Feb 182010
 

Wii - The Shake Dimension.
Wii - The Shake Dimension.

Der Hype zum Start der Wii war also enorm (mehr dazu im ersten Teil des Beitrags). Ich behaupte, selbst Nintendo hat nicht mit einer derartigen Entwicklung gerechnet. Das ist allerdings gar nicht mal so tragisch. Viel schlimmer wiegt da die Tatsache, dass die Publisher und Entwickler nicht an den Erfolg der Wii glaubten und es deshalb lange Zeit wenige gute Spiele für insgesamt zu wenige Genres für Nintendos Konsole gab. Im schlechtesten Fall für zu lange Zeit…

Die Dritthersteller

Im Gegenteil, Launchtitel wie Excape from Bug Island stellten sich als mittlere Katastrophe dar und klingende Namen wie Far Cry vermochten auf der Wii auch nicht zu glänzen. Selbst das hochgehypte Red Steel wurde den hohen Erwartungen – aufgrund der Versprechungen Ubisofts und der Trailer – letztendlich nicht gerecht. Der immense Verkaufserfolg der Konsole hatte jedoch noch einen weiteren gravierenden Nachteil: jeder wollte am augenscheinlich lukrativen Geschäft mitnaschen und deshalb möglichst schnell Spiele für Wii auf den Markt werfen. Zahlreiche – mehr schlechte als rechte – PS2-Portierungen waren die Folge. Hauptsache man konnte die Titel schnell für Wii auf den Markt werfen. Bald stellte sich dabei heraus, dass gerade die neuartige Form der Steuerung oft den Knackpunkt darstellte. Häufig ließen sich die Games nur schlecht steuern; bei anderen reichte simples Schütteln, um irgendwelche Aktionen auszulösen. Auch grafisch änderte sich bei den meisten Titeln gegenüber der PS2-Version nicht viel, was für zusätzlichen Frust sorgte. Nein, so haben wir uns die Revolution nun wirklich nicht vorgestellt!

Nicht umsonst hieß es bei Golem im Juli 2007 bereits in einem Beitragstitel: „Sega: Publisher bemühen sich zu wenig um Wii“ In diesem lesenswerten Artikel wird Segas Scott Steinberg mit den Worten

„Der Aufbau von Wii bedingt, dass dafür entwickelt werden muss. Portierungen und Upgrades sind nicht gut. Diese Denkweise erfordert ein kleines bisschen Kreativität und nicht jeder Publisher verfügt über die nötigen kreativen Leute“

zitiert. Wie recht er doch hatte. Und: wie lange es gedauert hat, bis die Entwickler entsprechend kreativ wurden…

 

Normalzustand?
Normalzustand?
Wir halten also fest: neben Nintendos Prachttiteln tummelten sich auf der Wii mehr und mehr schlechte(re) Games, was vor allem den sogenannten Core-Gamern Ärger bereitete (die Unterscheidung in Casual- und Core-Gamer ist zwar nicht sinnvoll – siehe „Casual vs. Core: Unsinnige Begriffsduselei„, dient hier aber vor allem zur Wahrung der Übersichtlichkeit und zum besseren Verständnis). Freilich, auf der Wii erblickten auch Qualitätstitel wie Zack & Wiki, Boom Blox und De Blob das Licht der Welt; alles in allem war die Lage für passionierte Gamer aber eher Trist. Einige Genres waren (Survival Horror, vgl. „Wii Survival Horror: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo„) und sind (Strategie, usw.) auf der Wii nach wie vor unterrepräsentiert, obwohl sich die Steuerung perfekt dafür eignen würde. Nicht umsonst habe ich auf das „Jahr der Erlösung 2009“ gehofft. Mit einem Jahr Verzögerung scheint 2010 nun endlich die Versprechungen des Jahres 2009 einlösen zu können. Ich schweife jetzt allerdings bereits ab, deshalb kommen wir schön langsam zum eigentlichen Problem.

 

Houston, wir haben ein Problem!

Sicher, Nintendo könnte einiges besser machen (vgl. „Nichts ist unmöglich: 10 Dinge die Nintendo besser machen sollte„) und verlässt sich in dieser Konsolengeneration hauptsächlich auf zugkräftige Games mit „Mario“ oder „Wii“ im Spieltitel. Im großen und ganzen kann man Nintendo, was den Softwaresupport der Wii angeht, jedoch keinen Vorwurf machen. Hauptverantwortlich für die – ich nenne es jetzt einmal unbefriedigende Situation für viele Wii Spieler – sind die Dritthersteller. Für alle die in diesem Moment laut „Einspruch!“ schreien: natürlich gibt es sehr viele Gamer da draußen, die mit ihrer Wii absolut glücklich und zufrieden sind. Diese lassen wir in diesem Beitrag jedoch bewusst außen vor.

