Aug 232010
 

Screenshots sind oft nur ein Mittel zum Zweck. Wir überfliegen sie zu Informationszwecken. Um ansatzweise einen die Oberfläche abtastenden Einblick in die Ästhetik eines Spiels zu erhaschen. Sie sind des Öfteren nur vernachlässigenswerte Anhängsel von Pressemitteilungen – am Rande eingefügt wie lästiger Müll. Wenn wir die News-Meldung „Neue Screenshots zu Spiel XY“ lesen, dann beschleicht uns wahrscheinlich nicht gerade ein Gefühl der brennenden Neugierde (im Gegenteil: wir verteufeln die betreffende Seite, weil sie aus einer Mücke einen Elefant macht). Doch wir dürfen auch nicht deren Wert unterschätzen. Sie sind ein Gradmesser für die durch das Spiel transportierte Stimmung. Eine Fixierung eines spieleigenen Momentes. Sie können die Seele eines Videospiels ablichten. Ganz wie damals, als man glaubte, Photographien würden den Fotografierten von ihrem Innersten etwas entnehmen.

Screenshots entblößen das Art Design, die ästhetische Quintessenz. Das visuelle ABC. Doch auf großspurigen Spiele-Messen, dann wenn ein neuer Titel enthüllt wird, obsiegen meistens die pompösen bewegten Trailer auf noch pompöseren, abgeschmackten Pressekonferenzen. Vielleicht ist das starre Bild zu stabil und ungelenkig für den Transport eines schwer zu fassenden Spielgefühls. Oft hören wir das Statement „In Bewegung sieht das gleich viel besser aus“. Früher trugen Screenshots noch eine größere Bedeutung. Jetzt da wir mit zahlreichen Videos und bewegten Bildern überflutet werden, sind solche festgefrorenen Bilder nur Nebensache, nur eine Randnotiz, die das Informationsmaterial nur pflichtbewusst komplettieren sollen. Manchmal sind sie wie überzuckerte Bonbons, die mit Photoshop und Konsorten regelrecht aufgeplustert wurden und daher wie ein künstlicher Pfau mit ihrem kandierten Federschmuck einherstolzieren.

Der Screenshot – oder: der visuelle Nebenschauplatz

Offenbar trauen wir Screenshots also nicht mehr zu, uns authentisch mit einem in der Entwicklung sich befindlichen Spiel bekannt zu machen. Wenn wir uns für ein Spiel interessieren, betrachten wir uns ein Video auf YouTube, einfach weil wir uns davon einen informativen Mehrwert versprechen. Screenshots sind zu subjektiv und objektiv zugleich. Wir denken uns zu viel hinein. Vielleicht wollen das die Publisher auch überhaupt nicht. Ein Beispiel mag The Legend of Zelda: Wind Waker sein. Viele von uns mögen sich an diesen unstillbaren Aufruhr seitens des empörten, auf die Barrikaden gehenden Publikums erinnern, der von der erstmaligen Präsentation des cel-shading geprägten Spieles ausging. Es wäre sicherlich noch fataler gewesen, die Flut an visuellen Informationen erst mit Screenshots einzuläuten. Das Spiel hätte sich entwaffnend vor uns gestellt. Ohne jegliche Selbstschutzmaßnahmen. Es wäre uns ausgeliefert gewesen. Ein Trailer dagegen lenkt unsere Wahrnehmung, kann von eventuellen Kritikpunkten ablenken und uns eine Authentizität suggerieren, die sich aus der Bewegung der Bilder speist.

Allerdings, und hier kommt die unverfälschte Objektivität ins Spiel, wischt der Screenshot die mehrdimensionale, auf multiplen Kanälen arbeitende Mechanik des Mediums hinweg. Videospiele sind ein audiovisuelles, interaktives Medium. Sie vermischen mehrere Medienformen und injizieren die faszinierende Möglichkeit der Partizipation. Doch Screenshots akzentuieren die Sparte der Visualität. Sie geben keinen Ton von sich. Zeigen keine Bewegung. Die Ästhetik des jeweiligen Spieles steht für sich selbst. Je weniger Sinne beteiligt sind, desto eher schärfen sich die noch übrig gebliebenen. Wie ein Blinder, dessen Hörorgan auf einmal die feinsten Nuancen im Reich der Töne wahrnimmt.

