Nov 092011
 

Früher dachte ich, die Sterne wären Leuchttürme.

Sie, die Leuchttürme, können sich zwar sehen. Aber aufgrund der Entfernung nicht miteinander sprechen. Nur mit ihren Lichtkegeln versuchen sie die astronomische Distanz zu überbrücken. Heraus kommt eine nur indirekte, unpersönliche Verständigung. Ein unüberwindbares Nichts, ein luftleerer Raum steht zwischen ihnen. Sie sind allein. Kennen es aber nicht anders. Sind Menschen auch nur solche Leuchttürme, die sich vergeblich aus großer Entfernung darum bemühen, dem Gegenüber etwas verständlich zu machen? Manche Menschen dagegen sind so weit entfernt, auf einem anderen Planeten stehend, dass sie die anderen Lichtscheinwerfer nur als stechnadelgroßen Punkt wahrnehmen und deshalb viel weniger mitbekommen.

To The Moon spielt in einer Szene auf diese wunderschöne, sprachlich von mir nur schlecht in Szene gesetzte Metaphorik an. Das Spiel erzählt eine Geschichte. Über zwei Menschen. Eine Beziehung. Eine Krankheit, die wie ein Keil dazwischen getrieben wird. Es handelt sich um eine sehr erwachsene, sehr komplexe, psychologisch tiefgründige Geschichte. Auch nach dem Abspann müssen wir den Menschen gedenken, und versuchen, ihren Handlungsantrieb zu verstehen.

Wenn ich an meiner Durchschnittlichkeit leide, deswegen Minderwertigkeitskomplexe habe und andere, talentiertere Menschen beneide, suche ich dann die Nähe zu einer Frau, die anders ist? Und welchen Preis hat die Andersartigkeit? Ist eine Beziehung für einen Menschen therapeutisch? Gilt das nur für egozentrische, selbstsüchtige Personen? Oder suchen wir in unserem Partner nur das fehlende Mosaiksteinchen, das uns dazu befähigt, der zu sein, der wir immer sein wollten? Oder verlieren wir dadurch erst recht unser Ziel aus den Augen? Verleugnen unsere Identität, weil wir sie an eine andere binden?

Viel mehr Fragen gehen euch nach dem Spielen von To The Moon durch den Kopf. Und es sagt schon einiges über die Klasse und Qualität eines Spiels aus, wenn unsere Endgedanken nicht von einem Punkt oder einen Ausrufezeichen, sondern von vielen Fragezeichen geziert werden.

Es muss immer einen Handlungsauslöser geben. Bei To The Moon könnte es eine Krankheit sein. Autismus.

Ist es schlimm, nicht normal zu sein?

Wer hat es besser?

River, die sich in ihre Eigenwelt zurückzieht, ihre Eigenheiten auslebt und nicht darauf achtet, wie die „normale“ Welt tickt? Die allein in der Cafeteria sitzt, begleitet von ihrem Stoffhasen?

Christina, die schauspielert, sich in eine Rolle zwängt, der es ihr erlaubt, als normaler Bürger in der normalen Welt aufzutreten. Mit vollem Einverständnis zahlt sie den Preis, nie sie selbst sein zu können beim Umgang mit anderen Menschen.

Wer hat es besser?

Ich meine, wann greift ein Videospiel schon eine Krankheit auf und verpackt sie in eine berührende, herzergreifende Geschichte? Bei Filmen denke ich spontan zum Beispiel an Rain Man mit Dustin Hoffman als Autist. Oder an A Beautfil Mind, das ein zwischen Realität und Wahnsinn changierendes Mathegenie zeigt. Manchmal aber zu hollywoodtypisch stilisiert und romantisiert. To The Moon macht es für mich noch besser. Weil subtiler und weniger aufdringlich. Im Vordergrund stehen die Personen. Nicht die Krankheit und die daraus resultierenden außeralltäglichen Handlungsmomente, die nur dazu da sind, den Plot ins Tragische aufzubauschen.

Einmal Mann auf dem Mond sein…

Ich habe mich im ersten Akt vage gehalten. Denn im Vordergrund steht das Spielerlebnis. Und das entlädt sich in Gedanken, Fragen und persönlichen Überlegungen.

