Feb 102010
 
Kein Grund für Rinnsale!
Kein Grund für Rinnsale!
Heavy Rain haftete im Vorfeld der Veröffentlichung immer wieder das nicht totzukriegende Stigma eines zimperlich zwischen zwei Medienformen stehenden Experimentes an, das schon mit Fahrenheit als Vorläufer und Späher kontroverse Meinungsbilder hervorrief. Quantic Dream macht Spiele wie kein anderes Entwicklerteam. Sie hinterlassen einen einprägsamen Fußabdruck und wollen das Medium als erwachsengerechtes Erzählmedium etablieren, auch wenn es dabei auf cineastische Mittel zurückgreift, die nicht bei jedem auf uneingeschränkte Zustimmung stoßen. Auch wenn die Interaktion manchmal auf ein Minimum reduziert wird – wenngleich nur vorübergehend. Auch wenn dafür Quick-Time Events herhalten müssen, die über den Ruf eines traktieren Prügelknabens bzw. Netzbeschmutzers oft nicht hinauskommen, weil sie offenbar vielerorts den fragwürdigen Anschein erwecken, sie würden die „Essenz“ eines Videospiels attackieren.

Jedenfalls gibt es seit heute die ganze Phalanx an Reviews und man kann schon beim Blick auf unsere „beliebte“ Anlaufstelle namens Metacritics.com davon ausgehen, dass Heavy Rain trotz aller pessimistischen Unkenrufe ein geglücktes Experiment darstellt.

Schon die im Vorfeld anspielbare Demo markierte einen emotionalen, melancholische Stimmungsbilder hervorrufenden Einschlag. Eine resignierende junge Frau in einem schmuddeligen kleinen Apartement, die nach dem Tod ihres Sohnes alles verloren hat und infolge dieses schweren Schicksalschlages nicht davor zurückschreckt, sich fremden Männern hinzugeben, um sich eines kleinen Nebenverdienstes versichern zu können. Man merkt der virtuellen Protagonistin ihre Trauer an. Verstärkt wird der aus traurigen Tönen gewegte Stimmungsteppich aus prasselndem Regen und schummrigen, ins Rötliche neigenden Lichtverhältnissen. Da kommt die richtige Stimmung auf, um auch beim Spieler die nötigen Emotionen hervorzurufen.

Und offenbar schafft es das Spiel auch. Gemäß des Großteils der Reviews kann man sich als Spieler leicht in die Protagonisten hineinversetzen. Man füht mit ihnen mit. Ist emotional bei der Sache und man zeigt sich dadurch nicht gleichgültig gegenüber den Geschehnissen. Ebenso wird in positiver Weise die Entscheidungsfreiheit in manch speziellen Szenarien hervorgehoben: Lasse ich meinen Sohn Fernseh schauen, oder soll er sich lieber bequemen, die Hausarbeiten in Angriff zu nehmen. Das mag banal klingen, wächst sich offenbar im weiteren Verlauf aber zu schwerwiegenderen Konstellationen aus (z.B. was würdet ihr tun, wenn ein Laden überfallen wird? Den Helden spielen? Euch verkriechen? Oder auf schlichtende Diplomatie setzen?). Nicht jede Entscheidung soll weitverzweigte Konsequenzen nach sich ziehen, doch im großen und ganzen lohnt sich wohl das mehrmalige Durchspielen. 1UP.com fühlt sich gar zu der Aussage verleitet, dass wohl keine zwei Spieler exakt diesselben Erfahrungen machen würden – und wenn ein Videospiel solch eine persönlich-intime Erfahrung generiert, dann hat es sicherlich vieles richtig gemacht.

Die vielen wohlmeinenden Testberichte versprechen jedenfalls ein tolles interaktives Erlebnis (es sei auf Metacritics.com verwiesen, wo ihr euch selbst ein Bild machen könnt – habe jetzt wirklich keine Lust alles summarisch aufzulisten). Wohl erst die Zeit wird zeigen, ob Heavy Rain wirklich der erhoffte Türöffner ist, der das Medium in ein, überspitzt formuliert, neues, erzählerisches Zeitalter führt. Quantic Dream hat jedenfalls offenbar mit Erfolg gezeigt, wie ihrer Ansicht nach dieser Weg am erfolgsversprechendsten (mit den gegebenen technischen Mitteln) zu bewerkstelligen ist. Nur die Kollegen von Destructoid.com scheren aus und attestieren dem Spiel das (vor einem Totalschaden rettende) Glück, ein Videospiel zu sein. Denn mit dieser Story würde ein Film auf jedem Festival durchfallen. Aber das sind vereinzelte Missklänge in einem symphonischen Konzert. Aber das darf bald jeder mit einer PS3 bald selbst herausfinden. Viel Spaß im voraus. Und hoffentlich hält sich die Anzahl der gebrauchten Taschentücher in Grenzen.