Wie dem auch sei, neben den genannten Gründen sorgten die Third-Parties jedenfalls weiterhin für Spielerfrust und veröffentlichten am Markt – der im Falle der Wii ein sehr spezieller ist – vorbei. Meiner Ansicht nach lassen sich die „Fehler der Dritthersteller“ wie folgt kategorisieren:

  • die Wii wurde anfangs unterschätzt – schlechte PS2-Portierungen waren die Folge
  • Überversorgung mit Rail Shootern (Ghost Squad, Resident Evil Chronicles, House of the Dead, etc.),
  • Unterversorgung diverser anderer Genres,
  • weiterhin schlechte und/oder verspätete Portierungen (Dead Rising: Chop Till You Drop, CoD: Modern Warfare),
  • Exklusiv-Exoten wie das blutige Schlachtfest MadWorld und
  • Durchschnittsware wie The Conduit.

Dazu ein sehr treffendes Kommentar zu einem ähnlichen Beitrag von Analog Hype :

„The games that have come out on Wii from 3rd parties suck and consumers know they suck, so they don’t by them. How can anyone blame them?“

Hinzu kommt die Tatsache, dass viele Wii-Games von Drittherstellern nur wenig beworben werden. Deadly Creatures sei hier als Beispiel genannt. Wer das mit der Werbung nicht glaubt, sollte sich mal diese Liste der am meisten beworbenen Spiele 2009 (in den USA) ansehen. Von Drittherstellern findet sich kein einziges Wii-CoreGame darunter!


Größere Kartenansicht

Das Ende der bisherigen Geschichte

Die Dritthersteler haben also zu spät reagiert und die Wii, was qualitativ hochwertige Titel anbelangt, unterversorgt. Die Konsequenz sind verärgerte Gamer und mangels guter Verkaufszahlen lange Gesichter bei den Third-Parties. Viele Dritthersteller deuten bereits an, die Unterstützung für Nintendos Plattform zurückzufahren (EA, Capcom, Sega, Ubisoft) Weitere Folge: viele Gamer – ich eingeschlossen – haben sich inzwischen eine weitere Konsole zugelegt. Das mag jetzt nur eine nicht klar belegbare Behauptung sein, ich bin mir dessen aber sicher und kenne selbst einige, die aus Frust bereits den Kauf einer zweiten Konsole tätigten oder diesen zumindest erwägen. Als sogenannter „Multikonsolero“ überlegt man es sich doppelt, ob und welchen Wii-Titel man noch kaufen wird. Und bevor man auf einen möglicherweise schlechten Wii-Port wartet, kauft man gleich das HD-Original. Im Endeffekt beißt sich die Katze also hier selbst in den Schwanz und ein Teufelskreis gerät in Gang. Die Frage ist, wieviele Jünger Nintendo bereits verloren hat. Man wird es anhand der Verkaufszahlen zukünftiger Wii-Games sehen. Die Wii könnte – im schlimmsten Fall – langsam aber sicher zur Nintendo-only-Konsole mutieren garniert mit haufenweise Casual- und Partyspielen anderer Hersteller.

Doch wir sind noch nicht ganz am Ende der Story angelangt, auch für Nintendo könnte es letztlich wieder enger werden. Die Konkurrenzkonsolen werden preislich nach und nach günstiger, verfügen schon bald ebenfalls über Bewegungssteuerung und was, wenn kommende potentielle Wii-Hits wie Silent Hill: Shattered Memories, Red Steel 2, Monster Hunter 3 etc. tatsächlich hinter den Erwartungen der Publisher zurückbleiben? Wie wird es dann mit der Unterstützung der Dritthersteller im Jahr 2011 aussehen? Noch etwas kommt für Nintendo erschwerend dazu: der Markt für Casual-Games ändert sich rasant und wird heiß umkämpft. Casual-Gaming gibt es mittlerweile quasi überall, sei es in sozialen Netzwerken wie Facebook oder auf Smartphones wie dem iPhone. Und dann wäre da noch die kommende „Spielplattform“ iPad sowie Smartphones mit Windows 7 mobile usw., denen dann beispielsweise die Xbox Live-Welt zur Verfügung steht. Eines steht jedenfalls Fest, der blaue Ozean wird zunehmend rot und der Nintendo entgegenwehende Wind wird rauer.

