Dez 142010
 

Das erste Rock Band revolutionierte ohne Frage den Markt der Musikspiele. Während die Konkurrenz damals entweder nur singen oder nur Gitarre spielen erlaubte, war hier alles gleichzeitig möglich. Zusätzlich feierte das Schlagzeug sein Plastik-Debüt.

Nachdem die Fortsetzung lediglich das Original in allen Belangen verbesserte und einige Ableger die bewährte Formel für spezielle Zielgruppen anpasste, ist im dritten Teil wieder die Zeit bekommen, das große R-Wort in den Mund zu nehmen. Warum kein Weg für musikbegeisterte Kleingruppen an Rock Band 3 vorbeiführt, lest ihr in den folgenden Zeilen.

Unser Fazit: Activision haut ein Guitar Hero nach dem anderen raus, bietet seit der Rock Band-Imitation World Tour aber wenig Neues. Leider geben die Verkaufszahlen dem Konzern recht, denn die Leute kaufen noch immer weit mehr GH als RB. Das wird sich mit dem dritten Teil aus dem Hause Harmonix sicher auch nicht ändern, obwohl die großen Innovationen nur hier zu finden sind. Ob wir schon bald Keyboard, Pro-Modus und Gesangsharmonien bei der Konkurrenz sehen und diese damit wieder erfolgreicher sein wird? Wer schon jetzt eindringlicher mit der Musik interagieren möchte als bisher, für den gibt es keine Alternative zu Rock Band 3. Es bietet weiterhin alles, was man von Bandspielen gewohnt ist und bleibt so auch für Anfänger zugänglich, vermittelt aber zusätzlich eine ganz neue Erfahrung, die mit steigenden Fähigkeiten immer intensiver wird. Auf der einen Seite muss nun deutlich mehr Herzblut in das Lernen der Instrumente und Lieder investiert werden, auf der anderen wird diese Mühe doppelt und dreifach mit Vergnügen zurückgezahlt.

9/10 – Großartig (Eine 9 ist eine hervorragende Errungenschaft. Es gibt kleinere Ungereimtheiten, die aber vernachlässigbar sind und das Gesamtbild nicht erschüttern können.)

Wir bedanken uns bei EA für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsmusters. Die Instrumente für den Pro-Modus wurden aus eigener Tasche bezahlt.

Rock Band 3 (Xbox 360 [getestet], PS3)
Entwickler: Harmonix
Publisher: EA

Das Prinzip von Musikspielen muss wahrscheinlich keinem mehr erklärt werden. Wer schon einmal Singstar oder Lips gespielt hat (und wer hat das nicht?), der weiß wie der Gesangs-Part in Rock Band funktioniert. Alle anderen Instrumente folgen prinzipiell dem Beispiel von Guitar Hero, die bunten Balken auf dem Schirm repräsentieren jeweils einen Druckpunkt am Instrument. Sie rollen auf den Spieler aus der Tiefe des Raumes zu, dieser drückt nun lediglich im Takt die entsprechende(n) Taste(n). Visuelle Effekte und Hilfslinien auf dem Schirm helfen dabei, den Rhythmus und die Motivation nicht zu verlieren. Das soll als kurze Einführung genügen.

Kommen wir nun zum Herzstück von Rock Band 3: dem Karrieremodus, bzw. das, was davon übrig geblieben ist. Anfangs ist man als Rock Band-Veteran etwas verloren, denn hier hat Harmonix wirklich alles komplett auf den Kopf gestellt. Alle Songs stehen bereits von Beginn an zur Verfügung und dürfen sogleich ohne Beschränkung gespielt werden. Praktischerweise wird als Erstes eine Unterteilung nach Herkunft angeboten (Rock Band 2, Rock Band Network, Downloads etc.), dann darf weiter sortiert werden. Wem das ziellose Aussuchen der Songs nicht liegt, der greift auf den Menüpunkt „Meine Ziele“ zurück.

