Selbst bei ziemlich linearen Spielen brauche ich manchmal die doppelte Anzahl der Spielstunden (jüngstes Beispiel: Muramasa: The Demon Blade). Bei Mass Effect 2 hetze ich auch nicht von A nach B, sondern spaziere durch die mit Außerirdischen bevölkerten Einkaufsmeilen, belausche die Passanten bei deren Gesprächen, höre die Werbesprüche und Nachrichtensprecher bei deren Durchsagen an und vertiefe mich in den mir sich bietenden Panaoramablick, der mir die unendlichen Weiten einer mit Wolkenkratzern übersäten Planetenoberfläche bietet. Ich brauche solche Momente, in denen ich scheinbar mit der Spielwelt verschmilze. Das ist für mich der orgiastische Zielpunkt der Immersion. Wenn ich diesen magischen G-Punkt erreiche, hat das Spiel sein Ziel erreicht. Dann schwebe ich in einem anderen, von der Realität abgekoppelten Koordinatensystem. Es ist der Zeitpunkt, ab dem die halluzinogenen Rauschmittel die Nervenrezeptoren überfluten.
Vielleicht verplempere ich nur meine Zeit (sowieso). Aber die Zeit nehme ich mir. Manchmal treibe ich es auf eine vielleicht pathologische Spitze. Ich stelle mir die Vorgeschichten von Passanten vor, die sich gerade gegen die Balustrade lehnen (manchmal bleibe ich auch einfach stehen, und zermartere mir den Kopf darüber, warum die Spielwelt so ist wie sie ist – und ich finde Antworten darauf, die den Intentionen der “Autoren” wahrscheinlich nicht entsprechen – daber dadurch wird die Erfahrung für mich lebendiger und ich konstruiere mir meine eigene Welt). Ich lasse die Kamera zig mal um meinen Charakter kreisen, damit die Strahlen eines glimmenden Zentralgestirns auf meiner sich spiegelnden Rüstung ihren virtuosen Reigentanz aufführen können. Ich koste Lens Flare-Effekte aus. Gestern bin ich in einer Bar in Mass Effect 2 einfach rumgestanden, und habe längere Zeit damit verbracht, einfach die Anwesenden in ihren teilweise sehr amüsanten Gesprächen zu belauschen (nehmt euch die Zeit und stellt euch in der Bar bei Ilium neben die drei unterschiedlichen Alienrassen entstammenden Junggesellen, die vor der Hochzeit noch einen drauf machen wollen – das transethnische Sozialverhalten evoziert immer wieder ganz ganz lustige Momente (vor allem bei Alienrassen, die sexuell nicht an eine Rasse gebunden sind).
Können auch Videospiele in dieser Beziehung eine Art von kontemplativer Ersatzreligion sein? Wie weit sind wir in virtuellen Räumen einer zeitökonomischen Drillfunktion enthoben? Interessant wäre auch die Frage, inwieweit uns das Medium zu einer anderen Zeitwahrnehmung erzieht. Unsere Realität ist durch eine durchstrukturierte Zeitregulierung quasi temporal kartographiert – eine terra incognita gibt es auf unseren Stundenplänen schon lange nicht mehr.
Wie weit entspricht euer Spielverhalten den objektiv ausgegebenen Spielzeiteinschätzungen? Liegt hier tendenziell drüber, oder unterbietet ihr eher die Zeiten? Vielleicht wollen wir auch nicht wissen, wie lange Spiele in der Regel andauern. Wir möchten unsere Zeit zurück! Auch in Videospielen. Gerade da.
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Ich bin auch so ein Mensch … höre den NPCs bei Gesprächen zu und durfte mir auf Illium vor kurzem in der Bar ein “das ist ein Privatgespräch” anhören … für Mass Effect Teil 1 habe ich im ersten “Durchgang” 38,5 Stunden gebraucht … bei Teil 2 bin ich bei 20 Stunden bis jetzt, habe aber bisher erst 2 Loyalitätsmissionen gemacht und 2 Crewmember fehlen mir noch komplett. Ich denke daher, dass ich irgendwo bei 50 Stunden landen werde.
Das ist sehr unterschiedlich, wenn ein Spiel mein Intersesse verliert, hab das Gefühl fertig werden zu wollen. Es ist nicht zu erklären warum einen ein Spiel mehr beschäftigt wie ein ähnliches anderes. Super Smash Melee hat einen Spielzeitzähler und der lag bei jenseits von Gut und Böse ( ca. 250St.)
