Jan 062011
 

Wüsstet ihr mit dem Namen Jane Jensen ohne nachzuschlagen etwas anzufangen? Glücklicherweise lag unserem Rezensionsmuster ein ausführliches Presse-Kit bei, sonst wäre uns die Verbindung zu einem früheren Meisterwerk vielleicht nicht so schnell aufgefallen.

Die gute Frau Jensen ist nämlich keine Unbekannte im Adventure-Genre, war sie doch maßgeblich an der Produktion von Police Quest III und EcoQuest bei Sierra On-Line beteiligt. Ihre wichtigsten Werke aber sind die drei Teile der Gabriel Knight-Saga, bei denen sie als Designerin tätig war. Nach über zehn Jahren halten wir also mit Gray Matter das (von Fans) langerwartete neue Spiel der Amerikanerin in Händen.

Das Herrenhaus von Dr. Styles beeindruckt optisch.
Das Herrenhaus von Dr. Styles beeindruckt optisch.

Unser Fazit: Düster und erwachsen präsentiert sich das neue Werk von Jane Jensen. Der Plot ist zwar in der Wissenschaft verwurzelt, trägt aber schnell neue Blüten in der Magie und dem Übernatürlichen, wodurch er in kürzester Zeit zu einem Mystery-Thriller erwächst. Wem dieser ganze Hokus Pokus nicht zuwider ist, den erwarten etliche Stunden guter Erzählkunst und (meist) logischer Rätselkost. Sind Charaktere und Story noch interessant (wenn auch dezent oberflächlich), kommt das eigentliche Spiel, das Adventure, nicht über das Mittelmaß hinaus. Wer die Wahl zwischen den Systemen hat und auf Erfolge pfeift, der ist sicher mit der PC-Version zwecks Maussteuerung besser bedient. Aber auch auf der Dreisechzig dürfen Freunde des unterversorgten Genres absolut zugreifen. In beiden Fällen sollten aber keine bahnbrechenden Neuerungen erwartet werden.

6/10 – In Ordnung (Die 6 ist ein wenig besser als der Durchschnitt, aber auch nichts Besonderes. Fans des Genres könnten ihren Spaß haben, aber der Großteil wird unbefriedigt zurück bleiben.)

Wir bedanken uns bei dtp Entertainment für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsmusters.

Gray Matter (PC, Xbox 360 [getestet])
Entwickler:
Publisher: dtp Entertainment

„Seit seine geliebte Frau Laura bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kam, widmet sich Dr. David Styles, Neurologie-Professor an der Universität Oxford, vollkommen der Forschung. Überzeugt davon, dass der Mensch mit purer Willenskraft die Realität verändern kann, versucht er, über seine Studien einen Weg zu finden, Kontakt mit seiner verstorbenen Frau aufzunehmen. Als er nach einer neuen Assistentin sucht, taucht Samantha „Sam“ Everett – der zweite spielbare Charakter – vor seiner Tür auf. Eigentlich auf der Suche nach dem Daedalus Club, einem geheimen Privatclub der größten Illusionisten der Welt, entschließt sich Sam, den Job als Assistentin des Geldes wegen anzunehmen und von Oxford aus den Club ausfindig zu machen.“

Hier seht ihr das unhandliche Radialmenü der Xbox-Version
Hier seht ihr das unhandliche Radialmenü der Xbox-Version

Der Spieler steuert in acht Kapiteln abwechselnd die beiden Charaktere und erlebt dabei zwei unterschiedliche Sichtweisen auf die Ereignisse. Dr. Styles verlässt so gut wie nie das Haus und lässt Sam die verschiedenen Orte in Oxford erforschen. Wie bei Gabriel Knight öffnen sich nach und nach neue Locations auf der Karte, auch bereits besuchte Örtlichkeiten bekommen im Verlauf der Story weitere Schauplätze spendiert. Die Interaktion mit der Umgebung ist auf ein Minimum reduziert: lediglich ein Klick wird erkannt, es stehen keine unterschiedlichen Aktionen zur Verfügung. Wenn etwas Außergewöhnliches angestellt werden kann, dann ändert der Mauszeiger aber immerhin sein Aussehen.

Um einen Gegenstand, entweder im Inventar oder in der Szenerie, mit etwas anderem zu benutzen, legt man diesen in die Hand. Bestimmte Gegenstände oder Dokumente schaut sich Sam mit einem Klick automatisch näher an. Alles in allem bietet Gray Matter nur sehr geringen Handlungsspielraum. Ebenfalls gering bzw. überhaupt nicht vorhanden sind Hinweise außerhalb der Spieltexte. Ein separater Bildschirm informiert mit knappen Überschriften über die in einem Kapitel zu erledigenden Aufgaben, ansonsten lässt einen das Spiel aber komplett alleine.