Alles anders, aber man gewöhnt sich dran

Hier stehen um die hundert Gruppierungen zur Verfügung, nach Band oder Einzelinstrument sortiert. Die Ziele reichen von einfach – ein Logo für die Band entwerfen – bis hin zu wahrlich epischen Aufgaben, wie etwa jeden der 83 Songs mit fünf Sternen auf Experte zu schaffen. Jedes erfolgreich absolvierte Ziel bringt Fans, mehr Fans lassen die Band bekannter werden, was zu höheren Rang-Einstufungen führt. Diese haben auf das Gameplay aber keinen Einfluss, lediglich für das Ego. Geld spielt nun überhaupt keine Rolle mehr, denn einzig und alleine die Fans schalten neue Kleidung, Instrumente und Accessoires frei.

Fast ein eigener Modus sind die Road Challenges, welche am ehesten das Gefühl der vorherigen Karriere-Modi aufkommen lassen. Man begibt sich quasi auf eine kleine Tour mit seiner Band. Anfangs noch mit der Straßenbahn, steigt der Radius mit jedem (durch Fans) erworbenen Vehikel. Zur Wahl stehen jeweils drei Setlisten, eine Vorgefertigte und zwei zufällig generierte aus einem per Zufall ausgewählten Genre. Als zusätzlichen Anreiz verdient man sich Pik-Symbole durch erfolgreiche Notenkombinationen (werden am unteren Rand angezeigt). Je nachdem, wie viele pro Tour erspielt werden, wartet eine Auszeichnung in Bronze, Silber oder Gold, welche neue, besondere Gegenstände in der Garderobe freischaltet.

A new contender has entered the ring

Die erste große Änderung ist freilich das fünfte Instrument, ein Keyboard, welches nach den besonders in den Achtzigern beliebten Keytars geformt wurde. Ihr habt die Wahl, ob ihr das Gerät mit einem Gurt um den Hals schnallt oder es in aufrechter Position spielt, ein entsprechender Ständer muss separat erworben werden. Die Verarbeitung ist überraschend hochwertig, auf anschlagsdynamische Tasten muss in diesem Preissegment jedoch verzichtet werden. Dafür ist u.a. ein MIDI-Anschluss vorhanden und natürlich stören keine Kabel den ungetrübten Klimpergenuss.

Eins bis sieben Freunde sollt ihr sein

Bass, Gitarre, Schlagzeug und Gesang, aus diesen Mitgliedern konnte bisher eine Band in den Vorgängern bestehen. Durch die bereits aus Beatles Rock Band bekannten Gesangsharmonien (bis zu drei Sänger) und das komplett neue Keyboard, dürfen sich nun also bis zu sieben Gestalten vor dem Fernseher tummeln und sich wie Geisteskranke aufführen. Glücklicherweise sind mittlerweile alle Instrumente kabellos (auf der Xbox 360 durch die Mikrofone von Lips), so dass es vor der Konsole zu keinen Verwurschtelungen mehr kommen kann. Am wichtigsten ist für den Mehrspieler das weiter verbesserte Profilsystem. Jedes Instrument ist ständig am unteren Bildschirmrand präsent und jeder erstellte Charakter kann jedes Instrument benutzen. Das An- und Abmelden funktioniert nun absolut problemlos und zu jeder Zeit, auch während eines Songs.

„Pro“ kommt von PROfessionell

Von allen Veränderungen und Verbesserungen ist der Pro-Modus ohne Frage der einschneidenste Eingriff. Wer hierauf keinen Bock hat, kann ihn einfach links liegen lassen, Rock Band 3 ist auch mit den alten Instrumenten in vollem Umfang nutzbar. Der neue Modus ist jedoch für diejenigen von besonderem Interesse, die den Realismus bei dieser Art Spiel schon immer vermisst haben. Jedes der fünf Instrumente kann normal oder professionell gespielt werden. Bei Gesang und Keyboard klappt das bereits mit der Standardausführung, beim Schlagzeug wird mindestens die Hardware des zweiten Teils benötigt, die nie in Deutschland offiziell auf den Markt gekommen ist. Erst Beatles Rock Band und Rock Band 3-Bundles wurden mit dem kabellosen Schlagzeug ausgeliefert, welches auch über die drei Anschlüsse der für den Pro-Modus benötigten Becken verfügt.

