Okt 302011
 

Erinnert ihr euch noch an das letzte gute Singleplayer-Spiel von id Software? Entweder war es 2004 Doom 3 oder, sogar noch länger her, Quake II im Jahr 1997. Je nach den eigenen Präferenzen also entweder sieben oder gar vierzehn Jahre. In jedem Fall war es verdammt noch mal an der Zeit für eine neue Veröffentlichung der Amerikaner um John Carmack.

Natürlich sind die Erwartungen der Spielergemeinde hochgesteckt, wenn die Firma, welche auf auf dem Papier für drei der einflussreichsten Egoshooter-Marken – Doom, Wolfenstein und Quake – verantwortlich zeichnet, einen neuen Titel veröffentlicht. Doch zum einen stehen kaum noch Angestellte jener glorreichen Zeiten auf der Gehaltsliste, zum anderen ist es wohl unmöglich die Erwartungen zu erfüllen, welche sich über die ganzen Jahren angestaut haben. Wenn man sich diese Punkte vor Augen hält, dann machen auch die teils sehr weit auseinandergehenden Meinungen Sinn.

Die imposante Kulisse kann optisch voll überzeugen.
Die imposante Kulisse kann optisch voll überzeugen.

Unser Fazit: Macht man sich jedoch frei von all diesen Überlegungen, dann bleibt unter dem Strich ein gelungenes Spiel, welches aber viele gute Ansätze verschenkt. Zum Beispiel wird das wirklich tolle Setting kaum ausgenutzt, die Story ringt einem nicht mehr als ein müdes Gähnen ab und die ach-so-tolle id Tech 5-Engine ist lediglich in der Lage eine Kulisse, aber nicht eine lebendige Welt zu erschaffen. Nicht jeder wird sich wohl im Rage-Universum fühlen, aber wer das post-apokalyptische Szenario, rohe Auto-Action wie zu glorreichen Mad Max-Tagen und dezente Rollenspiel-Anleihen in einem Ego-Shooter vereint sehen möchte, der kann guten Gewissens zugreifen. Alle die jedoch die nächste große Shooter-Offenbarung erwarten und mit diesem ganzen Genre-fremden Zeug nichts anfangen können, sollten zunächst Probe spielen.

7/10 – Gut (Eine 7 steht für solide Spiele, die definitiv ihre Freunde finden werden. Lässt Wiederspielwert vermissen, ist zu kurz oder weist andere Mängel auf, die nicht ignoriert werden können. Die Erfahrung bereitet aber insgesamt Spaß.)

Wir bedanken uns bei Bethesda für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsmusters.

Rage (PC, PS3, Xbox 360 [getestet])
Entwickler: id Software
Publisher: Bethesda

Die Welt von Rage ist aufgeteilt in eine (bzw. zwei getrennte) Oberwelten, die eingermassen frei mit einem Vehikel befahren werden dürfen. Kleinere Siedlungen bieten Anfangs Unterschlupf, später stehen zwei größere Städte zur Verfügung, in denen NPCs herumstehen und Aufträge verteilen, Läden ihre todbringenden Waren anbieten, Rennen gefahren werden können und Minispiele Geld in die Kassen spülen. In der Oberwelt könnt ihr jederzeit das Fahrzeug verlassen und die Gegend zu Fuß unsicher machen. Das ist eigentlich nur ratsam, um Pflanzen oder versteckte Sammelkarten aufzunehmen. Die meiste Zeit ist es aber sinnvoller, nicht aus dem Gefährt auszusteigen.

Die angeschlossenen Areale – wäre es ein RPG, würden wir sie Dungeons nennen – werden beim Betreten als abgeschlossene Instanzen geladen. Für einen Großteil davon ist ein Besuch erst sinnvoll, wenn eine Mission dies verlangt. Wirklich ausladende Erkundungstouren sind somit nicht möglich bzw. vorgesehen. Trotzdem bieten sich einige Betätigungsfelder in der „geschlossenen“ Welt: Sprünge entdecken, Banditen bekämpfen und durch einige Aktionen Erfolge einheimsen, sind hier die wichtigsten zu nennenden Aktivitäten.

