Jun 172010
 
Wer noch eines Beweises bedarf ob der Top-Form von Nintendo, der soll sich doch bitte dieses Spieles gewärtig sein
Wer noch eines Beweises bedarf ob der Top-Form von Nintendo, der soll sich doch bitte dieses Spieles gewärtig sein
Es macht immer Spaß die E3-Pressekonferenzen gegenüberzustellen und miteinander zu vergleichen. Nehmen wir die diese drei Veranstaltungen als Richtmaß, dann erwies sich Nintendo als schlauer, gewiefter Fuchs, der den anderen mal wieder vorneweg gerannt ist. Besonders Microsoft ist fast schon in einer peinlichen Pose über die Stolperfalle geflogen. In den letzten Jahren hangelten sich die Japaner zu einem unzufriedenstellenden E3-Auftritt zum nächsten. In unseren früheren Blog-Zeiten entbrannten überhitzt temperierte Diskussionen über die Qualität der damaligen E3-Präsentationen: Zu viel Casual-Kram. Zu viel Gefuchtel. Zu wenig anspruchsvolle Spiele. Nichts für uns. Nintendo entwickelt an uns vorbei. Selbst wir Redakteure (ich will mich nicht ausnehmen) bekannten uns zur stählernen Konkurrenz und beschäftigten uns mit ernsthaft gereiften Abwanderungsgedanken, die wir dann in die Tat umgesetzt haben. Wir waren lächerlicherweise gekränkt. Als ob Nintendo uns etwas geschuldet hätte. Also ob Nintendo auf uns angewiesen wäre. Echt dämlich…

Nintendo langweilte uns mit Wii Sports, mit Wii Sports Resort, mit Wii Music, Wii Play und Wii Fit. Die Ernüchterung hervorrufenden E3-Auftritte litten unter diesem Anprall an gewürzlosen Appetitanregern für den immerzu auf einer Erfolgswelle reitenden Wiimote-Erfolgsdauertrend. Nur ab und zu schaltete Nintendo einige „Core-Titel“ dazwischen, um die spielsüchtige, revoltierende Hardcore-Masse zu befriedigen. Brot und Spiele für da Volk, damit Ruhe in der Kiste ist. Wie unreif.

Nun schreiben wir das Jahr 2010. Und Nintendo hat einen richtig starken Auftritt auf dem Parkett hingelegt. Allein das neue Kirbys Epic Yarn rechtfertigt tagelange Jubelstürme. So mit kreativem Überschwang angefüllt, so träumerisch phantasievoll, so positiv verspielt haben wir einen 2D-Plattformer lange nicht mehr gesehen – hier haben wir ein Schaumbad an gestalterischem Einfallsreichtum in Potenz. Dazu gesellen sich sichere Gewinner wie Donkey Kong Country, Metroid: Other M, Zelda: Skyward Sword oder Kid Icarus. Und wieder setzte Nintendo einen neuen Trend, der sich in Gestalt des 3DS beeindruckend manifestierte und sowohl die Entwickler als auch die Presse optimistisch stimmte. Die Namen der die Plattform unterstützenden Publisher liest sich phänomenal – Metal Gear Solid oder Resident EVil. Das sind Namen, die sich nur auf Konsolen breit machen, welche Erfolg versprechen.

Ein Novum: Endlich Unterstützung für Nintendo VON ANFANG AN

Hier hat Nintendo von Anfang an die Unterstützung von Drittherstellern, welche sowohl bei der Wii als auch beim DS damals am Anfang aufgrund der firmeneigenen Forcierung von Innovationen (verständlicherweise) ausblieb. Diesmal wollen alle von Beginn an dabei sein und auf den rasant entschnellenden Zug aufspringen. Der 3DS dürfte von diesem universellen Support profitieren: Das Potential der Spiele-Maschine wird schneller ausgeschöpft und die Phase der Konsolidierung, der Ausbalancierung zwischen Technik und Gameplay geht flotter vonstatten – genau daran krankte der DS und die Wii, die beide in den ersten Monaten mit qualitativ fragwürdigen Produkten abgespeist wurden. Man merkte noch nach Jahren, dass die Dritthersteller sich verkalkulierten und damit die Plattform falsch eingeschätzt haben. Die Folge davon waren schlechte Spiele, die die ganze Plattfom diskreditierten und den Innovationsgedanken als illegitim erschienen ließen. Nintendo prescht jetzt weiter voran. Von Selbstbewusstsein getragen angesichts der Treffsicherheit ihrer strategischen, sich erfüllenden Trendhypothesen. Da können die Sony-Moderatoren auf der Konferenz noch so sehr die anwesendenden Zuschauer dazu auffordern, ihre schmucken 3D-Brille überzuschnallen, um das Kriegsgebrüll eines aufgepumptem Shooter-Muskelprotzes zu bestaunen.

