Mrz 302011
 

Okamiden war eines der Spiele in diesem Jahr, auf das ich mich am meisten freute. Okami ist für mich eines der besten Spiele aller Zeiten. Das beste Art Design aller Zeiten, der beste Floh aller Zeiten (Issun) und ein Gameplay, das der Meilenstein-Exzellenz eines Zelda in nichts nachstand – es stellenweise mit viel Phantasie gar überflügelte. Noch heute blicke ich wehmütig auf diese unglaubliche Spiel-Erfahrung zurück. Deshalb konnte ich die ungnädige Wartezeit auf die Veröffentlichung des DS-Nachfolgers nur mit einem ganz reißfesten Geduldsfaden aushalten. Nun ist es da. Ein paar Gedanken.

Zunächst drängt sich der Gedanke auf, man habe es mit einer miniaturisierten „Kleine Bruder“-Version von Okami zu tun. Die Entwickler haben die Wiederverwertungsmaschinerie angeworfen. Was nicht immer schlecht ist. Im Gegenteil. Fans der Welt treffen mit schwer zu unterdrückender Freude auf alte Bekannte, stoßen in die selben Landschaften vor und feiern andauernd irgendwelche Wiedersehensfeiern. Manchmal mutet das wie eine billige Masche an. Wenn sich z.B. aus Okami bekannte Rätsel in haargenauer Duplizität in die DS-Portierung einschleichen. Die ersten Stunden von Okamiden empfand ich trotz aller Wiedersehensfreude als recht mühsam. Es geht schlapp voran, der Spieler wird in Gameplay-Mechaniken eingeführt, die für einen Kenner schon längst bekannt sind.

Pixelige Detailfülle auf dem DS
Pixelige Detailfülle auf dem DS

Doch wenn sich die Welt weiter öffnet, sich neue Locations hinzugesellen, steigt die Lust dementsprechend auch an. Nur brauchte ich eine gewisse Phase was das Warmlaufen betrifft. Liebe auf den ersten Blick war es auf jeden Fall nicht. Es ist erstaunlich, wie die Entwickler ein Okami ohne größere signifikante Verluste auf ein DS-Modul zwängen konnten. Das grenzt schon an bewundernswürdige Ingenieurshandwerkskunst. Doch ich gebe zu: Während den ersten Stunden hatte ich mehr Lust, die PS2 samt Okami wieder anzuwerfen, als Okamiden weiterzuspielen. Ständig fragte ich mich, wie das DS-Spiel auf einer großen Konsole in seinem famosen Art Designs aufblühen würde.

Versteht mich nicht falsch. Die Optik ist für DS-Verhältnisse beachtenswert. Doch wie sähe es auf der Wii, oder gar auf einer PS3 oder 360 aus? Diesen Gedankenexperimenten konnte ich mich nur mit Mühe und Anstrengung entziehen. Ich dürstete danach die in klassischer japanischer Aquarell-Kunst angehauchte Grafik in ihrer vollen Montur, in ihrer vollen Blüte zu genießen. Dafür ist der DS, seien wir mal ehrlich, weniger geeignet. Ein bisschen war ich also enttäuscht. Auf der PS2 konnte ich mich der Blütenpracht nur mit Mühe entziehen, auf dem DS schon eher.

Die gewohnte Okami-Brillanz mit einigen Schwächen und Inkonsequenzen

Das Einzige, was ich Okami damals vorwerfen konnte, war der wenig Anspruch bietende Schwierigkeitsgrad. Während der 50-60 Stunden Spielzeit konnte ich die Tode meines Wolfes an maximal zwei Händen abzählen – wenn überhaupt. Okamiden ist da nicht anders. Was mich am meisten enttäuschte, ist die fehlende Komplexität der Rätsel. Dadurch dass ihr über mehrere Partner verfügt, hätte einem forderndem, knackigem Team-Play nichts im Wege gestanden. Doch die Entwickler haben sich selbst beschnitten. Die Knobeleien sind zwar ganz nett anzusehen, erreichen aber selten ein Niveau, das einen vor höhere Anforderungen stellen würde. Schade. Gerade der ausufernde Team-Aspekt wäre ein Garant für anspruchsvolles Rätseln gewesen. Sicherlich hat man sich hier einiges von den DS-Auftritten von Link abgeschaut. Leider sind die Dungeons nicht derart verwinkelt oder komplex. Die Qualität eines Zelda-Level-Designs wird hier leider nicht erreicht.

