Dez 162010
 

Die Medal of Honor-Reihe war lange Zeit zusammen mit Call of Duty der Inbegriff für eine filmreife Inszenierung von Shootern im Setting des zweiten Weltkriegs. So ist die Invasion der Alliierten in der Normandie in Medal of Honor: Allied Assault fast schon eine interaktive Kopie von Steven Spielbergs „Saving Privat Ryan“, die nicht minder opulent in Szene gesetzt wurde. Doch mit der Zeit nutzte sich das Setting des 2. Weltkriegs ab, da immer mehr Titel ins selbe Segment stießen, wie Battlefield 1942 oder Brothers in Arms.

Im Gegensatz zur Call of Duty-Reihe, die bereits mit dem vierten Teil auf ein modernes Setting wechselte, spielten die nachfolgenden Medal of Honor-Titel, wie Pacific Assault oder Airborne, weiterhin im 2. Weltkrieg. Lediglich wurde der Schauplatz kurzfristig in den Pazifikraum verlegt. Erst mit dem aktuellen Medal of Honor, wie der allererste Titel der Reihe übrigens wieder ganz ohne Untertitel im Namen, wird nun ebenfalls der Schritt in eine moderne Rahmenhandlung gewagt. Doch gelingt EA ein ähnlicher Erfolg, wie Infinity Ward mit Call of Duty: Modern Warfare seiner Zeit? Kann der neue Titel an die Stärken eines Medal of Honor: Allied Assault anknüpfen und der Reihe neues Leben einhauchen, so wie es sich EA mit dem „Neubeginn“ der Reihe vorgestellt hat?

Erschienen für PS3, Xbox 360 und PC
Erschienen für PS3, Xbox 360 und PC

Unser Fazit: Da das Testmuster leider etwas länger mit der Post unterwegs war, kann diese Frage bereits jetzt schon beantwortet werden. Nein. Die Verkaufszahlen übertrafen zwar die Erwartungen seitens EA, liegen aber deutlich unter denen des Klassenprimus Call of Duty: Modern Warfare 2. Medal of Honor will aber eigentlich keine bloße Kopie von Modern Warfare sein und macht auch Vieles besser als dieses, jedoch auch vieles schlechter. Dennoch ist Medal of Honor trotzdem kein überteuerter Beta-Key (Käufer der Limited Edition erhalten einen Beta-Zugang zu Battlefield 3). Zum Beispiel ist die Rahmenhandlung realistischer als bei der Konkurrenz und stellt vor allem die Sicht amerikanischer Soldaten auf kriegerische Handlungen in Ansätzen recht vielschichtig dar, wobei auch ein Hauch Kritik zu verspüren ist. Ein Lichtblick bei der doch recht ausgeprägten Handlungsleere in Shootern der letzten Zeit. Leider bleibt es aber bei den Ansätzen, denn für tiefer gehende Einsichten in die Psyche von Soldaten und ausgefeilte Storyelemente bietet der Umfang von knapp 6 Stunden Spielzeit im Singleplayer kaum Platz.

6/10 – In Ordnung (Die 6 ist ein wenig besser als der Durchschnitt, aber auch nichts besonderes. Fans des Genres könnten ihren Spaß haben, aber der Großteil wird unbefriedigt zurück bleiben.)

Wir bedanken uns bei Electronic Arts für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsmusters.

Medal of Honor (PC [getestet], Xbox 360, PS3)
Entwickler: Danger Close/DICE
Publisher: Electronic Arts

Zur Story von Medal of Honor lässt sich eigentlich nicht viel Neues sagen. Im Gegensatz zu den Modern Warfare-Teilen versetzt die Rahmenhandlung uns nun aber in ein reales Kriegsszenario, dem Afghanistan-Konflikt und lässt uns in staubigen Wüsten, verschachtelten Dörfern und luftigen Höhen der Berge kämpfen. Der Spieler nimmt an den Kampfhandlungen gegen Taliban und Al-Qida aus vier verschiedenen Perspektiven teil: Als Ranger, als Teil der Delta Force, als Schütze eines Kampfhubschraubers und als Teil einer Spezialeinheit zur Terrorismusbekämpfung. Dabei überschneiden sich die Handlungsstränge, so dass wir der Einheit, mit der wir gerade noch an einem Berghang kämpften, nun als Scharfschütze von einem gegenüberliegenden Hang Unterstützung geben. Der Zeitraum der Handlung umfasst dabei knapp zwei Tage, was bedeutet, dass sowohl tagsüber als auch nachts gekämpft wird.