Die Figur der Samantha Everett ist als Straßenkünstlerin angelegt, sie trägt das ganze Spiel über ein Zauberbuch mit sich. Darin verzeichnet stehen diverse Zaubertricks, welche in den unterschiedlichsten Situationen zum Einsatz kommen. In einem speziellen Dialog (siehe Bild unten) folgt man den Anweisungen im Buch Schritt für Schritt, um diese auszuführen. Einige Tricks erfordern etwas mehr Interaktion, hier kommen Karten und die altbekannten Hütchen zum Einsatz. Wann die Zeit für Zauberei gekommen ist, kann ganz leicht am Cursor in Form eines Zylinders abgelesen werden. Das Game verlangt von einem, den für die Situation richtigen Zauber auszuwählen, allerdings können diese ohne Nachteile einfach der Reihe nach ausprobiert werden. Ähnlich gibt es im gesamten Verlauf keine falschen Aktionen, keiner der Protagonisten kann sterben, niemand der anderen Charaktere nimmt einem Aussagen oder Aktionen übel.

Was wir mochten:

Augen- und Ohrenschmaus – Über den Stil der gezeichneten Zwischensequenzen lässt sich streiten, die vorgerenderten Locations dagegen sehen allesamt sehr hübsch aus und lassen sofort Erinnerungen an die gute alte Zeit wach werden, in der uns Alone in the Dark den Atem raubte. Zusammen mit der wundervollen musikalischen Untermalung und den sehr guten Synchronsprechern (sowohl im Englischen als auch im Deutschen), muss man die Atmosphäre als überaus gelungen bezeichnen.

Eine Geschichte wie sie im Buche steht – Und wieder einmal zeigt sich, wie wichtig eine gut erzählte und spannende Story für ein Spiel doch ist. Jane Jensen versteht ihr Handwerk und hat Spaß daran, uns auf falsche Fährten zu locken oder mit Halbwahrheiten zu verwirren. Der Weg ist dabei aber wesentlich spannender, als die Auflösung. Das Ende wirkt leider ein wenig überhastet, kann aber den positiven Gesamteindruck nicht mehr nachhaltig beeinträchtigen.

Nicht gefallen hat uns:

Umständliche Navigation – Die Steuerung auf der Dreisechzig ist nicht gerade das Gelbe vom Ei. Bewegt werden die Protagonisten direkt mit dem rechten Stick, was aber nur in den seltensten Fällen nötig ist. Die gesamte Navigation erfolgt über ein Radialmenü, welches durch halten der Schultertasten aufgerufen wird. Hier sind alle Interaktionsmöglichkeiten einer Szene stets gebündelt versammelt. Leider ist die Reihenfolge scheinbar willkürlich und ändert sich sogar mit der Positionierung des Charakters. Die Suche nach dem richtigen Befehl macht Gray Matter zwar nicht unspielbar, sorgt aber regelmäßig für kleine Frustschübe. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Schriftart zu klein geraten ist und Texte von Objekten nicht selten vom Menü verdeckt werden.

Grottige Animation – Die Holprigkeit mit denen sich die Protagonisten, besonders an engen Stellen, bewegen, ist eine echte Beleidigung für die Augen. Noch nicht einmal die Zaubertricks oder einfache Übergaben von Gegenständen sind vernünftig in Szene gesetzt. Dagegen sieht schon Monkey Island von 1991 wie ein Zeichentrickfilm aus.

Linearität – Die Rätsel bauen zu stark aufeinander auf, Objekt A erscheint z.B. erst (oder kann erst genommen werden), wenn Dialog X geführt wurde. Auch erhält der Spieler keinerlei Tipps außerhalb von Dialogen oder Beschreibungen. Durch diese beiden Umstände im Verbund irrt man nicht selten durch die Locations und probiert mehr herum (meist erfolglos) als man überlegt, um diese eine Aktion zu finden, die einen weiterbringt. Einen dynamischeren Ansatz könnte man in der heutigen Zeit schon erwarten. Auch sind die Dialoge nicht interaktiv, man arbeitet lediglich einen Punkt nach dem anderen ab und kann stets alle Optionen auswählen.

Jörg's Meinung:
Ich mag Adventures sehr gerne, weil sie einen großen Teil meiner Jugend ausmachten. Allerdings tue ich mir noch immer schwer bei den kniffligeren Rätseln und greife zu schnell zu Komplettlösungen. So war es dann auch bei Gray Matter hin und wieder, wobei der große Teil der Rätsel wirklich gut, sogar für mich, lösbar sind. Über den selten gewordenen Besuch des Genres auf meiner Dreisechzig habe ich mich dennoch sehr gefreut, wurde aber leider dezent enttäuscht. So spannend und hübsch Gray Matter auch sein mag, als Adventure hat es einfach zu wenig zu bieten. Andere Titel mit kreativeren Rätseln und einem besseren Kommunikationssystem aufwarten.