Der Tod der Screenshots – zum Lakaien degradiert

Viele Screenshots wirken heutzutage leblos. Einfach weil sie ohne Hintergrundgedanken geschossen werden. Ein Bild in einem Videospiel ist begleitet von Ton, Bewegung und anderen Aufmerksamkeit erregenden Effekten. Werden die „Bilder“ ihres Flusses, ihrer Metamorphose und akustischen Untermalung beraubt, sind sie auf sich alleine angwiesen. Sie erscheinen dann seltsam sprachlos. Nichtssagend. Wie ein staubtummer Mensch, der sich nicht mitteilen kann. Sie sind nur ein fleischloses Skelett. Das kommt daher, weil die Screenshots gedankenlos geschossen werden. Ausdruckslos, wie ein zufällig auf der Straße geschossenes Photo, das nichts anderes zeigt, als die Alltäglichkeit des modernen Lebens. Schaltet den Ton beim Fernseher aus. Besonders dann wenn Werbung kommt. Alles verkommt zur reinsten Farce. Zur größten Komödie. Es ist als ob die Werbung sich ihrer Fassade entblößen würde. Karnevaleske Abendunterhaltung. Lacher zum Spottpreis. Sie wirken einfach lächerlich. Ebenso wie effektvolle Hollywood-Blockbuster. Das Bild wird seiner urtümlichen, visuellen Relevanz beraubt. Sie sind oft nur Stützräder für plumpe Botschaften an unseren Endorphin-Haushalt. Pure Befriedigung sollen sie liefern. Keine visuellen Stütz- und Anhaltspunkte für unser rezeptives Sensorium.

Sprich: Screenshots können wieder wie Stummfilme funktionieren. Stummfilme sind darauf ausgelegt, auch ohne Ton und Akustik Sinn zu transpotieren. Der Schauspieler überbetont seine Mimik. Seine Gestik ist derart fett gedruckt wie die Schrift in Comics. Solche Filme wirken nicht lächerlich. Auf stumm kastrierte moderne Filme dagegen schon. Das ist natürlich kein Wunder. Doch schade ist eben, dass der Faktor der Visualität übersehen wird. Die frappante Beredsamkeit von Bildern. Ihre metonymische Sprachgewalt. Ihre Ausdruckskraft. Deshalb ist die Kunst der Photographie wohl auch derart faszinierend. Kunstvoll komponierte Bilder sind Lebewesen. Sie atmen und fühlen sich wie organische Maschinen an, in deren Innern etwas pulsiert. Sie zeigen nichts Totes. Etwas lebendig Totes.

Screenshots als virtuelle Photographien

Screenshots brauchen daher wieder einen höheren Stellenwert in unserer Wahrnehmung. Jeder kann sie machen. Ein inflationärer Gebrauch entwertet sie zu profanen, banalen Alltagsgegenständen. Doch gut gemachte Screenshots sind dazu in der Lage, weit mehr auszusagen, als jeder bombastisch inzenierte, mit Helium vollgepumpte Trailer, der oft so piepsig und in seiner Schrillheit ohrenbetäubend ist, dass uns die Lust am eigentlichen Spiel vergeht. Screenshots können Studentenfutter für unser Auge sein. Ein visueller Spielplatz. Eine visuelle Baustelle, auf dessen Grundlage wir ein persönlicheres Bild errichten. Das macht vielleicht gute Photographien aus – wobei ich mich in dieser Materie überhaupt nicht auskenne (entschuldigt also diese stümperhaften Verweis auf diese Art von Kunst).

Unsere französischen Kollegen von Dixième-Art haben eine Gallerie eingerichtet, wo so genannte „Art Shoots“ aufgereiht sind (Spiele wie STALKER, The Void oder Mirror’s Edge versprühen eine mit voller Kraft uns berührende Ästhetik). Als Kunstwerke verstandene Screenshots, die, und das steigert deren Relevanz und Charakter, unbefleckt sind von irgendwelchen von PhotoShop herrührenden Manipulationen oder visuellen Stützredern wie HUDs (Head-Up Displays). Keine Conecpt-Art Bilder – was natürlich auch eine andere Art von Kunstfertigkeit darstellt. Einfach die pure Präsenz des Spiels. Ein zum Eisklotz gefrorenes Standbild. Wie unsere Kollegen schreiben, kommt es auf die Komposition an. Auf den spielerischen Einsatz des Schattenwurfes. Auf die Beleuchtung, die verbirgt und enthüllt. Auch sie, und da pflichten wir Dixième-Art bei, können ein Transportmedium für künstlerische Gedanken sein. Sie übermitteln eine bestimmte Stimmung, und wecken Emotionen.

