Mrz 012010
 

Ein PS3-exklusiver Blockbuster, eine neue Art des Geschichte-Erzählens, ein grafisches Meisterwerk sollte es werden: Heavy Rain ist das bisher ambitiöseste Werk des französischen Entwicklers Quantic Dream rund um David Cage. Eine Revolution ist es aber nicht.

Nach den vor allem dank ihrer spannenden Geschichten erfolgreichen Games Fahrenheit und The Nomad Soul wagte sich Quantic Dream an einen dicken Brocken. Heavy Rain sollte nicht nur eine fesselnde Story in atemberaubender Grafik auf den Screen zaubern, sondern dem Spieler auch noch etwas zurückgeben, was ihm viele Games sonst nur sehr selektiv oder gar nicht anbieten: Entscheidungsfreiheit. Make choices. Face the consequences liess auf ein Werk hoffen, dass der in Games möglichen Interaktivität endlich etwas mehr Bedeutung verleiht, als nur die Wahl der Waffe oder des Rennautos.

Heavy Rain
Heavy Rain
Unser Fazit: Noch selten hat mich ein Spiel so sehr an den Bildschirm gefesselt wie Heavy Rain. Die düstere Stimmung, die über weite Strecken aufwühlende Geschichte und die hervorragende musikalische Untermalung sorgen dafür, dass man sich nicht mehr von der Konsole trennen will, bis der Mörder gefunden, das Rätsel gelöst ist. Dabei schafft es Heavy Rain auch, den Spieler zu einigen äusserst unangenehmen, und trotzdem grausam spannenden Entscheidungen zu zwingen – Entscheidungen notabene, bei denen man nicht weiss, wie die Konsequenzen genau aussehen. Wer eine PS3 besitzt, sollte dieses Game spielen, punkt.
Aber: Auch Heavy Rain ist nicht perfekt. Die Geschichte leistet sich gegen Ende einige (zum Teil furchtbar klischee-besetzte) Patzer. Schuld daran sind auch die, etwas distanziert gesehen, ziemlich flachen Darsteller, die nur dank der stetigen Spannung nicht so sehr als solche auffallen. Bemängeln muss man leider auch die Steuerung, die zwar grösstenteils zufriedenstellend funktioniert, an einigen Stellen aber nervige Aussetzer hat. Und, vielleicht der wichtigste Punkt: Auch wenn es Heavy Rain in zahlreichen Situationen gelingt, die Illusion einer Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen aufrecht zu erhalten, merkt man während des Spielens eben doch unweigerlich, dass manchmal etwas mehr Schein als Sein dahinter steckt – und das kann mitunter enttäuschen.

8/10 – Toll (8er sind eindrucksvoll geraten, haben aber ein paar erkennbare Probleme. Werden nicht jeden in erstaunen versetzen, aber sind ihr Geld absolut wert. )

Wir bedanken uns bei Sony für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsmusters.

Heavy Rain (PS3)
Entwickler: Quantic Dream
Publisher: Sony

Heavy Rain war seit seinem erstmaligen Auftauchen für mich ein Spiel, das ich nicht einordnen konnte. Es war mir schleierhaft, wie David Cage und seine Mannen es schaffen wollten, ein Game nur mit simplen Quicktime-Events und Button-Kombinationen zum tiefgründigen und packenden Abenteuer zu machen. Vor meinem geistigen Auge malte ich schon schaudernd Szenen wie in Wing Commander IV aus, wo man sich in langweiligen Videosequenzen höchstens mal für eine Richtung entscheiden konnte – und das schon damals als „interaktiver Film“ gehypt wurde.

Die ersten Minuten in Heavy Rain sind geprägt von hohen Erwartungen. Man erwartet einen drammatischen Einstieg, die Bestätigung für die Vermutung, Heavy Rain könnte ein richtungsweisendes Game werden. Stattdessen wacht man als Familienvater Ethan Mars an einem Sonntagmittag auf, putzt sich erstmal die Zähne, liegt im Garten etwas auf den Rücken und trinkt ein Glas Orangensaft aus dem Kühlschrank. Nicht der erhoffte Einstieg und seltsam limitiert: Mehr als ein paar Handlungsoptionen stehen einen kaum je offen, in vielen Situationen gibt die Steuerung sogar nur eine Möglichkeit vor. Trotzdem bleibt man dran. Man weiss, Heavy Rain ist ein Thiller. Man vermutet hinter jeder Handlung einen tieferen Sinn, dass das Glas Orangensaft später im entscheidenen Moment wichtig werden, dass die Familienidylle getrübt werden könnte. Und das Spiel enttäuscht nicht: Nach und nach beginnt der Abstieg des Ethan Mars, die Farben werden düster, das Spiel macht erste Andeutungen über den mysterösen Origami-Killer, der seine Opfer jeweils im Herbst brutal ertrinken lässt. Und da ist auch noch dieser Regen, der nicht mehr aufhören will.

In da Club: Zwielichtige Gestalten findet man auch in der Partyszene.
In da Club: Zwielichtige Gestalten findet man auch in der Partyszene.