Brawl hingegen fehlt in meiner Sammlung.
In Ocarina of Time hab ich meine halbe Kindheit verbracht, keine Ahnung wie lange ich total sinnlos einfach nur der Musik gelauscht hab, die Mütze des Angelshopbesitzers geklaut habe oder Unfug mit den Hühnern gemacht habe.
Wer ein Spiel nur durchzockt um Gamescore zu bekommen der hat irgendwas nicht verstanden!
Stimmt. Ocarina of Time. Als Kind verlor man schnell das eigentlich Ziel aus den Augen. Man spielte viel weniger zielorientiert und versuchte mehr mit der Spielwelt zu interagieren. Heute wissen wir, wie weit man in einer virtuellen Welt gehen darf, wird sind abgeklärter, dementsprechend zweckrational ist unsere Handlungsweise.
Aber schön dass es euch auch wie mir geht und ihr euch von einer guten Welt verzaubern lässt. Wenn man sich schon im Alltag nicht wie ein Kind aufführen darf, dann wenigstens in Videospielen. Es ist wie das Wiederauffleben einer mythischen Denkweise. Wenn ich in der Realität den Mond betrachte, weiß ich, dass das vermeintliche Gesicht nur Krater darstellt, in anderen Welten kann ich mir dessen nicht sicher sein. Okay, das führt zu weit…
Ich muss gestehen, dass ich deinen Artikel noch nicht gelesen habe (heute sehr viel los…) aber kurz zusammengefasst:
The Witcher:
Subjektive zeit: hmmm, habe doch jetzt erst angefangen…
Objektive zeit: Mist, es sind schon 7 Stunden rum…
Borderlands:
Subjektive zeit: nur noch diese kleine Mission…
Objektive zeit: es ist schon 3 Ihr nachts, ich muss um 7 raus und hatte um 9 Uhr Abends “ganz kurz” spielen wollen
Dragon Age:
Subjektive zeit: Wenn ich schon das Spiel gestartet habe, sollte ich zumindest diese Mission zu Ende spielen…
Objektive zeit: vor 2 Stunden angefangen und es ist soooo öde…
Man kann und sollte das Schöne in einem Spiel betrachten und bewundern aber man muss keinen Roman einbauen, wie bei Dragon Age. Zu viel Text und irgendwie lieblos verpackt. Da macht es nicht mal wirklich Spaß sich die Geschichte einzuverleiben. Man möchte das Spiel bloß durch haben… Während bei manch anderen Spielen ” The Witcher” ist mein Lieblingsbeispiel (wäre dir bestimmt nicht aufgefallen, gelle?! *grins*) man richtig mit fiebert, jede Entscheidung eine sichtbare Rolle spielt und es KEIN richtig und falsch gibt. Und es so viel lebendiger als die meisten anderen Spiele, dass es einfach nur Spaß macht in der glühenden Mittagssonne durch die brusthohen Weizenfelder zu gehen und sich vom Gold blenden zu lassen. Herrlich…
@Malkavianer:
Vllt. solltest du nächstes mal doch erst den Artikel lesen…
:D
Habe ich mittlerweile auch getan :-D
Trotzdem ist gerade die Frage nach der subjektiven Zeit von mir nicht wirklich “falsch” beantwortet worden. Wie ich schon schrieb, wenn die Geschichte fad ist, spiele ich schnellstmöglich durch, nur um das Spiel als erledigt zu wissen. Wenn das “Universum”, die Welt jedoch sehr schön und liebevoll gestaltet ist, wühle ich gerne in dieser rum, belausche die Leute, mache irgendwelche Sinnlosigkeiten, bringe es aber nicht übers Herz diese Welt zu “beenden”.