Nur die Drums sind im Pro-Modus zu jedem älteren Song kompatibel, Harmonien und einen Spur für das Keyboard werden erst seit Release von Rock Band 3 mit Futter versorgt. Richtig kompliziert und sogar teuer wird es aber erst bei den Gitarren. Zunächst gibt es (oder wird es geben) verschiedene Pro-Modelle, die unterschiedlich teuer, aber nie billig sind. Eine Gitarre bietet beispielsweise 17 Bünde (Frets) mit jeweils sechs Knöpfen, also 102 (!) Tasten insgesamt. Angeschlagen werden die Noten mit einer beliebigen von sechs kurzen Saiten im unteren Bereich. Ein anderes Modell verfügt über keinerlei Tasten, sondern ist eine vollwertige (MIDI-)Gitarre mit den üblichen sechs Saiten über die komplette Länge. Sie kann nur mit einem zusätzlichen Adapter an die Konsole angeschlossen werden. Als wären die Anschaffungskosten für die Hardware noch nicht hoch genug, kosten die Gitarrenspuren für den Pro-Modus bei jedem einzelnen Download-Song extra.

Was wir mochten:

Alles besser macht Teil 3 – Rock Band: das Spiel war fast nicht mehr zu verbessern, Rock Band: die Erfahrung dagegen schon. Nahezu jeder Punkt, den man beim großartigen zweiten Teil bemängeln konnte, wurde ausgemerzt. Ihr erstellt einen Charakter, der fortan für jedes Instrument zur Verfügung steht. Eine komplette Band kann mit nur einem Profil spielen, kein umständliches an- und abmelden mehr. Lieder dürfen mit eins bis fünf Sternen bewertet werden und die Optionen bei der Sortierung lassen nun fast keine Wünsche mehr offen (Songlänge, Wertung, Kaufdatum etc.).

Overdrive – Fassen wir nochmal zusammen: bis zu sieben Spieler in einer Band (off- und online), ein neues Instrument (Keyboard) und Gesangsharmonien, der Pro-Modus mit großem Bezug zu realen Instrumenten und die Möglichkeit, Standard-MIDI-Gitarren und -Schlagzeuge zu benutzen und Abwärtskompatibilität zu allen bisher erschienenen, über 2.000 Songs (bis auf Beatles). Mehr und bessere Features hat derzeit kein „Band“-Spiel auf dem Markt zu bieten.

Es kommt von Herzen – Was damals mit Guitar Hero als Kleindkind anfing und über die ganzen Rock Band-Nachahmer durch die wilde und spannende Pupertät geschleust wurde, wird nun so langsam aber sicher erwachsen. Spätestens mit diesem dritten Teil sollte jedem klar werden, das ein neues Zeitalter der Musikspiele begonnen hat. Ob dieses Konzept Anklang finden und am Markt durchsetzen wird, ist leider nicht so sicher. Fest steht aber, dass zuvor kein Spiel eine innigere Verbindung mit der Musik geboten hat, mit allen Vor- und Nachteilen. Die Frage, warum man nicht gleich ein Instrument lernen sollte, ist sicher berechtigt und kann in diesem Rahmen nicht ausführlich besprochen werden.