Auch das Kämpfen ist wenig mit einer echten Herausforderung zu vergleichen. Manchmal genügt stumpfes Button-Mashing um ans Ziel zu kommen. Zwar dürft ihr immer wieder kleine magische Pinselstriche einflechten, das kann aber nicht immer über die manchmal viel zu deutlich zu tage tretende Anspruchslosigkeit hinwegtäuschen. Den Kämpfen, die in einer separaten Arena stattfinden, bin ich mit Vorausblick auf die sich anbahnende Langeweile gerne ausgewichen. Die Boss-Kämpfe dagegen sind angenehm abwechslungsreich und können sich auch mit dem Boss-Design eines DS-Zeldas durchaus messen. Nachdem die Taktik der Widersacher jedoch dechiffriert worden ist, stellen sich auch hier keine ernsthaften Probleme ein. Noch ein Wort zur Steuerung: aufgrund des Mangels eines Analog-Sticks fällt die Eingabe durch das Digi-Pad recht unpräzise aus. Der kleine, süß animierte Wolf bewegt sich dadurch ruckartig und mechanisch, was der Lebendigkeit der ansonsten beeindruckenden Animationen entgegenarbeitet.

Die witzigen Dialoge erreichen das Okami-Niveau locker
Die witzigen Dialoge erreichen das Okami-Niveau locker

Viel Angriffsfläche zur Kritik. Trotzdem ein wärmstes Gamgea-Empfehlungsschreiben!

Ich werfe Okamiden folgendes vor: Wenig Neuerungen, sich in Sachen Gameplay in wenig Neuland hervorwagend und in Punkto ökologischem Recycling werden Rekorde aufgestellt, die selbst Greenpeace vor Ehrfurcht erblassen lassen würden. Viel kommt einem bekannt vor. Das hört sich jetzt alles nach einem Verriss an. Doch das wäre der falsche Eindruck. Ich klage auf einem hohen Niveau. Okamiden ist ein sympathisches Action-Adventure, das sich von seinem „großen Bruder“ aber zu wenig absetzt, zu wenig einige Akzente setzt. Okami-Fans mögen das schade finden, im Grunde genommen freut man sich aber trotzdem über das Altbekannte. Denn die Chance, in das unverfälschte Universum einzutauchen, ist ein begrüßenswertes Geschenk. Letztlich siegt hier das Gefühl über den Verstand. Man sieht nicht wirklich viel Neues. Man stößt nur auf Dinge, die man selber vor vier Jahren auf der PS2 ins Herz geschlossen hat. Und das ist nicht wirklich schlimm.

Okamiden bekommt von mir eine uneingeschränkte Kaufempfehlung. Die Geschichte ist wie im Original ähnlich herzerwärmend aufgekocht worden und die skurrilen, im antiken Nippon anzutreffenden Charaktere konkurrieren um die Krone des liebenswertesten Schauspielers. Große, souverän ausgespielte Klasse. Dazu das auf dem DS brillierende Art Design, das ich mir zwar eher auf einer großen Konsole gewünscht hätte, aber für DS-Verhältnisse grandios in Szene gesetzt worden ist. Dazu ein phantasievoller, viele Überraschung bergender Einblick in die wunderbare, abwechslungsreiche, exotisch anmutende Mythologie des Alten Japans. Und die Spielzeit bläht sich auf stattliche 20-30 Stunden auf. Viele Geheimnisse dürft ihr auch finden.

Fazit: Okamiden hätte weit mehr werden können. Gerade der Team-Aspekt bleibt fatalerweise weit unter seinen Möglichkeiten. Fans der ersten Stunde werden sich aber in dankbarer Wiedersehensfreude an den zahlreichen Déja-Vus gütlich tun, genauso wie Neueinsteiger, die Okami verpasst haben und die Chance haben, in eine einzigartige Welt voller Phantasie und Liebreiz einzusteigen. Das Spiel hat es nicht verdient, vom Rampenlicht des 3DS ausgeblendet zu werden. Lasst dieses Schmuckstück nicht untergehen! Davon hängt schließlich die Entscheidung von Capcom ab, weiter in das Okami-Universum zu investieren. In Zukunft aber bitte mit mehr Neuerungswillen! Meine Empfehlung für 3DS-Käufer: angesichts des erbärmlichen Lineups von Spielen zum Release empfehle ich Euch den Kauf von Okamiden. Das hat zwar keine 3D-Effekte. Darf aber aufgrund seines Veröffentlichungszeitraumes gerne als Launch-Titel für die neue Hardware angesehen werden.

Anm. des Autors: Die deutsche Verkaufsversion bietet leider nur englischen Bildschirmtext. Handbuch und Verpackung enthalten jedoch auch die deutsche Sprache. Nur das Spiel spricht eben Englisch. Es ist kein viele Herausforderungen bergendes Englisch. Aber für gerade junge Spieler, auf die das Spiel ja schließlich auch abzielen dürfte, sicherlich eine ärgerliche Sprachbarriere, die sich da auftut. Schade, dass Capcom anscheinend wenig Vertrauen in das Spiel gesetzt hat. Offenbar waren die Kosten einer vollwertigen Lokalisation zu hoch eingeschätzt worden im Vergleich zu dem zu prognostizierenden Ertrag. Es wäre nur tragisch wenn sich dieses Spiel selbst seiner Klientel beraubt. Dann hätten wir wieder dasselbe Dilemma wie bei Okami.