Wie Klaus schon schrieb, in einer schönen Welt habe ich kein Problem damit, mal 2 Stunden nur blöd in der Gegend zu laufen und eigentlich nichts effektives zu tun. Diese schlägt sich zwar als Spielzeit nieder, jedoch eben keine effektive Spielzeit. Und bei anderen Spielen renne ich eben schnellstmöglich durch, weil das Spiel doch fader/langweiliger ist als ich ggf. dachte und ich nur das das ENDE sehen will und das Spiel danach verschrotte/verkaufe…
Aber ich muss gestehen, nur die allerwenigsten Spiele werden von mit mehr als 50 Stunden lang gespielt. Eigentlich bekommen nur Strategiespiele/Wirtschaftssimulationen von mir diese Ehre *grins* Rollensiel sind meistens nach 13-30 Stunden durch….außer Fable 2, dieses habe ich 2mal durch, also sinds ~45-50 Stunden gewesen (aber mit allen Nebenmissionen!)…
Zumindest hätte man aufgrund der Überschrift auf den von dir vermuteten Inhalt schließen können. Aber trotzdem Danke für deine ausführlichen Erfahrungsnotizen. ;-)
Fable II habe ich keine 10 Stunden ausgehalten. Nicht schlecht.
Nun ja, die erste Nachricht habe ich ausschließlich aufgrund deiner Überschrift und meiner Interpretation dieser angefertigt (wie ich auch ehrlich zugegeben habe *grins*)
Bin eben ein Fable-Junkie, kann aber nicht wirklich erklären warum. Der erste Teil hatte mich gefesselt, der zweite schon weniger aber hatte gelangt um das Spiel an einem WE durch zu haben. Auch wenn es ehrlich betrachtet kein vollwertiges Rollenspiel ist. Das Szenario hatte mich einfach angezogen. Hatte als Frau gespielt, war mit einer Frau verheiratet und hatte mehrere (weibliche!) Geliebte gehabt. Göttlich… Außerdem besaß ich gen Ende so gut wie alle Häuser/Lokale/Betriebe und in so gut wie allen Städten/Lokationen. Irgendwie cool Und in keinem anderen Spiel so leicht zu genießen…
Hatte Fable auch gemocht. Aber der Nachfolger machte meiner Meinung nach vieles falsch. Ein völlig vermurkstes Kampfsystem ohne Anspruch und taktische Rafinesse. Den Spielfluss unterbrechendes Ladezeiten, die der Spielwelt jegliche Glaubwürdigkeit raubte. Es war mir einfach in allen Belangen zu keusch, zu zahm und zu kuschelbedürftig. Zu abgeschmirgelt, ohne raue Kanten, an die man sich stoßen kann. Ich hasse das.
So weit würde ich jetzt gehen, um zu sagen dass ich es hasse. Es ist…anders. JA, es zerstört vieles des Vorfängers (Welcher gerade durch die Lost Chapters noch mal aufgelebt hatte) aber es ist annehmbar. Leichte Kost, ganz klar. Durchlaufen, kämpfen, flirten, schnell reich werden und jede Menge Ehen und Ehebrüche zu haben/begehen. Zu mehr taugt das Spiel wahrlich nicht und als ich von den Downloadinhalten des zweiten Teils und den Plänen für den dritten Teil hörte war mir klar, dass Fable für mich gestorben ist. Aber es war trotzdem ein sehr erfülltes WE gewesen, meine Freundin hatte Spaß mir bei “Fremdgehen” zuzuschauen *grins* und ich hatte Spaß, mal gut mal böse zu sein.
Wie bereits gesagt, der erste Teil war für mich eine kleine Perle, der zweite hatte mich kurz an meine Jugend erinnert und die damalige Gier nach bestimmten Titeln zeigte aber gleichzeitig das manche Titel lieber als Erinnerung weiterleben sollten und der dritte Teil ist für mich gestorben. Schade, hatte eigentlich Potenzial…
Naja, ich schweife ab. Sorry für die vergeudete Zeit beim Lesen…
Blöde unaufmerksamkeit, der erste Satz müsste natürlich so beginnen:
“So weit würde ich jetzt nicht gehen”
Fable hat wohl noch in keinen seiner Inkarnationen sein Potential richtiggehend ausgeschöpft. Die Welten sind wunderschön, und das Art Design ist sowieso über jeden Zweifel erhaben. Dazu ein Moralsystem. Es bräuchte einfach mehr Gothic-Mentalität. Zähne zeigen. Kein permanentes Lächeln aufsetzen.
“Sorry für die vergeudete Zeit beim Lesen…”
Persönliche Ankedoten sind nie eine Zeitverschwendung. Thanks.
zum thema:
http://www.gamasutra.com/view/news/27159/Analysis_Fun_is_Had_When_Your_Time_Flies.php
Danke Dir. Gamasutra-Artikel sind immer lesenswert.
Passend zu Fable3:
Fable 3: Neue Infos von Peter Molyneux
http://www.golem.de/1002/73072.html