Sep 232010
 

Lange mussten Fans des Vorgängers auf die Fortsetzung warten, doch endlich ist er da: Der zweite Teil zum Überraschungshit Mafia des Jahres 2002.

Die Vorzeichen standen von Beginn an gut, denn der Entwickler des Originals (Illusion Softworks, jetzt 2K Czech) durfte sich auch um das Sequel kümmern und sich dabei scheinbar alle Zeit der Welt lassen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich am eigentlichen Gameplay kaum etwas geändert hat. Wer Mafia mochte, wird auch mit dem Nachfolger rundum zufrieden sein.

Die gute alte Zeit.
Die gute alte Zeit.

Unser Fazit: Wenn Mafia II ein Film wäre, würde man es für seine grandiose Ausstattung loben. Lediglich Liberty City kann Empire Bay in Sachen Detailreichtum das Wasser reichen. Andere Vergleiche zu GTA IV, abgesehen von der freien „Autowahl“, können nicht gezogen werden. Die in den vierziger und fünfziger Jahre angesiedelte Gangster-Saga ein sehr geradliniges Action-Spiel geworden. Wie schon beim Vorgänger dient die Stadt größtenteils nur als wunderschöne Kulisse für die Story, bietet darüber hinaus aber kaum Aktionsmöglichkeiten. Wenn ihr den ersten Teil gespielt habt, dann kommt euch die Mischung sicher bekannt vor: Etwa zwei Viertel des Spiels bestehen aus Autofahrten, in denen ein besonders Auge auf die Gesetzeshüter zu richten ist, ein Viertel kommt der Story zuteil und das letzte Viertel wird in grandiosen Action-Sequenzen zugebracht.

Die Spieldauer geht mit etwa sechzehn Stunden noch in Ordnung, allerdings werdet ihr diese Zeit nur in Empire Bay verweilen können, wenn ihr auf dem härtesten Schwierigkeitsgrad spielt, so gut wie alle Erfolge/Trophäen ergattert und ab und zu auch mal die Schönheit der Umgebung genießt. Alle anderen bekommen das Ende erheblich früher zu sehen, was in Anbetracht der langen Wartezeit natürlich mehr als schade ist.

8/10 – Toll (8er sind eindrucksvoll geraten, haben aber ein paar erkennbare Probleme. Werden nicht jeden in erstaunen versetzen, aber sind ihr Geld absolut wert.)

Wir bedanken uns bei 2K Games für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsmusters.

Mafia II (PC, PS3, Xbox 360[getestet])
Entwickler: 2K Czech

Publisher: 2K Games

Die Story des weiten Teils knüpft lediglich in der zeitlichen Epoche direkt nach dem Vorgänger an. Mafia spielte in den Dreißigern zu Zeiten der Prohibition, Mafia II beginnt Anfang der Vierziger und Endet in den Fünfzigern. Die Geschichte des italienischen Immigranten Vito Scaletta ist komplett eigenständig und steht in keinem Zusammenhang mit dem zuvor Erlebten. Wir begleiten Vito kurz im 2. Weltkrieg, sind bei seinen ersten Schritte im illegalen Gewerbe dabei und dürfen an seinen Erfahrungen in der wichtigsten Gemeinschaft des organisierten Verbrechens teilhaben. Auf unserem Weg durch die beiden Jahrzehnte ändert sich die Umgebung u.a. im Bezug auf die Musik die im Radio gespielt wird, die Autos und die Werbeplakate am Straßenrand.

Die hier erzählte Geschichte ist sicher nicht die beste, die jemals geschrieben wurde, aber durchaus interessant genug, um den Spieler bis zum Ende zu fesseln. Der Haken an der Sache ist nur, wenn jemanden die Story nicht interessiert, wird er es schwer haben, Mafia II zu mögen. Denn außer ihr wird eigentlich kaum etwas geboten, es gibt keine Nebenmissionen und jedes Kapitel ist gleich strukturiert. Man folgt dem Navigationssystem zu einem bestimmten Punkt, schaut sich an was die Protagonisten zu sagen haben und fährt weiter zum nächsten Checkpoint. Hier gibt es entweder eine weitere inaktive Sequenz zu sehen oder es darf zu den Waffen gegriffen werden.

Die Bullen gehen einem zu jeder Zeit gehörig auf die Nerven.
Die Bullen gehen einem zu jeder Zeit gehörig auf die Nerven.

Keine Verbrecher ohne Polizei

Was vielen auf den Magen schlagen könnte, sind die wieder relativ spannungsarmen Fahrten durch die Stadt. Die Polizei reagiert allergisch auf zu hohes Tempo, Zusammenstöße oder Gewalttaten in ihrem Beisein. Solange die Gesetzeshüter außer Sichtweite sind, darf freilich etwas schneller gefahren werden. Auch rote Ampeln oder ein kaputtes Rücklicht bedürfen keinem Grund zur Sorge. Dennoch ist es durchaus verständlich, wenn ungeduldige Naturen das Spiel aufgrund dieses Elements verfluchen werden.

