Feb 162010
 

Wii auf Lager? Anfangs nahezu unvorstellbar.
Wii auf Lager? Anfangs nahezu unvorstellbar.

Die Wii ist speziell. Und sie bzw. Nintendo hat ein Problem – ich nenne es jetzt mal grob „Das Wii-Dilemma“. Um zu verstehen, wie ich das meine, müssen wir zunächst in die Zeit vor dem Launch 2006 zurückreisen. In diesem Beitrag soll es deshalb speziell um die Vergangenheit der Wii gehen, um den unglaublichen Hype, dessen Folgen und ein wenig mehr. Danach können wir uns auf das eigentliche Dilemma konzentrieren; mehr dazu allerdings im entsprechenden Beitrag übermorgen.

Wie alles begann

Wenn Nintendo etwas in dieser Generation perfekt hinbekommen hat, dann war das die Vermarktung der Wii. Lange gab man sich geheimnisvoll und sprach nur von einer Revolution. So wurde der GameCube-Nachfolger lange genannt und ebenso lange gab es zur Revolution kaum Informationen. Einzig dass es die kleinste Nintendo-Konsole werden sollte und über Internetfähigkeiten verfügen wird, war bekannt. Nintendo, von vielen bereits abgeschrieben, hielt sich also bedeckt. Passend dazu der Untertitel eiens Golem-Beitrags vom 14 Mai 2005:

„Spielepionier droht, im Kampf von Microsoft und Sony unterzugehen.“

Nach der E3 2005 war dann schon einiges mehr zur Revolution bekannt, obwohl sich einige Informationen aus der Zeit schlichtweg als falsch entpuppten.

Als Beispiele wieder entsprechende Auszüge aus einem Beitrag Golems vom 17. Mai 2005:

„Wie bereits vorab bekannt war, wird die Revolution normale 12-cm-Medien – „Revolution-Discs“ und DVD-Spielfilme – ebenso verarbeiten wie die kleineren GameCube-Scheiben. Dazu hat Nintendo einen speziellen Selbstlader entwickelt, der beide Formate aufnimmt. Zur DVD-Wiedergabe wird offenbar ein Zubehör benötigt. … Letzteres will Nintendo über die „Nintendo Wi-Fi Connection“ eng mit Spielen verzahnen, schon zum Start sollen einige entsprechende Titel zu haben sein. Das geplante Online-Netz und seine Mehrspieler-Vermittlung scheint an Microsofts Xbox Live angelehnt.“

Immerhin etwas stellt sich im Nachhinein als überaus wahr heraus. So hieß es in dem Beitrag unter anderem auch:

„Erklärtes Ziel von Nintendo ist es, mit der Revolution neue Zielgruppen zu erreichen. Dabei spricht Nintendo von Casual-Gamern und solchen, die sich heute noch gar nicht als Spieler begreifen – und versucht sich damit inhaltlich von der Konkurrenz abzuheben.“

Das ist Nintendo definitiv gelungen.

Eine Anmerkung: außer einigen Bildern der Wii war noch NICHTS weiter bekannt. Nintendo sprach einfach weiter brav von einer Revolution. Erst im September gabs dann einen Knall, und Nintendo offenbarte auf der Tokyo Game Show das gut gehütete Geheimnis:

„Der Controller ist die Revolution“

Spätestens ab diesem Zeitpunkt nahm die Hypelokomotive volle Fahrt auf und beschleunigte in Folge munter weiter.

 

Der Hype

Gutes Buch btw.
Gutes Buch btw.
Nachdem das Geheimnis um den Controller gelüftet war, erledigte die Phantasie der Gamer weltweit den Rest. Und Nintendo befeuerte unsere Erwartungen und Träume so gut es ging. So hieß es immer wieder, der neue Controller würde neue Spiel-Arten möglich machen. Ein weiteres Mittel zur Steigerung des Hypes war Nintendos Geheimniskrämerei. Immer wieder konnte man lesen, man habe noch nicht alles enthüllt und der Controller sowie die Konsole selber verfügen noch über dieses und jenes Geheimnis. Als Beispiel sei diese Stelle in einem Golem-Beitrag vom 17. 12. genannt:

„Der fernbedienungsähnliche Revolution-Controller soll noch ein weiteres, nicht gelüftetes Geheimnis bereithalten. Was das für eines ist, will Nintendo laut Chefentwickler Shigeru Miyamoto laut Gamespot erst 2006 verraten.“

Interessantes Detail am Rande: Entwickler hofften damals noch auf einen Launchpreis von 150,- bis 100,- US-Dollar. Eine klare Fehleinschätzung.

Die Geheimniskrämerei in Verbindung mit der zurückhaltenden Informationspolitik Nintendos halte ich für ausschlaggebend, was den Hype und letztendlich den Erfolg der Wii betrifft. So haben Interessierte die Möglichkeit, zu spekulieren und zu mutmaßen etc. – Mundpropaganda erledigt größtenteils den Rest. Nintendo scheint dabei einiges von Apple gelernt zu haben, was das Marketing und das generieren eines Hypes betrifft (vgl. „Apple vs. Nintendo: 12 Gemeinsamkeiten der Paradeunternehmen„). Natürlich hatte Nintendo auch die notwendige Portion Glück und den richtigen Riecher – im Nachhinnein läßt sich das alles einfach sagen. Fakt ist, dass viele Menschen da draußen hellhörig wurden und Nintendo entsprechende Aufmerksamkeit widmeten. Und es wurden rasch immer mehr.