Echtes Equipment ist immer noch um ein Vielfaches teurer und nicht jeder möchte die Zeit aufwenden, ein Instrument richtig zu lernen. Und genau hier setzt Rock Band 3 an: das Gefühl, als Teil einer Band einen Song zu performen, wird besser vermittelt, als bei irgend einem Spiel sonst. Egal wie gut die individuellen Bandmitglieder auch sind, das Game bietet so wenig oder so viel Herausforderung, wie jeder zu leisten imstande ist. Je mehr Leute sich daran beteiligen, desto größer wird der Spaß. Gleiches gilt für die eigenen Fähigkeiten: je mehr man investiert, desto mehr bekommt man von Spiel und Musik zurück. Durch die große Auswahl sollte jeder „sein“ Instrument finden. Und vielleicht erwacht durch den Spaß ja auch ein zuvor nicht für möglich gehaltener Ergeiz, das Plastik- oder echte Instrument besser kennenzulernen.

Nicht gefallen hat uns:

Geringe Auswahl bei Harmonien und Keyboard – Es ist klar, dass nicht jeder Song über Harmonien oder Synthie-Gedudel verfügt. Wer also speziell hierauf aus ist, muss sich derzeit noch in Geduld üben, da neuer Content nur langsam nachtröpfelt. Es wäre wirklich anständig gewesen, wenn Harmonix zum Start des dritten Teils die bereits erhältlichen Titel entsprechend nachgerüstet hätte oder zumindest eine Kaufoption hierfür bereitstellen würde, um das aktuell doch sehr limitierte Angebot zu erweitern.

Schwieriger Einstieg ins professionelle Geschäft – Der Trainingsmodus ist kein Epic Fail, aber um Keyboard oder Gitarre im Pro-Modus wirklich vernünftig zu lernen, reicht er leider nicht aus. Beim Schlagzeug hat dies noch super funktioniert, aber diese beiden Instrumente sind erheblich komplexer. Es werden einige grundlegende Akkorde und dergleichen mehr beigebracht, aber eine wirkliche Heranführung findet nicht statt und müsste besser aussehen. So bekommt man beim Keyboard bspw. ganz genau erklärt, welche Finger wie zu benutzen sind für die bevorstehende Lektion, bei einem Song der noch nie gespielt wurde ist man dann aber erstmal komplett überfordert. Einfacher haben es vermutlich Musiker, die sich mit der Materie auskennen, aber auch diese müssen sich natürlich in das System des Spiel erst einmal hineinfinden.

Teuer! – Das hier gilt nur für diejenigen, die sich wirklich jedes Instrument in der Pro-Version kaufen wollen. Die Kosten hierfür nehmen fast schon astronomische Ausmaße an. Wer noch warten kann, sollte ein wenig Zeit ins Land ziehen lassen. Das Schlagzeug des ersten Teils fing auch bei 100€ an und wird mittlerweile für 15€ verramscht.

Jörgs Meinung:
Ich war sehr gespannt auf den dritten Teil, speziell den Pro-Modus und das Keyboard. Leider wird mir der Einstieg in das neue Instrument unnötig schwer gemacht. Ich könnte zwar auf die einfache Version zurückgreifen und nur fünf Tasten benutzen, doch das ist mir der Gitarre zu ähnlich. Meine Hoffnung war es insgeheim, dass ich mit Rock Band 3 vielleicht richtig Keyboard spielen lernen könnte. Ähnliches war (und ist) mit den Drums ja durchaus möglich. Natürlich habe ich mir die Sache zu einfach vorgestellt. Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass ich die Songs die mir besonders gut gefallen, für das Keyboard aneignen werden (sprich: lernen muß). Das Schlagzeug im Pro-Modus macht tatsächlich noch mehr Spaß, einfach weil es sich noch realistischer anfühlt. Und wer wollte nicht schon immer mal in einer Band eine tragende Rolle spielen? Sich wie ein echter Künstler zu fühlen, macht einem das Spiel nun leichter als jemals zu vor. Nur ist eben der Einsatz der geleistet werden muss ebenfalls erheblich gestiegen, was sich wohl nicht vermeiden lässt.