Einer der größeren Mutanten, in echt noch fieser als das Bild vermitteln kann.
Einer der größeren Mutanten, in echt noch fieser als das Bild vermitteln kann.

Einmal in einem Level angekommen, präsentiert sich Rage (endlich) als klassischer Ego-Shooter. Zu viele Treffer färben den Bildschirm langsam rot, nach einer Weile in Deckung findet eine wundersame Heilung statt. Wem das nicht schnell genug geht, der kann auf Knopfdruck Bandagen zur sofortigen Genesung einsetzen. War für beides keine Zeit, bedeutete das jedoch nicht direkt das Ende. Ein Defibrilator erweckt euch nach einer kurzen Tastenorgie wieder zum Leben, denn schon James Bond wusste: man lebt mindestens zweimal. Sterbt ihr in der Aufladezeit des Defis allerdings wieder, muss ein Spielstand geladen werden.

Die Bandbreite des Volks das euch ans Leder will, ist beachtlich: das sind die ungepanzerten Mutanten, die ungestüm auf den Spieler zu hetzen, Banditen welche bevorzugt aus der Deckung heraus attackieren, die Gearheads nutzen mechanische Helferlein und gepanzerte Supersoldaten werden von der Regierung eingesetzt. Natürlich dürfen auch Scharfschützen, übergroße Mutantenausgeburten der Hölle und stationäre MG-Betätiger nicht fehlen.

Nahkampf ist mit der der Armbrust eher nicht so ratsam.
Nahkampf ist mit der der Armbrust eher nicht so ratsam.

Damit der Spieler auch eine reelle Überlebenschance hat, kann er auf ein ansehnliches Arsenal zurückgreifen. Alle Standardwummen sind mit von der Partie, trumpfen aber zusätzlich mit imposanter Alternativ-Munition auf. Hier ist wirklich alles dabei, was das Herz höher schlagen lässt. Die Schrotflinte verschießt Minigranaten mit überraschender Explosionskraft, die Pistole dicke Jungs oder fette Mamas, Splittermunition, Panzerung durchdringende Geschosse und Elektro-Pfeile, die für Gegner im Wasser besonders unerfreulich sind, sind nur einige Beispiele. Die tollen Wingsticks – quasi ein Boomerang mit drei tödlichen Klingen – ist eine der spaßigsten Eigenentwicklungen. Zusätzlich stehen ein ferngesteuertes Auto mit Bombensatz, ein stationärer automatischer MG-Turm und ein Wachroboter, der einem auf Schritt und Tritt folgt, zu Verfügung.

Nicht alle diese Spielereien können jedoch käuflich erworben werden, der Spieler muss sie zusammenbauen. Dazu findet er Blaupausen, welche die benötigten Komponente anzeigen. Diese hat jeder Shop gegen Bares auf Lager oder sie liegen verteilt in den Egoshooter-Passagen. Auch Heil- und andere Verbesserungstränke lassen sich nur mit dem richtigen Rezept anrühren, das erst einmal gefunden bzw. verdient werden muss. Die meisten Gegner dürft ihr nach dem Ableben einmalig untersuchen und findet sowohl Munition, als auch Komponenten oder Geld. Letzteres verdient ihr zusätzlich auf verschiedene Art und Weise: in Minispielen, durch erfolgreich abgeschlossene Haupt- und Nebenmissionen oder durch den Verkauf von gefundenem Kram.

Teile der Oberwelt werden für die Rennen genutzt.
Teile der Oberwelt werden für die Rennen genutzt.

Bei lediglich vier unterschiedliche Fahrzeuge (mit DLC fünf) darf im Verlauf der Spieldauer auf dem Fahrersitz platzgenommen werden. Die Munition für diese ist getrennt vom Arsenal des Fußsoldaten, neben einem MG und Raketenwerfer, stehen auch einige Gadgets wie ein Schild, Minen, Sofort-Reparatur und einiges mehr zur Verfügung. Auch muss jedes Fahrzeug separat mit neuen Teilen verbessert werden, die eigens hierfür erforderliche Währung verdient ihr entweder in den Minispiel-Rennen oder durch erledigen von Banditen in den Oberwelten.

