Feb 082010
 

Jeder, der sich auch nur einen Funken für Sci-Fi-Universen interessiert, muss den Spielen und Büchern aus der Mass Effect-Reihe eine Chance geben. Kaum ein anderes Machwerk im digitalen Bereich strahlt eine ähnliche Faszination aus und kann neben solchen Größen wie Star Trek, Firefly oder Star Wars bestehen.

Die Zeit für Spielchen ist vorbei. In der Fortsetzung des 2007 erschienen Titels können nicht nur die Crewmitglieder von Commander Shepard draufgehen, sondern sogar der Protagonist selber! Dementsprechend ist die Stimmung im zweiten Teil auch düsterer, fühlen sich die Entscheidungen reifer an. Wir wollen in diesem Review auf keine Story-relevanten Themen eingehen, damit sich der Leser mit ungetrübter Vorfreude in das neue Abenteuer stürzen kann. Um den größtmöglichen Genuss mit dem Spiel zu haben, empfehlen wir aber dringend den ersten Teil zu spielen und wenn möglich auch beide Romane zu lesen. Ebenso sollte sich jeder im Klaren darüber sein, dass ihn auch im zweiten Teil wieder ein waschechter 3D-Shooter/RPG-Hybride erwartet.

Der Illusive Man hat einen Sinn für das Schöne.
Der Illusive Man hat einen Sinn für das Schöne.

Unser Fazit: Mass Effect 2 ist beileibe nicht DAS perfekte Game, es gibt einige Bereiche die durchaus noch Verbesserungen vertragen könnten. Es bietet allerdings perfekte Unterhaltung und ist im direkten Vergleich zum Vorgänger das in allen Belangen bessere Spiel. Die wirklichen Stars sind wieder die packende Story und das lebendige, phantasievolle, bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Universum. Den Shooter-Part, der im ersten Teil wirklich versemmelt wurde, hat BioWare dieses Mal auch richtig hinbekommen. Mass Effect 2 fühlt sich zu gleichen Teilen wie ein vollwertiges Rollen- und Actionspiel an. Den Unterschied zu vielen anderen AAA-Titeln machen aber ganz eindeutig die Charaktere aus, für die man sich ernsthaft interessiert und sich um ihr Wohlergehen sorgt. In dieser Disziplin ist BioWare derzeit mit einigen wenigen anderen Entwicklern zusammen an der Spitze auf unserem Planeten. Dieses Meisterwerk katapultiert euch mit geballter Kraft in eine andere Welt und lässt euch erst wieder los, wenn ihr jeden Winkel erkundet und die wunderbare Story zu Ende gelebt habt.

10/10 – Sensationell (10er sind so nah an der Perfektion, wie es auf einem System oder in einem Genre überhaupt möglich ist. Pure, ungetrübte Videospiel-Ekstase.)

Wir bedanken uns bei EA für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsmusters

Mass Effect 2 (PC, Xbox 360 [getestet])
Entwickler: BioWare
Publisher: EA

Mass Effect 2 ist eigentlich kein Rollenspiel im herkömmlichen Sinne. Statt sich durch eine Vielzahl Statistiken und Menüs zu wälzen, formen wir unseren Charakter und schlussendlich das Schicksal der gesamten Galaxie, durch Gespräche, Aktionen, aber vor allem Entscheidungen und kommen dadurch der eigentlichen Bedeutung des Wortes viel näher. Doch viel mehr noch, wir spielen nicht nur eine Rolle, wir SIND Commander Shepard! Viele kleine Entscheidungen aus dem ersten Teil haben geringe Auswirkungen in der Fortsetzung. Auch wenn es sich nur um kurze Gespräche mit alten Bekannten handelt oder eine unserer heroischen (oder bösen) Taten in einem Nebensatz erwähnt wird, gerade diese kleinen Details machen das von BioWare erschaffene Universum so lebendig und liebenswert.

