Mrz 042011
 

Kirby ist der Sympathieträger im wegen Überpopulation an Nahrungsnachschub laborierenden Nintendo-Universum. Ihn müssen wir einfach lieben. Seine äußere Detailarmut, seine optische Neutralität, seine piepsende, einen Beschützerinstinkt weckende Never-Ever-Stimmbruch-Stimme lässt ihn zum kritikunwürdien Bewohner heranreifen. Er ist mein Liebling und auf der Beliebtheitsskala weit über Mario und Peach anzusieden. Doch wir wollen hier keine persönlichen Hitlisten von Nintendo-Charakteren besprechen. Mit Kirby’s Epic Yarn stellt sich eine wichtigere Frage: Wie einfach darf ein Videospiel sein? In den Rezensionen hieß es vielerorts nicht nur, das hier besprochene Spiel sei zu einfach. Es hieß an vielen Stellen, es sei „viel viel zu einfach“. Das ist ein meteoritengroßer Unterschied. Kirbys neuester Auftritt ist das Kontrastprogramm zum überfordernden Demon’s Souls.

Ja, es stimmt. Kirby’s Epic Yarn ist einfach. Das Witzige ist aber, dass man sich dieser Schwäche bewusst jederzeit entziehen möchte. Wer vom Anfang zum Levelende einfach durchsprintet, wird das Game zwar ohne Probleme durchspielen, entgeht dann aber den zu ergatternden Medaillen. Hier stellt sich sofort ein psychologischer Druck ein, der von selbst aufbegehrt: „Wenn ich kein Gold bekomme, habe ich den Level auch nicht geschafft!“. Wir setzen uns unter Druck, um wenigstens einen Anhauch von Anspruch zu konstruieren. Wir wollen das Spiel nicht nur durchspielen, wir wollen es komplett, mit einer Bestbewertung, ohne Fehl und Tadel, ohne Beanstandung durchspielen. Alles finden. Alles entdecken. Alles andere wäre eine grottige Schmach, die uns noch Jahre verfolgen wird. Die nach Jahren der Erfahrung angeschwollene Spielerehre stellt sich ein. Und sie nagt permanent an unserem schwer zu bändigenden Ehrgefühl.

Wir bringen einen Teddybären zum Lachen - und wir lachen mit!
Wir bringen einen Teddybären zum Lachen - und wir lachen mit!

Wenn ich z.B. nur eine silberne Medaille im Spiel nach Levelabschluss bekomme, bin ich peinlich berührt. Wenn ich Schätze übersehen habe, beschleicht mich ein Gefühl der Scham. Ich peinige mich selbst, obwohl das Spiel sich mit Kritik zurückhält. Ja, das Spiel bestraft mich auch bei Feindeskontakt oft nicht. Kirby prallt nur ab. Oder der Gegner fällt ob der Kollisionswucht selbst um – das sieht putzig und herzerweichend aus. Überhaupt hätten Pazifisten an diesem Spiel ihre helle Freude. Es ist das drogenbeweihräucherte Hippie-Game. Heile Welt. Rosamunde Pilcher als leitende Entwicklerin. Idealisten wohin das Auge reicht. Und Kirby ist der Herr dieses Universums. Alles was sich ihm entgegenstellt ist nur eine ihm gehuldigte Verneigung.

Wenn das Spiel zu einfach ist, tritt ein psychologischer Effekt ein: Wir machen uns selbst Druck. Und das Gute ist, dass Kirby’s Epic Yarn das auch anstachelt. Die Schätze sind nicht immer soooo leicht zu finden. Und ab und an muss man sich auch mit peinlichen Silber- oder gar Bronze-Auszeichnungen herumschlagen. Man fühlt sich an der Ehre gepackt und fühlt sich im falschen Film. Es ist als ob uns ein noch Muttermilch abzapfender Säugling beim Schach besiegt. Undenkbar.

Ein Beispiel für das Feuerwerk an Ideen: Der Musik-Level.
Ein Beispiel für das Feuerwerk an Ideen: Der Musik-Level.

