
Wenn ich ein Adventure herausheben müsste, das mir in den letzten Jahren am ehesten imponierte, dann fällt bei mir flugs der Name “Hotel Dusk”. Das 2006 für den Nintendo DS erschienene, als linearer Graphic Novel zu verstehende Adventure-Titel begeisterte mit seiner film-noir reifen, Mysterie-Elemente einsprengselnden Geschichte, seinen nicht in Oberflächlichkeiten verharrenden Charakterzeichnungen und seinem unnachahmlichen graphischen Stil, der sich in eklektizistischer Spiellaune aus mehreren künstlerischen Stilen zusammensetzt. Die dreidimensional, frei begehbare Welt vermischt sich mit den Status von unfertigen Skizzen oft nicht überschreitenden Bleischriftzeichnungen, welche das Personenkarussel gekonnt in Szene setzen. Manche Gesichtsausdrücke des Hauptprotagonisten erreichen fast schon einen ikonischen Status. Ein selbstgefälliges Grinsen. Eine leichte, typisch wirkende Neigung des Kopfes. Solche Gesten haben Wiedererkennungs- und Markenwert.
Infolge dieses optischen Dualismus, die realistisch inszenierte Welt einerseits, die mittels der Rotoskopie verlebendigten Charaktere andererseits, wird auch die Fragilität und Zerbrechlichkeit von menschlichen Wesen akzentuiert. Die scheinbar stabile, statische Welt. Und Menschen, die mit ihren Gefühlen ungefähr ähnlich flatterhaft umgehen, wie ein Barkepper mit seinen Cocktailzutaten. Hotel Dusk hat es dadurch geschafft, die zahlreichen Charaktere glaubwürdiger darzustellen, da, Überraschung, Überraschung, Gefühle und Emotionen Menschen schließlich ausmachen. Und zugleich ist ein Kniefall vor der Überzeugungs- und Imaginationskraft von ein paar Strichen. Der Bleistift braucht nur ein oder zwei mal über das Blatt zu huschen, schon spult sich ein ganz anderes Spektrum von Gefühlen ab, die sich auf der Zeichnung präsentieren.
Die Vorgeschichte
Hotel Dusk erzählte die Geschichte von Kyle Hyde. Ein desillusionierter, manchmal gefühlskalt wirkender Salesman, Mitte 30, sich mangels großspuriger Berufsaussichten in einer Sackgasse des Lebens fühlend. Als Ex-Polizist hat er seine sensible Spürnase behalten. Nach 20 Stunden Rätselspaß wollten wir damals mehr. Wir hatten immer noch nicht genug. Umso erfreulicher war die vor Monaten eintrudelnde Meldung, Hotel Dusk würde mit einem Nachfolger namens The Last Window gewürdigt werden. Vorerst natürlich nur für Japan datiert. Ein PAL-Release konnte man dann nur im Sternenhimmel erahnen.
Die Freude über die Entwicklungsarbeit wurde von Hiobsbotschaften bezüglich des finanziellen Handlungsspielraums von Cing getrübt. Und die Gerüchte erwiesen sich als wahrheitskräftig: Das japanische, eng mit Nintendo verwachsene Studio musste zum 1. März 2010 Insolvenz anmelden. Zurück blieb nur ein mit außergewöhnlichen Titeln bestücktes Epitaph: Another Code, Little King’s Story und eben Hotel Dusk. Alle Spiele zeichneten sich durch ein originelles, frisch wirkendes Gameplay aus. Und nicht zuletzt durch einen künstlerisch markanten Stil. The Last Window ist quasi der Schwanengesang. Der letzte Titel von Cing. Und zugleich ein großzügiges Geschenk an alle Freunde von Hotel Dusk. Umso erfreulicher, dass es das Spiel seit September auch nach Europa geschafft hat (der Weg nach Nordamerika blieb dem Titel aber verwehrt) – was in der Spiele-Presse ohne Echos im Keim verstummte.
