
Kirby ist der Sympathieträger im wegen Überpopulation an Nahrungsnachschub laborierenden Nintendo-Universum. Ihn müssen wir einfach lieben. Seine äußere Detailarmut, seine optische Neutralität, seine piepsende, einen Beschützerinstinkt weckende Never-Ever-Stimmbruch-Stimme lässt ihn zum kritikunwürdien Bewohner heranreifen. Er ist mein Liebling und auf der Beliebtheitsskala weit über Mario und Peach anzusieden. Doch wir wollen hier keine persönlichen Hitlisten von Nintendo-Charakteren besprechen. Mit Kirby’s Epic Yarn stellt sich eine wichtigere Frage: Wie einfach darf ein Videospiel sein? In den Rezensionen hieß es vielerorts nicht nur, das hier besprochene Spiel sei zu einfach. Es hieß an vielen Stellen, es sei “viel viel zu einfach”. Das ist ein meteoritengroßer Unterschied. Kirbys neuester Auftritt ist das Kontrastprogramm zum überfordernden Demon’s Souls.
Ja, es stimmt. Kirby’s Epic Yarn ist einfach. Das Witzige ist aber, dass man sich dieser Schwäche bewusst jederzeit entziehen möchte. Wer vom Anfang zum Levelende einfach durchsprintet, wird das Game zwar ohne Probleme durchspielen, entgeht dann aber den zu ergatternden Medaillen. Hier stellt sich sofort ein psychologischer Druck ein, der von selbst aufbegehrt: “Wenn ich kein Gold bekomme, habe ich den Level auch nicht geschafft!”. Wir setzen uns unter Druck, um wenigstens einen Anhauch von Anspruch zu konstruieren. Wir wollen das Spiel nicht nur durchspielen, wir wollen es komplett, mit einer Bestbewertung, ohne Fehl und Tadel, ohne Beanstandung durchspielen. Alles finden. Alles entdecken. Alles andere wäre eine grottige Schmach, die uns noch Jahre verfolgen wird. Die nach Jahren der Erfahrung angeschwollene Spielerehre stellt sich ein. Und sie nagt permanent an unserem schwer zu bändigenden Ehrgefühl.
Wenn ich z.B. nur eine silberne Medaille im Spiel nach Levelabschluss bekomme, bin ich peinlich berührt. Wenn ich Schätze übersehen habe, beschleicht mich ein Gefühl der Scham. Ich peinige mich selbst, obwohl das Spiel sich mit Kritik zurückhält. Ja, das Spiel bestraft mich auch bei Feindeskontakt oft nicht. Kirby prallt nur ab. Oder der Gegner fällt ob der Kollisionswucht selbst um – das sieht putzig und herzerweichend aus. Überhaupt hätten Pazifisten an diesem Spiel ihre helle Freude. Es ist das drogenbeweihräucherte Hippie-Game. Heile Welt. Rosamunde Pilcher als leitende Entwicklerin. Idealisten wohin das Auge reicht. Und Kirby ist der Herr dieses Universums. Alles was sich ihm entgegenstellt ist nur eine ihm gehuldigte Verneigung.
Wenn das Spiel zu einfach ist, tritt ein psychologischer Effekt ein: Wir machen uns selbst Druck. Und das Gute ist, dass Kirby’s Epic Yarn das auch anstachelt. Die Schätze sind nicht immer soooo leicht zu finden. Und ab und an muss man sich auch mit peinlichen Silber- oder gar Bronze-Auszeichnungen herumschlagen. Man fühlt sich an der Ehre gepackt und fühlt sich im falschen Film. Es ist als ob uns ein noch Muttermilch abzapfender Säugling beim Schach besiegt. Undenkbar.
Kirby’s Epic Yarn als Glücksdroge
Ehrgeizige Spielernaturen dürften sich natürlich trotz allem unterfordert fühlen. Oft springen wir einfach leichtfüßig, ohne ein geringstes Gefühl der Bedrohung durch die zuckerwattengepolsterte, mit Air Bags und Wattewölkchen gedämpfte Wohlfühllandschaft. Aber diese “wolllüstige” Grafik. Wolle. Garn. Plüsch. Textilgeilheit. Unsere strickenden Omas hätten ihren Heidenspaß! Es sieht einfach zu süß aus und ist immer einen Blickfang wert. Das entschädigt oft für den fehlenden Anspruch. Kirby’s Epic Yarn ist vielleicht kein Spiel, das einen länger am Stück fesselt. Nach einer Stunde hat man das Gefühl, man müsse sich mal wieder fordern und beispielsweise gegen Deep Blue eine Schachpartie wagen. Oder aus dem Fenster springen und mit purer Muskelanstrengung das Fliegen lernen. Einfach um sich selbst wieder eine herausfordernde Aufgabe zu stellen. Sich beweisen, dass das Leben eben doch kein Zuckerschlecken ist wie es unser lieber Kirby suggerieren möchte. Wäre Kirby’s Epic Yarn das Leben selbst, so flögen uns die Erfolge wie im Schlaraffenland selbst zu. Geile Frauen würden sich uns auch ohne Hauptschulabschluss an die Seite werfen. Mit dem Aufsagen des ABC bekämen wir den Doktortitel – nein, jetzt folgt kein schlechter Guttenberg-Witz…
Ist Kirby’s Epic Yarn empfehlenswert? Ja! Hier zählen andere Werte. Nämlich Sympathiepunkte. Charme. Und Cleverness. Hier geben sich die zündenden Ideen die Klinke in die Hand. Das Spiel überrascht ständig. Nicht mit Anspruch. Eher mit kreatien Ergüssen, die einen immer wieder zum Schmunzeln und Beifallklatschen motivieren. Und seit wann dürfen Spiele uns keine gute Laune machen? Mit der Freundin oder dem Freund muss Kirby’s Epic Yarn sicher noch mehr Spaß machen. Geteilter Spaß ist doppelter Spaß.