Am lächerlichsten fand ich dabei Microsoft. Ich möchte mich zu keinem Bashing verleiten lassen. Aber mal ehrlich. Microsoft machte genau das, was man Nintendo vor Jahren vorgeworfen hat. Spiele wie Fable III, Gears of War 3 und Call of Duty wurden in Rekordgeschwindigkeit abgeklopft, um den Raum freizuräumen für das revolutionäre Kinect, das in technisch aufgebohrter Gestalt nur das zeigte, was Nintendo schon längst im Köcher hat. Die Amerikaner sind der Stolperfalle auf den Leim gegangen und hechelten mit finanzkräftigem Aufwand einem Trend nach, den andere schon längst als selbstverständlich betrachten und nicht mehr als skandalöse Neuheit umwerben. Sony war hier aber auch nicht viel besser. Microsoft machte genau das, was Nintendo in schlechten E3-Jahren getan hat. Nur eben aufwändiger, gefallsüchtiger, arroganter, protziger. Sie mögen zwar die beste Technik haben, aber so lange sich das nicht in Spielen vorteilhaft materialisiert, nützt die beste Technik nichts. Und da wirkte das bisherige Lineup einfach einfallslos. Es fehlte Microsoft auch an Seele. Es wirkte kalt. Fast unsympathisch. Besonders Nintendo punktete mit fast familiären Werte, als Iwata, Miyamoto und Reggie sich in ihren unterschiedlichen Charakteren abwechselten. Das wirkte zwar nicht immer professionell und seriös wie bei der Konkurrenz, aber sehr charmant und einnehmend. Nintendo blieb sich treu und zeigte, dass trotz der Popularisierung von Videospielen Persönlichkeit auch bei einer solchen Fabrikware nicht fehlen darf.

Die Hasenfabel

Es war einmal ein kleiner Hase, der sich, um der siedendheißen Sommersonne zu entgehen, seines Wärme spendenden Felles entledigt hatte. Eines Tages kamen zwei Bären vorbei, die den wahnwitzigen Erfindungsgeist des kleinen Langohren bewunderten. Sie schwitzten wie ein tosender Wasserfall und stöhnten ob der stechenden Hitze. Sie dünkten sich intelligent und gewitzt, rannten in Windeseile zum Schafshirten, um sich professionell scheren zu lassen. In kahl geschorener Montur stolzierten sie mit selbstzufriedenem Siegerlächeln am Hasen vorbei, der genüsslich sich nippend an seinem Drink gütlich tat und die vorbei schlendernden Proleten nur im Augenwinkel kurz beobachtete.

Nach einigen Wochen, die Tage verkürzen sich zusehends, hielt die fröstelnd machende Kälte Einzug im Hasen- und Bärenland. Die zwei geschorenen Freunde, deren Haut sich noch ohne Fell zeigt, fingen langsam aber sicher an zu frieren. Beim ersten Schneefall gerieten die Bären in eine existentielle Notlage: Sie frieren am ganzen Körper, nur kleinwüchsige Stoppel bedeckten ihre nackte, entblößte Haut. Sich schüttelnd und gegenseitig wärmend liefen sie nichtsahnend am Bau des Hasen vorbei. Dieser spazierte gerade gemütlich aus seiner gemütlichen Behausung und ging an seine Wäscheleine, wo er ein Ganzkörperfell von der Stange lupfte und sich fröhlich pfeifend diese überzog. Während das flauschig weiche Hasenfell ihn gleich eines Wärme spendenden Lagefeuers vor der Kälte schützte, ging der Hase im Wald spazieren. Die zwei Bären gedachten ihres Fehlers, verfolgten Meister Lampe mit böswilligen Blicken.

Nintendo zückte das Ass im Ärmel

Erstaunlich ist eben, dass Nintendo völlig auf Spiele setzte. Kein Vitality Sensor. Allein das ist ein Signal. Man besann sich auf die eigentliche Stärke der Videospiele: auf virtuelle, aus der Phantasie geschöpfte Welten, die uns verzaubern, uns mit ihren bunten Bildern einsaugen und uns eine tolle Zeit bescheren. Die bewegungssensitive Steuerung spielte hierzu nur eine sekundäre, belanglosere Rolle (abgesehen von Zelda). Microsoft vergass, dass die Handhabung nur dazu dient, uns Inhalte zu vermitteln, uns mit der Welt zu verschmelzen. Sie ist nur Mittel zum Zweck. Sie ist nicht der seligmachende Heiland, der die Revolution einläutet. Dazu gehört mehr. Jedenfalls mehr als was die Amerikaner da präsentiert haben. Ideenlos. Kraftlos. Medial aufgebauscht, mit der Unterstützung von Cirque du Soleil eine überbelichtete Vernebelung tatsächlicher Fakten. Sorry. Aber nach den eigens hochgekochten Vorschusslorbeeren der Microsoft-Typen hat man ja nicht weniger als eine bahnbrechende Revolution erwartet. Die verdampfte genauso imposant wie sie gekocht wurde.

Nintendo beeindruckte mit sehenswerten, originellen Spielen und das trotz der manchmal ungelenkig wirkenden Versteifung auf altgediente Marken. Spiele sind es, die uns an den Bildschirm ziehen. Nicht unbedingt das ganze Drumherum. Ausgerechnet Nintendo hat uns an diese banale Weisheit erinnert. Während die anderen das anscheinend völlig aus den Augen verloren haben. Besonders Microsoft.

Ein bezauberndes Kirby ist mir tausend mal lieber als ein fades Killzone 3, ein auf brachiale Urgewalten setzendes Gears of War 3 oder ein Vergessenmachen eines angeblich antiquierten Controllers. Warum? Weil es Freude vermittelt, Spielspaß. Und darauf kommt es an.