Jun 182010
 

Ich liege auf dem zweiten Platz, der Wagen vor mir passiert gerade eine kritische Stelle. Wenn ich ihn jetzt nicht erwische, hat er das Rennen so gut wie in der Tasche. Glücklicherweise zeigt meine Energieleiste noch genügend Reserven. Auf Knopfdruck fliegt der am Straßenrand geparkte Tanklaster effektvoll in die Luft.

Der Erstplatzierte gerät durch die Druckwelle der Explosion ins schleudern und zerschellt in einem spektakulären Crash an der Leitplanke. „Erwischt!“ denke ich mir jubilierend, doch nur Sekundenbruchteile später sehe ich aus dem Augenwinkel eine riesige Abrissbirne auf mich zurasen. Unwillkürlich ziehe ich den Kopf ein, nur um mich im gleichen Moment darüber zu amüsieren. „Hey, es ist doch nur ein Spiel, du Depp.“ Doch weder diese Reaktion noch die abrupte Lenkbewegung zeigen auch nur den Hauch von Erfolg. Gnadenlos zeigt mir das Spiel den Totalschaden in einer Außenansicht. Ich fluche. Zurückgefallen auf den vierten Platz und nach der nächsten Kurve wartet bereits die Ziellinie. Beim nächsten Mal lasse ich mich nicht so leicht abschütteln!

Noch steht der Turm.
Noch steht der Turm.

Unser Fazit: Was hier auf dem Bildschirm geboten wird, geht weit über den normalen Arcade-Raser hinaus. Split/Second ist mehr Action-Orgie als Rennspiel, gefahren werden muss aber natürlich trotzdem ordentlich. Leider ist der Tiefgang auch nicht viel höher, als bei einem typischen Sommer-Blockbuster mit Starbesetzung. Die Zerstörung der Umgebung ist das einzige Alleinstellungsmerkmal, welches zwar perfekt in Szene gesetzt wurde, aber auch einige Limitationen im Gameplay offenbart. Split/Second ist dennoch das perfekte Spiel für Adrenalin-Junkies und ausgehungerte Bournout-Fans, mit etwas zu geringem Wiederspielwert und leider nur acht Wagen gleichzeitig auf der Stecke.

8/10 Toll (8er sind eindrucksvoll geraten, haben aber ein paar erkennbare Probleme. Werden nicht jeden in erstaunen versetzen, aber sind ihr Geld absolut wert.)

Wir bedanken uns bei Disney Interactive für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsmusters.

Split/Second: Velocity (Xbox 360 [getestet], PS3, PC)
Entwickler: Blackrock Studio
Publisher: Disney Interactive

Bereits vor zwei Jahren begeisterten uns Blackrock Studio mit dem grandiosen Pure, in dem Geschwindigkeit auf wahnwitzige Sprünge und abgefahrene Tricks traf. Das Tempo wurde für Split/Second noch einmal verschärft, der Star der Show sind nun die unzähligen aberwitzigen Explosionen, welche die Rennstrecken in kurzer Aufeinanderfolge erschüttern. Der Singleplayer ist aufgezogen wie eine Fernsehshow, wir sind in eigens für diese Sendung errichteten Arealen unterwegs. Die Karriere wurde in zwölf Episoden unterteilt, die jeweils sechs variierende Events zu bieten haben. Jede Platzierung bringt Credits, die neue Wagen und weitere Episoden freischaltet. Durch dieses System wird stetig Geld in die Taschen gespült und nicht nur absolute Profis, die ständig den ersten Platz belegen, haben eine Chance das Meiste freizuschalten und bis zum Ende des Spiels zu gelangen. Das Fehlen eines einstellbaren Schwierigkeitsgrades macht sich dennoch negativ bemerkbar.

Neben den üblichen Eskapaden wie Zeitfahren (hier Detonator genannt) und Eliminator, findet man die drei Modi „Luftangriff“, „Himmlische Rache“ und „Überleben“ exklusiv in Split/Second vor. In „Luftangriff“ und „Himmlische Rache“ befinden sich keine anderen Fahrzeuge auf der Straße, der alleinige Gegner ist hier ein Helikopter und seine Raketen. Grüne Markierungen zeigen deren Einschlagsorte an, die wir behände meiden müssen. Während sich „Luftangriff“ auf das Ausweichen beschränkt, sammelt man in „Himmlische Rache“ Energie, um die Geschoss umzuleiten und den Hubschrauber schnellstmöglich aus der Luft zu holen. Im Modus „Überleben“ ziehen auf eigens dafür vorgesehenen Rundkursen lange LKWs in gewissen Abständen ihre Kreise und entlassen tödliche Fässer nach hinten auf die Fahrbahn, denen es auszuweichen gilt. Hier gibt es Punkte für jeden überholten Laster.