Leider fehlt es gerade in der Nacht an richtigen Schleichmissionen. Die wenigen Sequenzen, in denen wir uns um Gegner im Verborgenen herum bewegen, sind nicht wirklich als Schleichmissionen zu bezeichnen. Dafür sind diese zu kurz und zu stupide, da sich die Gegner nur kurz bewegen und dann in ihrer Position verharren. Meistens sieht man den zu gehenden Weg jedoch eh schon lange bevor sich überhaupt etwas tut. Alternative Wege gibt es zudem nicht. Eigentlich verlaufen alle Missionen nach dem gleichen Prinzip: Wir rennen oder schleichen von Punkt A nach B und strecken dabei alles nieder, was uns vor die Flinte läuft (Ausnahme: Schleichmissionen, da müssen wir erst auf dem Rückweg aufräumen). An Punkt B angekommen erwartet uns meisten eine Überzahl an Gegnern, der wir uns erst im letzten Moment durch Unterstützung aus der Luft oder auf dem nächsten Hang entledigen können. Abwechslung kommt eigentlich nur ins Spiel, wenn wir hochtechnisches Kriegsequipment nutzen dürfen, wie lasergelenkte Bomben oder das Scharfschützengewehr, dass wir schon aus der Snipermission von Modern Warfare kennen.

Ob wir es schaffen?
Ob wir es schaffen?

Singleplayer, ja und? Was zählt ist eh die Onlineerfahrung!

Auf der Hülle wird ein „schweißtreibenden“ Multiplayer versprochen. Doch zunächst Pech wer Medal of Honor gebraucht gekauft hat: EA setzt nämlich mit der PC-Version die Kopierschutzpolitik von Battlefield: Bad Company 2 fort. Zwar ist der Titel DRM frei, benötigt aber für den Tier 1 Modus, wie auch für den Multiplayer die Registrierung der Seriennummer auf ein EA-Konto. Ist das Spiel also nicht neu aus der Folie geschält worden, besteht der Zwang für knapp 10 Euro einen neuen Multiplayerpass zu erwerben, um auch online spielen zu können.
Zum Multiplayer brauch ich nicht viel zu sagen. Hier hatte DICE zwar die Finger im Spiel, was aber nicht dazu führte, dass der Multiplayer eine ähnliche Qualität wie die Battlefield-Titel erreichen kann. Vielmehr wirkt dieser lediglich wie ein Abklatsch von Battlefield: Bad Company 2 ohne zerstörbare Umgebung. Ein Rang-System ist zwar vorhanden, bietet aber nicht mehr als andere bekannte Spiele auch. Als Quasi-Hommage an Modern Warfare 2 gibt es für eine bestimmte Anzahl von Punkten durch Abschüsse oder Erfüllen von Aufgaben (Stellung einnehmen, Ziel sprengen etc.) Mörser- oder Luftunterstützung. Positiv hingegen ist das Kartendesign hervorzuheben, da es schöne Stadtkarten gibt, die durch verwinkelte Gassen ein bisschen Spannung in das doch recht unbalancierte, eher teamlose Getümmel bringt.

Ein weiterer Spielmodus ist der sogenannte Tier 1-Modus. Hier habt ihr die Möglichkeit die einzelnen Missionen der Kampagne erneut zu spielen, jedoch mit deutlich höherem Schwierigkeitsgrad. Es gibt zum Beispiel keine Kontrollpunkte, was bedeutet, wer stirbt, fängt das Level von vorne an. Der Clou: Der Tier 1-Modus ist ein Ranglistenspiel. Gezählt wird die Zeit die benötigt wird, um ein Level abzuschließen. Dabei halten sogenannten Fähigkeiten-Kills die Uhr für kurze Zeit an. Ein einfacher Kopfschuss bringt dabei 2 Sekunden Einsparung, drei hintereinander zusätzlich 5 Sekunden. Drei hintereinander erfolgte Nahkampf-Kills hingegen bringen satte 10 Sekunden. Also immer schön das Messer zücken. Wenn die Kampagne nach einmaligem Durchspielen eigentlich keinen Wiederspielwert hat, so kann dieser Modus wenigstens kurzfristig zum nochmaligen Spielen animieren.

Eine staubige Engine hilft für die Darstellung von Wüste

Medal of Honor nutzt im Singleplayer die inzwischen etwas angestaubte Unreal 3-Engine und unterstützt daher kein DX11. Zwar sehen besonders die verschneiten Bergregionen Afghanistans gegen Ende des Spiels sehr schön aus und auch die Animation der Personen kann überzeugen. Doch fallen die eigentlichen Spielszenen gegenüber den vorgerenderten Zwischensequenzen deutlich ab, was in aktuellen Titeln eigentlich nicht mehr da Fall sein sollte. Call of Duty: Modern Warfare 2 zum Beispiel sieht trotz hässlicher Hintergründe bedeutend besser aus. Battlefield: Bad Company 2 kann dank DX11 Unterstützung gerade in den im aktuellen Mappack veröffentlichten Karten, wie Harvest Day, fasst schon als garfische Referenz herhalten und lässt sich auf meinem System (i7 920/6 GB Ram/MSI HAWK GTX 460) zudem deutlich flüssiger als Medal of Honor spielen.

Ein absolutes No-Go ist aber die Darstellungsqualität des Hintergrunds und des Himmels, die scheinbar aus verpixelten Texturen mit JPEG-Artefakten zu bestehen scheinen. Auch die Levelbeleuchtung und der Schattenwurf sind für einen aktuellen Titel schlecht umgesetzt. Es gelingt zwar mit den jeweiligen Tageslichtverhältnissen gerade in den nächtlichen Mission in den Bergen eine bedrückende Stimmung zu erzeugen. Leider kommt es aber genau in diesen stimmungsvollen Szenen immer wieder zu massiv flackernden oder falsch dargestellten Schatten, überbelichteten Texturen und einem pulsierenden Mond. Auch bei der grafischen Darstellung von Feuer und Explosionen ist Medal of Honor nur Durchschnitt, aber ganz solide.
Einen Sprung nach Vorne macht die Optik hingegen im Multiplayer, da hier auf die Frostbite-Engine gesetzt wurde, wodurch Besitzer von DX11-fähigen Grafikkarten auf ihre Kosten kommen. Im Gegensatz zu Battlefield: Bad Company 2 sehen hier die Charaktermodelle sehr schön aus.

Schön und hässlich zugleich.
Schön und hässlich zugleich.

Was wir mochten:

Ansätze in der Handlung: Im Gegensatz zu den deutlich handlungsärmeren Vorgängern bietet Medal of Honor wieder Ansätze einer Handlung, die sich jedoch auf der einen Seite, wie schon erwähnt, durch die Kürze nicht vollends entfalten kann und auf der anderen Seite durch die verschiedenen Charaktere doch recht wirr ist und schnell unübersichtlich wird.

Cut/Uncut: Ein in den letzten Jahren immer wieder kontrovers diskutiertes Thema ist die Schnittpolitik einiger Publisher. Daher werde ich ab jetzt in meinen Rezensionen dieses Thema etwas genauer beleuchten. Medal of Honor wurde in der für den deutschen Markt gedachten Version in der Gewaltdarstellung modifiziert, wie inzwischen die meisten Shooter. Neben der geschnittenen USK 18 gibt es aber noch eine deutschsprachige PEGI-Version für den österreichischen und schweizerischen Markt, die komplett uncut sein sollte. Die US-, wie auch die UK-Version, sind ungeschnitten, enthalten aber wohl bei der PC Version keine deutsche Synchro. Klingt zunächst schlecht und ihr fragt euch bestimmt, was soll daran gut sein. Zurecht. Aber, im Gegensatz zu anderen Titeln fallen die Eingriffe in die Gewaltdarstellung hier jedoch eher gering aus. Zwar gibt es keine expliziten Gore-Effekte, jedoch wurde die Darstellung von Blut bei Treffern nicht herausgenommen. Auch die Umgebung wird bei Treffern rot gefärbt. Die Zwischensequenzen sind komplett unbearbeitet, enthalten aber auch nicht allzu viele brutale Szenen. Für meinen Teil wirkt die geschnittene Version realer als die schon nahe an der Übertreibung grenzenden ungeschnittene Version. Eine genauen Schnittbericht findet ihr übrigens bei den Kollegen von Schnittberichte.com.

Sound: So sollte ein Shooter klingen. In meinem Headset hat es ordentlich gerummst und es kommt auch ein gutes Raumgefühl zu Stande. Entfernte Gefechte klingen besonders in der Bergregion beängstigend. Wenn einem dann die Kugeln um die Ohren fliegen und direkt in der Holzwand neben einem einschlagen, dann entsteht recht schnell das Gefühl mittendrin zu sein. Auch in eher ruhigeren Mission ist die Grundatmosphäre schön und kleinste Geräusche verraten, wo genau der Feind ist, ob nun über einem oder hinter dem nächsten Felsen.

Auch so kann ein geschnittenes Spiel aussehen.
Auch so kann ein geschnittenes Spiel aussehen.

Nicht gefallen hat uns:

Grafik: Wie schon angedeutet, für einen aktuellen Titel zu Zeiten von DX11 und damit von hardwareseitiger Tesselation sieht Medal of Honor einfach zu durchschnittlich aus, um es vorsichtig zu sagen. Zwar gibt es wirklich, wirklich schöne Stellen in den Bergen mit gelungener Weitsicht. Doch nur ein kleiner Schwenk gen Himmel offenbart gnadenlos JPEG-Artefakte und die Stimmung ist dahin. Hinzukommen teilweise matschige Texturen. Ich habe ehrlich gesagt schon schönere Titel mit Unreal 3-Engine gesehen.