Auch im Mehrspieler-Modus spielen die Vehikel eine tragende Rolle, denn hier heißt es entweder: gegeneinander fahren oder gemeinsam schießen. In vier verschiedenen Modi rast, sammelt und zerlegt ihr was das Zeug hält. Dies vermag allerdings nicht sonderlich lange an die Konsole zu fesseln. Die einzige andere Möglichkeit, sich online zu betätigen, sind die Koop-Missionen. Hier spielt ihr neun bereits aus dem Einzelspieler bekannte Level, allerdings mittelschwer verändert.

So darf nun auch in Wellspring geballert werden und es gibt Stellen zu sehen, die vorher verschlossen waren. Jedes Level wird mit einer vorgegebenen Waffenkonfiguration gespielt, Gadgets liegen in der Gegend rum und lassen sich nicht bauen. Schon auf „Normal“ sind die Gegner eine harte Nuss und stecken einiges weg. Gekämpft wird nicht nur ums Überleben, sondern auch um eine gute Punktzahl, im direkten Vergleich mit dem Partner und um eine gute Platzierung auf der Online-Bestenliste.

Ein Beispiel für die sterilen, aber detailreichen Innenbereiche.
Ein Beispiel für die sterilen, aber detailreichen Innenbereiche.

Mit etwa achtzehn Stunden Spielzeit – wenn ihr wirklich jede Nebenmission, jedes Minispiel erledigt und alle Erfolge/Trophäen ergattert (und etwas bummelt, so wie ich) – wird ein ordentlicher Umfang für einen Ego-Shooter geboten. Natürlich reduziert sich diese Zeit rapide, wenn ihr nur die Hauptquest macht und etwas auf die Tube drückt.

Was wir mochten:

RPG, juchhee! – Endlich mal wieder ein Shooter, der sich ein wenig wie ein Rollenspiel anfühlt. Aufträge annehmen, optionale Missionen abschließen, ein riesiges Inventar verwalten, Gegenstände aufnehmen und haufenweise Dinge mit diesen zusammenbasteln. Freilich fehlt es an Tiefgang, vor allem bei den Gesprächen (Taste drücken, anhören was der andere zu sagen hat).

Schurkenfest – Die Mutanten reagieren wunderbar auf Beschuss, so muss das! Manchmal fliegen sie vielleicht einen Deut zu enthusiastisch durch die Gegend, aber das lässt sich verschmerzen. Wie kreativ die Gegner allerdings die Umgebung für ihre Attacken benutzen – als wären sie zunächst bei Tarzan in die Lehre gegangen und hätten dann einen Abschluss an der Parcours-Universität gemacht – ist eine wahre Augenweide. Dieses Verhalten sollten ab sofort zum Standard erklärt werden!

Verspielte Inneneinrichter – Kulisse hin oder her, vor allem die Innenbereiche wurden mit atemberaubenden Detailreichtum wunderschön in Szene gesetzt. Davon sollte sich BioWare mal eine gehörige Scheibe für Mass Effect 3 abschneiden.

Rage’s Most Wanted – Die großartigste Neuschöpfung im Waffensektor ist ohne Zweifel der Wingstick. Effektiv gegen so gut wie jeden Feind, fliegt das tödliche Boomerang-Geschoss mit Zielsuchsystem, wie ein schnell rotierender Todesengel durch die Luft. Manchmal kommt er nach getaner Arbeit sogar heil zum Spieler zurück, der sich dann diebisch darüber freut. Der Wingstick macht einfach tierisch Spaß!

id Tech 5 Win – Die neue Engine ist in der Lage, fantastische Aussenareale darzustellen. Dazu kommt, dass die Bildwiederholungsrate von 60hz wie in Stein gemeiselt ist. Egal was auf dem Bildschirm passiert, niemals ist auch nur der Hauch eines Rucklers auszumachen.

Im Örtchen Wellspring steppt der Bär.
Im Örtchen Wellspring steppt der Bär.

Nicht gefallen hat uns:

id Tech 5 Fail Rage sieht ohne Zweifel großartig aus, so lange man eine gewisse Distanz wahrt. Bei näherer Betrachtung werden die Texturen allerdings arg schwammig, Bilder an der Wand, Schalter, Computerbildschirme oder Warnschilder offenbaren nicht mehr als einen unansehnlichen Pixelbrei. Klar, niemand läuft ständig mit einem Meter Abstand in Richtung Wand schauend, aber im Vergleich zur restlichen Pracht, fällt dieses Manko dann aber umso stärker ins Auge.