Jedem das Seine
Heavy Rain versetzt den Spieler in vier verschiedene Hauptcharaktere, deren Handlungsstränge sich im Laufe der Geschichte unweigerlich treffen. Das Game wechselt geschickt zwischen den Rollen hin und her, so dass parallel spannende Handlungen entstehen. Gesteuert wird meistens mit sehr einfachen Kommandos: Alle möglichen Aktionen werden durch entsprechende Symbole gekennzeichnet, die man wiederum mit dem Controller auslöst. Beispiel: Der Spieler steht vor einer Türe und sieht zwei Symbole: Einen Pfeil nach oben und einen Pfeil im Halbkreis. Obwohl die Möglichkeiten in jeder Szene anders sind (man kann nicht jede Türe so öffnen!) verrät einen der gesunde Menschenverstand, dass der Pfeil nach oben „anklopfen“, der Halbkreis „Türe aufbrechen“ bedeutet. Beides führt zum selben Resultat: Die Türe ist dann offen. Die Frage ist nur: Wollen wir, dass der Bewohner es merkt?

Geschossen wird in Heavy Rain fast nie und doch gibt es genug actiongeladene Momente.
Geschossen wird in Heavy Rain fast nie und doch gibt es genug actiongeladene Momente.

Die Illusion zählt
Im Laufe der Geschichte auf der Jagd nach dem Orgami-Killer nimmt die Spannung stetig zu. Man fühlt sich ähnlich wie wenn man einen Thriller à la Se7en schauen würde – nur intensiver, weil die Handlung beeinflusst werden kann, ja diktiert. Dabei macht Heavy Rain einen hervorragenden Job, denn obwohl die Möglichkeiten des Handelns sehr eingeschränkt sind und nicht alle Aktionen auch eine Konsequenz haben, weiss man nie, was eine Entscheidung auslösen wird – und es Game beinhaltet ein paar verdammt harte Entscheidungen. An dieser Stelle soll auch erwähnt sein, dass Spielfiguren durchaus sterben können. Die Wahl des Spielers ist also tatsächlich wichtig, aber nicht immer. Und genau das ist das Problem. Heavy Rain hält die Illusion einer Konseqenz für jede Handlung in den meisten Fällen hervorragend aufrecht, aber es gibt doch Situationen, in denen man merkt, dass das Game eigentlich nicht auf das zutun des Spielers wartet. „Peanuts“ könnte man sagen, ist es aber nicht: Schon das Gefühl, dass die getroffenen Entscheidungen nicht oder nur teilweise relevant sind, nehmen diesem Spielprinzip einen grossen Teil der Anziehungskraft.

Charakteranimationen und der Detailgrad von Gesichtern ist auf einem neuen Niveau angelangt.
Charakteranimationen und der Detailgrad von Gesichtern ist auf einem neuen Niveau angelangt.

Atmosphäre ist alles
Heavy Rain lebt einerseits in gewissen Situationen von den Entscheidungen des Spielers, durchwegs aber von der Atmosphäre. Quantic Dream hat mit diesem Spiel ein unglaublich düsteres Erlebnis geschaffen. Natürlich verstärkt der Gedanke an den Serienkiller das Unbehagen, aber auch sonst kann man kaum die Finger lassen von der schaurig-schönen Stimmung. Ständig prasselt Regen an die Fenster und auf die Strassen, hat man das Gefühl, die Regenmäntel der Polizisten auf der Wache zu schmecken, bewegt man sich in unwirtlichen Gegenden. Die gelungene Atomsphäre ist einerseits der Geschichte, grösstenteils aber der hervorragenden optischen Darstellung zu verdanken – und der Musik. Besser hätte man Heavy Rain musikalisch nicht unterlegen können. Um so enttäuschender ist es, dass manche Sprecher leider irgendwie nicht zum Charakter passen wollen. Es sind Details, aber im gesamten Erscheinungsbild dieses atmosphärischen Meisterwerks eben absolut entscheidend.

Was wir mochten:

Nur noch ein Kapitel, ich schwör. – Der langsame Start mag ungeduldigen Naturen sauer aufstossen, aber er ist der perfekte Einstieg. Die glückliche Familie in der Vorstadt als Kontrast zu schäbigen Motels, Privatdetektiven mit Scotch-Flaschen im Schreibtisch und innerlich zerrissenen Charakteren ist genau der Gegensatz, der nach der ersten halben Stunde süchtig macht.

Filmreife Geschichte – Quantic Dream enttäuscht nicht und zeigt uns über weite Strecken eine faszinierende Kriminalgeschichte, von der man sich kaum mehr zu lösen vermag. Mit Genuss erledigt man selbst kleine, auch unnötige Dinge im Alltag der Spielfiguren im Wissen, dass bald wieder Wendungen und Entscheidungen kommen, die einen für kurze Zeit das Blut in den Adern gefrieren lassen. Allerdings, und das sei dann unter den negativen Punkte vermerkt, vermögen die Entwickler den Spannungsbogen nicht über die ganze Länge des Spiels hochzuhalten.