Kirby’s Epic Yarn als Glücksdroge

Ehrgeizige Spielernaturen dürften sich natürlich trotz allem unterfordert fühlen. Oft springen wir einfach leichtfüßig, ohne ein geringstes Gefühl der Bedrohung durch die zuckerwattengepolsterte, mit Air Bags und Wattewölkchen gedämpfte Wohlfühllandschaft. Aber diese „wolllüstige“ Grafik. Wolle. Garn. Plüsch. Textilgeilheit. Unsere strickenden Omas hätten ihren Heidenspaß! Es sieht einfach zu süß aus und ist immer einen Blickfang wert. Das entschädigt oft für den fehlenden Anspruch. Kirby’s Epic Yarn ist vielleicht kein Spiel, das einen länger am Stück fesselt. Nach einer Stunde hat man das Gefühl, man müsse sich mal wieder fordern und beispielsweise gegen Deep Blue eine Schachpartie wagen. Oder aus dem Fenster springen und mit purer Muskelanstrengung das Fliegen lernen. Einfach um sich selbst wieder eine herausfordernde Aufgabe zu stellen. Sich beweisen, dass das Leben eben doch kein Zuckerschlecken ist wie es unser lieber Kirby suggerieren möchte. Wäre Kirby’s Epic Yarn das Leben selbst, so flögen uns die Erfolge wie im Schlaraffenland selbst zu. Geile Frauen würden sich uns auch ohne Hauptschulabschluss an die Seite werfen. Mit dem Aufsagen des ABC bekämen wir den Doktortitel – nein, jetzt folgt kein schlechter Guttenberg-Witz…

Ist Kirby’s Epic Yarn empfehlenswert? Ja! Hier zählen andere Werte. Nämlich Sympathiepunkte. Charme. Und Cleverness. Hier geben sich die zündenden Ideen die Klinke in die Hand. Das Spiel überrascht ständig. Nicht mit Anspruch. Eher mit kreatien Ergüssen, die einen immer wieder zum Schmunzeln und Beifallklatschen motivieren. Und seit wann dürfen Spiele uns keine gute Laune machen? Mit der Freundin oder dem Freund muss Kirby’s Epic Yarn sicher noch mehr Spaß machen. Geteilter Spaß ist doppelter Spaß.

Wieder ein guter Exklusiv-Titel. Voller Spielwitz. Und Sammlerfreude kommen auch auf ihre Kosten. Überall gibt es Möbelstücke oder Tapeten, mit denen ihr eure Wohnung einrichten könnt. Zwar lässt sich über Sinn und Zweck dieser Mobiliertätigkeit streiten, aber eine nette, manchmal sogar motivierende Dreingabe ist das auch. Minispiele gibt es auch zuhauf. Es gibt viel zu entdecken. Nur selten eine Herausforderung.

Trotzdem bleibt Kirby unser Liebling. Jetzt erst Recht. Er führt die Frage des Schwierigkeitsgrades ad absurdum und will uns demonstrativ unterfordern. Doch zum Glück gibt es die Spielerpsyche, die sich selbst ehrgeizigere Ziele setzte. Dass diese Ziele durchaus im Spiel aufgestellt und erfüllt werden können, ist ein Lobspruch wert.

Das Einzige, was ich am Spiel neben der Stoßdämpfer-Mentalität beanstande, ist die verhaltene, langweilig bis dumpfbackig dahersäuselnde Musik, die bis jetzt nicht wirklich diese Kirby-Ohrwurm-Qualität erreicht. Das ist nur dahin plätschernde Fahrstuhlmusik, der der letzte Nitro-Boost fehlt. Es ist eher ein laues Lüftlein.

Es ist Freitabend. Vielleicht sogar Alkohol in Reichweite. Betrunken muss das Spiel noch wuchtiger sein…hmm gute Idee…

Fazit: Kirby ist ein Wohlfühlspiel mit Guter Laune-Garantie!