Etwas Gutes ergibt sich aus dieser Geschichte allerdings. Ein simples HD-Update für den Wii-Nachfolger wird nicht reichen. Nintendo muss sich wieder anstrengen und uns mit der Wii 2 erneut überraschen, um weiter auf der Erfolgswelle reiten zu dürfen. Und vor allem auch, um enttäuschte Core-Gamer wieder ins Boot holen zu können. Wie man eine Wii Fit spielende Hausfrau – um jetzt ein Klischee zu bedienen – zum Umstieg auf den Wii-Nachfolger bewegt, wird uns Nintendo ebenfalls noch zeigen müssen. Und ich nehme mal an, dass die für den Erfolg eines Produkts notwendigen Early Adopters vor allem aus – vielen jetzt vielleicht Wii-frustrierten – Core-Gamern bestehen. Und gerade die Early Adopters können nach dem Marktstart eines neuen Produkts ausschlaggebend für dessen Erfolg sein.

Immerhin scheint es schön langsam auch den Drittherstellern zu dämmern, für Wii eigenständige und qualitativ hochwertige Titel auf den Markt bringen zu müssen. Muramasa, No More Heroes 2, Red Steel 2 etc. sind die ersten Vertreter dieser Gattung. Pessimisten nehmen natürlich bereits an, für einen verdienten Verkaufserfolg sei es bereits zu spät. Aber so negativ wollen wir das alles jetzt auch wieder nicht sehen, oder?

Nicht jeder ist mit der Wii unzufrieden...
Nicht jeder ist mit der Wii unzufrieden...

Fazit

Mag sein das ich für so manchen die Lage ein wenig zu pessimistisch sehe. Mir war jedoch wichtig zu zeigen, dass vor allem die Dritthersteller selbst für ihre Misserfolge auf der Wii verantwortlich sind und so einen Teufelskreis in Gang setzten. Die Schuld auf Nintendo zu schieben oder die Schwächen der Wiimote (die dank MotionPlus einigermaßen gut ausgebessert wurden) halte ich für falsch. Spiele wie Zack & Wiki, Super Mario Galaxy und einige mehr haben bewiesen, dass es sich auch ohne MotionPlus sehr gut und innovativ steuern lässt. Wenn man jetzt sagt, die Wii sei eine reine Party- und Mehrspielerkonsole und für ausgefeilte Singleplayer-Erlebnisse eben nicht geschaffen, muss ich allerdings energisch widersprechen. Ich bin der Meinung, dass sich das inzwischen so ergeben hat und zum Teil vielleicht auch schon das Ergebnis einer quasi selbsterfüllenden Prophezeiung ist. Die Wii zu einer reinen Daddelkiste für Senioren, Hausfrauen und Partyabende zu degradieren war sicher nicht die Intention Nintendos und kann auch nicht im Sinne von uns Gamern sein!

Der JAHRELANGE Mangel an epischen/ausgefeilten/tiefgründigen/innovativen/neuartigen Spielerlebnissen ist vielmehr die Ursache, dass sich die Situation – viele scheinen das Interesse an der Wii verloren zu haben – so darstellt, wie wir sie im Moment vorfinden. Selbst 2009 findet sich unter den 10 besten Games des Jahres (nach Metacritic-Durchschnittswertung) kein einziges Wii-Game. Und dann kommen die Dritthersteller her und bejammern die nicht eingetretenen Verkaufserfolge ihrer hochgelobten Games um in weiterer Folge kund zu tun, der Wii mehr oder weniger den Rücken zuzukehren? Ja liebe Leute, was glaubt ihr, wie lange wir unsere Wiis daheim noch verstauben lassen, ohne nicht auf Alternativen umzusteigen? Und denkt ihr, wir fressen euch nach den zahlreichen B- und C-Titeln blind aus der Hand?

Vor nicht einmal 5 Jahren hätte ich nie an den immensen Erfolg der Wii geglaubt. Ich hätte bei einem derartigen Verkaufserfolg allerdings auch nie daran gedacht, dass es spielemäßig für die führende Plattform derart trist aussehen könnte bzw so lange derart trist aussah. Alles in allem also ist die aktuelle Situation ein wahrhaftes Dilemma. Vielleicht kommt 2010 ja die Wende – es wird höchste Zeit!

Anmerkungen

Den minimalen negativen Einfluss von Raubkopien auf die Verkaufszahlen der Wii-Titel habe ich bewusst im Beitrag ausgeklammert. Es kann natürlich sein, dass ich einige Punkte in meiner kleinen Wii-Geschichte vergessen habe, oder der eine oder andere die Situation völlig anders sieht. Deshalb freue ich mich schon auf eure Kommentare und die eine oder andere Diskussion. Seid gnädig mit mir! ;-)