Wieder ein guter Exklusiv-Titel. Voller Spielwitz. Und Sammlerfreude kommen auch auf ihre Kosten. Überall gibt es Möbelstücke oder Tapeten, mit denen ihr eure Wohnung einrichten könnt. Zwar lässt sich über Sinn und Zweck dieser Mobiliertätigkeit streiten, aber eine nette, manchmal sogar motivierende Dreingabe ist das auch. Minispiele gibt es auch zuhauf. Es gibt viel zu entdecken. Nur selten eine Herausforderung.
Trotzdem bleibt Kirby unser Liebling. Jetzt erst Recht. Er führt die Frage des Schwierigkeitsgrades ad absurdum und will uns demonstrativ unterfordern. Doch zum Glück gibt es die Spielerpsyche, die sich selbst ehrgeizigere Ziele setzte. Dass diese Ziele durchaus im Spiel aufgestellt und erfüllt werden können, ist ein Lobspruch wert.
Das Einzige, was ich am Spiel neben der Stoßdämpfer-Mentalität beanstande, ist die verhaltene, langweilig bis dumpfbackig dahersäuselnde Musik, die bis jetzt nicht wirklich diese Kirby-Ohrwurm-Qualität erreicht. Das ist nur dahin plätschernde Fahrstuhlmusik, der der letzte Nitro-Boost fehlt. Es ist eher ein laues Lüftlein.
Es ist Freitabend. Vielleicht sogar Alkohol in Reichweite. Betrunken muss das Spiel noch wuchtiger sein…hmm gute Idee…
Fazit: Kirby ist ein Wohlfühlspiel mit Guter Laune-Garantie!
Ähnliche Artikel:
{ 8 comments… read them below or add one }
Wer sagt denn eigentlich, dass ein Spiel immer fordernd sein muss und wir prinzipiell daran scheitern müssen? Ich selber habe an Spielen immer sehr geschätzt, wenn sie gerade so leicht waren, dass man praktisch nie gestorben ist, sich trotzdem aber gefordert fühlte. Zelda-Spiele sind da ein gutes Beispiel: Oft mit wenigen Herzen und nach Konsumption von Feen den Endgegner geschafft, praktisch nie gestorben.
Mit zunehmenden Alter aber möchte ich gerne ein Spiel erleben und nicht dauernd scheitern. Und wenn ich gerne und verzückt durch die Welt laufe, wie eben bei Kirby, ohne verlieren zu können, so what? Puzzle Quest zB hat das Scheitern belohnt: Ich habe das Match verloren, und trotzdem einige Erfahrungspunkte gewonnen (war ja auch eine Erfahrung reicher). Dieses Spiel war ein guter Gewinner.
Im Leben ist Verlieren auch Erfahrung, in Videospielen in Wahrheit aber vor allem Verlust von Lebenszeit. NATÜRLICH kann ich einen Level 100mal spielen, bis ich ihn (zu 100%) gemeistert habe, es kostet mich aber unverhältnismäßig Zeit (und Nerven). Ich ziehe es inzwischen vor, diese Zeit mit viel unterschiedlicher Spielerfahrung zu verbringen, und statt eines Levels in der Zeit zB 10 Kirby-Level zu spielen. Spielen hat für mich nicht mehr die Herausforderungsfunktion aus meiner Kindheit; ich spiele, um unterhalten zu werden und, ja, zu entspannen. Dass ich da nicht der einzige bin, zeigt zB der Erfolg des Landwirtschaftssimulators, der einen relativ unaufgeregt mit verschiedenen Landwirtschaftsfahrzeugen spielen lässt (wenn's einen interessiert).
Also, ihr Easy-Spieler, steht auf gegen die pseudo Hardcorecrew, wir wollen rosa Puschelwesenschwierigkeitsgrade in jedem Spiel.
