Jan 062011
 
One Chance: Bewegende Szenen
One Chance: Bewegende Szenen

Keine Angst. Wir machen keine Epochen umfassende Zeitreise ins Unbekannte. Wir blicken nur kurz auf das letzte Jahr zurück, in dem sich für die Indie-Branche wieder einmal viel getan hat. Neben bekannten Größen wie Minecraft oder Amnesia: The Dark Descent gab es auch „kleinere“ Produktionen von experimentelleren Ausmaßen, die durch ihre Ideen brillieren und ordentlich mit Überraschungseffekten gespickt sind. Gamasutra/Indiegames.com veröffentlichte in den vergangenen Tagen eine Liste der besten „Experimental Games of 2010“. Diese oft wegen ihrer inhaltlichen Kürze schnell verdaulichen Happen hinterlassen einen tollen Eindruck, weswegen ich drei davon kurz und knapp näher vorstellen möchte.

Play Pen: Bekannte Idee, toll umgesetzt
Play Pen: Bekannte Idee, toll umgesetzt

PlayPen

PlayPen verfolgt eine bekannte Idee und setzt sie in pixelübersäter Visualisierung um. Ihr seht ein Bild, in dem sich durch Klicks Aktionen hervorrufen lassen. Das Interessante daran ist, dass es die Spieler sind welche die nächsten Bilder und die damit zusammenhängenden Handlungsstränge eigenhändig in Eigenkreation kreieren. Irgend wann kommt ihr an einen Punkt, wo das nächste Bild fehlt und ihr es selber einfügen und damit die Handlung in andere inhaltliche Bahnen lenken könnt. Probiert es aus. Manche Spieler haben sich mehr Mühe bei ihrer Kreation gegeben, manche weniger. Trotzdem ergibt sich die Illusion einer kohärenten, zusammengehörigen Geschichte – mal ernster, mal weniger ernst. Noch ist nicht auf jedem dritten Bild ein aufrecht stehender Penis zu sehen, das liegt hoffentlich wohl nicht nur daran, dass der Autor dieser toll umgesetzten Idee vielleicht eine überwachende Kontrollfunktion ausübt. Jedenfalls funktioniert es besser als damals im Kindergarten oder in der Schule, als wir dieses Spiel auf Blättern mit Mitschülern gespielt haben. Es braucht eben keine ausgedachte, im Voraus strukturierte Geschichte, um diese als funktionierend einzuschätzen. Meistens zumindest.

pOnd: Nichts ist so wie es scheint
pOnd: Nichts ist so wie es scheint

pOnd

pOnd ist nicht das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. Unter dem geschickten Deckmantel eines meditativen Zen-Erlebnisses versteckt sich eine unerwartete, abrupte Überraschung in Form eines unterhaltsamen Bruches. Mehr will ich diesbezüglich wirklich nicht verraten, um euch den Spaß nicht zu nehmen. Jedenfalls lauft ihr durch herrlich kunstvoll designte Naturlandschaften und das Einzige was ihr machen müsst, ist die Natur in all ihrer Schönheit einzuatmen. Dazu bedarf es lediglich eines Drückens und Loslassens der Leertaste, um mit Erholung spendenden Atemübungen die in ihrer natürlichen Romantik begeisternde Natur zu inhalieren. Doch das ist nicht alles…



One Chance

Bei One Chance handelt es sich mit Abstand um die ernsthafteste Produktion eines talentierten Indie-Schmiedes. Das als simple Adventure mit wenigen Interaktionsmöglichkeiten realisierte Spiel erzählt eine deprimierende Geschichte: Ein junger Wissenschaftler verhilft einem Team zur Entdeckung eines Krebsheilmittels. An einem Tag gefeiert und als Held gepriesen, am nächsten Tag ruiniert, und mit ihm die ganze übrige Welt. Denn das Mittel entpuppt sich als Zellen eliminierendes Gift, das innerhalb einer Woche die ganze Erde auszurotten vermag. Letztlich bleiben euch sieben Tage um diesem apokalyptischen Schicksal zu entrinnen und ein Gegenmittel zu finden. Das erweist sich aber als schwerer als ihr vielleicht denkt. Denn die Zeit verinnt unerbittlich ohne Gnade. Jede von euch getroffene Entscheidung verschlingt dieses kostbare Kapital und ich habe es beim ersten Versuch nicht geschafft, das Unheil abzuwenden.

Die Stimmung des Spiels ist, angeschmiegt an die Thematik, in bleiernster Tonlage gehalten. Das kommt überzeugend, nachdenklich machend rüber. Atmosphärisch toll. Und spielerisch mit minimalistischen Mitteln überzeugend. Eines der besten Indie-Games des letzten Jahres (neben But That was Yesterday jedenfalls das Indie-Game, das die eigene Gefühlswelt derart aufwühlt). Und schockierende Bilder dürfen auch nicht fehlen. Ihr habt die Wahl: Wollt ihr die letzten Tage eures Lebens in einem sterilen, keimfreien Labor verbringen, um die marginale Chance zu haben, ein Gegenmittel zu finden? Oder nehmt ihr lieber eure euch anflehende Tochter in die Hand, um ihr im Park die letzten Stunden ihres Lebens zu verschönern? Sehr eindringliche Fragen.