Doch auch große, wichtige unserer gefällten Entscheidungen wirken sich permanent aus. Haben wir den Rat in der finalen Schlacht leben lassen oder geopfert? Hat Urdnot Wrex die Mission auf Virmire überlebt? Zwar verändern wir dadurch nicht den Ausgang der eigentlichen Hauptmission, hierzu müssen wir schon selbst Hand (und Waffe) anlegen. Der Weg zum Ziel wird jedoch ein ganz eigener, personalisierter und das über den Verlauf von (mindestens) drei Spielen.

Für Neueinsteiger: Das Wichtigste kurz zusammengefasst

Mass Effect basiert ganz stark auf einer Story und ihren Charakteren. Wir sprechen viel, hören aber noch mehr zu. Je nachdem, ob unsere Antwort gut, neutral oder böse ausfällt, sammelt unsere Figur Punkte auf einer Skala. Je böser wir sind, desto bösere Aktionen dürfen wir ausführen und umgekehrt. Wer mehr wissen will, fragt nach. Wer sich nicht für Details interessiert, beendet Gespräche schnell.

Wie in einem Rollenspiel üblich, gibt es Haupt- und Nebenmissionen, Erfahrungspunkte, Fähigkeiten und Levels. Rundenbasierte Kämpfe sucht der Traditionalist allerdings vergebens, sobald wir zur Waffe greifen, wird harte Action in der dritten Person geboten. In einem Dreier-Team gehen wir hinter allem was Schutz bietet in Deckung, benutzen Spezialfähigkeiten und geben unseren Kameraden über ein Kreismenü Befehle. Die Zeit wird hierfür kurz angehalten, womit die Kämpfe auch eine taktische Note erhalten.

Und wenn wir mal nicht die Welt retten oder für Recht und Verfassung kämpfen, sprechen wir mit der rekrutierten Crew. Erfahren so ganz nebenbei über ihr Volk, ihre Hinter- und Beweggründe, ihre Gefühle, Vorlieben und Ängste. Je nach Geschlecht der erstellten Figur lassen sich auf diese Art auch zarte Bande knüpfen, die mal länger oder mal kürzer andauern.

Die Heavy Mechs sind besonders harte Brocken.
Die Heavy Mechs sind besonders harte Brocken.

Für Veteranen: Die Gameplay-Unterschiede in der Übersicht

Vier wichtige Bereiche wurden stark überarbeitet: Die Technik, die Charakterentwicklung, das Kampfsystem und die Karte der Galaxie. Dazu kommen eine Reihe „kleinerer“ Änderungen, die aber ebenfalls große Auswirkungen haben. Schauen wir uns die Punkte einmal genauer an.

BioWare hat die Technik endlich in den Griff bekommen und das verzögerte Nachladen der Texturen zu 99% eliminiert. Die gesamte Optik wirkt nun homogener und der Spieler wird nicht mehr durch matschige Umgebungen aus der Atmosphäre gerissen. Durch das verbesserte Autosave-System müssen wir keine ellenlangen Konversationen mehr immer und immer wieder nach einem Ableben über uns ergehen lassen, was dem allgemeinen Spielfluss (vor allem auf höheren Schwierigkeitsgraden) ungemein zugute kommt.

Die Charakterentwicklung wurde stark vereinfacht. Zu Beginn suchen wir uns eine der sieben Klassen aus, die jeweils einzigartige Fähigkeiten besitzen, insgesamt stehen nur noch sechs Fähigkeiten (plus eine Bonus) zum aufleveln zur Verfügung. Eng daran verknüpft ist die Verteilung der Erfahrungspunkte, was zu Beginn etwas seltsam anmutet. Diese erhält man nämlich nur noch für das erfolgreiche Abschließen und am Ende von Missionen, nicht mehr für jeden eliminierten Gegner.