Und während die Gegner und Autos mit Physik versehen wurden, gingen die Objekte komplett leer aus. Keine Vase darf zerschossen, keine Computer zertrümmert werden. Es gibt genau eine Sorte Kiste, die zerstörbar ist und sehr spärlich auftaucht. Auch die Art und Weise wie Einschusslöcher dargestellt werden, ist ein schlechter Witz. Hallo id, das ist nicht 1993, wir befinden uns im Jahr 2011, verdammt noch mal!

Repetition – 22GB versprechen ein großes Betätigungsfeld. Doch leider Fehlanzeige! Ihr fahrt kreuz und quer durch das immer gleiche, nicht gerade ausufernde Ödland, und müsst sogar jede Shooter-Passage zwei Mal durchlaufen: einmal von Anfang bis Ende und einmal in umgekehrter Richtung. Ist das jetzt Faulheit der Designer oder sind technische Limitationen daran schuld?

Endgame für’n Arsch – Da liest man die Comics um sich einzustimmen und wird stundenlang, ganz langsam, auf die neue Weltordnung vorbereitet. Dann folgen weitere Stunden, in denen von dieser großartigen, übermächtigen Regierung die Rede ist und wie wir eine Revolution anzetteln sollen. Dann geht auf einmal alles ganz schnell: der Spieler erhält die letzte Waffe und die finale Mission steht vor der Tür. Die ist verdammt schnell vorbei, unglaublich schwach designt und das Ende, also der Abspann, hätte man sich absolut sparen können. Nichts wird aufgelöst, rein gar nichts ist zu sehen. Diese maßlose Enttäuschung hat einen ganzen Punkt Abzug zur Folge.

id Software war noch nie dafür bekannt, großartige Geschichten zu erzählen oder filmreife Zwischensequenzen abzuliefern. So gibt es auch im ganzen Spiel keine einzige Cutscene. Aber gerade nach dem interessanten Auftakt, ist so ein Ausklang unverzeihlich.

Rage’s Most Useless – An sich eine gute Idee, ein ferngesteuertes Auto mit einem Bombensatz zu bestücken. Allerdings gibt es genau zwei Stellen im Spiel, an denen es vorgeschrieben ist, dieses einzusetzen. Danach versucht man zwar, es wieder zu benutzen, allerdings wird es dann innerhalb von Sekunden abgeschossen oder die Explosion, die leicht versetzt zündet, verpufft ohne zählbaren Erfolg.

Die Soldaten der Regierung sind bestens ausgerüstet.
Die Soldaten der Regierung sind bestens ausgerüstet.
Jörgs Meinung:
Seit das Setting bekannt war, war ich Feuer und Flamme für Rage. Auf dem Papier ist es auch das Spiel meiner Träume. Ich liebe es, Leichen (bzw. generell Dinge) zu untersuchen und so Verwertbares zu Tage zu fördern. Mit Autos durch die Überreste der Zivilisation zu fahren, ständigen Gefahren ausgesetzt. Geld zu verdienen mit Nebenmissionen und dieses in Verbesserungen zu stecken. Im Prinzip all das, was Rage zu bieten hat, sollte auch in meinem perfekten Egoshooter vorhanden sein.

Doch irgendwie schafft es das Spiel einfach nicht, über ein „ganz nett“ hinauszukommen. Der FPS in Rage ist solide, aber nicht mehr. Das Arsenal ist ansehnlich, aber eher klassisch. Die Fahrzeugschlachten sind anfangs überaus verwirrend, irgendwann dann sehr einfach, aber generell nicht wirklich großartig. Sie bereichern das Spiel leider nicht so sehr, wie ich es mir gewünscht hatte. Alle Ansätze sind ohne Ausnahme genau nach meinem Geschmack. In vielerleich Hinsicht hätte ich mir gewünscht, dass Borderlands sich so ähnlich anfühlt.

Doch dieser sterilen, furiosen Technikdemonstration, fehlt irgendwie die Seele.