In diesem Zusammenhang ist es noch wichtig zu wissen, dass die Polizei separat nach dem Fahrer und dem Fahrzeug Ausschau hält. Je nachdem, was per Funk durchgegeben wird, sollte danach möglichst flott ausgetauscht werden. Die beiden wichtigsten Gebäudearten in diesem Zusammenhang sind die Garage (Nummernschild oder Farbe ändern) und die Boutique (neue Klamotten kaufen/stehlen). Alle anderen auf der Karte vermerkten Häuser spielen nur eine Rolle für Erfolge/Trophäen oder um Geld zu verdienen und müssen äußert selten aufgesucht werden.

Und Action!

Der wichtigste Punkt in einem Mafiaspiel sind für viele natürlich die Schusswechsel. Diese werden auch im zweiten Teil mit wunderschönen Locations zelebriert. Zum Einsatz kommt das bekannte System, per Tastendruck in Deckung zu gehen und aus dieser heraus zu agieren. Es ist nicht möglich, blind aus der Deckung zu feuern, wie bei so vielen anderen Spielen und auch ein Wechsel des Schutzes per Knopfdruck ist nicht möglich. 2K Czech setzt hier ganz auf Realismus. Wir müssen eine strategisch günstige Position einnehmen und auf Nachladepausen der Widersacher warten. Wirklich außergewöhnlich gut gelungen ist das Design der Locations. Im Gegensatz zu Titeln mit einem vergleichbaren System, wirken alle Schauplätze homogen und real, und sehen nicht so aus, als wären sie nur für einen Schusswechsel mit Deckungsmechanismus konzipiert worden.

Playboy-Häschen, Oldtimer und Gemütlichkeit

Neben der Hauptstory werden nur wenige Aktivitäten geboten. Der Autoliebhaber darf sich bis zu zehn verschieden Wagen in die eigene Garage stellen, diese in drei Stufen tunen und farblich dem eigenen Geschmack anpassen. Leider ist die Vielfalt gegenüber dem Vorgänger erheblich reduziert worden, nur etwa dreißig unterschiedliche Modelle tummeln sich auf den Straßen. Zusätzlich noch um die zehn Nutzfahrzeuge wie LKW und Bus, die nicht in die Garage passen.

In Kooperation mit dem Playboy liegen in den fünfzehn Kapiteln verstreut fünfzig Covergirls der damaligen Zeit herum, die es wenigstens aus ästhetischen Gründen zu sammeln lohnt. Die gut verstecken Wanted-Poster hingegen sind lediglich etwas für die Fanatiker, die immer überall alles haben müssen.

Der letzte Punkt ist ganz eng mit einem vorherigen verbunden. Denn wer das Rumgekurve nicht als notwendiges Übel ansieht, sondern dabei die tolle Atmosphäre der Stadt im Einklang mit der Musik genießt, den wird Mafia II voll und ganz zufrieden stellen. Auf neudeutsch nennt sich das „cruisen“ und das ist hier zweifellos hervorragend möglich.

Was wir mochten:

Atmosphärisch wuchtige Reise in die Mitte des letzten Jahrhunderts – Wenn ihr keine Weltkriegsschauplätze oder Action-Parodien mehr sehen könnt, dann sollte dieser Besuch in die Vergangenheit eine wahre Wohltat für euch sein. Mafia II nimmt sich und die Zeit in der es spielt, zu jedem Zeitpunkt sehr ernst, was einen enormen Zugewinn an Glaubwürdigkeit und Charme bedeutet. Jedes Detail, von Werbeplakaten, über Spots im Radio über die Schädlichkeit des Rauchens, bis hin zu der Garderobe der Bevölkerung und der Inneneinrichtung, wirkt wie aus einem Guss und absolut überzeugend.

Auf die inneren Werte kommt es an – Jedes einzelne Gebäude, welches Vito betreten kann, wurde unfassbar liebevoll und detailverliebt ausgearbeitet. Das gilt sogar für Räume, die für die aktuelle Mission absolut keine Bewandtnis haben. Damit wird zumindest die Illusion eines großen Handlungsspielraums vermittelt. Wahrscheinlich ist hierfür die meiste Arbeit der Entwicklungszeit seit 2002 draufgegangen, anders lassen sich weder die Verzögerung, noch der Detailreichtum beim besten Willen nicht erklären.

Knackig inszenierte Action – In Titeln wie Crackdown oder Saints Row mag es möglich sein, die Schusswechsel mit weitaus mehr Freiraum anzugehen, dafür bietet Mafia II die ohne Zweifel packendere Inszenierung. Die Schauplätze und Ereignisse stellen einen ordentlichen Querschnitt aus bekannten filmischen Vorlagen dar und werden angehenden Hobby-Mafiosi eine Menge Spaß bereiten. Das Deckungssystem bietet zwar nichts Neues, geht aber so perfekt von der Hand, dass man den Mangel an Innovationen gar nicht bemerkt.