Spielzeit: Meine acht Stunden Spielzeit kamen unter anderem dadurch zu Stande, dass ich viel nebenher ausprobiert habe, wie zum Beispiel ob ich in der Mission, in der wir uns mit Quads fortbewegen, der Teamkamerad vom Weg in den Abhang gedrängt werden kann (ja, es geht!), ob die „Schleichmission“ auch ohne Schleichen klappen (mit etwas Geschick ebenfalls möglich; Rambo lässt grüßen) oder ob ich ohne eine Kugel zu verschwenden durch das erste Level komme (klappt nur bei Black Ops). Ohne viel Ablenkung ist die Solo-Kampagne bereits in sechs Stunden zu bewältigen und bietet bis auf den Tier 1 Modus eigentlich keinen Anreiz eines erneuten Spielens.

KI: Tja, auch hier eine Hommage an Modern Warfare 2. Da haben Moorhühner scheinbar mehr künstliche Intelligenz, denn diese schaffen es schadenfrei von links nach rechts über den Bildschirm (wenn man sie lässt). Lediglich die Masse der Gegner wird zu einem Problem, wenn das blöde Magazin gewechselt werden will. Noch dümmer als der Gegner, die immer brav, Welle auf Welle, den gleichen Pfaden folgen, sind nur die Teamkameraden. Irgendwie rennt immer wer voll ins Schussfeld. Besonders ärgerlich, wenn gerade die Granate entsichert wurde und nun, weil ein Wasserkopf im Weg war, in der eigenen Stellung liegt.

Levelschlauch in extremo: Die Levelverläufe in der Kampagne sind, wie bei fast allen aktuellen Shootern viel zu linear. Es gibt nahezu keine Alternativwege. Besonders schlimm ist dabei, dass bestimmte Levelabschnitte erst mithilfe der Teamkameraden erreicht werden können. Kleine Büsche oder morsche Türen sind so lange unüberwindbare Hindernisse, bis sich die Teamkameraden in die richtige Position begeben, um einen die Räuberleiter zu machen oder dabei zuzuschauen, wie man dann doch urplötzlich eine Tür eintreten kann,die vorher unzerstörbar zu sein schien. Dadurch, dass die KI-Kollegen recht langsam sind, verliert das Spiel hier deutlich an Dynamik. Aber auf der anderen Seite, wären die KI-Pappnasen schneller, hätte Medal of Honorwohl nur 5 Stunden Spielzeit.

Davids Meinung:
Medal of Honor: Allied Assault war einer meiner ersten Shooter, die ich komplett durchgespielt hatte. Seither hat mich in einem Kriegs-Shooter nur der Singleplayer des ersten Call of Duty- in ähnlicher Weise gefesselt. Aber mit der Zeit ist der Lack ab. Mich hatte auch schon Modern Warfare nicht wirklich überzeugen können und so ist es für mich auch nicht verwunderlich, dass auch der Schritt bei Medal of Honor in eine aktuelle Thematik mich nicht vom Hocker reißt. Denn, alleine der Wechsel des Settings macht noch keinen guten Shooter. Das Problem ist, dass meiner Meinung nach die meisten aktuellen Shooter gerade im Einzelspieler an Einfallslosigkeit kränkeln. Die Storys sind in den meisten Fällen an den Haaren herbei gezogen und besonders die Aufteilung der Handlung auf diverse Plotts und vor allem Charaktere führt eher zu einer Verarmung an guten Geschichten, da nur Fragmente die Geschichte vorantreiben und nie das große Ganze in den Mittelpunkt rückt. Medal of Honor hat hier im Gegensatz zu den zusammenhanglosen Story-Schnipseln wie bei Modern Warfare 2 einen guten Weg aufgezeigt, wie eine gute Handlung in einem Kriegsshooter aussehen könnte. Leider sind aber viele der Spielelemente inzwischen soweit abgenutzt, dass dieser positive Ansatz untergeht. Irgendwie wirkt es fasst so, als hätte der Minispielwahn ins Shooter-Segment Einzug gehalten. Um über die üblichen einfallslosen Levelschläuche hinweg zu täuschen dürfen wir Platz auf den Sitz des Schützen in einem Kampfhubschrauber nehmen oder als Sniper den gegenüberliegenden Bergkamm nach anderen Snipern absuchen. Ob nun Levelschlauch oder Helikoptermission (den Heli darf man gar nicht erst steuern): Wie schon bei Modern Warfare ist Medal of Honor eine Moorhuhnjagd mit durchschnittlicher Grafik und ausbaufähiger Handlung; und damit pures Popcorn-Gaming.