Mrz 172011
 

Unser eigens kreierter Award GiG (Gamgeas Indie Game) wird in azyklischen Intervallen unregelmäßig veröffentlicht. Hierbei prämieren wir erstklassige Vertreter der Independent-Szene – ob jung oder alt, ob kostenlos oder kostenpflichtig, ob in musealer Uralt-Graphik oder photorealistischer Exzellenz. Alles was waschecht Indie ist qualifiziert sich für unsere begehrte Trophäe.

Den neuesten GiG-Award erhält: Cave Story!

Ihr denkt euch was das soll? Das Spiel gibt es seit 2004 kostenlos für den PC und macht in regelmäßigen Abständen von sich reden. Es überschwemmt uns in seinem Geltungsbedürfnis regelrecht. Es beehrte WiiWare, den DSi und auch der 3DS soll unverschämterweise nicht davon verschont bleiben. Es ist schlimmer als World of Goo! Und das ist das bisher viralste unter den hochgradfig infektiösen Indie-Viren gewesen! Doch wir Gamgea-Autoren kacken oft auf den Zeitgeist und spielen nicht gleich alles, wovon geredet wird. Wir sind unabhängige Geister und kümmern uns nicht um die Empfehlungen der geistig oftmals umnachteten Masse. Das kann sich oft als Fehler erweisen. Wahrscheinlich bin ich unter euch der einzige, der Cave Story bisher außer Acht gelassen hat. Doch damit ist Schluss. Zufälligerweise habe ich der PC-Version des metroid-artigen 2D-Plattformers eine Chance gegeben. Und ich war sofort hin und weg. Ähnlich wie damals bei Minecraft. Und das will was heißen. Deswegen lautet ab sofort die Parole: CAVE STORY HURRA!! (sorry Stefan!)

Natürlich könnten wir rückwirkend ebenso gut exzellenten Indie-Vertretern wie Braid, Limbo oder World of Goo einen GiG-Award spendieren. Doch das wäre nicht der Sinn der Sache und würde der Prämierung anhaftenden Bedeutung widersprechen. Bei Cave Story liegt der Fall anders. Ich bin zum ersten Mal darüber gestolpert. Was begeistert mich an dem Spiel derart? Wir versuchen im Folgenden die erstklassige Qualität dieses Ausnahmeprodukts zu entschlüsseln.

Es lebe die Vergangenheit!

Zunächst diese zeitlose Optik: Diese ist natürlich der Vergangenheit verhaftet, mutet wie ein Relikt an und würde ehestens in die 8-Bit-Ära gehören. Doch das ist völlig unwichtig. Wir Spieler sind längst grafikungebundene Retro-Faschisten geworden, die sich um grafische Altlasten längst nicht mehr kümmern. Im Gegenteil. Die 16-Bit oder besser 8-Bit Spiele altern weit besser als dröge, bis zur Unansehnlichkeit entartete PS1- oder N64-Schreckgespenster. Pixelkitsch ist in! Das kommt immer gut an. Vor allem weil es objektiv betrachtet einfach gut aussieht. Das gilt auch für Cave Story. Schon der Hauptcharakter ist eine wahre Augenweide in seinem putzigen Habitus. Wenn er den rucksackartigen Raketenwerfer umschnallt, dann sieht das einfach herzbewegend bis empathieerregend aus. Mit grobkörnigen, wie Bauklötze in die Welt ragenden Pixeln lassen sich Details entfachen, die gleichzeitig unsere Phantasie anregen.

Heutiger Photorealismus malt alles bis zur kleinsten Nuance aus, füllt es mit Realismus und Augenwischerei. Die überbordende Lust am großen Pixel gebiert gleichzeitig einen optischen Surrealismus, der unserer Phantasie vogelgleiche Flügel verleiht. Wir sehen zwar den Charakter von Cave Story. Gleichzeitig hat aber jeder seinen eigenen, individuellen Protagonisten. Das lässt sich schwer beschreiben. Aber meiner Meinung nach macht das auch den Reiz der famosen 8-Bit Graphik aus. Und dieses GiG-prämierte Kleinod macht das ebenfalls in Perfektion. Es sieht toll aus, spielt sich flüssig und ist gespickt mit allerlei liebevollen Details, die in photorealistisch hingeklatschten Texturlandschaften oft Fehlanzeige sind.

