Jan 202010
 

Angesichts der über die Stränge schlagenden Entwicklungskosten bei aufwendigen Spiele-Produktionen kann man die Breitseiten der Publisher gegen den florierenden Gebrauchthandel von Videospielen nachvollziehen. Aber mal im Ernst: Welcher gesund ökonomisch denkende Mensch kauft sich, unter Absehung der subjektiv aufgeladenen Emotionalisierung bei persönlich gehypten Spielen, schon Neuerscheinungen für durchschnittlich 60€, wenn diese nach ein paar Wochen schon preislich merklich unter Erosionsgefahr leiden. Gerade die in gefühlt jeder Stadt sich niedergelassenen, im Einheitslook ausstaffierten GameStop-Läden füllen den Großteil ihrer Präsentierfläche mit Regalen voller gebrauchter Spiele.

Wie wappnet man sich als Publisher also gegen diesen nach deren Meinung ruinösen „Wertezerfall“? Indem Anreize gesetzt werden, die neue Spiele für die Konsumenten schmackhaft machen. Das beste und zugleich aktuellste Beispiel stellt das kommende Woche endlich erscheinende Mass Effect 2 dar, das beim Neukauf mit allerlei Sahnehäubchen auftrumpfen kann und von manch einem (z.B. von meiner Wenigkeit) als Rekrut für den Feldzug gegen den prosperierenden Gebrauchtwarenhandel angesehen wird.

Nagelneue Exemplare des Action-RPGs enthalten nämlich einen Code für das so genannte „Cerberus Netzwerk“, das ein In-Game Portal freischaltet, in dem neueste Download-Inhalte heruntergeladen und aktuelle Informationen über ME2 bezogen werden können. Eine absolut tolle Sache – vor allem umso positiver, wenn wir bedenken, dass die zum Release lancierten Download-Pakete mit Zusatzinhalten kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Nur jene Spieler, die aus Kostengründen (oder aus welchen Gründen auch immer) eine gebrauchte Version von ME2 erstehen, müssen sich diese Kennziffer zur Aktivierung des InGame-Portals separat zulegen – über die preislichen Dimensionen schweigt sich EA derzeit wohl noch aus. Hier ein Auszug aus der Pressemitteilung:

Spieler, die Mass Effect 2 nicht neu gekauft haben, können das Cerberus-Netzwerk nach dem einmaligen Erwerb eines neuen Aktivierungscodes im Spiel freischalten.

Gerade EA stellt sich bei der geschickten Aufstellung von Anreizen derzeit an die vorderste Speerspitze dieser Initiative. Schon mit Dragon Age: Origins platzierte man bewusst Appetithappen, um die Hemmschwelle für Neukäufer zu minimieren. Die Kollegen von Kotaku.com verweisen auf das für Neukunden seinerzeit bereitgestellte DLC „The Stone Prisoner“, das für Besitzer von gebrauchten Datenträgern mit 15$ zu Buche schlägt. Auch das Ende letzten Jahres veröffentlichte The Saboteur belohnte die Kunden mit so genannten „original purchaser rewards“.

Offenbar wird die mit der derzeitigen aktuellen Konsolengeneration eingeläutete Zeitrechnung von downloadbaren Inhalten für solche Zwecke instrumentalisiert. DLC heißt das Zauberwort. Doch zurück zu Mass Effect 2: Gerade zum Release am Freitag kommende Woche werden wir scheinbar mit kostenneutralen (!) DLC-Inhalten regelrecht überschwemmt. Nach dem ersten unentgeltlichen Download-Paket pünktlich zum Release, das unter anderem den neuen Söldner Zaeed enthält und mit neuen Missionen und Gegenständen von sich reden macht, soll es dann postwendend ein zweites solcher Art geben, das, und das ist die vielleicht positive Überraschung, ein Fahrzeug einschleusen wird. Wir erinnern uns: In Mass Effect konnten wir uns noch auf den Planetenoberflächen mit einem mehr schlecht als recht kontrollierbaren fahrbaren Untersatz (Mako) (im wahrsten Sinne des Wortes) herumschlagen. Der globige Bierkasten kam (gerechtfertigterweise) bei den Spielern nicht besonders gut an und verschwand beim Nachfolger in der Mottenkiste auf der Dachkammer der Entwickler.

