Feb 082010
 
Wer kann bei einem solchen Panorama in Mass Effect 2 einfach vorbei schlendern?
Wer kann bei einem solchen Panorama in Mass Effect 2 einfach vorbei schlendern?
Ich bin kein Freund von Spielzeit-Rechenkünstlern. Von so genannten Speed-Runs halte ich nicht viel, weil sie Genußmittel zu einer Art Volkssport degradieren und den Spaß in eine Art Obession umkehren. Filme haben eine klar geregelte Spielzeit, die sich nur durch das mehrmalige Schauen vervielfachen lässt (von Szenenauskoppelungen, die man immer und immer wieder sehen kann, abgesehen). Die Lesezeit von Büchern sind an die Lesegeschwindigkeit gekoppelt. Wie sieht es bei Videospielen aus? Lassen sie uns größere Freiräume? Ich merke immer wieder, dass die von Spielern ermittelten (scheinbar) objektiven Zeitsätze bei mir nicht wirklich funktionieren (jedenfalls nicht immer).

Selbst bei ziemlich linearen Spielen brauche ich manchmal die doppelte Anzahl der Spielstunden (jüngstes Beispiel: Muramasa: The Demon Blade). Bei Mass Effect 2 hetze ich auch nicht von A nach B, sondern spaziere durch die mit Außerirdischen bevölkerten Einkaufsmeilen, belausche die Passanten bei deren Gesprächen, höre die Werbesprüche und Nachrichtensprecher bei deren Durchsagen an und vertiefe mich in den mir sich bietenden Panaoramablick, der mir die unendlichen Weiten einer mit Wolkenkratzern übersäten Planetenoberfläche bietet. Ich brauche solche Momente, in denen ich scheinbar mit der Spielwelt verschmilze. Das ist für mich der orgiastische Zielpunkt der Immersion. Wenn ich diesen magischen G-Punkt erreiche, hat das Spiel sein Ziel erreicht. Dann schwebe ich in einem anderen, von der Realität abgekoppelten Koordinatensystem. Es ist der Zeitpunkt, ab dem die halluzinogenen Rauschmittel die Nervenrezeptoren überfluten.

Vielleicht verplempere ich nur meine Zeit (sowieso). Aber die Zeit nehme ich mir. Manchmal treibe ich es auf eine vielleicht pathologische Spitze. Ich stelle mir die Vorgeschichten von Passanten vor, die sich gerade gegen die Balustrade lehnen (manchmal bleibe ich auch einfach stehen, und zermartere mir den Kopf darüber, warum die Spielwelt so ist wie sie ist – und ich finde Antworten darauf, die den Intentionen der „Autoren“ wahrscheinlich nicht entsprechen – daber dadurch wird die Erfahrung für mich lebendiger und ich konstruiere mir meine eigene Welt). Ich lasse die Kamera zig mal um meinen Charakter kreisen, damit die Strahlen eines glimmenden Zentralgestirns auf meiner sich spiegelnden Rüstung ihren virtuosen Reigentanz aufführen können. Ich koste Lens Flare-Effekte aus. Gestern bin ich in einer Bar in Mass Effect 2 einfach rumgestanden, und habe längere Zeit damit verbracht, einfach die Anwesenden in ihren teilweise sehr amüsanten Gesprächen zu belauschen (nehmt euch die Zeit und stellt euch in der Bar bei Ilium neben die drei unterschiedlichen Alienrassen entstammenden Junggesellen, die vor der Hochzeit noch einen drauf machen wollen – das transethnische Sozialverhalten evoziert immer wieder ganz ganz lustige Momente (vor allem bei Alienrassen, die sexuell nicht an eine Rasse gebunden sind).

Können auch Videospiele in dieser Beziehung eine Art von kontemplativer Ersatzreligion sein? Wie weit sind wir in virtuellen Räumen einer zeitökonomischen Drillfunktion enthoben? Interessant wäre auch die Frage, inwieweit uns das Medium zu einer anderen Zeitwahrnehmung erzieht. Unsere Realität ist durch eine durchstrukturierte Zeitregulierung quasi temporal kartographiert – eine terra incognita gibt es auf unseren Stundenplänen schon lange nicht mehr.

Wie weit entspricht euer Spielverhalten den objektiv ausgegebenen Spielzeiteinschätzungen? Liegt hier tendenziell drüber, oder unterbietet ihr eher die Zeiten? Vielleicht wollen wir auch nicht wissen, wie lange Spiele in der Regel andauern. Wir möchten unsere Zeit zurück! Auch in Videospielen. Gerade da.