An ArtShot is a screenshot taken from a video game, paying attention to colors, lightening and compostion in order to display artistic and aesthetic qualities.

aus der Dixième-Art Gallerie: Stalker. Dieser Screenshot zeigt den ganzen Unikat-Charakter des charakterstarken Spieles aus der Ukraine. Einsamkeit in einer kontaminierten Welt. Die Ästhetik des Verfallenen einfangend und akzentuierend (angelehnt an asiatische Ästhetiken wie z.B. Wabi-Sabi). Bezaubernd in seiner Stille und Melancholie. Wer die Stimmung des Spiels umreißen möchte, sollte sich des Wortes enthalten und diesen Screenshot zu Worte kommen lassen. Ein Art Screen wie er im Buche steht und die Kraft des Screenshots unter Beweis stellend
aus der Dixième-Art Gallerie: Stalker. Dieser Screenshot zeigt den ganzen Unikat-Charakter des charakterstarken Spieles aus der Ukraine. Einsamkeit in einer kontaminierten Welt. Die Ästhetik des Verfallenen einfangend und akzentuierend (angelehnt an asiatische Ästhetiken wie z.B. Wabi-Sabi). Bezaubernd in seiner Stille und Melancholie. Wer die Stimmung des Spiels umreißen möchte, sollte sich des Wortes enthalten und diesen Screenshot zu Worte kommen lassen. Ein Art Screen wie er im Buche steht und die Kraft des Screenshots unter Beweis stellend

Die Ähnlichkeit zum Standphotografen

Es mutet fast wie ein Standphotograph an, der am Set einer Filmproduktion aussagekräftige Bilder schießt und während des Drehs möglichst repräsentativ für den zu produzierenden Film stillgestandene Aufnahmen macht. Er muss den „Spirit“ des Films mit seiner Kamera im richtigen Moment einfangen. Wenn er das Gefühl hat, dass die in einer Millisekunde sich abspulende Szene den richtigen Geist des Films wiedergibt. Eine Transkription der Film- in die Bildersprache – mit möglichst wenigen Substraktionen und Minimierungen der eigenen Kommunikationsfähigkeit. Das Bild soll wie gesagt nicht seiner Zunge beraubt werden. Sonst gibt es nur gutturale, kehlige Laute, die an einen räudigen Hund erinnern. In einem Artikel zu diesem Berufsstandes notiert das Goethe-Institut folgendes:

Ihr Handwerk besteht darin, den Fokus während des Drehs genau auf die Szenen zu richten, die für den Film entscheidend sind. Die Kunst ist, sie in genau in dem Licht, also der Stimmung einzufangen, die Regie und Kamera vorgesehen haben.

Nicht immer gelingt diese Fixierung des kostbaren Augenblicks. Dann bedarf es Nachbearbeitungen. Natürlich gibt es auch abseits des Sets produzierte „Fim Stills“ – so wie z.B. das hier beispielhaft herausgegriffene Bild von Marlene Dietrich in „The Blue Angel“.

zwar gestellt, aber ein 'Film Still', das in die Geschichte eingegangen ist. Auch während des Drehs aufgenommene Bilder transportieren eine Magie, wie sie von Screenshots ebenso erreicht werden können
zwar gestellt, aber ein 'Film Still', das in die Geschichte eingegangen ist. Auch während des Drehs aufgenommene Bilder transportieren eine Magie, wie sie von Screenshots ebenso erreicht werden können

Screenshots als Kunstform

Wenn wir Screenshots zu Bildern sehen, überfliegen wir sie. Tasten sie mit unserem visuellen Appart flüchtig ab, scannen den Strichcode, hören den Piepser, der das blitzhafte Erkennen signalisiert und streifen mit unseren Augen irrlichternd weiter. Solche kunsthaft geschossenen Screenshots dagegen, lassen den Scanner nicht wie beim Bezahlen an der Kasse des Supermarktes in der Flüchtigkeit einer Sekunde erklingen. Sie lassen etwas erklingen, das uns zum Verweilen anhält. Zum Nachsinnen. Wir sollten Screenshots wertschätzen und deren potentielle Möglichleiten erahnen. Es gibt sie zuhauf. Aber das soll uns nicht vergessen lassen, wie viel Sinne sie bergen können.