizierten Rätseleinlagen und pseudo-mysteriösem Gehabe wirkt irgendwie deplatziert und trägt wenig zum Verständnis bei. Etwa nach der Hälfte schaut man sich nur noch gelangweilt die Lösungen im Internet an, versteht trotzdem nichts und macht mit dem eigentlichen Spiel weiter.

Hässliche, hässliche Gesichter – Nanu, was ist denn da passiert? Während die Umgebungsgrafik eigentlich kaum gelitten hat, sehen die Gesichter sämtlicher Beteiligten grauenvoll aus. Allen voran Lucy Stillman, die zwar wieder (im Original) von der tollen Kristen Bell gesprochen wird, dieses Mal aber unfassbar breitmäulig und unsympathisch ausschaut.

Das nutzloseste neue Feature des Jahres 2009: UPlay – Wer hat sich denn diesen Mist ausgedacht? Für insgesamt vier Aktion im Spiel, für die man auch Achievements erhält, bekommt man Uplay-Währung gutgeschrieben. Um diese einzulösen, muss man nur diesen einfachen Schritten folgen: Zum Hauptmenü zurückkehren, Y drücken und einige Minuten warten, bis Uplay geladen hat. Mit den verdienten Punkten z.B. ein Thema (KEIN Premium, wie billig!) oder ein Upgrade für den Messergürtel „kaufen“. Uplay verlassen und zusehen, wie das Spiel wieder komplett von vorne startet. Zurück im Game zu dem entsprechenden Händler gehen und das Upgrade in Empfang nehmen. Wow! Das hat ja nur zehn Minuten gedauert. GENAU so etwas haben wir immer gewollt. Danke, Ubisoft! PS: Sogar die Arcadespiele vom kleinen Entwickler Twisted Pixel (The Maw und ‚Splosion Man) enthalten freischaltbare Premium-Themen.

Lucy (rechts) ist aus unerfindlichen Gründen nicht mehr wiederzuerkennen...
Lucy (rechts) ist aus unerfindlichen Gründen nicht mehr wiederzuerkennen...
Jörgs Meinung:
So sehr ich mich auf die Fortsetzung auch gefreut habe, die hohen Wertungen und die Platzierungen in den Top Ten-Listen zum Jahreswechsel kann ich nicht ganz nachvollziehen. Assassins’s Creed 2 ist beileibe kein schlechtes Spiel, erscheint einem nach so einem Knaller wie etwa Batman: Arkham Asylum durch die Bank weg zu schwach. Da mögen die ganzen „wichtigen“ Magazine den Titel auch in den Himmel loben, die Unterschiede zum Vorgänger sind zwar da, aber in den Abteilungen, die es am nötigsten hatten (Stealth- und Kampf-System), wurde so gut wie nichts geändert. Das ist wirklich schade, denn die (höchst wahrscheinlich) guten Verkaufszahlen und zu 99% positiven Wertungen geben Ubisoft recht, und so werden wir auch im dritten Teil keine wirkliche Evolution der Serie erleben. Das Potential bleibt enorm, ich würde nur zu gerne sehen, wie es endlich auch mal komplett ausgenutzt wird. Auch wenn sich das Review vielleicht einen Tick zu negativ anhört, bin ich Ubi doch sehr dankbar, dass man das Risiko mit dieser Reihe eingegangen ist und bin gespannt auf die nächste Inkarnation.