To The Moon wurde mit dem RPG Maker erschaffen und erzählt eine Geschichte, in der Wissenschaftler in die Köpfe Sterbenskranker reisen, um ihnen letzte, tief gehegte Wünsche zu erfüllen. Im Spiel liegt ein greiser Mann im Sterben und wünscht es sich, in seinen letzten Atemzügen auf den Mond zu reisen. Wir, in Gestalt zweier, sich wiederholt neckenden Wissenschaftlern, dürfen in den Erinnerungen des Patienten graben und ihm diesen sehnlichen Wunsch erfüllen. Zugleich erfahren wir die bewegte Lebensgeschichte des ergrauten Sterblichen. Wir lernen in seinen Erinnerungen die Liebe seines Lebens kennen. Sie heiraten. Bauen ein Haus. Er tut alles für sie. Oder macht er alles nur für sich. Die Frage müsst ihr selber beantworten.

To The Moon spielt sich wie ein klickfreudiges Adventure, das sich aber auch per Tastenbefehl handhaben lässt. Das Spiel erzählt vorrangig eine Geschichte. Als Spieler müssen wir sie nur vorantreiben. Aber das ist auch gut so. Denn sie ist dermaßen spannend, manchmal atemnehmend, dass wir uns von interaktiven Spielereien manchmal genervt fühlen (besonders am Ende des rund vierstündigen Abenteuers). Trotzdem funktioniert To The Moon erstaunlich gut. Und nur in dieser Form. Spiele können auf Interaktion pfeifen und eine Geschichte erzählen. So lange wir uns “unterhalten” fühlen, brauchen wir uns keine überflüssigen medientheoretischen Debatten zu liefern. Ist es nicht etwas Schönes, dass Videospiele so vielfältig sein können? Es gibt unzählige Varianten davon. Keine ist falsch. Keine ist richtig. So viele unterschiedliche Spiele machen ungefähr so viel Spaß. Warum den einen Weg als Königsweg darstellen? Doch zurück zu To The Moon.

Dort überstrahlt die Geschichte das zugegeben schale Spielgerüst. Rätsel müssen nicht gelöst werden. Nur wenig sinnfördernde Bilderrätsel. Viel Interaktion gibt es auch nicht. Nur bestimmte Objekte sind wichtig. Der Rest ist Kulisse. Halb so wild.

Denn neben der Geschichte überzeugen vor allem auch die menschelnden, mehr als nur eine Außenfassade habenden Charaktere. River, die mit ihren tastenden, um Verankerung in dieser schiefen Welt buhlenden Augen unsicher nach rechts und links irrlichtert, ist die zentrale, und auch interessanteste Gestalt im ganzen Spiel. Die vom Spieler gesteuerten Wissenschaftler sind Chaoten, teils verschroben und haben selbst nicht alle Tassen im Schrank.

Und dem Spiel gelingt ein wunderbarer Spagat. Trotz der traurigen Geschichte schafft es To The Moon uns immer wieder zum Lachen zu bringen. Skurrile Einfälle und halbtrotteliger Humor machen diese Indie-Produktion noch vollwertiger. Kein schräger Witz zerstört die Atmosphäre. Alles wirkt homogen.

Und ganz großartig ist die Musik. Sie bringt uns zum Nachdenken, zum Grübeln, manchmal auch zum Gruseln. Vor allem kann sie die Stimmung auf die Spitze treiben. Dann wird es unheimlich, weil wir nicht wissen, was als nächstes passiert, aber das schlimmste ahnen.

To The Moon könnt ihr über die offizielle Website von Freebird Games für rund 11€ kaufen.

Und hier gibt es den Soundtrack zum Spiel!

  2 Antworten zu “Große Gefühle ohne Pathos: To The Moon”

  1. Klingt wirklich großartig! Ich hole es mir sobald es auf DVD rauskommt! :p
    Nur Spaß, das Visual Novel Genre hat sich bisher nicht sonderlich auf Indie Produktionen (im Westen) erstreckt, da ist es also immer wieder, auch für einen Nicht-Fan wie mich interessant zu sehen, was die Entwickler so hervorbringen.

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