4players.de berichtet davon, dass sie beim ersten Durchspielen mit keinem steuerbaren Fahrzeug in Kontakt gekommen sind – offenbar haben sich die Entwickler dem konzertiert vorgetragenen Kritikerschwall auf Seiten der Spieler angenommen und sich gleich auf die sichere Seite gewagt. Mit der Veröffentlichung des zweiten DLCs soll dieses inhaltliche „Defizit“ also mit einer Nachlieferung eines Fahrzeuges bereinigt werden. Da stellt man sich die Frage: Ist das Fahrzeug also nur eine nette Spielerlei, ohne einen Gameplay-Mehrwert darzustellen? Und was ist mit Spielern, die über keine Internet-Verbindung verfügen und als wanderswütige Pilger die kargen Oberflächen der Planeten durchstreifen? Hätte man das nicht gleich in die Verkaufsversion einbauen können? Gut, vielleicht hat es für die Einbindung bis zur Gold-Meldung nicht mehr gereicht.

Beim Besuch des Forums stellt sich das Fahrzeug als Luftkissenpanzer mit dem Namen „Hammerhead“ heraus. Der dort veröffentlichten Mitteilung ist zu entnehmen, dass das Fahrzeug zur Erkundung der lebensfeindlichen Planeten dringend zu empfehlen sei. Bezieht sich das nur auf die parallel neu erscheinenden Zusatzmissionen? Je mehr ich mich mit diesen Fragen beschäftige, desto mehr Unklarheiten stellen sich bei mir ein. Inwiefern übernimmt dieser Hammerhead im Spiel eine tragende, spielbestimmende Rolle?

Ein Forenuser bei NeoGaf.com machte sich die Mühe und kramte bei IGN.com ein Interview mit Casey Hudson von BioWare heraus, in dem es heißt:

IGN: What changes, if any, are being made to the Mako? Will it get a performance upgrade?
Casey Hudson: We’ve created a new vehicle for Mass Effect 2 which is a major improvement over the Mako and is an absolute blast to play – especially when combined with our improved level design for uncharted world levels. Improving the vehicle has been a major goal, so we’ve been very cautious about getting it perfect before we reveal it. But, we’ll be able to reveal it soon and I think players are going to really enjoy the way the new vehicle moves and fights.

Wenn die Entwickler so viel Energie für die Konzeption eines neuen fahrbaren Untersatzes aufgebracht haben, warum dann die verspätete Nachlieferung via DLC?

Versteht mich nicht falsch: Ich freue mich diebisch über die unentgeltliche Verfügbarmachung von Inhalten. Gerade wenn sie ein ansonsten schon abgerundetes Spiel-Erlebnis um einige Potenzen aufwerten. Doch inwiefern halten die kurz nach der Veröffentlichung lancierten DLCs Einzug? Ist das keine Überstrapazierung eines als Heilsweg paraphrasierten neuen, internetgestützten Features? Und offenbar entdecken die gewieften Publisher darin eine probate Methode, um dem Gebrauchtwarenhandel bei Videospielen einige derzeit unschlagbare Argumente zu entwenden.

Vielleicht sehe ich das auch zu kritisch. Denn: Die Freude über Mass Effect 2 überwiegt und das Spielerherz jauchzt noch mehr bei der Preisgabe von umsonst beziehbaren inhaltlichen Aufwertungen. Vielleicht sollte man aber in Zukunft den zukunftsweiseren Weg einschlagen und sich Rollenspiele prinzipiell erst mehrere Monate nach dem eigentlichen Release zulegen. Denn als Erstkäufer muss man sich ja bald von den langsam und in periodischen Abständen durch sickernden neuen und neuen Inhalten erschlagen fühlen.

(via Kotaku.com, 4players.de, NeoGaf.com, Social.BioWare.com)