Jan 142010
 
Von dieser seelenruhigen Idylle können Entwickler von Rockstar San Diego offenbar nur träumen - wenn sie Zeit dazu finden
Von dieser seelenruhigen Idylle können Entwickler von Rockstar San Diego offenbar nur träumen - wenn sie Zeit dazu finden

We’re hiring talented people who are as dedicated to fun as we are. Come work and play in the sun at our beautiful facility only 5 minutes from the surf. Not to mention you get to enjoy San Diego’s incredible weather! Rockstar San Diego is located in the quiet beautiful beach town of Carlsbad.“ (via Rockstar San Diego Website)

Dieser von der Website von Rockstar San Diego herrührende Textblock liest sich nahezu wie ein Strandurlaub mit garantierter Sonnenbräune. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich die angebliche Idylle aber als trügerisch. Momentan sorgt ein im Internet zugänglicher Brief für Aufsehen, der im verzweifelt anmutenden O-Ton einer SOS-Meldung verherrende Arbeitsbedingungen bei Rockstar San Diego anprangert, die unter der Ägide von Rockstar Games NYC gerade (im wahrsten Sinne des Wortes) mit Hochdruck an der Fertigstellung von Red Dead Redemption werkeln.

So hätten sich die Arbeitsbedingungen bei Rockstar San Diego seit März 2009 rapide verschlechtert – mit der Folge gesundheitlicher, körperlicher und psychischer Beeinträchtigungen. Aufgrund zeitenger Zeitlimits seien nervenstrapazierende 6-Tage-Wochen mit je 12 Stunden pro Tag ein Normalfall, der Ausgleich für geleistete Überstunden sei gekürzt worden, die Gehaltszahlungen seien nicht an die Inflation angepasst worden und ebenso fielen die überbrückenden Urlaubstage zwischen Weihnachten und Neujahr dem Rotstift zum Opfer. Außerdem würde das Management die akuten Leidenszustände der Entwickler ignorieren und auf ihre drängenden Problemsituationen nicht wirklich adäquat eingehen. Das appellative Schreiben endet mit der nachdrücklichen Warnung, dass bei Beibehaltung dieses unzumutbaren Status Quo juristische Schritte nicht auszuschließen seien. Eine derartige, dauerhafte Arbeitslast ist mit der Begründung einer kurz vor der Fertigstellung anlaufenden Crunch-Time wohl ebenso nicht mehr zu rechtfertigen.

Wir wissen nicht erst seit heute, dass der Job eines (Spiele-)Entwicklers längst nicht mehr mit der romantisierenden Idylle eines typischen Traumjobs zu vergleichen ist, sondern die Ausmaße eines veritablen Knochenjobs annimmt. So machte schon eine engagierte Bloggerin unter dem Codenamen „EA Spouse“ im November 2004 auf sich und ihren Mann aufmerksam, der unter dem damaligen Dach von EA schwer zu verkraftende Arbeitsbedingungen über sich ergehen lassen musste.

Doch kurz zurück zu Rockstar San Diego: Offenbar mausert sich das im Vorfeld als Knüller gefeierte Red Dead Redemption zum schwarzen Schaf. Das Gaming-Blog Joystiq.com hielt kürzlich Zwiesprache mit einer internen Quelle von Rockstar San Diego und förderte einige fast schon dramatisch anmutende Wasserstandsmeldungen zutage. Der im Wilden Westen spielene Action-Titel sei aufgrund von Management-Komplikationen schon seit sechs Jahren in Entwicklung (offenbar gibt es einige kontraproduktive Abstimmungsprobleme zwischen Rockstar San Diego und dem Hauptquartier von Rockstar NYC). Um die finanziellen Kosten wieder ausgleichen zu können, sei ein Absatz von angeblich vier Millionen Exemplaren zum Vollpreis erforderlich. Doch angeblich sei es Rockstar wichtiger, dass die Truppe in San Diego den Beweis erbringe, einen Triple A – Titel produzieren zu können (klingt abstrus, aber wir lassen das mal so stehen). Das lässt den Blick noch spannungsgeladener auf den April diesen Jahres schweifen, denn dann soll das Spiel endlich mit energischen Lasso-Würfen die Händlerregale kapern.

Wieviel da tatsächlich letztendlich dran ist, lässt sich natürlich nur mutmaßen. Doch offenbar hängt bei Rockstar der Haussegen schief und das eine korreliert mit dem anderen. Aufgrund limitierter Zeitbudgets und horrender Finanzkapazitäten großer Videospiel-Titel verkommt das Arbeiten bei manchen Entwicklern wohl zu einer schweißtreibenden Plackerei größeren Ausmaßes. Die herzzerreißende Klage ob der untragbaren Arbeitsbedingungen der Spiele-Entwickler im Verbund mit der angeblich desaströsen Statusmeldung hinsichtlich von Red Dead Redemption lassen auf schwerwiegende Problemfälle schließen. Inwiefern läuft da die Kommunikation zwischen San Diego und New York ab?

Jörg Luibl von 4players.de hat die um das Arbeitsumfeld von Entwicklern entbrannte Debatte (siehe die Vielzahl von Kommentaren bei Gamasutra.com, wo Erfahrungen aus erster Hand ausgetauscht werden – das ausgiebige Schmökern lohnt sich!) in einer Kolumne aufgegriffen und mit dem Mythos des Traumberufs Spiele-Entwickler aufgeräumt bzw. „Aufklärungsarbeit“ betrieben.

Das Klima im Videospiel-Umfeld wird offensichtlich immer roher und verbissener. Wir erinnern uns noch mit leichten Aufwallungen von Wut im Bauch an den Boss von Activison, der in einem Anfall von satanischer Offenherzigkeit gleich mal den rhetorischen Knüppel ausgeholt hat und sich zur (unglaublichen) Aussage hinreißen ließ:

„The goal that I had in bringing a lot of the packaged goods folks into Activision about 10 years ago was to take all the fun out of making videogames.”

Offenbar zeigen solche „sozialreformerischen“ Initiativen die ersten Früchte.