Perfekte Spielbarkeit

Doch was noch mehr glänzt ist die famose Spielbarkeit. Es macht einen Heidenspaß unseren Helden durch die lustvoll arrangierten Levels zu navigieren. Die punktgenaue Steuerung, die millimetergenauen Sprünge, die uns in die Lage versetzen, haarscharf feindlich gesinnten Projektilen in Jackie Chan imitierender Ninja-Akrobatenlaune auszuweichen, macht einfach gute Laune. Dazu das famose, sich an die Metroid-Spiele anlehnende Level-Design, das im Laufe der Spielzeit an Komplexität gewinnt, einige versteckt postierte Geheimnisse birgt und uns nicht wie eine Schlaftablette anödet. Dazu gesellt sich eine überraschend tiefgründige Geschichte mit liebenswerten Charakteren, die uns nicht nur als seelenloser Pixelbrei vorkommen. Die mit Feingefühl implementierten Dialoge versuchen nie die Hauptrolle an sich zu zerren und enden exakt im richtigen Moment. Cave Story macht weit mehr Laune als irgendwelche AAA-Vollpreistitel, die sich als Mirakel des Spielspaßes vermarkten wollen.

Was mich ebenso begeistert ist die intelligente Waffenauswahl. Jede Waffe lässt sich bis auf Level 3 aufrüsten. Dazu sammelt ihr von Gegnern herabregnende Erfahrungspunkte, welche die Effizienz und geballte Explosivität der Schießprügel in die Höhe steigen lassen. Aus einem eine Rakete ausschleudernden Raketenwerfer wird ein multiple Geschosse ausspuckender Haudegen und aus dem handelsüblichen Maschinengewehr ein tödliches, geballtes Explosivfeuerwerk. Verliert ihr an Energie, nehmen die Erfahrungspunkte der Waffen, und der damit verbundene Levelstand, auch wieder ab. Doch ihr müsst intelligent zwischen den einzelnen Waffengattungen hin- und herwechseln. Dadurch entgeht das Spiel der dräuenden Gefahr einer plumpen, sinnentleerten Ballerorgie ohne taktischen Anspruch.

Tipp: Wenn ihr euer MG auf das maximale Level aufgepusht habt, ballert euch schnustracks in die Lüfte. Das macht besonders viel Laune!
Tipp: Wenn ihr euer MG auf das maximale Level aufgepusht habt, ballert euch schnustracks in die Lüfte. Das macht besonders viel Laune!

Hinzu kommt die Steuerung. Das Springen auf Z, das Schießen auf X, Waffenauswahl auf A/S, der Inventarabruf auf Q. Fertig ist der Tastenmischmasch. Nach einer Stunde schmerzen meine Finger, da diese in akrobatischer Spreizstellung außerordentliches Stretching leisten müssen. Witzigerweise machte das richtig Laune. Weil der Spielspaß gleichzeitig eine physikalische Note bekam. Klingt verrückt, ist es auch. Aber ändert nichts an der Tatsache, dass ich mich körperlich gern züchtige. Die Linearität des Spiels trügt übrigens. Sporadisch habt ihr in Dialogen verschiedene Optionen, was den Spielverlauf massiv umkrempeln kann. An einer Stelle verkürzt sich das Spiel beispielsweise drastisch. Diese Erfahrung musste ich machen. Leider hatte ich nach dieser verheerenden Dialogauswahl gespeichert. Das wahre Ende bleibt mir wohl versagt. Okay…das ist ein Minuspunkt. :-p

Fazit

Cave Story ist ein nahezu perfekter 2D-Plattformer. Perfekt ausbalanciert, eine Graphik zum Verlieben, rassige, rasante, nervenzerreibende und vor allem in ihrer Anzahl viele Boss-Kämpfe, abwechslungsreiche Szenerien, variantenreiche Gegnertypen, ein ausgewogener, fordernder, langsam ansteigender Schwierigkeitsgrad, keine papiernen Protagonisten und eine wie schon gesagt überraschend komplexe, wenig belanglose Geschichte rund um einen „verrückten“ Professor.

Wer Cave Story also unverständlicherweise nie gespielt hat, sollte das unbedingt tun. Die PC-Version gibt es umsonst. Das Spiel bietet mehrere Stunden Spielspaß und sollte nicht verpasst werden. Aber wahrscheinlich hat das Game eh schon jeder gespielt.

Download Cave Story bei Chip.de

CAVE STORY HURRA!!

Frühere Preisträger:

Gemini Rue (02. März 2011)