Glaubwürdigkeit durch authentische Schauplätze.
Glaubwürdigkeit durch authentische Schauplätze.

Nicht gefallen hat uns:

Fürchterliches Speichersystem – Möglicherweise auf dem PC kein Problem, aber auf den Konsolen eine Katastrophe. Wenn man einen seltenen Wagen findet und behalten möchte, muss man diesen während einer Mission zwischen zwei Aufgaben erstens suchen und finden, und dann auch noch zurück in die eigene, abgelegene Garage befördern. Doch damit ist es noch lange nicht genug. Denn manuelles speichern ist nicht möglich, man muss also die Hauptstory weiterspielen, bis irgendwann automatisch gesichert wird. Wieviel in der Zwischenzeit schief gehen kann, sollte jedem klar sein. Denn leider sind diese Checkpunkte meist auch so weit asueinander, dass schon das „normale“ Ableben ohne die Autogeschichte schmerzlich zeitintensiv zu Buche schlägt.

Was ist nur mit der Karte los? – Egal ob wir uns irgendwo auf der Straße oder in einem großen Gebäudekomplex befinden, die Karte bleibt stets die gleiche. In einem Haus sieht man also lediglich einen roten Punkt an der Stelle der Stadt, an der man sich befindet. Auch Höhenunterschiede werden von diesem dämlichen Punkt konsequent ignoriert. Somit ist die Karte für die meisten Missionen völlig sinnfrei, obwohl man sie hin und wieder ganz gut gebrauchen könnte.

So viel Arbeit für (fast) nichts – Ein bisschen tut es einem dann doch in der Seele weh, dass eine bis in den hintersten Ecken so detailliert gestaltete Stadt, kaum Interaktionsmöglichkeiten bietet. Ein Punkt, der schon auf Liberty City zutraf, aber hier noch stärker auffällt. Wann hat diese Ressourcen-Verschwendung endlich ein Ende?

Jörgs Meinung:
Mafia II ist für mich eine ganz klare neun von zehn. Allerdings soll die Wertung ja eher eine möglichst objektive Meinung repräsentieren, als meinen persönlichen Geschmack. Die Fahrerei stört mich eigentlich gar nicht, das war schon im Vorgänger so. Es macht mir sogar richtig Spaß, mich an Verkehrsregeln zu halten und sogar an die Tanke fahren zu können! Da kommt wohl wieder das Kind in mir hoch, welches früher wahnsinnig gerne mit einem Straßenteppich und Matchbox-Autos gespielt hat (inkl. klitzekleiner Waschanlage). Im Vergleich zum Vorgänger gefällt mir die Action im zweiten Teil auch erheblich besser, Dank der Deckungsmechanik. Jeder, der das Gegenteil behauptet, lässt sich womöglich von seinen Erinnerungen täuschen.

DLC: Jimmy's Vendetta

Der erste herunterladbare Inhalt (zumindest für PC und Xbox 360) konzentriert sich ganz auf die Spielmechanik aus dem Hauptspiel. Es wird zwar eine dezente Hintergrundgeschichte geboten, das Gameplay ist jedoch nonlinear und missionsbasiert. Zu Beginn werden drei Punkte auf der Karte markiert und erst wenn diese abgearbeitet wurden, gesellen sich drei weitere hinzu. Jede Mission darf beliebig oft wiederholt werden, verfügt über Highscore-Listen und man erhält eine Bewertung nach Schulnoten und Punkten am Ende. Der große Haken an der Sache ist, dass man mal wieder von einem Ende der Stadt, an das andere gejagt wird. Um die Aufgabe auszulösen, muss man nämlich jedes Mal zu einem festgelegten Punkt in Empire Bay fahren! Eine Schnellauswahl wird nicht angeboten.

Mit Jimmy geht es überaus ''handfest'' zur Sache.
Mit Jimmy geht es überaus ''handfest'' zur Sache.

An der Grundmechanik wurde rein gar nichts geändert, allerdings beherrscht Jimmy bereits alle Tricks im Nahkampf von Anfang an. Wirklich neu ist nur die Möglichkeit, dass nun jedes Auto mit dem in die Garage gefahren werden kann, das Tuning der Stufe drei käuflich zu erwerben ist (inklusive dem fettem Lüfte, der aus der Motorhaube herausragt). Zudem werden diverse spezielle Lackierungen je nach Autoklasse angeboten (Rennwagen, Flammen etc.). Nichts Weltbewegendes, aber eine nette Dreingabe. Der größte Mangel des Hauptspiels wurde nun auch behoben, in den drei über die Stadt verteilten Wohnungen, darf man nun endlich manuell speichern.

Insgesamt richtet sich Jimmy’s Vendetta also eher an den actionhungrigen Spieler, der gerne noch mehr Zeit in den Fünfzigern verbringen wollen und nicht genug von der Stadt, der Musik, dem Ambiente und dem Gameplay bekommen können. Wirklich Außergewöhnliches wird für die knapp zehn Euro allerdings nicht geboten. 6/10