Glücklicherweise wurde vor allem der größte Kritikpunkt des Vorgängers, der Action-Part, komplett überarbeitet. Dieser Teil braucht sich nun nicht mehr vor einem reinrassigen Shooter zu verstecken. Statt der Überhitzung haben wir nun ein Auge auf die Munition, die wir durch Magazine wieder aufstocken. Das Aufsuchen von Deckung ist per A-Taste geregelt, was ebenfalls erheblich zur Frustreduktion beiträgt. Einzelne Körperteile wie Beine, Arme und Kopf dürfen einzeln anvisiert werden, die Treffer wirken sich unterschiedlich auf den Schaden aus.

Die Galaxie kann nun quasi von Hand erkundet werden, auf der Karte steuern wir unser Raumschiff selber. Die größeren Systeme sind alle per Mass Effect-Relay verbunden, die kleineren, „unwichtigeren“ müssen aus eigener Kraft angeflogen werden und das kostet Treibstoff (und somit Credits). Jeder Planet darf auf Rohstoffe gescannt werden (ebenfalls von Hand), diese sind für Upgrades sämtlicher Systeme unabdingbar. Das Scannen ist mitunter etwas mühselig und fühlt sich zu sehr nach Arbeit an.

Sprinten ist nun endlich auch außerhalb von Kämpfen möglich und mit den neuen Paragon/Renegade-Unterbrechungen wurde ein komplett neues Feature für Gespräche eingeführt. An vielen Stellen im Spiel leuchtet eine Taste auf (LT für gut, RT für böse), mit der wir das Geplapper durch eine Aktion beenden können (aber nicht müssen), was für einige denkwürdige Momente sorgt. Komplett von der Bildfläche verschwunden ist der Mako. Wenn man eine Mission auf einem Planeten absolviert, fliegt einen das Shuttle direkt zum Einsatzort.

Zwei der interessantesten Charaktere in Mass Effect 2.
Zwei der interessantesten Charaktere in Mass Effect 2.

Was wir mochten:

Sequel nach Maß – So muss eine Fortsetzung aussehen! BioWare hat sich alle Kritikpunkte am Vorgänger zu Herzen genommen und konsequent ausgemerzt. Besonders bemerkbar macht sich das bei den Nebenmissionen, die nicht mehr aussehen, wie per Copy&Paste erstellt. Jeder Einsatz ist optisch anders präsentiert und auch die Ziele variieren teilweise sehr stark. Scheinbar konnte man sich nun auch endlich einen Inneneinrichter leisten, sahen Räume im Vorgänger noch super langweilig aus, gleicht hier kein Zimmer dem anderen und manches Inventar macht sogar Sinn (z.B. gibt es jetzt Toiletten und Duschen!).

Noch einmal, mit Gefühl – Die Stimmung in den ersten Stunden, nach der Rückkehr in die erdachte Zukunft der Menschheit, ist einfach nur atemberaubend. Wer den ersten Teil gespielt hat, bekommt nach den anfänglich schockierenden Ereignissen ein wohlig warmes Gefühl in der Magengegend an Bord der Normandy. Sobald die Raumstation Omega betreten wird, quasi das letzte Dreckloch in der bekannten Galaxie, stellt sich ein überwältigendes Gefühl ein. Alle Erfahrungen und Informationen des ersten Teils kommen hier zusammen und die grandiose Atmosphäre saugt den Spieler mit einer Wucht in das Universum, wie man es zuvor nur selten in einem Spiel erleben durfte.

To boldly go… – Alle Orte über die im ersten Teil nur geredet wurde, dürfen nun tatsächlich besucht werden, was für Fans des Universums ein tolles Erlebnis ist. Zusammen mit den Beschreibungen der Planeten, den Kodex-Einträgen, der optischen Gestaltung und den Gesprächen der Bewohner, fügen sich so massive Fragmente in die Fantasie des Betrachters ein und lassen das Universum noch lebendiger erscheinen, als das sowieso schon der Fall war.