Für die Wagen vor uns gibts es kein entrinnen.
Für die Wagen vor uns gibts es kein entrinnen.

Extras wie Nitro o.ä. sucht man in diesem Spiel im Vergleich zu Pure und Burnout vergeblich. Die einzige Möglichkeit auf das Geschehen Einfluss zu nehmen, sind die sogenannten Power Plays, von denen man grob vier verschiedene unterscheiden kann und für deren Ausführung Energie benötigt wird. Um besagte Energie zu tanken, bietet das Game genau vier Möglichkeiten: 1. Im Windschatten fahren, 2. Driften, 3. Einer Druckwelle knapp entkommen, 4. Springen. Unterteilt ist die Anzeige in drei Bereiche, die sich langsam füllen. Mit einem (blauen) Balken Energie können Abkürzungen kurzzeitig geöffnet oder eine einfache Explosion ausgelöst werden. Für alle drei voll aufgeladenen Balken (rot) gibt es entweder einen besonders dicken Knalleffekt (bzw. ein besonderes Ereignis) oder eine von zwei Kursänderungen pro Strecke lässt sich auslösen.

Mit 26 Wagen von Fantasieherstellern und 11 Strecken ist Split/Second ordentlich aufgestellt. An den Fahrzeugen darf lediglich ein Teil der Farbe geändert werden, mehr Optionen zur Personalisierung stehen nicht zur Verfügung. Sowohl off- als auch online befinden sich maximal acht Wagen gleichzeitig auf der Strecke. Der Multiplayer bietet ein recht sparsames Rangsystem, immerhin darf zu zweit im Splitscreen angetreten werden. Etwas seltsam die Entscheidung, dass komplett auf Geschwindigkeitsanzeige (aka Tacho) und Rückspiegel verzichtet wurde.

Was wir mochten:

Technik die begeistert – Das fängt bei der unerhört guten Optik und den durchgestylten Menüs an an. Der Rundflug im Tutorial offenbart eine wundervoll detaillierte Grafikengine, doch leider bleibt während der Rennen viel zu wenig Zeit, die tolle Umgebung zu inspizieren. Durch ein cleveres Speicherverwaltungssystem sind Neustart und Auswahl einer Strecke innerhalb weniger Sekunden erledigt. Und egal wie heißt es auf dem Bildschirm auch hergehen mag, die Frame-Rate bleibt stets konstant.

Auf brennendem Eis – … wird hier zwar nicht gefahren, dafür steckt die gebotenen Action jeden Steven Segal-Film locker in die Tasche. Vor allem in den späteren Events hagelt es Explosionen nahezu im Sekundentakt, Wracks und Trümmer fliegen einem nur so um die Ohren und selbst bei der reichhaltigen Randbebauung bleibt selten ein Stein bis zum Ende des Rennens auf dem anderen. Besonders spektakuläre Einstürze dürfen zum Glück in einer Wiederholung betrachtet werden, diesen Augenschmaus kann man sich gar nicht oft genug ansehen.

Kein Indianapolis 500 – Der Star von Split/Second sind ohne Zweifel die tollen Strecken, in Ermangelung anderer Extras müssen sie das aber auch sein. Nach ein paar Runden bekommt man ein Gefühl dafür, wo sich welche Objekte befinden und mit welchem Power Play und Timing man sie zerstören kann. Es dauert aber tatsächlich eine ganze Weile, bis alles ausprobiert und entdeckt wurde. Die besonders atemberaubenden Richtungsänderungen (zwei pro Strecke) ändern kombiniert nahezu die Hälfte des Streckenverlaufs und verknüpfen sich zusammen aktiviert sogar.

So ruhig wie auf diesem Screenshots ist es... eigentlich nur auf diesem Screenshot.
So ruhig wie auf diesem Screenshots ist es... eigentlich nur auf diesem Screenshot.

