Feb 012010
 

Gerade eben bin auch auf einen brillanten Artikel auf Destructoid.com von Jim Sterling gestoßen, der den mit Heavy Rain verbundenen Hype mitsamt seinen beihängenden Suggestionen unter die Lupe nimmt. Er kommt zu einer Schlussfolgerung, die mich schon seit längerem umtreibt und auch leicht beunruhigt. Der Versuch von Entwcklern, ständig darauf bedacht zu sein (inklusive der werbestarken Artikulation dieses Strebens), die narrativen Qualitäten von Filmen zu tangieren. Die bisher erzählten Geschichten in Videospielen erreichen in der großen Mehrzahl natürlich keinen Pulitzer-Preis, doch wir vergessen auch immer, dass die Essenz des Mediums nicht von inhaltlicher Natur ist. Im Grunde genommen sind Geschichten nur ein nettes Beiwerk, das uns durch das spielerische Gerüst (im besten Fall) peitschen soll.

Sterling macht darauf aufmerksam, dass Quantic Dream zur Anpreisung ihres im Februar erscheinenden Spieles oft auf Schlagwörter wie „Hollywood“ oder „Filmqualität“ zurückgreift, um die vermeintliche außerordentliche Qualität ihres Schößlings zu umschreiben. Offenbar würde ein Vergleich mit anderen Videospielen die Aura von Heavy Rain kompromittieren – so ist man jedenfalls versucht zu meinen. Die Entwickler aus Frankreich sind sicherlich nur die Speerspitze von intensiven Unternehmungen, die Videospiel-Erfahrung auf eine filmähnliche Qualitätsstufe zu katapultieren. Wir wollen endlich eine geschichtsträchtige Narration, die von der Brillianz von Referenzstreifen zehren. Wieviel sagt das von einer Branche aus, die ihr Heil in einem anderen Medium sucht. Inwiefern grenzt das an „Selbstverleugnung“?

Man ist geneigt sich ein Analogon vorzustellen: Der kleine Bruder befindet sich in einem schwierigen Alter und sucht sich zur individuellen Identitätsstiftung seinen großen Bruder als Haltepunkt heraus, an dem er sich notfalls festhalten und orientieren kann. Die Videospiel-Branche befindet sich derzeit in einer ähnlichen diffizilen Konstellation. Der große Bruder ist hier das Filmmedium, das offenbar den Heiligen Gral darstellt. Bis zu welchen Ausmaßen kann sich nun der kleine Bruder an seinen männlichen Geschwisterteil orientieren, ohne dabei seine eigene Identität zu verlieren. Wann wird er zur eigenen Kopie seines altersbedingten Leitwolfes?

Es wird oft von einem sogennanten kumulativen Zukunftsmedium gesprochen, das Film und Videospiel verschmilzt. Selbst das an einen Blockbuster-Kinofilm erinnernde Uncharted 2 wurde so viel ich gelesen habe probeweise in ausgewählten Kinos vorgeführt. Es geht jedenfalls nicht unbedingt darum, Heavy Rain die Qualität abzusprechen. Zu behaupten, es sei mehr ein interaktiver Film als genuin ein Videospiel. Quantic Dream reitet nur vielleicht in der Vorberichterstattung zu sehr darauf herum, die Qualitäten eines bewegenden Streifens mimen zu wollen, statt sich auf deren Hauptintention zu besinnen – nämlich ein Videospiel mit einer erwachsenenen Story zu kreieren, das das Medium en toto weiterbringt. Ob es schlussendlich Filmen ebenbürtig sein kann, ist gar nicht die Frage. Ein medienübergreifender Vergleich wäre wohl der völlig falsche Ansatz. Videospiele konnten in der Vergangenheit schon oft Emotionen und bewegende Momente hervorrufen. Auch ohne sich sklavisch an die Gesetze von Filmen zu halten. Sie haben schon oft ihre eigene Sprache gefunden, nicht das nachgebrabbelt, was andere ihnen in den Mund schieben, nur weil es als das „Nachzueifernde“ gepriesen wird.

Heavy Rain wird, davon bin ich fast überzeugt, sicherlich ein fantastisches Spiel für die PS3. Und es ist sicherlich auch eigenständig genug, um sich nicht ständig den Vergleich mit Filmen zumuten zu müssen.