Feb 282010
 

Videospielen fehlt oft dieser eiterhaltige Ausschlag, der sie mit einem ekelerregenden Gestank erfüllt. Oftmals sind sie bis zum Anschlag parfümiert, die Kunden mit ätherischem Rosenduft ködernd wie ein mit buntscheckigem Gefieder ausstaffierter Lockvogel. Paradiesvögel mit einlullendem Singsang. Ein Federschlag der uns einzunehmen versucht. Gerade heutigen Blockbustern fehlt oft dieses gewisse Etwas. Dieser offensichtliche Makel. Sie nehmen sich wie ein entkernter Apfel aus, der nur auf geschmacklichen Schmusekurs aus ist. Ich meine: Was sind schon entdornte Rosen? Besonders diese mit Bedrohlichkeit gepaarte Eleganz macht die Königin der Schnittblumen zu einem ambivalenten Abenteuer. Nicht umsonst ist sie die Königin der Liebesblumen. Anziehend, aber auch das Potential der Gefahr bergend. Wie eben die entwaffnende Liebe, welche uns in Samt einzuwickeln vermag, um uns dann in blinder Liebesgier die Sinne zu vernebeln, woraufhin ein böses Erwachen sich einstellt.

Mass Effect 2, BioShock 2 oder Heavy Rain. Alle diese Spiele sind sicher nicht tadellos. Aber sie strahlen diese kapitalistische Geldanziehungskraft aus. Man merkt ihnen einfach bis zum Fingernagel den Einsatz einer personal stark besetzten Mannschaft an. Dieser perfektionistische Feinschliff, das Polieren bis zur Übermüdung. Heutige Spiele wollen vielleicht zu sehr ihre Krankheiten verbergen. Sie brezeln sich auf und suggerieren uns eine unmöglich einzuhaltende Perfektion. Sie sind entdornte Rosensträucher, die neben ihrer optischen Anziehungskraft keine Geheimnisse mehr kaschieren, sondern nur mit sinnlicher Angriffslust uns überrumpeln.

Worum es mir geht ist folgendes. Heute bin ich zufälligerweise über das Survival-Horror Spiel Deadly Premonition gestolpert, das seit dem 23. Februar in den USA erhältlich ist und das europäische Festland mit großer Wahrscheinlichkeit nie erblicken wird. Es trägt die Etikette eines günstigen Budget-Titels und kostet demnach fern des Atlantiks nur schlappe 20 Dollar (und ist leider region locked). Gerade solche auf ein Niedrigpreissegment hinzielende Produkte brauchen vielleicht eine gesondere Annäherungsweise, weil sie eben nicht diese geleckte, glatt gebügelte Oberfläche aufweisen, sondern eklatante Schwächen in sich vereinen. IGN.com bedachte das ausgefallene Horror-Spektakel dementsprechend kritisch und vergab eine glamouröse Traumwertung von 2.0 Punkten. Im Fazit heißt es dementsprechend niederschmetternd, die subterrane Wertung verbal adäquat flankierend:

Terrible controls. Terrible pacing. Terrible sound effects. Terrible visuals. Maybe you can convince yourself that these things don’t matter as you work through this surreal and quirky storyline. The rest of us will be off playing better videogames.

Eine missratene Handhabung. Eine schwer zu verschmerzende Sound-Untermalung. Eine stiefmütterlich betagte Grafik aus alten, längst vergangenen PS2-Tagen. Auch die amerikanischen Kollegen von Destructoid.com registrieren diese auffallenden tadelnswerten Kritikpunkte, fahren aber in eine komplett entgegengesetzte Richtung:

Deadly Premonition is beautiful. No, not graphically. Graphically it’s atrocious. It’s a beautiful trainwreck, and it’s well aware of the fact.

Skurrile Szene mit einer skurrilen Choreographie
Skurrile Szene mit einer skurrilen Choreographie

Ich habe das Spiel leider nicht gespielt, kann mich also nicht in eine meinungsbildende Fraktion einsortieren. Wenn es das Spiel in Europa gäbe, ich hätte mich wohl sofort spontan zu einem Sofortkauf entschlossen. Müssen Videospiele in Punkt visueller Darstellungsqualität immer die obersten Register einreißen? Müssen sie klanglich und akustisch immer Ohrwürmer aus der Jukebox ablaufen lassen? Müssen sie immer logisch stringent durchkomponiert sein? Nein. Müssen sie nicht. Menschen sind auch erst infolge ihrer Schwächen und Schönheitsfehler sympathisch. Wir möchten auch struppelige, nachlässig rasierte, unentkernte, faltig gebügelte Videospiele, welche nicht nur auf versuchte Perfektion getrimmt sind.

Unser Musterbeispiel Deadly Premonition ist anscheinend bizarr, verrückt und hochsträubend unlogisch. Ich sehne mich nach solchen Erfahrungen, weil sie uns zu selten geboten werden. Hoffentlich kommt dieses kratzbürstige, sromlinenunförmige Außenseiter-Videospiel auch nach Europa. Ich würde es mit offenen Armen empfangen.

Zum Abschluss dieses gedrängten Beitrages noch der Launch Trailer zum Outsider-Game:

Eine amüsante Cutscene aus Deadly Premonition: