Dez 192010
 

Mit der Wahl des richtungsweisenden Titels Donkey Kong Country Returns bürdete man sich eine nicht zu unterschätzende Last auf. Das implizite Versprechen eine ganze ehrwürdig-ergraute Klassiker-Reihe auf demselben Niveau wieder aufzulegen und der offen zum Bekenntnis gewordene Schulterschluss mit der ruhmreichen Vergangenheit. Zugleich rechtfertigten die Entwickler das eigene Vorgehen: Wir wollen das Rad nicht neu erfinden, sondern es vorsichtig mit einigen neuen Speichen und einem geländetüchtigeren Profil ausstatten.

Donkey Kong war oft das Versuchskaninchen unter den Nintendo-Maskottchen. Mit Donkey Konga und den dazugehörigen Bongos kreierten die Japaner einen originellen, kultigen Paradiesvogel im Rhythmus-Genre, bis dieses Steuerungsprinzip dann schließlich in Jungle Beat mit dem klassischen Erscheinungsbild eines Jump ’n‘ Runs erfolgreich verschmolzen wurde. Doch diese experimentellen Versuche münden schließlich in das alte, angestammte Betätigungsfeld des dichtbepelzten Affen. Klassische Jump ’n‘ Run Kost im „alten“ Stil? Das war schon mit New Super Mario Bros. Wii ein Volltreffer. Auch hier?

Unser Fazit: Das Outsourcing der Entwicklung nach Texas erwies sich von Nintendo als kluger Schachzug. Wir haben in der jüngeren Vergangenheit schon über das Siegergen der Retro Studios gesprochen. Auch hier konnte es sich in formvollendeter Ausprägung entfalten. Donkey Kong Country Returns sollte eigentlich treffender in Donkey Kong Country Returns Better As Ever umgetauft werden. Mit schlafwandlerischer Souveränität und einem phantasieüberladenen Gestaltungswillen wurde eine Klassiker-Status genießende Spiele-Reihe aus den SNES-Tagen hervorgekramt, perfektioniert und tüchtig modernisiert. Selbst Rare hätte das wohl nicht besser hinbekommen können – (Achtung Seitenhieb!) vor allem nicht in der aktuellen Verfassung. Es ist ein Gourmet-Genuss durch diese herrlich lebendig animierten, liebevoll inszenierten und perfekt designten Levels zu springen und sich am Abwechslungsreichtum zu erquicken. Eigentlich fällt mir kein einziger ernsthafter Kritikpunkt ein, der das Spielerlebnis merklich eintrüben könnte. Deshalb auch die meiner Meinung nach verdiente Höchstpunktzahl. Kurz und knackig: 2D-Plattform-Spaß in Vollendung.

10/10 – Sensationell (10er sind so nah an der Perfektion, wie es auf einem System oder in einem Genre überhaupt möglich ist. Pure, ungetrübte Videospiel-Ekstase.)

Donkey Kong Country Returns (Wii)
Entwickler: Retro Studios
Publisher: Nintendo

>> Der Anfang von Review-Texten ist immer am langweiligsten…dieser ist keine Ausnahme.

Donkey Kong Country Returns erfindet erwartungsgemäß nichts neu. Das war auch nicht das gesteckte Ziel. Im Gegenteil: der grobe Fahrplan war die Reaktivierung eines klassischen Spielgefühls mit der Unterfütterung zeitaktueller Modernismen. Doch fangen wir von vorne an: Interessant ist immer, wie die Hatz durch die dschungelbewachsene Oberwelt legitimiert wird. Der auslösende Faktor ist mal wieder der Raub des wohl eher notorisch nachlässig verwalteten Bananenschatzes der beiden Affen Donkey und Diddy Kong. Die mysteriösen Schurken unbekannter Herkunft bemeistern sich hypnotischer Kräfte und unterziehen die im Dschungel lebenden Tieren einer Gehirnwäsche, um sie geschickt und hinterhältig gegen das eingespielte Primaten-Duo auszuspielen. Gutmütig dreinblickende Dickhäuter und halsstarre Giraffen werden zu bananenklauenden Kleinkriminellen. Zum Glück erweist sich Donkey Kong als gedankenstark und hypnoseresistent. So kann der Akt der Wiederbeschaffung schließlich in Angriff genommen und der akuten Bedrohungslage in alter Manier angegangen werden.

Herrliches Dschungel-Fieber: Schaut euch nur diesen flügellahmen Möchtegern-Papageien an. Eine einzige Freude.
Herrliches Dschungel-Fieber: Schaut euch nur diesen flügellahmen Möchtegern-Papageien an. Eine einzige Freude.

Acht thematisch verschiedene Welten gilt es zu durchstöbern: Nach dem schlingenbewachsenen, floral übersättigten Dschungelgestrüpp geht es in dichten Wäldern, kristallüppigen Bergbauschächten, idyllischen Stränden, halsbrecherischen Klippen und beispielsweise heiß-fauchenden Vulkanlandschaften zur Sache – die typischen Themenparks eben. Die Heimatinsel von Donkey Kong wird mit einer klassischen Level-Übersichtskarte zugänglich gemacht. Alles so wie wir es kennen und schätzen gelernt haben. Jede Welt wird klassischerweise mit einem Boss abgeschlossen. Zurück sind die im Level verteilten KONG-Buchstaben, die mal leichter, mal schwerer zu erreichen sind. Auch gibt es besonders scharfsinnig verborgene Puzzle-Teile, bei denen es manchmal detektivischen Spürsinns bedarf, um sie in kompletter Garnitur einzuheimsen. Die verstreuten Bananen fliegen beim Einsammeln immer noch genauso befriedigend auf das Konto. Sagen wir es einfach so: Es ist alles beim Alten. Nur das Alte fühlt sich einfach frisch wie ein Baby-Popo an.

Die Retro Studios haben ebenfalls einen kooperativen Spiel-Modus integriert, der es einem zweiten hinzukommenden Spieler gestattet, die Kontrolle über den süßen Diddy Dong zu übernehmen. Wenn man allein unterwegs ist springt dieser dann auf das Rückgrat von Donkey Kong und kann zur Verlängerung des Sprunges seinen Jetpack einsetzen – was extrem hilfreich ist. Wir springen auf des Gegners Köpfe, dürfen uns der Begleitung des altbekannten Nashornes Rambi erfreuen, Endgegner plätten, lianenschwingend Klüfte übertölpeln und uns serientypisch mit Fässern über Abgründe katapultieren. Neu ist beispielsweise der furiose Raketenritt. Die Lorenfahrten feiern eine Rückkehr und sind rasanter, atemnehmender und aufregender denn je! Also sinnvolle Ergänzungen der in der Vergangenheit erprobten Formel, gekleidet in ein hübsches, ausstaffiertes, mit Spitzen garniertes Hochzeitskleid.

Ein optischer Leckerbissen: Malerischer Sonnenuntergang treibt die Kulisse zur visuellen Höchstform
Ein optischer Leckerbissen: Malerischer Sonnenuntergang treibt die Kulisse zur visuellen Höchstform

Was wir mochten:

So vielfältig und abwechslungsreich wie ein tropischer Regenwald Donkey Kong Country Returns brennt ein wahres Ideenfeuerwerk stellenweise im Sekundentakt ab. Wenn wir vorschnell denken, schon alles in irgend einer Abwandlung gesehen zu haben, folgt die nächste faustdicke Überraschung, der nächste Knüller, das nächste Staunen, der nächste von Begeisterung getragene Ausruf. Und seien es nur kleine, wie Nebensächlichkeiten sich ausnehmende Details. Halsbrecherische Momente wechseln sich mit seelenruhigeren Atemholphasen ab. Und wenn es wumst und kracht, dann richtig. Der Bildschirm platzt des Öfteren vor Bewegung und Dynamik und man fragt sich, was die kunterbunte Zaubertüte noch so alles bereit hält. Auch das Spielprinzip wird mit hochkonzentrierten Aufputschmitteln aufgelockert: Mal müssen wir schweißtreibend einer überschwappenden Welle von Spinnen entkommen, auf einer Rakete einer monströsen Fledermaus entfliehen, uns vor einem stürmischen Wellengang in Schutz bringen oder heiße, rasante Lorenfahrten überstehen, die sowieso ein echtes Highlight darstellen und unser Reaktionsvermögen gnadenlos auf die Probe stellen. Donkey Kong Country Returns wird euch überraschen, entzücken und in Staunen versetzen. Ich habe selten einen ideenreicheren, phantasievolleren 2D-Hüpfer gespielt.

Level-Design vom Feinsten Die Levels sehen nicht nur ausnahmeverdächtig phantastisch aus, sie spielen sich auch entsprechend famos. Das wird besonders dann deutlich wenn wir den „Time Attack“-Modus angehen, der nach erfolgreichem Abschluss eines jeden Levels zugänglich wird. Gerade dann wird überdeutlich, mit welcher Finesse und architektonischer Handwerkskunst die Level-Designer ihre Arbeit abgelegt haben. Bei meinem bisherigen Lieblingslevel „Tempel-Panik“ in der ersten Welt kommt diese herausragende Eigenschaft besonders zur Geltung. Manchmal springt man sich in einen schwindelerregenden Rausch: Wir springen von Gegner zu Gegner, erhalten dafür Combo-Boni und rauschen von einer haargenau richtig stehenden Plattform zur nächsten – ohne einmal irgendwie angehalten zu haben. Spätestens dann schließt man dieses Spiel ins Herz. Wer es richtig meistern will, muss es dressieren und züchtigen. Wer Levels kennen will, muss sie bis ins Detail auswendig lernen. Wer das gemacht hat, wird auch belohnt. Einfach befriedigend.

Musikalische Renovierungsarbeiten Das Spiel setzt viele Karten auf den Nostalgie-Faktor. Auch musikalisch verwöhnt uns das Spiel auf einem hohen Niveau. Die aus den Vorgänger-Teilen bekannten und berüchtigten Stücke wurden mit Feingefühl und Sensibilität aufgelegt und in das Spiel integriert. Kenner der früheren Donkey Kong Country-Spiele werden auf ihre Kosten kommen und diesen musikalischen Retro-Trip zu schätzen wissen. Auch die neuen Lieder fügen sich gut in das musikalische Gesamtbild ein.

Konzentrationsvermögen ist gefragt: Im Hintergrund spielt sich manchmal so viel ab, dass man gar nicht weiß, wo man hinschauen soll
Konzentrationsvermögen ist gefragt: Im Hintergrund spielt sich manchmal so viel ab, dass man gar nicht weiß, wo man hinschauen soll

Neugierge Affen werden belohnt Ein Umstand, der mir an dem Spiel besonders gut gefällt: Wer nur oberflächlich die Levels von A nach B durchhetzt, verpasst mitunter das Beste am Spiel. Sie sind nämlich vollgestopft mit geheimen Zugängen und Bonus-Stages, die stellenweise richtig schwer versteckt sind. Das treibt die Entdeckerlust enorm in die Höhe und auch die Motivation, weil besonders die mit dem Sammlergen gesegneten Zeitgenossen erst ruhen, wenn sie alle verstreuten Puzzle-Teile und KONG-Buchstaben eingesammelt haben – und das ist nicht nur eine hochgradig knifflige, sondern auch langwierige Herausforderung. Eine praktische Hilfestellung gibt es jedoch: Bei Cranky Kong dürft ihr einen Papageien kaufen, der euch Hinweise gibt, wo sich diese begehrten Geheimnisse verbergen. Der Wiederspielwert ist enorm. Ich kann es immer noch kaum erwarten, die letzten Schätze und Kostbarkeiten zu bergen. Bei Donkey Kong Country Returns versteckt sich enorm viel unter der Haube. Wir können nicht nur Musikstücke freispielen oder Konzeptzeichnungen, natürlich stehen auch geheime Levels auf dem Programm. Und das treibt die Motivation der lückenlosen Erforschung am meisten an. Es macht einfach unheimlich viel Laune die Abschnitte bis zum letzten Winkel zu erforschen, um auch ja nichts übersehen zu haben. Ein ganz ganz großer Pluspunkt!

Kein Bananenschlecken Das hätten wir nicht unbedingt erwartet. Denn Donkey Kong Country Returns lehnt sich auch hinsichtlich des Schwierigkeitsgrades an die legendären Vorbilder aus alten Super Nintendo Zeiten an. Selten macht Fluchen und Ausrasten so viel Spaß. Endlich stellen sich wieder diese feuchtnassen Hände ein, die angespannt den Controller wie einen letzten Strohhalm umklammern. Endlich wieder diese zappelige Nervosität beim Schlussakkord. Diese Angst vor dem Fall kurz vor dem Ende. Und dieses erlösende, befreiende Gefühl im Falle des Erfolges. Ihr werdet das Spiel beschimpfen und im selben Atemzug über den grünen Klee loben. Donkey Kong Country Returns erfordert punktgenaues Timing, reaktionsschnelle Aktionen und die genaue Kenntnis der Levels. Es fordert, wirkt aber keineswegs unfair. Die Fehler sucht man immer erst bei sich selber. Nicht beim Spiel. Ein Nintendo-Spiel das fordert! Danke!

Graphische Delikatessen Die Wii macht aus der Not eine Tugend. Auf dieser Plattform finden sich oft künstlerisch ausdrucksstarke Spiele. Eine opulente Grafik-Wucht ist aufgrund der technischen Limitationen nicht möglich, deshalb versteifen sich viele Entwickler auf ein anspruchsvolles Art Design. Am Ende ergibt sich oft ein Gesamtprodukt, das visuell mit Großproduktionen auf den anderen Konsolen stilistisch mithalten bzw. sie gar übertrumpfen kann. Donkey Kong Country Returns sieht in Bewegung umwerfend aus. Es vermischt das traditionell sich verstehende 2D-Gehüpfe intelligent und ohne zu überfordern mit der dritten Dimension. Heraus springt ein raffiniertes 2.5D cocktailartiges Gemisch. Die aus SNES-Tagen bekannten statischen, unbeweglichen Hintergründe verfallen auf der Wii in positiver Weise einem Aktionismus. Alles bewegt sich und die putzig animierten Gegner sehen aus wie in einem guten Animationsfilm. Das Gegner-Design sucht seinesgleichen. Skurrile Witzfiguren versuchen sich euch in den Weg zu stellen. Auf Stelzen laufende Vögel. Sich aufblasende Frösche. Scheren schnappende Krabben. Alles Pixar-Qualitätsstandards genügend. Manchmal verändert sich mit großen Krach und viel Rauch der gesamte Hintergrund. Mal überbieten sich die Bilder mit Detailfülle und das Spiel serviert euch einen optischen Gaumenschmauß. Und das Dschungel-Feeling wurde atmosphärisch brillant eingefangen. Das grüne Dickicht, verlassene, geheimnisvolle Ruinen. Die Szenarien sind einfach wunderschön umgesetzt.

Freut euch auf nervenzerreißende Loren-Fahrten. Hier zerplatzt man schon mal vor Anspannung angesichts des Tempos. Ein absolutes Highlight!
Freut euch auf nervenzerreißende Loren-Fahrten. Hier zerplatzt man schon mal vor Anspannung angesichts des Tempos. Ein absolutes Highlight!

Nicht gefallen hat uns:

Klassisches Spielgefühl ohne Classic-Controller Ich führe diesen Kritikpunkt eigentlich nur deswegen an, um hier auch etwas stehen zu haben. Denn eine durchweg hymnische Laudatio hat immer den Anschein einer amateurhaften Unprofessionalität. Natürlich wäre es eine nette Dreingabe gewesen, den Classic- oder GameCube-Controller als optionale Steuerungswahl auswählen zu können. Entweder ihr benutzt Nunchuk plus Wiimote oder Letzteren allein. Ich präferiere die zweite Variante. Da kommt am meisten Nostalgie-Flair auf. Und entgegen anderslautender Einschätzungen halte ich die Kritik an der angeblich oft schwammigen und nicht immer 100%-präzisen Steuerung für nicht ganz berechtigt. Aber jetzt verteidige ich das Spiel wieder und was als Kritikpunkt sich hätte ausmalen sollen, verkommt zur Verteidungs- und Rechtfertigungsrede.

Klaus' Meinung:
Für mich stellt Donkey Kong Country Returns derzeit die unangefochtene Referenz in diesem gerade von Nintendo stark dominierten Genre dar. Auf der Wii geben sich in diesem Segment die Meilensteine die Klinke in die Hand. Die Retro Studios haben nach Metroid Prime wieder eine superbe Leistung vollbracht und nicht nur einem Klassiker ein Denkmal gesetzt, sondern auch sich selbst. Ich glaube ich kann mit gutem Grund behaupten, dass wir es hier mit der besten Inkarnation dieser edelgoldgeprägten Reihe zu tun haben. Die gebotene Vielfalt an Levels ist enorm. Das Spiel ist vollgepackt mit wunderbar phantasievollen Ideen. Besonders gut gefällt mir das perfekt anmutende Level-Design, das die vielen zu findenden Geheimnisse geschickt kaschiert. Der Umfang ist beträchtlich wenn man bedenkt, wie viel Dinge man beim ersten Durchspielen sträflicherweise übersieht. Das klassische Spielgefühl wurde perfekt der heutigen Zeit angepasst und statt sich in dem Hang zur Einfachheit zu ergehen, geht man diesen Weg auch konsequent bis zu Ende fort: Das schlägt sich auch in einem enorm knackigen Anspruch nieder. Wunderschöne Graphiken. Nahezu perfekte Spielbarkeit. Umwerfende Levels mit überschäumender Kreativität. Überall verstecken sich Geheimnisse. Tolle Boss-Gegner. Kurz gesagt: Für mich gibt es derzeit kein besseres Jump ’n‘ Run. Plattformübergreifend. 10/10