Und MINECRAFT, HURRA!
Bei mir hängt Unterhaltung und Herausforderung eng zusammen. Wenn der Anspruch fehlt, wird's schnell langweilig. Das ist die Gefahr, wenn das Gefordertsein fehlt. Kirby ist manchmal auch nah dran in diese Kategorie zu fallen. Aber am Ende siegt doch immer wieder dieses Plüschkuscheltier. Ach so süß
KIRBY, HURRA!
Hmmm ich präzisiere noch mal: Ich möchte eigentlich nicht für das Nichtauswendigkennen des Spiels mit Zeitverlust bestraft werden. Sollen Sie mir Punkte abziehen, beim Endspann zeigen, wie oft ich's verkackt habe, alles ok. Aber dass ich Levels (häufiger) oder lange Passagen wiederholen soll, muss nicht mehr sein. Natürlich mache ich es trotzdem, weil einfach die meisten Spiele nicht anders funktionieren. Aber mir fällt positiv auf, dass Spiele wie die Lego-Koop-Spiele, eben Puzzle Quest oder jetzt Kirby anders an die Sache herangehen. Ich kann das Spiel zuende spielen, die Levels sehen, mich ob der Putzigkeit erfreuen, und wenn ich WILL, kann ich noch alles einsammeln. Bei den Lego-Spielen habe ich es gamacht (bis zum Exzess), bei Donkey Kong Country Returns nicht. Das Zeitinvestment war ich mittlerweile nicht mehr bereit zu tragen (anders als in meiner Jugend).
Aber, und das muss ich ehrlich zugestehen, es hat sich in den letzten Jahren einiges auf dem Gebiet getan. Früher habe ich reihenweise meine Spiele nicht zuende gespielt, weil ich an einer Stelle (der Steuerung, dem Schwierigkeitsgrad) gescheitert bin. Heute gibt es in den Nintendo Spielen die Hilffunktion, wenn man zu oft stirbt, sind Rücksetzpunkte fairer (oder überhaupt) gesetzt, wird oft zwischengespeichert oder man kann eh frei speichern, gibt es mehrere Schwierigkeitsgrade etc.
Und da ich beide Seiten kenne, kann ich sagen: Es ist gut, in Zeiten wie diesen ein Gamer zu sein!
Der Beste ist und bleibt YOSHI! Da kann Kirby noch soviel vor sich hinstricken und auf heile Welt machen. YOSHI FTW!
Yoshi war früher auch mein Liebling. Übrigens habe ich es gehasst auf Yoshi reitend in Galaxy 2 herumzutorkeln. Nahm dem Spiel die Geschwindigkeit. Aber nur Geschmackssache. Yoshi ist schon allein wegen Yoshi's Island unantastbar!
Ich hätte Galaxy am liebsten NUR mit Yoshi gespielt! Und wenn man ihn richtig reitet, is er richtig schnell! :P :D
Der letzte Satz sollte lauten: "Es ist gut, dass es jetzt wo wir erwachsen sind und ein Leben neben den Games haben, Spiele wie diese gibt!" Dann stimme ich dir vollkommen zu. Erst letzte Woche habe ich den von der damaligen Fachpresse ob seiner "casualisierung" so verissenen Cel-Shading-Teil von Prince of Persia durchgespielt (Zur Info: Es gibt keine Möglichkeit in dem Spiel zu sterben!) und fühlte mich absolut gut unterhalten. Es hat einfach Spaß gemacht zwischen Beruf, Kind, Frau und was sonst nicht alles, einfach nur mal ein paar Stunden frustfrei zocken zu können.
Die von dir erwähnten Lego-Spiele sind nebenbei erwähnt so ziemlich die einzigen Videospiele überhaupt die ich zusammen mit meiner Frau spielen kann. Ihr frusttoleranzgrenze ist nämlich auf keiner meßbaren Skala mehr. Und wir haben einen heidenspaß mit Indy, Batman und Luke. ;)
Das beste was ich je dazu gelesen habe ist ein Zitat von Gabe (Penny Arcade):
"I remember it came up while we were both playing Metroid Prime: Corruption. I was talking to him about how I was getting frustrated because some of the boss battles were really giving me a hard time. I realised I don't play games for the challenge. I don't need or want to be punished by a game for making mistakes. I play games for what Ron Gilbert calls "new art". I play to see the next level or cool animation. I don't play games to beat them I play games to see them. Coming to that realisation was actually sort of important for me. "
Besser kann man es wohl nicht in Worte fassen.
"I don't play games to beat them I play games to see them."
Der Meinung bin ich nicht. Aber ich habe auch keine Frau, keine Kinder und keinen wirklichen Beruf. Wahrscheinlich liegts daran. Sprechen wir in ein paar Jahren nochmal drüber. Wenn sich meine Meinung diesbezüglich geändert hat, weiß ich, dass sich mein Leben positiv entwickelt hat. :D