Denkwürdige Missionen – Den Entwicklern genügte es noch nicht, die Atmosphäre dichter, die Charaktere vielschichtiger und das Universum interessanter und größer zu gestalten, in Mass Effect 2 erwarten euch einige der unvergesslichsten Missionen, die ihr jemals in einem Videospiel erleben durftet.

Die (un)üblichen Verdächtigen – So lieb man die Crew aus dem ersten Teil auch gewonnen hatte, die neue Besatzung ist insgesamt nochmals interessanter und vielfältiger. Diesen Punkt kann man den Machern gar nicht hoch genug anrechnen, denn wie schon im Fazit erwähnt ist es genau diese wilde Mischung, die den Spieler erst so richtig in das Game eintauchen lässt. Es ist etwas schade, dass man nur zwei Mitglieder gleichzeitig an seiner Seite haben darf, die Wahl fällt bei dieser interessanten Seleção nicht gerade leicht, man würde am liebsten immer mehr als erlaubt mit in die Schlacht nehmen.

Die Geth sind auch in der Fortsetzung für die eine oder andere Überraschung gut.
Die Geth sind auch in der Fortsetzung für die eine oder andere Überraschung gut.

Nicht gefallen hat uns:

Ausstaffieren des Teams wegrationalisiert – Waffen, die einmal gefunden wurden, stehen sofort für jedes Mitglied im Team bereit und sind immer gleich. Darüber hinaus gibt es kaum eine Möglichkeit, die Gefährten separat auszurüsten (bis auf spezielle Forschungsprojekte). Der Commander hat zwar ein paar Optionen mehr, vor allem was den Look betrifft, aber auch diese Personalisierung fühlt sich nicht befriedigend an. Der größte Spaß in einem Rollenspiel ist es doch, die optimal Ausrüstung für seine Charaktere zu finden, um diesen Teil hat uns BioWare beraubt!

Einschränkungen – Warum darf man nicht mehr auf Planetenoberflächen cruisen? Auch wenn die Steuerung des Mako nicht ideal war und es kaum etwas zu entdecken gab, boten doch gerade diese Ausflüge das einmalige Gefühl, sich in einer riesigen, teils lebensfeindlichen Galaxie zu bewegen. Und wieso wurde das ohnehin schon recht schwache Fähigkeiten-System weiter abgespeckt? Hoffentlich bekommen wir im dritten Teil wieder mehr Erkundung und mehr Rollenspiel-typische Charakterentwicklung geboten.

Das Übliche – Die obligatorischen BioWare-Kritikpunkte kann man auch wieder in diesem Titel ansetzen. Die Umgebung ist steif und bewegungslos, kein einziger NPC bewegt sich auch nur einen Millimeter von seinem Platz und die Ladezeiten ohne Installation sind schon recht lange. Dazu kommen Clippingfehler, teils seltsam anmutende Animationen und leider immer noch keine Lippensynchronität. Glücklicherweise ist der ganze Rest so überwältigend, dass keiner dieser Punkte ins Gewicht fällt.

Jörgs Meinung:
Anfangs war ich noch skeptisch, als ich über die ganzen Änderungen gelesen habe. Vor allem die Einschränkungen bei der Charakterentwicklung und das freie Erkunden der Planetenoberflächen, das ersatzlos gestrichen wurde, lagen (und liegen) mir schwer im Magen. Wenn es allerdings ein Spiel schafft, dass ich auch nach dem Durchspielen und über 50 Stunden Spielzeit mich weiterhin damit beschäftigen will, dann haben die Entwickler alles richtig gemacht. Nach den ersten Stunden mit Mass Effect 2 kreisten meine alltäglichen Gedanken so gut wie nur um das Spiel, ich wollte den Flug durch das Omega 3-Relay so lange wie möglich herauszögern. Jetzt ist es leider schon vorbei und ich kann den geplanten DLC kaum noch erwarten, vom dritten Teil ganz zu schweigen. Ich habe jede Sekunden mit diesem Spiel genossen und werde noch lange daran zurückdenken.