Publisher, Analysten und Entwickler

Einzig die Publisher, Analysten und Entwickler wollten nicht ganz an den Erfolg der Wii bzw. Nintendos glauben. Kein Wunder, befand sich Nintendo seit den N64 auf dem absteigenden Ast und der GameCube führte diese „Tradition“ leider erfolgreich fort. Noch im März 2006 sahen Marktforscher Nintendo an letzter Stelle und Sony in Führung. So hieß es entsprechend bei Golem:

„Marktforscher: PlayStation 3 wird 2010 den Markt anführen … In-Stat geht davon aus, dass die ab November 2006 erhältliche PlayStation 3 bis 2010 einen Marktanteil von etwas über 50 Prozent aller verkauften Next-Generation-Konsolen wird verbuchen können. Für Microsofts seit November/Dezember 2005 erhältlicher Xbox 360 sagen die Marktforscher einen Marktanteil von 28,6 Prozent voraus, während Nintendos erst im Laufe des Jahres 2006 startende Revolution-Konsole auf 21,2 Prozent kommen soll.“

Als Grund für den Vorsprung der Xbox gegenüber Nintendos Konsole wurde unter anderem größeres Interesse von älteren Spielern genannt. Eine mehr als grobe Fehleinschätzung, welche allerdings verdeutlicht, welchen Stand Nintendo in der Spieleindustrie hatte. Keinen leichten, soviel ist sicher.

Der Launch steht bevor aka der Hype geht weiter

Ungeachtet der Aussagen und Bedenken so mancher „Industrienaher“ ging der Hype munter weiter und schwoll zum Launch der Wii Ende 2006 (USA: 19. November, Japan: 2. Dezember, EU: 8. Dezember) weiter an. Laufend gab es Meldungen zur Revolution, die ihrem Namen alle Ehre zu machen schien. So hieß es am 12. April in einer Meldung zu Red Steel:

„Die enge Zusammenarbeit mit Nintendo ermöglicht uns, sämtliche Vorteile des innovativen Controllers auszunutzen, um eine aufregende Spielerfahrung zu kreieren, die es in dieser Form ausschließlich auf dem Revolution geben kann.“

Man beachte die Wortwahl: sämtliche Vorteile, innovativer Controller, aufregende Spielerfahrung, außschließlich auf dem Revolution – na wenn das mal keine Gaming-Revolution darstellen wird…

Red Steel Trailer

 

Der Big Bang

Und dann kam der Große Knall: Nintendo tauft das Kind nicht Revolution oder GameCube 2, sondern schlicht und einfach Wii! Am 27. April ging die Meldung durch die Welt – Wii lautet also der Name Nintendos neuer Konsole. Wii wie „wir“, was auch im passenden Logo verdeutlicht wird. Man könnte sagen, ein Raunen ging durch die (Gamer)-Gemeinschaft. Was soll denn das bitte für ein Name sein? Schon machten erste Scherze (Wii wie „wee„) die Runde. Wii!? Ist Nintendo nun vollends übergeschnappt? Ganz und gar nicht, die Namenswahl paßt perfekt. Kurz und bündig und überaus passend. Darüberhinaus leicht zu merken und auch für die nicht so technik-affinen Menschen wohlklingend. Alles in allem der perfekte Name für Nintendos neue „Wunderkonsole“. Und dank des anfänglich sonderbar klingenden Namens war Nintendo und deren Wii mehr als je zuvor in aller Munde.

Auf der E3 2006 lüftete Nintendo ein paar weitere Geheimnisse. So wußte nun jeder, dass der Controller über ein Rumble-Pack und Lautsprecher verfügen würde. Und die Berichte in den Medien waren sehr euphorisch. So hieß es bei Golem:

„Aus Point-and-Shoot wird ein fast reales Bogenschießen, denn einer der bewegungsempfindlichen Controller enthält einen Lautsprecher: Ein Beispiel aus Zelda: Erst macht die Bogensehne am Controller ein Geräusch, dann trifft der Pfeil, zu hören aus den Lautsprechern am Fernsehen.“

Ein fast reales Bogenschießen – diese Konsole muss ich einfach haben!

Der Rest ist Geschichte. Die positiven Meldungen der ersten Tests noch vor dem Launch der Konsole taten ihr übriges, sodass „jeder“ die Wii zumindest einmal ausprobieren wollte. So stand bei Golem unter anderem am 26. August 2006:

„An der generellen Begeisterung, die die kurzen Probespiele bei fast allen auslösten, konnte das allerdings nichts ändern: Dank immens vielversprechender und schon jetzt ungemein unterhaltsamer Titel wie Mario Tennis, Red Steel oder dem neuen Wario Ware darf man sich auf den Markstart des Wii eben nicht nur wegen der innovativen Hardware, sondern auch auf Grund der zum Start oder kurz danach verfügbaren Spiele wirklich uneingeschränkt freuen.“

Wir haben uns auch uneingeschränkt gefreut!

Im November machten dann Meldungen die Runde, dass die Wii-Bestellungen nach kurzer Zeit ausverkauft waren, da das Interesse zu groß sei. Und Golem Titelte den ersten Test am 8. Dezember 2006 gar mit „Nintendo Wii – Die neue Wunder-Konsole?“ Diese Überschrift alleine akkumuliert meiner Meinung nach sehr gut die damalige Situation und spiegelt die Wünsche und Erwartungen aller sehr gut wider.

Die Wii war also auf dem Markt, der Hype ungebrochen und der Erfolg (zu dem auch zahlreiche Online-Videos diverser Wii-Unfälle mit Sicherheit beitrugen) immens. Nintendos Blue Ocean Strategie ging voll auf und dürfte selbst die Erwartungen der Japaner bei weitem übertroffen haben.

Inzwischen sind die Jahre ins Land gezogen, die Wii dominiert nach wie vor den Markt und trotzdem spreche ich im Beitragstitel vom „Wii-Dilemma“. Welches Dilemma fragt ihr? Mehr dazu im nächsten Beitrag dann in zwei Tagen.