The Last Window
Man kann es auch kurz machen: Wer Hotel Dusk schon gemocht hat, der wird sich bei The Last Window sofort ohne Umgewöhnungschwierigkeiten heimelig fühlen. Wieder ist es Kyle Hyde. Ein Jahr nach den Ereignissen des Originals spielend. Die Elemente eines Film Noir aufgreifende Geschichte gibt sich ähnlich geheimniskrämerisch, ähnlich mysteriös wie die des exzellenten Vorgängers. Neben dem optisch markanten Stil, der natürlich nicht mehr derart überraschen kann wie seinerzeit, sticht das Personentableau, der Erzählstil und natürlich die linear ablaufende Geschichte hervor. The Last Window richtet sich an die Klientel, welche sich schon am Vorgänger die Hände gewärmt hat. Vieles bleibt beim Alten. Und das wird jeden Kenner freuen. Kyle Hyde wirkt wie ein alter Bekannter und sofort ist man wieder in diesem typischen Flair gefangen, der das Spiel genauso umflattert wie ehedem. Der Hauptprotagonist wirkt über weite Strecken überzeugend, weil er meistens seiner Art treu bleibt: distanziert, unaufgeregt, schwer zu Emotionen zu bewegen, wortkarg, schwermütig.
Natürlich gehen damit die selben Probleme wie beim Vorgänger einher. Dem Spieler wird eine linear gestrickte Geschichte vorgesetzt, an der er sich mehr oder weniger abarbeiten muss. Das hört sich mühsam an. Ist es für manche vielleicht auch. The Last Window ist ziemlich konservativ und altmodisch. Die muss man dem Spiel verzeihen. Diese fehlende Flexibilität, extrem auf Linearität aufbauend, stört den Spielfluss. Wer bestimmte Ereignisse nicht auslöst, wird ahnungslos durch die Gänge des Hotels irrlichtern. Wenn wir nicht mit der und der Person gesprochen haben, wird auch nicht das Telefon klingeln, das den Handlungsfaden weiter spinnt. Zum Glück gelingt es dem Spiel meistens den Spieler mit Hinweisen zu füttern, die ihn instruieren, was als nächstes zu tun ist. Doch nicht immer. Solche Inkonsequenzen und Unbequemlichkeiten verbauen den inhaltlichen Fortschritt oft mehr als die Rätsel, welche ähnlich wie beim Vorgänger alle Fähigkeiten des kleinen Handhelds nutzen. Es wird zugeklappt. Gepustet. Geschrubbt. Manchmal wirkt das etwas aufgesetzt. Aber glücklicherweise nur selten.
Eine spannende Geschichte, die, Geduld vorausgesetzt, fesselt. The Last Window sucht im Vergleich zu Hotel Dusk noch stärker den Schulterschluss mit dem Buch (nicht zufällig hält man den DS wie ein solches). Im Spiel findet sich ein Roman, der die Ereignisse ausführlich erzählt und durch einen stärker literarisch wirkenden Fließtext die Geschichte um einige subtile Finessen erweitert. Dadurch erhält die Story mehr Tiefe, die Figuren mehr Profil. So lohnt es sich auch wirklich, ab und zu die Geschichte in dieser detailreichen Variante zu durchforsten.
Fazit
Ich will nicht abschweifen. The Last Window ist eine den Geist des Originals rezitierende Fortsetzung, die sich dem altvertrauten Schema treu bleibt. Vielleicht mag man einige wirkliche Neuheiten vermissen. Andererseits ist man aber auch froh darüber, dass sich der Nachfolger derart marginal von seinem Vorgänger unterscheidet. Es ist einfach ein Hotel Dusk mit neuer Geschichte und neuen Charakteren. Ich wollte nie mehr. Und bin heilfroh darüber. The Last Window erzählt eine “erwachsen wirkende” Geschichte mit viel Lesearbeit und wenig substanziellem Gameplay. Doch wer Visual Novels viel abgewinnen kann, wird sich hier über die mangelnden Freiheiten nicht aufregen. Eine klare Kaufempfehlung für die, die Hotel Dusk verschlungen haben. Alle anderen sollten sich klarmachen, dass das hier eher zu lesen als zu spielen ist. Und Geduld erfordert. Belohnt wird man allemal. Und wer sich an gutem Art Design erfreuen kann, wird hier hundertfach fündig. Jazz-Freunde kommen durch einen in diese Richtung ausschlagenden Soundtrack ebenfalls auf ihre Kosten. Alles in allem ein rundes Paket. Es ist einfach wunderschön, wieder in dieses von Cing entfachte Universum einzusteigen. Hotel Dusk wird weiterhin stärker im Gedächtnis verhaften als sein Nachfolger. Es überraschte. The Last Window führt “nur” fort. Das ist längst kein Kapitalverbrechen. Nur ein Geschenk an die Fans.
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