Tod oder Leben – Heavy Rain lässt den Spieler oft entscheiden. Manchmal sind die Weggabelungen nur vorgetäuscht oder unwichtig, manchmal aber treffen sie auch die Moral des Spielers mitten ins Herz. Wie weit gehe ich als Ethan Mars, um meinen Sohn zu retten? Was bin ich bereit zu opfern, von mir selbst, von anderen? Es sind solche Momente, die das Spiel auf die höchste Stufe hiefen. Da Heavy Rain kein Game ist, wo man dieselbe Entscheidung eben nach 10 Minuten nochmals trifft (sondern höchstens beim zweiten oder dritten Mal durchspielen), nimmt man sie ernst. Und das bewegt.

Danke, liebe Sounddesigner – Es wurde schon erwähnt: Heavy Rains Musik ist perfekt. Das Spiel steht und fällt mir ihr, was besonders bei eigentlich unwichtigen Szenen deutlich wird: Selbst eine für die Geschichte völlig unwichtige Handlung eines Charakters wird mit dem Einblenden der düsteren Musik plötzlich in einen anderen Kontext gestellt – hevorragend.

Darum funktionierts. – Ich wüsste nicht, was man grafisch an Heavy Rain noch verbessern kann. Es sind allerhöchstens winzige Details, ansonsten ist das Spiel perfekt ausgearbeitet.

Der Regen hat in Heavy Rain mehrere Rollen.
Der Regen hat in Heavy Rain mehrere Rollen.

Nicht gefallen hat uns:

Das Charakter-Klischee – Es gibt nur einen Umstand, der die leider sehr Klischee-beladenen Charakter in Heavy Rain rettet: die kleinen Handlungen. Ein Rührei kochen, auf Knopfdruck den Gedanken der Person lauschen, die Möglichkeit, sich in gewissen Situationen so oder so zu entscheiden – all diese Punkte geben den Personen in Heavy Rain ein Gesicht. Ansonsten, seien wir ehrlich, bleibt nicht viel: Der Privatdetektiv mit dem Scotch im Bürotisch, die (natürlich umwerfen hübsche und uneigennützig aufklärende) Journalistin, der böse Cop, der bloss einen Sündenbock sucht.

Die Liebestöter – Ihr kennt sicher auch einen Film, in dem Spannung und Atmosphäre vor den Fernseher fesseln – bis eine unnötige und vollkommen unrealistische Romanze, am besten noch zwischen den Hauptdarstellern, die Glaubwürdigkeit des Werkes mit Füssen tritt. Gibts leider, sorry für den Mini-Spoiler, auch bei Heavy Rain.

Schwächen in der Story – Die Geschichte von Heavy Rain bewegt sich grösstenteils auf sehr hohem und fesselndem Niveau. Allerdings nicht durchgehen. Besonders gegen Ende haben sich die Autoren ziemlich in die Nesseln gesetzt.

Links! ICH SAGTE LINKS! – Leider plagen kleine, mühsame Fallstricke die Steuerung. Einerseits wäre da die Verwendung der Motion Controlls des SIXAXIS-Controllers. Zwar meist durchdacht eingesetzt, aber da das Ding nicht eben die Ausgeburt der Präzision ist, muss man ab und an eine Szene mehrmals machen, bis es klappt – das zerstört die Stimmung.
Noch mühsamer ist das Bewegen von Charakteren: Man drückt R2 zum Laufen und gibt mit dem linken Stick die Richtung vor. Oft verfehlt man so die eigentlich geplante Richtung, bleibt an Türrahmen hängen oder muss neu ansetzen, weil die Kameraperspektive geändert hat.

Simons Meinung:
Mit einem Schmunzeln habe ich das Heavy Rain-Review bei 4Players gelesen. Eine Wertung von 94%, kaum Kritik und pure Begeisterung in der Meinungsbox. Genau so hätte ich das Review ebenfalls verfasst, hätte ich in der Hälfte oder nach drei Vierteln der Geschichte damit angefangen. Tatsächlich ist Heavy Rain ein unglaublich attraktives Spiel, dass in dieser Form so noch nie dagewesen ist. Man muss David Cage auch zugestehen, dass er und Quantic Dream hoch gepokert haben: Wäre die Geschichte nicht so unverschämt spannend und böte dem Spieler nicht diese nervenaufreibenden Entscheidungen, dann würde Heavy Rain als gutaussehender, aber leider etwas lahmer Versuch eines interaktiven Films bald aus den Gedanken der Spieler verschwinden. So aber geht das Konzept auf: Wer eine PS3 besitzt, MUSS dieses Game gespielt haben – alles andere wäre schade. Es bleibt sehr zu hoffen, dass in Zukunft noch mehr solcher Werke auftauchen und dabei die Entscheidungsfreude des Spielers noch mehr in den Vordergrund stellen. Denn das ist es schliesslich, was aus Heavy Rain viel mehr macht, als nur einen „interaktiven Film“.