Nicht gefallen hat uns:

Vorteil: Führender – Wenn ein Wagen erstmal ein paar Sekunden Vorsprung hat, ist er nur schwer wieder einzuholen. Um ein Powerplay auszulösen, muss der entsprechenden Wagen in Sichtweite sein. Da keinerlei Extras zur Beschleunigung zur Verfügung stehen, kann die Lücke nur mit einer Mischung aus extrem guter Fahrweise und einem schnelleren Wagen erfolgen. Das einzig probate Mittel vom letzten auf den ersten Platz zu gelangen ist es, eine Richtungsänderung durchzuführen, da hier ein Großteil der Strecke inkl. der darauf befindlichen Wagen zerstört wird. Da hierfür allerdings ein voller Energiebalken benötigt wird, gestaltet sich die Energiegewinnung etwas schwierig, wenn weit und breit kein Mitstreiter für Windschatten vor einem liegt oder driften nicht zum Repertoire des Fahrers gehört (s.u.).

Kein Powerplay nach hinten – Umgekehrt fühlt man sich bei einer knappen Führung wie eine hilflose Ente vor der Schrotflinte des Jägers: Der Abschuß ist nur eine Frage der Zeit. Es gibt absolut keine Abwehrmaßnahmen, außer die Strecken auswendig zu lernen und die Gefahrenzonen weiträumig zu umschiffen. Langsame Wagen vorbeilassen und mit einem Powerplay beglücken wäre in so einem Fall ebenfalls eine Möglichkeit, aber eine riskante.

Driften will muß gelernt sein – Ihr schliddert nicht gerne um Kurven? Pech gehabt. Zwar lassen sich gute Platzierungen auch größtenteils ohne driften erringen, aber das Gameplay von Split/Second ist leider etwas zwiespältig aufgebaut. Einerseits ist es möglich, den entsprechenden Wagen vorausgesetzt, die meisten Rennen komplett ohne Kurvengleiten gut zu beenden. Wer allerdings konstant auf die oberste Stufe des Siegertreppchens steigen möchte, der sollte tunlichst auch in dieser Disziplin glänzen. Natürlich ist es möglich, auf Wagen und Events zu verzichten, in denen das kontrollierte Rutschen erforderlich ist, das kann aber auch nicht Sinn der Sache sein. Unabhängig davon ob man es nicht gerne macht oder einfach nicht beherrscht, driften ist ein wichtiger Bestandteil im Gameplay von Split/Second. Jeder der darauf verzichtet, verliert einen wichtigen Energielieferanten.

Wagen mit sehr kurzer Halbwertszeit – Gute Platzierungen bringen Credits, wodurch etwa alle 3-5 Events ein neues Vehikel in die Garage gestellt wird. Zusätzlich schalten manche erfolgreich absolvierten Episoden neue Wagen frei. Durch diesen konstanten Fluss an schnelleren fahrbaren Untersätzen, verbringt man i.d.R. nur sehr wenig Zeit mit den einzelnen Boliden. Im Online-Modus sind 90% davon nutzlos, da man, um überhaupt eine Chance zu haben, sowieso nur auf die drei bis vier zuletzt freigeschalteten zurückgreift und die übrigen somit praktisch nirgends mehr zum Einsatz kommen.

Jörgs Meinung:
Nach der Demo, die ich wirklich oft gespielt hatte, war ich nicht so wirklich überzeugt von den Qualitäten von Split/Second. Doch nach einigen Stunden mit der Vollversion wurde auch in meinem Körper eine beträchtliche Menge des Action-Hormons ausgeschüttet und meine Zweifel größtenteils weggespült. Leider gehört nicht selten auch eine gute Portion Glück dazu, den ersten Platz zu belegen, egal wie gut man fährt. Am meisten Spaß macht das Spiel, wenn man sich im Mittelfeld befindet, den Attacken von hinten ausweicht und die vor einem liegenden beharkt. Hier fangen die Hände ruck zuck zu schwitzen an und große Freude macht sich breit. Enttäuscht war ich von dem extrem schwachen Mehrspieler-Modus, in dem es für mich keinerlei Anreize gab, längere Zeit zu spielen. Wahrscheinlich macht es mit genügend Freunden in einer privaten Sitzung erst so richtig Laune (wie jedes Spiel eigentlich).